Nationale Identität im Fussball Internationale Länderspiele im Fussball und ihr Bezug zum Nationalismus

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Gesellschaft

Dieser Text befasst sich mit dem Thema Fussball und Nationalismus. Das Spiel mit dem Ball ist global zu einer der populärsten Sportarten überhaupt geworden. Sie wird sowohl in der Freizeit wie auch professionell millionenfach praktiziert.

Internationale Länderspiele im Fussball und ihr Bezug zum Nationalismus
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Foto: anonym

Datum 25. Juni 2024
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Der bekannteste internationale Fussballwettkampf ist die Weltmeisterschaft, welche alle vier Jahre stattfindet, organisiert durch den Verein FIFA. Jedes Mal wird sie in einem anderen Land ausgeführt, alternierend in Kontinenten und auch Jahreszeiten. Zum ersten Mal ist sie 1930 in Uruguay zustande gekommen. Damals waren es nur 13 Teams, welche gegeneinander rivalisiert haben und dies vor deutlich weniger Publikum, als wir es mittlerweile kennen.

Heute, bei diesem gigantischen Fussballturnier, bekommen 32 Teams die Chance, ihr Land auf dem Spielfeld zu vertreten. Zuvor finden Qualifikationen statt, an denen die Mehrheit aller Länder teilnehmen kann. Diese beginnen bereits zwei Jahre vor dem Turnier und dauern bis ins Jahr der eigentlichen WM an. Der Höhepunkt des Contests ist das Finale, welches immer sonntags zu einer Mitteleuropäischen Zeit stattfindet. Es zog 2018 insgesamt 1.12 Milliarden Zuschauende in ihren Bann.

Die Europameisterschaft, welche nach dem gleichen Prinzip wie die WM aufgebaut ist, erzielte 2021 einen neuen Rekord mit 17.9 Millionen Fanatikern. Die Zuschauerzahlen bei beiden Turnieren steigen kontinuierlich an. Sie werden weltweit auf unzählig vielen Fernsehkanälen ausgestrahlt, im Internet gestreamt und erreichen dadurch ein enormes Publikum. Weltweit populär sind auch Public Viewings, welche es ermöglichen, gratis und an der frischen Luft mit anderen Fussballbegeisterten die Wettkämpfe zu schauen und die Emotionen zu teilen.

Die WM ist zu einem Teil der Gesellschaft geworden und es ist inzwischen so weit, dass es fast ein Zwang ist, sich die Spiele anzusehen oder wenigstens darüber auf dem neusten Stand zu sein, um bei Alltagsgesprächen mitreden zu können. Tickets für die anstehende WM in Katar 2022 waren früh ausverkauft, obwohl es unzählige Aufrufe gab, die Weltmeisterschaft aus diversen moralischen Gründen zu boykottieren. Der Fussball hat es mittlerweile auf Platz eins der weltweiten Zuschauerherzen geschafft und dies wird sich in nächster Zeit auch nicht ändern.

Patriotismus

Der Ursprung des Wortes kommt aus dem Lateinischen 'patriota' und bedeutet so viel wie 'Landsmann'. Wobei dies noch von dem griechischen 'patria' hergeleitet wird und als 'väterliche Abstammung' definiert wird. Heutzutage wird es als eine Mentalität bezeichnet, welche auf dem Stolz des Heimatlandes oder eines anderen Landes basiert. Verbundenheit und Zuneigung werden mit der Nation positiv assoziiert. Die patriotische Haltung ist eine harmlose Art, seine Nation zu lieben und durchaus verbreitet.

Gemäss Duden wird Patriotismus als: «Liebe zum Vaterland; vaterländische Gesinnung» beschrieben. Positive Aspekte der Nation werden betont und hervorgehoben aber stets mit Toleranz gegenüber anderen Staaten behandelt. Ethnische Hintergründe der Bewohner besitzen keine Relevanz, denn der Patriotismus beginnt an der Landesgrenze und inkludiert jedes Individuum, welches sich innerhalb dieses genau definierten Gebietes aufhält.

Mussotter zitiert: «Patriotismus basiert – im Gegensatz zu Nationalismus – daher nicht auf der Abgrenzung zu anderen Nationen und Völkern und birgt damit kaum Aggressionspotenzial.» Flaggen zu hissen oder Objekte in den Farben der Nation zu kaufen, gehört zum Patriotismus und ist keineswegs gefährlich. Obwohl mit Flaggen eine Abgrenzung zu anderen Staaten stattfindet, bedeutet dies nicht eine Intoleranz oder Ablehnung diesen gegenüber. Die stolze Zugehörigkeit wird an bestimmten Tagen oder Festlichkeiten gern hervorgehoben, wie dies am Nationalfeiertag der Fall ist. Stolz wird das eigene Land präsentiert und gefeiert.

