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Was das mit mir macht Wendezeiten

Gesellschaft

Es ist der 2. Advent 2021. Ich befinde mich in Quarantäne, Corona-Virus. Es war ja klar, dass das an mir nicht vorbei gehen würde und es macht etwas mit mir.

23. Dezember 2021
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Was das mit mir macht, darüber möchte ich euch gerne berichten. Gerade empfinde ich Dankbarkeit dafür, das zu erfahren. Ich bin erschöpft und erkältet. Ich gönne mir viel Schlaf. Ich liege viel. Ich grüble viel. Ich tue wenig. Manchmal lese ich zwei drei Seiten. Jetzt sitze ich hier und schreibe. Ich weiss nicht was die Zukunft bringt und ich freue mich auf sie. Ich befinde mich auf einem Weg der mich immer wieder fürchten lässt. Und ich will meinen Mut zusammen nehmen und ihn weiter voran schreiten. Ich möchte euch von ihm berichten. Meinem Weg.

Im ersten Lockdown 2020 war ich arbeitslos. Eigentlich wollten wir reisen, eine Schule und ein Zuhause finden. Dann sassen wir da fest wo wir gar nicht mehr sein wollten. Irgendwie konnte ich schnell annehmen, dass es so war. Ich habe die Zwangsfreizeit genutzt um einen Sandsteinbiotop anzulegen. Dieses bereichert jetzt die Nachbarn, die Nachmieter und jede Menge Insekten und Vögel. Damals wurde ich gefragt: „ihr wollt doch wegziehen, warum machst du dir jetzt die Mühe?“. Meine Antwort war, ich tu das nicht nur für mich. Es ist etwas was ich kann, was mir Spass macht und was die Welt reicher macht.

In diesem ersten Lockdown habe ich mir Ziele gesetzt. Was ist daraus geworden? Ich habe mir gesagt keine Auto mehr bis 2025 und habe mir ein schickes Gebrauchtrad gekauft und einen Anhänger dafür gebaut. Seitdem sind fast 2 Jahre vergangen. Ich habe den VW-Bus im Frühjahr zum letzten mal bewegt. Ihn in das Gartengrundstück hoch gefahren welches ich nun behüten darf. Dort steht er jetzt als Aussenküche und Speisekammer. Den Alltag habe ich so gestaltet, dass ich alle Strecken mit dem Fahrrad erledigen kann. Der Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Bahnhof (wenn ich wie noch so oft auf ein Seminar fahre).

Das ist ein ganz ordentlicher Berg den ich da bestiegen habe. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn, den Berg zum Kindergarten fährt ausser mir fast nie einer mit Anhänger und ohne Motor hoch. Ich empfinde Stolz und schreite frohen Mutes voran mich und die Welt zu retten. Einer meiner Mentoren rühmt sich gerne mit den Worten, ich habe aufgehört die Welt zu retten, ich rette erst mal mich selbst. Ich glaube nicht, dass das für mich funktioniert.

Ich bin die Welt.
Die Erde ist ich.

Ich darf nur nicht damit warten mit dem Retten anzufangen, weil nichts mehr zu retten ist. Ich will hoffnungsvoll die kleinen Schritte gehen, die ich gehen kann. Und so ein bisschen Licht in die Dunkelheit bringen die mich manchmal übermannt. Ich organisiere zweimal im Jahr eine Grossbestellung. So bekommen ich und über 20 andere Familien alle halbe Jahr die Speisekammer voll. Mit möglichst lokalem hochwertigem im ideal Fall direkt vermarktetem Essen. Wenig Müll, viel Genuss. Zweimal im Jahr viel Stress. Der ist es mir Wert.

Ich hatte im ersten Lockdown eine sehr intensive Erfahrungen in der Natur. Es ging um das Thema Leben und Sterben. Ich arbeite im Gemüsebeet, jäte und lockere den Boden. Ich freue mich über die vielen Würmer die zum Vorschein kommen. Der Boden ist nicht der ungesündeste, das freut mich. Plötzlich landet eine Amsel neben mir, zutraulich, keinen Meter entfernt. Sie pickt sich einen Wurm heraus, hackt ihn in der Mitte durch und verschlingt ihn. Ich sehe es noch genau vor mir. Ich empfinde ärger: „Hey, das sind meine Kompostwürmer die braucht der Boden!“. Da merke ich wie vermessen ich bin.

