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#CoronaRiots Pandemie Kriegstagebücher

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Spätestens seit dem vergangenen Wochenende ist klar, dass der gegenwärtige Aufstand, denn um nicht weniger handelt es sich, keine auf die USA begrenzte Angelegenheit mehr ist.

Der französische Philosoph Alain Badiou, Januar 2011.
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Bild: Der französische Philosoph Alain Badiou, Januar 2011. / Jean-François Gornet (CC BY 2.0 cropped)

13. Juni 2020

13. 06. 2020

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“D.h. jeder Ansatz, der es ernst meint mit der Tendenz zur Aufhebung, muss zwangsläufig in der strategischen Ausrichtung auf die Konfrontation, auf den Zusammenstoss abzielen, auch wenn er in der taktischen Natur anfänglich andere Wege gehen kann, weil die eigenen Kräfte zu schwach, zu zersplittert, zu unorganisiert sind.” 2014 - Das Jahr indem wir nirgendwo waren | Autonome aus Berlin

Die Brisanz von Rassismus, Bullengewalt und Armut (und im Kontext von Covid 19 nochmals präzisiert: vom Zugang zu gesundheitlicher Versorgung) schäumt das Meer auf, um es poetisch auszudrücken. Schon die Versammlungen in Frankreich, besonders in Paris am vorletzten Wochenende, an dem sich Zehntausende trotz eines Versammlungsverbotes in der Innenstadt von Paris versammelten, um an den Tod von Adama Traoré zu erinnern, um sich stundenlange Kämpfe mit den Bullen zu liefern, zeichnete eine Skizze dessen, was sich an diesem Wochenende fortgesetzt hat.

Zu Hunderttausenden strömten in den europäischen Städten vor allem Jugendliche auf die Strassen, sehr viele dürften niemals zuvor an Demonstrationen teilgenommen haben, oder zumindestens mit dem üblichen linken Demonstrationspublikum wenig zu tun haben. Das Kennzeichenste an diesen Manifestationen, die die ersten Massenaktionen in Europa nach der Ausrufung des Corona Ausnahmezustandes waren, sind die Bilder von Zusammenstössen mit den Bullen in zahlreichen Städten: Berlin, Hamburg, Göteborg, Brüssel, Marseille, London,...

Während hierzulande schleunigst Talkshows abgehalten wurden und uniso das “Problem des Rassismus” bis hin zur Bundeskanzlerin bedauert und die strukturelle rassistische Bullengewalt als eine US amerikanische Angelegenheit abgehandelt wurde, verschaffte sich die konkrete Erfahrung Vieler, dass dies mitnichten so sei, unmittelbaren Ausdruck. Teilweise als Notwehr gegen Angriffe der Bullen wie in Hamburg oder Berlin, häufig jedoch auch wie in Frankreich, Schweden, Belgien oder UK, als direkte militante Praxis in Form von Umverteilungsaktionen oder massiven Angriffen auf die Ordnungskräfte.

Innerhalb weniger Tage gelang, was viele linke Anstrengungen über Jahre nicht zustande gebracht hatten: Transnationale copyriots. Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass dies nicht gerade auch und wegen des Pandemie Ausnahmezustandes geschehen wäre. Im Gegenteil. In den Geschehnissen wird auch die Fragilität des offiziellen Narrativs über den Umgang mit Covid 19 deutlich. Jeder kann begreifen, dass diese weltweite Pandemie, die ohne den weltweite Luftverkehr nicht in dieser Form stattgefunden hätte, nicht unvermeidlich war. Auch stellen diese Massenversammlungen und Riots inmitten der Pandemie einen Bruch mit der Ausschliesslichkeit der Unterwerfung unter die staatlichen Anordnungen da, wie sie gerade auch von vielen Linken propagiert wird. Im bewussten Brechen der Regeln, im Angriff auf Eigentumsverhältnisse und staatliches Gewaltmonopol scheint auf, dass das Leben an und für sich, in der Antithese zum schieren Überleben, dass das Empire derzeit nur anzubieten hat, für die Protagonisten einen Wert hat.