Partypatriotismus

Es ist eine Untergruppe des herkömmlichen Patriotismus und unterscheidet sich mit einem begrenzten Zeitraum, welcher im Partypatriotismus vorhanden ist. Er findet überwiegend im Zeitraum der internationalen Sportveranstaltungen statt und ist während den Weltmeisterschaften im Fussball oder den Olympiaden am ausgeprägtesten und sichtbarsten.

Partypatriotismus lebt von der Zurschaustellung der Farben und Flaggen der Nation und ihren euphorischen Mitgliedern. In den Medien und von der Gesellschaft wird er meist verharmlost und im Übrigen noch gefördert mit konstanten täglichen Schlagzeilen und dem Angebot des Public Viewing und Strassen Dekorationen. Der legale Kauf von Feuerwerkkörpern in dieser Zeit, welcher eigentlich nur an Silvester und am Nationalfeiertag gilt, zeigt die Befürwortung und Unterstützung des Schweizer Staates gegenüber dem Partypatriotismus.

An solchen Veranstaltungen oder in begrenzten Zeitspannen wird auf Kosten des Nationalstolzes konsumiert und euphorisch mitgefeiert. Viele sehen es als Spass, wenn sie im Supermarkt massenweise Materialien und Essen kaufen, welche in rot-schwarz-gold (im Falle von Deutschland) daher kommen. Es ist ein Akt der Zugehörigkeit während der kurzen Periode, welcher ausgenützt und ausgelebt wird.

Nationalismus

Nationalismus ist ein Phänomen, welches erst im 18 Jahrhundert mit der französischen Revolution in Erscheinung trat. Wie der Name besagt, solidarisieren sich die Bürger mit ihrer Nation und Gleichgesinnten. Im Duden wird es als ein «übersteigertes Nationalbewusstsein» geschildert, welches durchaus gefährlich und radikal ausgeübt werden kann. Sichtbar wurde dies im zweiten Weltkrieg in Nazideutschland, wobei damals erstmalig Nationalismus mit ethnischem Hintergrund in Verbindung gesetzt wurde und der Faktor der Landeszugehörigkeit nicht mehr ausreichte.

Wie erwähnt, ist das Problem bei diesem Gedankengut die radikale und demokratiefeindliche Umsetzung, welche auf Ausschliessung und Rassismus beruht. Ein Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Kulturen und Völker ist existent. Im Nationalismus wird auf den negativen Aspekt der anderen Kulturen/Länder gesetzt, während der Patriotismus sich des Positiven im eigenen Land bewusst wird. Die Befürworter des Nationalismus wollen einen Souverän, welcher das eigene Land stärkt und rücksichtslos gegenüber anderen Staaten ist.

Der Soziologe Lemberg charakterisierte den Nationalismus als eine «Bindekraft (…), welche nationale oder quasinationale Grossgruppen integriert» . Die Individuen identifizieren sich mit der Nation und machen sie zu einem Teil ihrer Persönlichkeit. Durch diesen Faktor können die Unterstützer dieser Ideologie aggressiver und egozentrischer handeln, da die persönliche Identifikation und Emotionen involviert sind. Stolz prägt den Nationalismus und ihr Gedankengut. Die Gründe für diesen Nationalstolz können unterschiedlich sein, doch oft sind es historische Hintergründe. Leistungen, welche vom Staat vollbracht wurden oder Heldengeschichten und Mythen, welche den Zusammenhalt der Nation stärken wollen. Denselben Effekt besitzen nationale Symbole, welche als «Anker und Repräsentant für Zugehörigkeitsgefühle» genützt werden.

Nation

Die Nation selbst ist nach dem Politikwissenschaftler Anderson eine «vorgestellte politische Gemeinschaft». Die Mitglieder in der Nation kennen sich nicht persönlich und doch besitzen sie eine Verbundenheit, welche auf Vergangenheit und Geschichte beruht. Die nationale Identität wird künstlich hergestellt durch Staaten und nicht andersrum. An diesem Ansatz ergänzen sich die zwei Theorien der vorgestellten Gemeinschaft und der fiktiven Nation.

Die Individuen im Staat suchen nach Gemeinsamkeiten, welche sie vereinen könnten. Hierbei wird oft auf historische Persönlichkeiten zurückgegriffen, welche für ihren Staat eine wichtige Funktion besassen. Ein gutes Beispiel ist in der Schweiz der Mythos des Wilhelm Tell. Er vereint die Bevölkerung des Schweizer Staats durch seine Heldengeschichte. Obwohl man die Miteidgenossen nicht kennt, fühlt man sich verbunden durch dieselbe Geschichte und Vergangenheit.