Regenwürmer, degradiert zu Sklaven der Bodenerhaltung, Leibeigene. Ich beschliesse mich zu mässigen und lasse die Amsel weiter brunchen. Manch einen Wurm verbuddel ich trotzdem schnell, damit nachher nicht alle weg sind. Als ob eine Amsel einen ganzen Garten entwurmen könnte? Ich weiss es nicht. Ohne meine Mithilfe auf jeden Fall nicht. Ich leiste ja jede Menge Vorarbeit. Das wäre für ein kleines Amselchen eine ganz ordentliche Mühe. Am dritten Tag der Bodenbearbeitung sitzen wir wieder da, sie vor mir ich am jäten. Mir ziept der Rücken, ich richte mich auf, strecke mich. In diesem Augenblick rauscht etwas haarscharf über meinen Kopf. Ein Sperber.

Vor mir sehe ich die Amsel. Auch diesen Moment sehe ich noch vor Augen. Zitternd. Die Flügel ausgebreitet. Am Boden zusammengekauert. Todesangst. „Dieser Sperber, wollte doch tatsächlich meine Amsel essen.“ Und schon wieder ist sie da, diese Vermessenheit. Meine Vermessenheit. Eine menschliche Vermessenheit? Meine Amsel. Die darf also Würmer essen, der Sperber aber keine Amseln und ich? Ich merke wie verkehrt meine Weltsicht sich anfühlt. Wie kommt es, dass ich den Tod so unterschiedlich werte, je nachdem wen er trifft? Was ist der Tod überhaupt für mich? Ende, Anfang, Reset, Licht, Schwarz? Und was macht dieses nicht Bild vom Tod mit uns als Menschheit? Was soll dieses Unsterblichkeitsbestreben bezwecken? Wo soll das hin führen?

Andreas Weber sagt dazu: „Die Natur strebt ein Miteinander an. In natürlichen Ökosystemen stellt sich eine Mischung im Raum ein. Eine komplexe Balance von Beziehungen. Für die meisten Menschen ist das auch schön. Die Erfahrung von Schönheit hat etwas damit zu tun, dass man selbst Raum zum Atmen hat, das die Anderen auch diesen Raum zum Atmen haben. Die Erfahrung von Schönheit ist eine existentielle Erfahrung eine existentielle Einschätzung einer Konstellation in dem alle gleichzeitig in Ihrem Masse fruchtbar sein können und in der niemand sich mehr nehmen darf als ihm zusteht und in der niemand sich selbst die Unsterblichkeit verspricht und dafür über alle Anderen das Todesurteil ausspricht, so wie das der Mensch derzeit tut.

Eine fundamentale Regel der Ökologischen Rollenverteilung heisst, dass alle Wesen sich darauf einlassen müssen essbar zu sein. Und das gilt auch für uns. Und essbar sein das heisst letztlich wirklich essbar sein. Nur was essbar ist ist ökologisch vertretbar. Plastikflaschen sind nicht essbar unsere Zivilisation natürlich auch nicht. Unsere Lebensweisen sind ein Bollwerk dagegen.

Das Ökologische ist das Essbare.

Das uns das etwas gruselig erscheint wenn ich das propagiere, zeigt wie weit wir davon entfernt sind uns in dieser Gegenseitigkeit die die Schönheit und Fruchtbarkeit der Biosphäre ist aufgehoben zu fühlen. Das gelingt uns eigentlich schon nicht mehr. Aber das ist das Was uns nährt, das wo wir eigentlich herkommen. […]

Diese Zugehörigkeit, heisst dass man sich in die Körper anderer Wesen verwandelt. Und wenn man das verweigert, koppelt man sich aus der Ökologie aus. Das wird aber nicht erlaubt. Das kann man nicht, oder nur ganz kurz machen. Das geht schief, weil es die Parasiten (Viren Keime Erreger) gibt. Diese halten die Nahrungsketten zusammen und sorgen dafür, dass nicht eine Art die anderen Arten dominiert. Das ist eine Gesetzmässigkeit die ein paar Nummer zu gross für das Menschliche Gestaltungsvermögen ist. Wir können unseren Hals retten, durch Impfungen zum Beispiel. Aber wenn wir unsere Haltung nicht ändern, werden wir weiter unter dieses eiserne Gesetz fallen.“(1)


Das macht mir Sorgen. Ich sehe die grosse Änderung der Haltung nicht. Und ich sehe in der breiten Öffentlichkeit die Bestrebungen nicht sich an diesen wunden Punkt heran zu wagen.