Es mag Bifos Herz so wie meines füllen, dass es doch noch genug junge Menschen gibt, die nicht bereit sind, sich einem Lebensentwurf unterzuordnen, der für einen undefinierten längeren Zeitraum (vielleicht etliche Jahre, keiner weiss ob es einen Impfstoff geben wird, geschweige denn wie verträglich der dann sein wird) nur Anpassung, Unterordnung und Lustlosigkeit vorsieht. Die praktische Intervention in Neukölln müsste jetzt in eine anschlussfähige Praxis übergeführt werden, die es den antagonistischen Splittern möglich macht, in einen konkreten praktischen Austausch mit den aufbegehrenden Jugendlichen zu kommen, dazu wird es auch notwendig sein, sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Wenn dies gelingen könnte, wäre die seit langem propagierte “Notwendigkeit aus der eigenen Blase heraus zu kommen” nicht nur ein leerer Anspruch, sondern konkrete Realität. Dazu bedarf es auch dem bewussten Bruch mit grossen Teilen der (radikalen) Linken, die gerade wieder aus ihren #StaytheFhome Löchern kriechen und versuchen werden, mit ihren alten Methoden von Dominanz und Event die Initiative wieder an sich zu ziehen. Wenn diese Falle nicht vermieden wird, wird (für die Linke) alles so bleiben wie es war, nur noch ein weniger trostloser als es eh schon war.

Es folgt eine (sinngemässe) Übersetzung eines Textes von Alain Badiou, den ich an einigen Punkten nicht teile, ebenso gibt es einen seit Jahren geführten Diskurs über Antisemitismus, der wenigstens in Frankreich auf einem höheren Niveau als hierzulande geführt wird, der aber an dieser Stelle nicht fortgeführt werden soll, aber auch nicht unerwähnt bleiben darf. Nichtsdestotrotz gehört Badiou zu den letzten lebenden marxistischen Philosophen und wohltuend ist, dass es in Frankreich überhaupt philosophische Einwürfe zur gegenwärtigen Situation gibt, während hierzulande nur beredenes Schweigen herrscht.

Pandemie, Unwissenheit und neue kollektive Orte

Alain Badiou

Unsere Probleme liegen nicht bei Emmanuel Macron, sondern in der engen Beziehung zwischen Privateigentum und Kapitalkonzentration, erklärt Badiou. Es ist möglich, ein gemeinsames Leben um Schulen herum neu zu erfinden, das Intellektuelle, Arbeiter aus aller Welt und Künstler zusammenbringt, um neue Ideen der Realität zu entwickeln.

Die gegenwärtige Pandemie hat sowohl mit einer natürlichen Ursache zu tun - der Existenz eines Virus und seiner Übertragungs- und Lebensweise von Fledermäusen auf den Menschen - als auch mit einer "sozialen" Ursache: dem beträchtlichen Umfang und der Geschwindigkeit der Reisen von Menschen, die dazu führen, dass das Virus in wenigen Wochen von China nach Europa und Amerika zirkuliert ist, ohne dass es irgendetwas gab, um es zu stoppen, ausser der Beendigung fast aller menschlichen Umtriebe, der sogenannten "Massen-Quarantäne".

Was geschieht auf der Seite der bürgerlichen Staaten (es gibt heute leider keine anderen...)? Sie sind gezwungen, Massnahmen zu ergreifen, die über ihre strenge Klassenlogik hinausgehen. Das Krankenhaussystem muss funktionieren, egal was passiert, Hotelzimmer müssen beschlagnahmt werden, um die Kranken, einzusperren; die Bewegungsfreiheit von Menschen, die das Virus in sich tragen, muss an den Grenzen eingeschränkt werden, usw.. Aber bei all dem müssen die Staaten unbedingt die Zukunft der Struktur der Gesellschaft als Ganzes schützen, nämlich ihren Klassencharakter. Regieren wird zu einer schwierigeren Übung als unter weniger aussergewöhnlichen Umständen. Zum Glück für die bestehenden Staaten ist der wirkliche Feind unserer Gesellschaftsformen, der nicht das Virus, sondern der Kommunismus ist, heute so schwach, dass sie zumindest kurzfristig ohne allzu grosse Schwierigkeiten davonkommen werden.