Per Zufall wird man als Individuum in eine Nation hineingeboren, doch macht dieser Fakt keinen Unterschied. Zu welcher Nation man dazugehören möchte, kann nicht entschieden werden. Man ist automatisch Teil einer Gemeinschaft. Ob man diese zu seiner eigenen Identität machen möchte oder nicht, wird jedem selbst überlassen. Die nationale Identität beruht auf Fiktion, welche aber durchaus im Alltag gelebt werden kann. Sie ist ein Konstrukt welche durch Landesgrenzen aufgebaut wurde und immer willkürlich entsteht.

Kollektive Emotionen

Kollektive Emotionen werden von Menschengruppen erlebt, welche einerseits Gemeinsamkeiten besitzen oder erschaffen und somit ein Zusammengehörigkeitsgefühl verspüren.

Ismer unterscheidet zwischen zwei verschiedenen kollektiven Emotionen. Die eine kann allein zuhause erlebt werden. Sie verbindet die Gruppen durch Situationen, welche synchron stattfinden, wodurch Gemeinsamkeiten geschaffen werden. Treffen im Nachhinein die einzelnen Personen aufeinander, findet eine Bindung zwischen ihnen statt, denn alle haben das gleiche erlebt und zur gleichen Zeit.

Das andere Auftreten dieses Zusammenhalts, ist die gängigere und durchaus bekanntere: Individuen erleben zusammen ein Ereignis. Im Fussball kann dies im Stadion, beim Public Viewing oder zusammen mit Freunden auf dem Sofa stattfinden. Die Gefühle werden geteilt beim Miterleben. Die Stimmung lädt sich gemeinsam auf und Emotionen wie Ärger, Freude oder Euphorie werden geteilt und somit verstärkt.

Ismer spricht hierbei das Problem an, dass gemeinsam erlebte Situationen und deren folgenden Emotionen es den Individuen schwer machen «sich zu entziehen- unberührt zu bleiben». Der eigene Wille ist nicht mehr so stark ausgeprägt, wie er in einem Normalzustand ist. Durch die Emotionen anderer wird das Individuum mitgerissen und hat selbst keine Beherrschung mehr.

Nationale Identität im Fussball

Nationale Identität ist ein konkreter Unterbegriff der kollektiven Identität und hängt stark mit dem nationalistischen Gedankengut zusammen. Ihre Mechanismen beruhen auf den Gemeinsamkeiten der Zugehörigen und heben die Differenzen zu anderen hervor. Eine grosse Rolle spielt dabei das Wort «wir» und wer Teil dieser Nation ist. Fussball spielt in der Identitätspolitik eine grosse Rolle, wie auch Schily bereits sagt: «Kein anderer Bereich trägt in Deutschland mehr zur schichtenübergreifenden (Erlebnis-, Erzähl- oder Solidaritäts-) Gemeinschaft und zur nationalen Identitätsstiftung bei als der Fussball.»

Die Fussballweltmeisterschaft im Jahre 2006, welche in Deutschland ausgetragen wurde, veränderte vollständig das Gedankengut der Deutschen und ihr Verhältnis zu nationalen Gefühlen. Wegen der Vergangenheit mit Nazideutschland war es stets ein verkrampftes und totgeschwiegenes Thema und niemand wusste recht, wie viel Nationalstolz man haben oder zeigen könne. Ismer äussert sich zu dieser Thematik folgend: «Es schien im Laufe des Turniers, als wären viele Tabus (…) urplötzlich über Bord geworfen worden, um einem «neuen deutschen Patriotismus» Platz zu machen.»

Eine Nationalmannschaft repräsentiert das eigene Land und ist die Verkörperung der kollektiven Identität. Die Individuen werden durch kollektive Emotionen zu einer Nation verbunden. Die Frage der Zugehörigkeit wird allerdings jedes Jahr neu aufgegriffen und heftig debattiert. Viele Spieler der Nationalmannschaft (in der Schweiz und Deutschland) besitzen einen Migrationshintergrund, welchen sie nicht zu verbergen versuchen. Viele rechtsdenkende Zuschauer haben Probleme bei Mannschaften mit einem grossen Migrations- Anteil, da sie sich nicht oder zu wenig mit ihnen identifizieren können.