Ich habe zwei Punkte in der Vergangenheit entdeckt, mit denen der Mensch die Weichen gestellt hat für die Zivilisation und die Umwelt die wir heute erleben. Die beiden sind sehr eng miteinander verbunden. Vielleicht ist die eine die Grundlage dafür, dass die andere möglich ist. Irgendwann hat die menschliche Spezies entschieden, etwas besonderes auf diesem Planeten zu sein. Etwas besseres, lebenswerteres und edleres, als die Natur, das Wilde. In diesem Zuge wurde die Natur zur Ressource degradiert. Als die ich sie auch oft betrachte. Und nicht nur ich.

Unsere Wirtschaft lebt davon die Natur zu barem Geld zu machen. Aus der Umweltschutzbewegung der 80er ist mir dieser Satz hängen geblieben: „Die einzige grüne Energie ist die, die wir nicht verbrauchen.“ Ich glaube heute, dass er nur bedingt seine Richtigkeit hat. Denn ich denke, die Energie, die ich selber, mit meinem Körper, mit meiner Muskelkraft zur Verfügung stelle, die ist auch grün. Ich glaube das Problem unserer Gesellschaft, ist, dass wir die Energie nicht mehr selbst bereit stellen. Wenn ein Lebewesen, ein Mensch, eine Zelle, Kohlenstoff umsetzt um daraus Energie zu gewinnen, dann läuft das wie folgt.

Die Zelle nimmt den „neuen Kohlenstoff auf, und baut ihn an sich dran und stösst einen Teil von sich ab. Das C im CO² ist nicht das selbe C wie das was rein kommt. Im Laufe von sieben Jahren sind alle Zellen im Menschlichen Körper einmal neugeboren worden. Und einmal gestorben. Alle 7 Jahre stirbt unser Körper, die Materie. Wenn wir einen Motor Energie herstellen lassen, kommt Kohlenstoff in Form von Treibstoff rein und das selbe C kommt als „Abgas“ wieder hinten heraus. Der Motor muss sich nicht regenerieren. Er kann „Quasi“ endlos laufen, da er nicht stirbt. Wenn beim Motor ein anderes C hinten raus kommt, z.B. das der Kolbenringe, dann ist er kaputt. Er lebt und stirbt nicht. Und darum kann er unverhältnismässig viel Energie in verdammt kurzer Zeit zur Verfügung stellen.

Die Verwendung solcher Energie in riesigen Mengen ermöglicht unseren Lebensstil. Unsere Fülle. Unseren Komfort. Und unsere Armut. Und damit meine ich nicht nur die „materielle Armut der viele Menschen auf diesem Planeten immer noch ausgesetzt sind. Ich meine auch die Armut in unseren Herzen. Ich kann mich nicht dagegen wenden, dass es sau bequem und unglaublich praktisch ist auf diese Energiequellen zurück zu greifen. Gleichzeitig denke ich, dass es unabdingbar wird sich zu fragen, wann es gerechtfertigt ist auf diese Ressourcen zurück zu greifen? Das ein schwer kranker mit dem Rettungswagen in ein Krankenhaus gefahren wird, halt ich für echt praktisch. Das der Deutsch täglich im Durchschnitt 33km zur Arbeit und zurück pendelt? Fast 70% davon mit dem Auto?

Ich möchte dazu eine Geschichte einbringen, die mich immer wieder sehr berührt:

„Lynx. Lynx geht am Wildbach entlang, hebt einen grossen Kieselstein auf, schlägt ihn gegen einen anderen, dreht in um, wiegt ihn in ihrer Hand, untersucht ihn. Sie legt ihn wieder hin, hebt einen anderen auf, wiederholt dieselben Handbewegungen. Umfang, Form, Gewicht, Dichte, Klang... Als sie den richtigen gefunden, benutzt sie einen grossen Felsen an der Uferböschung als Ambos und schlägt daran ein Stück vom Kiesel an. Sie hat nun einen scharfen Splitter, sucht aber weiter das Ufer ab. Sie fördert einen abgebrochenen trockenen Ast, so dick wie ein Unterarm, zutage. "Pappelsieh dich mal um. Was kannst du mit deinen eigenen Händen machen?"

Nico

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