Sollen wir Macron die Schuld geben? Das parlamentarische Regime, dass das natürliche politische Regime des entwickelten Kapitalismus ist und das in Frankreich weiterhin unter dem doppelten Fetisch "Demokratie" und "unsere Republik" gepriesen wird, hat Schlimmeres “durchgemacht”! Wenn Macron abgesetzt werden muss, werden es die Meister des Spiels selbst tun, unter dem Beifall von Unzufriedenen aller Art, die in den letzten zwei Jahren geglaubt haben, dass dieser Macron die Ursache all ihrer Übel sei. Während, um die Wahrheit zu sagen, unsere Übel seit zwei Jahrhunderten aus der Verbindung zwischen dem Privateigentum und dem "eisernen Gesetz" der Kapitalkonzentration herrühren, wobei es im Moment zutreffend ist, dass dieses Verhältnis besonders angespannt ist, also jenes zwischen dem Privateigentum (das wir loben und jedem versprechen können) und der Kapitalakkumulation (was bedeutet, dass das Privateigentum von dem, was es entscheidendes getan hat, nur sehr wenig profitiert).

Was mir unter diesen Umständen gefährlich erscheint und was alle Formen der Reaktion begünstigt, ist die Unkenntnis dieser Tatsachen und das geringe Ansehen, das einer schlüssigen Argumentation und wissenschaftlich fundierten Aussagen beigemessen wird. Wahre Wissenschaft ist einer der wenigen Bereiche menschlicher Tätigkeit, der Vertrauen verdient, einer der wichtigsten gemeinsamen Schätze der Menschheit, von der Mathematik über die Biologie, Physik und Chemie bis hin zu marxistischen Studien über Gesellschaft und Politik, ganz zu schweigen von psychoanalytischen Entdeckungen über Störungen der Subjektivität. Das eigentliche Problem besteht darin, dass das Vertrauen in die Rationalität sehr oft unwissend und blind ist, und als Folge davon haben, wie wir heute sehen, viele Menschen, vielleicht die Mehrheit, auch Vertrauen in falsche Wissenschaft, absurde Wunder, altmodische Dinge und Hochstapler hat. Das macht die Situation völlig undurchsichtig und führt zu widersprüchlichen Prophezeiungen über "den Tag danach". Deshalb wussten revolutionäre Führer aller Epochen, dass ohne ideologische Vorbereitung der Meinung politisches Handeln sehr schwierig ist.

Das Herzstück der Bewertung der Pandemie-Krise, und übrigens aller "Krisen", sollte daher der Aufbau eines ausgedehnten Netzes von Schulen durch alle bereitwilligen Akteure sein, in denen all diejenigen, die dies wünschen, all das, was man wissen muss, um in unseren Gesellschaften zu leben, zu handeln und zu gestalten, erlernen können.

Es sollte eine internationale Studie über alles, was in dieser Richtung bereits existieren könnte, durchgeführt werden. Eine solche Studie wäre um so notwendiger und delikater, als es eine Fülle von Behauptungen, seien sie nun assoziativ oder offiziell, gibt, die lediglich karitativ und falsch humanistisch sind, weil sie nicht im Dienste der wirklichen Menschlichkeit stehen, sondern einer Integration in die bestehende Ordnung und die sie konstituierenden Ungleichheiten.