Obwohl die Nation eine «vorgestellte Gemeinschaft» ist und somit alle Bewohner des Staates Angehörige sein sollten, wird im Fussball die Exklusion deutlich. Als 2018 Shaqiri und Xhaka (Spieler der Schweizer Nationalmannschaft mit Wurzeln im Kosovo) nach einem Sieg gegen Serbien die Gestik des politisch aufgeladenen Doppeladlers andeuteten, führte dies zu einer enormen Diskussion über Doppelbürger und ihre Rechte. Plötzlich wurden sie in den Medien nicht mehr als Schweizer, sondern als Kosovaren betitelt. Die Bevölkerung distanzierte sich von ihrer eigenen Nationalmannschaft mit den Argumenten, die Täter seien keine echten Schweizer. Erzielen sie jedoch einen Erfolg für die Nation und machen diese stolz, ist wieder von «unserem Team» und «den Schweizern» die Rede.

Nie ist die Debatte der Nation grösser als in der WM-/EM-Zeit. In einer Strassenumfrage im Jahre 2010 in Deutschland, wurde die Akzeptanz der Nationalspieler mit Migrationshintergrund hinterfragt. Die Resultate waren überwiegend positiv für Spieler, welche den deutschen Pass besitzen und da aufgewachsen sind. Dies bestätigt eine weitere Studie, welche sich mit der Diversität im Fussball auseinandersetzte. In den Umfragen wurde deutlich, dass je länger die Spielsaison lief, desto toleranter wurde die Bevölkerung gegenüber Spielern mit Migrationshintergrund und das rassistische Gedankengut sank.

Das zeigt, dass die Fremdenfeindlichkeit im eigenen Staat durch den Fussball zurückgeht und die Sportart kurze positive Auswirkungen besitzt. Und dennoch gilt immer noch die Aussage: «Sportliche Akzeptanz bedeutet nicht gesellschaftliche Akzeptanz, geschweige denn Inklusion.» Damit wird klar, dass zwar der Fremdenhass im eigenen Land abnimmt, aber dies nur auf einer Fussballebene und noch keinesfalls auf der gesellschaftlichen. So können wir nicht davon sprechen, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund des Fussballs besser integrieren und tolerieren. Während des Sportevents verbündet man sich solidarisch gegen andere Staaten aber nur für kurze Zeit findet eine umfassende Solidarität im Land statt.

Fussball verbindet?

Die WM hat sich zum Ziel gesetzt, Länder und Völker zu vereinigen, doch bei genauerem Betrachten wird schnell klar, dass es zur selben Zeit ausgrenzend sein kann.

Viele der Schaulustigen behaupten oft, dass es «nur um Fussball» geht, nur Sport ist und dies nicht mit der Politik oder Gesellschaft in Zusammenhang treten darf. Doch Fussball ist einer der wichtigsten Faktoren auf der gesellschaftlichen Ebene und gilt als ein «sozialer Klebstoff, der für den Bestand der Gesellschaft unerlässlich ist». Die Sportart wird von den Fans verharmlost mit der Aussage, dass es letzten Endes nur 11 Männer seien welche auf einem Fussballfeld um den Sieg kämpfen. Jedoch sind es genau diese Fans und Fanatiker, welche den Männern auf dem Spielfeld ihre Wichtigkeit geben.

Die Mannschaften und deren Spieler verkörpern und repräsentieren ihre eigene Nation. Hervorgehoben wird dies mit der Hymne, Flagge und den Farben der Trikots. Doch nicht nur die Mannschaft zeigt sich stolz in den Farben der Nation, zugleich wird auch in der Fankultur mit grossem Ehrgefühl nach aussen getragen, welche Mannschaft man anfeuert. Der Fussball wird als Quelle für den eigenen Nationalstolz gebraucht.

Die Zugehörigkeit als Fan wird stets stolz betont mit Farben am Körper und Flaggen. In den Supermärkten sind viele Artikel mit den Nationalfarben bedruckt und es ist nicht selten, dass man ganze Stände mit Fanartikel findet. Die Medien debattieren breit und reisserisch über den Erfolg oder die Fehler der eigenen Mannschaft und betonen die Solidarität der Nation. Es wird von einer «historischen Blamage» gesprochen, wenn die Spieler hoch oder gegen vermeintlich unterklassige Mannschaften verlieren. Bei einem knappen Erfolg, welcher mit viel Glück zustande kam, wird von einem verdienten Sieg gesprochen. Die Turniere und ihre Handlungen werden bis ins Kleinste ausgeschlachtet. Sich dem ganzen Wahn zu entziehen, wird einem schwer gemacht, da der Sportevent mittlerweile ein Teil des Alltags ist.

Public Viewing oder Stadion – das gleiche Phänomen

In den allermeisten Ländern Europas findet man alle zwei Jahre in den Zeiten der WM und EM auf den Strassen, in den Bars oder Pubs grosse Leinwände, welche für das Public Viewing gedacht sind. Interessierte und Fanatiker treffen aufeinander, um gemeinsam die Länderspiele zu schauen und zu feiern.

Bei einer Umfrage wurde im Jahre 2006 in Deutschland während der WM an einem Public Viewing eine Umfrage getätigt, um herauszufinden, weshalb die Zuschauer sich dort so zahlreich einfinden. Die Party-Stimmung ist durchaus der grösste Faktor , dies bestätigt auch Koller im Interview, welcher die Popularität des Zusammenkommens der Atmosphäre zuspricht. Ähnliche Faktoren sind auch im Stadion zu finden, wobei dort aber noch das hautnahe Erleben der Spieler eine grosse Rolle spielt. Obwohl es sich in der Fangemeinschaft grösstenteils um Männer handelt, welche im Publikum sitzen und es klischeemässig immer noch heisst, dass Männer keine Emotionen zeigen dürfen, wird im Sport (besonders im Fussball) deutlich, dass dort eine Ausnahme gilt.

Wer als Zuschauer keine Gefühle zeigt, versteht das Prinzip der Sportart nicht. Die Erwartung im Publikum ist, dass während dem Spiel alle mitfiebern, grölen und schreien. Jeder ist Teil von Ritualen und Traditionen und diese stärken sie immer aufs Neue. Die Hymne bereits zu Beginn mitzusingen, feuert das patriotische Zusammengehörigkeitsgefühl an und ist eines der wichtigsten Rituale im Sport. Kollektive Emotionen spielen hierbei eine umfassend wichtige Funktion im Fussball. Die Sportart und ihre Beliebtheit bauen auf den Fans und ihrem Engagement auf.

Durkheim hat bereits im Jahre 1981 die These errichtet, dass sich Emotionen hochspielen und zugleich entladen, wenn Personen mit Gemeinsamkeiten aufeinandertreffen. Er erklärt die Begegnung der Individuen als ein «entladen der Elektrizität, die sich rasch in einen Zustand ausserordentlicher Erregung versetzt (…). Und da diese starken und entfesselten Leidenschaften nach aussen drängen, regen sich allenthalben heftige Gesten, Schreie, wahrhaftiges Heulen, ohrenbetäubendes Lärmen jeder Art, was wieder dazu beiträgt den Zustand zu verstärken, den sie ausdrücken.»

Er besagt, dass Gefühle auf andere Personen in der Umgebung übergehen, sowie sich auch anpassen und verstärken. Begeht in einem Fussballspiel zum Beispiel die Gegenmannschaft ein Foul, erfasst die Menge eine gewaltige Wut, gerichtet an den Spieler oder sogar die andere Mannschaft. Als Individuum wird man von den Gefühlen überwältigt und mitgezogen. Es beginnt mit Beleidigungen von der Opferseite aus und kann durchaus gefährlich enden, wenn zwei verschiedene Gruppen und deren Mitglieder aufeinanderstossen und beide mit Emotionen aufgeladen sind. Dieses Beispiel kann sowohl am Austragungsort, dem Stadion, oder an einem Public Viewing mit genügend Zuschauern stattfinden. Häufig kommt es deshalb trotz der Partystimmung auch öfters zu Gewalt.

Gewalt im Fussball

Es geschieht nicht selten, dass es nach einem Länderspiel zu Eskalationen zwischen Fangruppen, welche sich verschiedenen Nationen verpflichtet fühlen, kommt. Rassistische Beleidigungen, Vandalismus oder Massenschlägereien sind Folgen einiger Matches. Eine Niederlage der eigenen Mannschaft in einem Länderspiel kann dem Individuum ein Minderwertigkeitsgefühl vermitteln und Aggressionen hervorrufen.

Der Duden beschreibt den Begriff Hooligans als «(jüngere männliche) Person, die bei Massenveranstaltungen wie Fussballspielen oder Demonstrationen zu aggressiver, gewalttätiger Randale neigt». Sie sind die aggressivsten und auch rassistischsten Zuschauer, welche der Fussball mit sich bringt. Sie sympathisieren oft mit rechtsradikalen Gruppierungen, wobei in Spielen oft antisemitische, homophobe und rassistische Sprüche fallen. Dabei werden sie fälschlicherweise mit Fussballfans verglichen, wobei viele Hooligans den Sport nur als Plattform für die Kanalisation ihrer Feindseligkeit und Hass ausnützen.