Aufgrund meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass die “l'École des Actes”, die in Aubervilliers mit Unterstützung des “Théâtre de la Commune” gegründet wurde, mir einen gut ausgerichteten Ort für die heute erforderlichen Aufgaben der Weitergabe und Innovation zu bieten scheint. Diese Schule bringt Bevölkerungsgruppen zusammen, deren Begegnung unerlässlich ist: Intellektuelle, Arbeiter aus der ganzen Welt, Künstler sowie Frauen, Männer und Kinder dieser multinationalen Stadt. Ihre Begegnungen sind als "Versammlungen" organisiert - kollektive Orte für die Ausarbeitung neuer Ideen, die auf der Hypothese der "Gesetze des Lebens" basieren und deren Formulierung, Anerkennung und Respekt gefordert sind. Schon vor der Epidemie und gestützt auf die Erfahrungen und Fragen der breiten Öffentlichkeit dachten sie gleichzeitig mit den nomadischen Proletariern (die fälschlicherweise als "Migranten" bezeichnet werden) und lernten von ihnen, indem sie die vielen Dinge studierten, die in den verschiedenen Formen der Rationalität zum Überleben notwendig sind: Sprechen, Lesen, Denken.

Schulen dieser Art könnten auch - und die “l'École des Actes” versucht, dies zu tun - materielle und administrative Hilfe für diejenigen organisieren, die sie benötigen, wie Kantinen mit warmen Mahlzeiten, Ambulanzen für Erste Hilfe, die konkrete Überlegungen zu Fragen der Unterbringung ermöglichen, und Ratschläge für die Einforderung von Rechten - jene Rechte, die es gibt, wie auch jene, die nach den Gesetzen des Lebens existieren sollten - sowie viele andere Dinge, die ich nicht bedacht habe und die sie auch erfinden müssen.

Die Form der "Versammlung" (assemblée) steht im Mittelpunkt dieser Erfahrung und unterscheidet sich von der einer Beziehung zu unseren Herrschern. Auf ihrer eher "politischen" Seite, in dem weiten und offenen Sinn, der heute erforderlich ist, organisiert die “l'École des Actes” jede Woche - ich habe sie manchmal besucht - eine "Generalversammlung", wo jeder, der etwas zu sagen oder eine Frage zu stellen hat, oder eine Kritik oder einen neuen Vorschlag einbringen kann, sprechen kann. Diese Interventionen werden in die in der Schule gesprochenen Sprachen übersetzt - ich habe gesehen, dass sie ins Englische (für Menschen aus Bangladesch), ins Soninke, ins Fulani und ins Arabische übersetzt wurden. Dies ist auch ein dringend benötigter internationalistischer Ansatz.

Vielleicht könnten wir diese Schule und jede andere Schule derselben Art, wo auch immer sie sich befindet, bitten, von Zeit zu Zeit offene Sitzungen (assemblées ouvertes) abzuhalten, in denen wir das eigentliche Prinzip, die Notwendigkeit und die Zukunft dieser Art von Institution diskutieren würden. Natürlich erfordert Politik die Beherrschung der Zeit und eine Kaltblütigkeit, die vor utopischen Ausbrüchen wie Ende-der-Welt-Prophezeiungen schützt. Wenn man jedoch den Blick auf die allgemeine Situation und die aus dem konkreten Beispiel, von dem ich spreche, gezogenen Lehren verbindet, halte ich es für vernünftig zu sagen, dass in einer Zukunft, die dem Denken zugänglich ist, eine Art internationale Föderation von Schulen dann ein wichtiger Schritt zur Entstehung zumindest einiger wesentlicher Elemente, einiger Bruchlinien, eines neuen politischen Programms wäre, das jenseits unserer falschen "Demokratien" und des Versagens der Staatskommunismen angesiedelt ist.

Wenn sich glücklicherweise eine neue Diskussion auf der Grundlage eines solchen Vorschlags eröffnet, hat die Pandemie die Chance, nicht gleichzeitig biologisch tödlich, intellektuell elend und politisch steril zu sein.

Übersetzung und Vorwort: Sebastian Lotzer

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