Ich will allerdings nicht auf die Hooliganszene eingehen, da sie auch in anderen Sportarten randalieren und ihre Gründe für das radikale Verhalten nicht viel mit der eigentlichen Sportart und dem Spiel zu tun hat und somit nicht repräsentativ sind. Dies bestätigt auch mein Interviewpartner Herr Koller, welcher sagt, dass es viele aus der Hooliganszene gibt, welche «nicht politische orientiert sind und sich aus Prinzip mit den Polizisten gewalttätig auseinandersetzten wollen.»

Die WM in Brasilien im Jahre 2014 zeigt, dass es zu Gewaltakten kommen kann, welche nicht nur von Hooligans ausgeübt werden. Die deutsche Nationalmannschaft kämpfte sich damals bis zum Finale durch und in den Statistiken wird deutlich, dass je näher sie zum Endspiel kamen, desto mehr Gewalttaten von ihren Fans begangen wurden. Das nervöse Mitfiebern der Fans vor und während dem Spiel führt zu übersteigerten Emotionen, welche sie nach aussen tragen, um sie zu verbildlichen.

Häufig geschieht dies in Form von Vandalismus oder physischer Gewalt an anderen Fankulturen. Diese werden aber fast ausschliesslich von Hooligans ausgeübt, welche sich von dem Spiel zu sehr mitreissen liessen. Verletzte Personen und blutende Wunden sind Folgen solcher Eskalationen. Oft ist es der Fall, dass zwei verschiedene Hooligan Gruppen aufeinandertreffen und dies zu einer grossen Eskalation führen kann. Die Stimmung ist aufgeheizt nach einem kämpferischen Spiel und die jeweiligen Horden lassen ihren Gefühlen physisch freien Lauf.

Aber offenbar hat diese Aufgeladenheit noch ganz andere Gesichter. Während der EM 2021 zeigte eine Studie, dass die häusliche Gewalt in England in der Zeitperiode, als die englische Mannschaft ein Spiel hatte, um 8,5 Prozent zunahm. Dies ist kein Einzelfall, denn bereits im Jahre 2010 stellte man fest, dass die Vorfälle der häuslichen Gewalttaten gegenüber Frauen während der Fussballsaison stiegen. Ob dies nun Hooligans, alkoholisierte Zuschauer oder Fanatiker waren, welche diese Straftaten ausgeübt haben, ist unklar, jedoch ist es eine Verbildlichung wie stark der Fussball mit den Emotionen der Zuschauer spielen kann und diese auch im negativen Aspekt beeinflusst.

Bei den «echten» Fussballfans findet man eher verbale als körperliche Gewalt. Diese hört man während dem Match im Stadion oder liest sie später in den sozialen Netzwerken. Die Fans lassen ihren Frust an der eigenen oder an der rivalisierenden Nationalmannschaft aus. Bei der eigenen, wenn sie bei ihnen eine Schuld sehen für das Versagen oder bei der gegnerischen, wenn sie ihnen konkret etwas vorwerfen, weshalb ihr Nationalteam nicht gewann. Dies ist auch der auffällige Unterschied zu den Hooligans und Ultras, welche ihre Enttäuschung nur an anderen Fans abbauen.

Einer der neueren Skandale fand an den Europameisterschaften im Jahre 2021 statt, als England im Finale stand und im Elfmeterschiessen schlussendlich verlor. Nur zwei von den fünf Spielern gelang der Schuss ins Tor, was noch keine grosse Sache gewesen wäre. Jedoch waren die drei Spieler, welche verschossen haben, dunkelhäutig und wurden nun Zielscheibe übler rassistischer Beleidigungen. Besonders der Sportler Marcus Rashford musste darunter leiden, da sein Ball an den Pfosten knallte, während die anderen zwei Bälle vom Torwart gehalten wurden.

Doch nicht nur für die Spieler hatten die Niederlage und der Verlust des Titels enorme Folgen. Dunkelhäutige Bewohner in England litten an rassistischen Aussagen und Handlungen und ihnen wurde empfohlen nach dem Final zu ihrem Schutz zu Hause zu bleiben. Die Schuld an dem verlorenen Match wurde von vielen Zuschauern der Hautfarbe zugesprochen und nicht dem Glück oder Können, welches doch der Grund für das Gewinnen der anderen Mannschaft war. England ist nicht das einzige Land, welches solch rassistische Vorkommnisse hat. Auch an die Adresse der deutschen Nationalmannschaft kommt es immer wieder zu äusserst unangebrachten und fremdenfeindlichen Aussagen durch Zuschauer.

Solche Vorfälle geschehen hauptsächlich in Ländern, welche eine ethnisch gemischte Nationalmannschaft haben und somit für rechts denkende Zuschauer zur Zielscheibe werden. Was auch nicht selten geschieht, sind Hass und Angriffe gegenüber Schiedsrichtern. Dabei kommt es zu rassistischen und xenophoben Gefühlen, welchen im Nachhinein in den Sozialen Medien zum Ausdruck gebracht werden. Gehässige Kommentare, Nachrichten und Drohungen werden gepostet und das mit den neuesten Bildern auf Instagram oder Tweets auf Twitter.

Der Hass im Internet gegenüber Opferpersonen wird immer normalisierter und alltäglicher, da die Anonymität den Täter vor einer Konsequenz schützt. Die Gewalt im Fussball schwenkt immer mehr von der bekannten physischen zur verbalen ab und zeigt dort ihre dunklen Seiten des Hasses und Ausgrenzung. Der Tatort wurde vom Stadion in das Internet verlegt.

Partypatriotismus und Nationalismus – wo ist die Grenze

Der Politikwissenschaftler Clemens Heni meint: «Ohne 2006 wäre es nicht in diesem Ausmass zu Pegida gekommen». 2006 fand das bekannte Sommermärchen in Deutschland statt. Damals wurden die Weltmeisterschaften das erste Mal in Deutschland ausgeführt, und obwohl die Deutschen für ihre Verhältnisse nicht gerade gut gespielt haben, war die Euphorie im eigenen Lande noch nie so hoch wie zu diesem Zeitpunkt. Es war die Wende für das deutsche Volk und sie erschufen ein neues Verhältnis zur eigenen Nation.

Durch diese WM, konnten sie sich von der Nazizeit und der Bedeutung zur deutschen Flagge lösen und eine neue Wertschätzung aufbauen. Wie verkrampft das Verhältnis zum Land war, wird sichtbar, wenn man sieht, dass die deutsche Nationalmannschaft bis zum Jahre 1984 die Nationalhymne nur halbherzig oder gar nicht mitsang, es war zu beschämend für sie. Ein jahrelanges Aufarbeiten der Deutschen Geschichte führte 2006 zu diesem „Durchbruch“. Durch diesen abrupten Wandel, welcher im Land geschah, bekam die Saison im Jahre 2006 den Überbegriff Sommermärchen.

Eine ähnliche Aussage wie Heni macht auch der Nationalismusforscher Dario Bretin. Er sagt, dass ohne die Weltmeisterschaften im Jahre 2006 in Deutschland, die Afd niemals den Erfolg gehabt hätte, wie sie ihn zurzeit hat. Durch die Steigerung der Nationalen Identität, konnten Individuen dadurch vereint werden und fanden ihren Weg zu einem «unverkrampften» Patriotismus.

Die Entwicklung des lockeren und offenen Patriotismus sehen viele bis heute als einen positiven Effekt, jedoch wurde damit das Fahnenschwenken zu einer normalisierten Handlung und wird nun von Rechtsgruppierungen zelebriert. Die Menge lässt sich euphorisch mitziehen und im Falle eines Sieges werden alle möglichen Slogans gerufen, akzeptiert und gefördert. Das Ritual ist ein Teil des Spieles und somit berechtigt. Nationalflaggen werden nicht mehr eingezogen und hängen das ganze Jahr über als Dekoration.

Dies bedeutet bei weitem nicht, dass alle Fans Patrioten oder Nationalisten sind, jedoch akzeptieren sie die Präsenz der Flagge und unterstützen die Masse, welche dieses Gedankengut repräsentiert. Rechtspopulistische Organisationen werden automatisch mit den Nationalflaggen verbunden, da sie sich immer mit ihnen zeigen. Dies kann zu einem Problem werden, da die Farben und Flaggen infolgedessen «eine nationalistische Aufladung» bekommen und somit der Partypatriotismus unbewusst in Verbindung tritt mit dem nationalistischen Gedankengut.

«Deutschlandfahne und schwarz-rot-goldene Accessoires sind für Pegida wichtig, weil sie identitätsstiftend wirken» zitiert bereits in der Taz die Autorin Dagmara Schediwy. Jeder kennt die Bedeutung hinter den Farben und weiss, dass sie eine symbolische Repräsentation für die eigene Nation darstellen. Erst als die ersten Fussballfans die deutsche Nationalflagge schwangen, wurden die Farben von der Pegida Wochen später an ihren Demos benützt.

Die Normalisierung wird jedoch nicht nur von Parteien und Gruppierungen zu ihrem eigenen Vorteil genützt, sondern auch Reichsbürger sehen ihre Chance und stolzieren nach einem erfolgreichen Sieg der Nationalmannschaft selbstverständlich mit Reichsflaggen durch die Strassen. Die Erfolge des Teams werden ausgenützt von rechter Seite und als Schauplatz für ihre Propaganda und Ideologie genützt. Je populärer und normaler der Partypatriotismus angesehen wird, desto mehr wird die Form des Patriotismus in die rechte Ecke gedrückt.

Steigender Nationalstolz

Die öffentliche Zurschaustellung der Flaggen während der WM-Zeit gehört zu den bekanntesten und verharmlosten Fussballtraditionen. Die ständige Konfrontierung der Symbole führt zu einer 'Auffrischung' der nationalen Identität und dem «wir» Gefühl. Dazu kommt, dass mit Hilfe von Symbolen von den Angehörigen der Nation ein Zusammenhalt propagiert und gefordert wird. Die Bevölkerung wird an den historischen Hintergrund und Mentalität des Landes erinnert und somit wird dieser indirekt aufgefrischt. Durch die Konfrontation mit den Symbolen (in diesem Fall Flaggen und Farben der Nation), findet eine permanente Erinnerung an die eigene Pflicht statt.

Es ist die Pflicht hinter seiner Mannschaft und dem Land zu stehen, egal was komme. Die Erinnerung an seine Heimat ist konstant vor den Augen, der bereits vorhandene Patriotismus wird hervorgehoben und mit der Zeit auch verstärkt. Die Identifikation mit der Nationalmannschaft steigt so deutlich. Durch den Erfolg der eigenen Mannschaft entwickeln sich Heldengeschichten um den Sieg, ihrem positiven Ergebnis und den damit verbundenen Taten. Neue Gründe bilden sich um den Stolz zu rechtfertigen und zu stärken. Schlechte Taten der Nation rücken somit in den Hintergrund, was bei Deutschland gut sichtbar ist.

Nazideutschland, welches zwar bereits lange in der Vergangenheit liegt und doch noch in den Köpfen der Deutschen verankert ist, kann für kurze Augenblicke vergessen werden und neue Geschichte wird geschrieben. Alte Fehler der Vorfahren werden durch neue gute Taten ersetzt und der Nationalstolz kann sich mit neuen Dingen identifizieren.

2010 wurde in Deutschland eine Befragung durchgeführt bei Zuschauern an einem Public Viewing während einem Spiel der Deutschen, welches sie gewannen. Die Emotion, welche am Ausgeprägtesten vorzufinden war, war die Freude am Sieg, jedoch gefolgt vom Gefühl des Stolzes. Ein Drittel der Teilnehmer antwortete allerdings auch mit 'Gerechtigkeit, Genugtuung und Schadenfreude' also direkt mit nationalistischen und rassistischen Aussagen.

Eine andere Studie aus dem Jahre 2006 in Deutschland, welche während der WM-Zeit durchgeführt wurde, zeigt graphisch auf, wie stark sich der Nationalstolz während des Zeitraums ändert. Offensichtlich abzulesen ist der mehr als doppelte Anstieg der Befragten, welche auf ihre Nation stolz sind. Nach einem erfolgreichen Sieg im Viertelfinale erreichte der Stolz seinen Höhepunkt, welcher jedoch stark abflachte nach der Niederlage im Halbfinale gegen Italien.

Die Patriotischen Gefühle sinken rapide schnell nach den Spielen, wobei dies mit den Theorien der Symbole und kollektiven Emotionen erklärt werden kann. Es findet keine permanente Erinnerung an die eigene Nation statt und es gibt keine aktuellen Gründe, um auf das Land stolz zu sein. Keine kollektive Gesellschaft bildet sich, wie sie an den Public Viewings gut sichtbar sind. Der Ausnahmezustand in welche die Nation geraten ist und die Individuen in einen patriotischen Rausch versetzt hat, hört abrupt auf. Der Alltag kehrt zurück und der Fussballwahn rückt wieder in den Hintergrund.

Nationalstolz der Deutschen während der WM-Zeit

Wilhelm Heitmeyer hat in einer Langzeitstudie feststellen können, dass die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit im eigenen Land durch die WM ansteigt. Dies ist ein Merkmal des Nationalismus und keinesfalls des Patriotismus, da dieser auf Akzeptanz und Respekt beruht. Bereits im Jahre 2006 wurde ein Zusammenhang zwischen dem Fussball und der Förderung des nationalistischen Gedankenguts erstellt und bemerkt, dass es durchaus nicht nur den Patriotismus fördert. Eine andere Studie zeigte zugleich, dass der Partypatriotismus «zu einer Zunahme von antidemokratischen, rassistischen und menschenfeindlichen Einstellungen beitrug.»

Die Fakten zeigen, dass der Patriotismus, welcher so normalisiert ist an den Fussball Weltmeisterschaften, meist unterschätzt wird und das Verhältnis zur Nation mit dem Individuum ändert.

Nina