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Pandemie Kriegstagebücher - Ausweitung der Kampfzonen | Untergrund-Blättle

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Gesellschaft

Ausweitung der Kampfzonen Pandemie Kriegstagebücher

Gesellschaft

Nein, keine langen Abhandlungen zu Stuttgart. Wohl selten hat sich ein Riot so unvermittelt selbst erklärt.

2. Juli 2020

02. 07. 2020

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Wer in den letzten Monaten durch dieses Land im Ausnahmezustand mit offenen Augen gegangen ist, konnte es alles sehen. Die ersten Tage der Masseninternierung: In Kreuzberg ausgestorbene Strassen, alle 2 Minuten fährt ein Bullenwagen vorbei, die Insassen mustern dich misstrauisch, wenn du noch unterwegs bist. In den dunklen Ecken der Neubau Ghettos kleine Gruppen von Jugendlichen die nichts anderes mehr haben um sich zu sehen. Die Bullen mit jener letzten Prise von Macht die noch gefehlt hat um endlich allmächtig jeden und jede zurechtzuweisen, kontrollieren und wegsperren zu können. Man hat es ihnen angesehen, Körpersprache verrät mehr als tausend Worte. Es braucht keine Anlässe und Begründungen mehr, das Infektionsschutzgesetz als Handbuch eines totalitären Staates.

Ja, sie waren in der Lage, mal eben Milliarden von Menschen wegzusperren und das Mittelstandspack und eine verblödete Linke standen jeden Abend auf den Balkonen und applaudierten dieser Aufführung. Aber auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung ist jedes Empire am angreifbarsten, eine historische Erfahrung. Die richtigen Leute haben schnell begriffen, dass die Armen und Schwarzen, die Leute in den beschissenen Jobs, ein vielfaches an Opfer zu beklagen haben und dass man nicht nur an einer scheiss Lungeninfektion ersticken kann, sondern auch wenn die Bullen minutenlang auf einem drauf knien. In Afrika haben sie wochenlang Bullenreviere angezündet, kaum dass der ganze Covid 19 Kram angefangen hatte. Hat hier aber keinen interessiert, ist halt Afrika, da krepieren sie auch an Ebola und Aids und wen juckt das hier schon.

Aber als dann in der grössten Militärmacht der Welt die Polizei aus ihrem mittelgrossen Bullenkomplex geflohen sind und das Ding in Flammen aufging, haben das weltweit Millionen sofort mitbekommen und begriffen. Von dort aus war es nur noch ein kleiner Schritt zum Riot in Stuttgart. Neukölln war eine nette Geschichte, aber die wirklich wichtigen Dinge spielen sich schon lange jenseits linker Schachbrett Manöver ab. Ein paar hundert proletarische Jugendliche und die Republik steht Kopf.

Es folgt die Übersetzung eines aktuellen Textes von Cesare Battisti, ehemaliger Militanter des bewaffneten Widerstandes in Italien, der leider derzeit in Italien im Knast sitzt, nachdem es ihm jahrzehntelang gelungen war, dem Verfolgungswahn der italienischen Staatsschutzorgane zu entkommen. Wie erfrischend klar und aussagekräftig, wie so viele Texte aus Frankreich und Italien die zu übersetzen ich die Ehre hatte. Hierzulande werden lieber mal eben dahin plätschernde Bücher im Dutzend zum Thema verlegt. From Berlin with love.

Die Pest

Cesare Battisti

"Das erste, was die Pest unseren Mitbürgern angetan hat, war also das Exil."

Wertvoll sind die Worte von Albert Camus in den Tagen des Coronavirus. Sie lassen uns auf der Haut die Qualen der Familien spüren, die durch die "Pest" von Oran in seinem Nachkriegsalgerien getrennt wurden. Es ist, wie wir wissen, eine nie genug gepriesene Metapher für den Nazismus, der gerade besiegt wurde, dessen tödliche Keime aber weiterhin die Menschheit bedrohen und auf die Wiederholung des nächsten falschen Schritts warten werden.

Die Seuche bricht aus wie ein Krieg oder ein brutaler Regimewechsel. Sie sondert die Menschen ab, schliesst sie ein. Ein Unglück, das nicht aus dem Nichts entsteht, sondern in den Zwischenräumen einer schwachen, missbrauchten, berauschten Gesellschaft brütet. Sie liegt in den Häusern, in den Strassen, an den Arbeitsplätzen und in den Büros der Macht, in der Täuschung der Worte, in der Abwesenheit von Rechten, die unserem Populismus so teuer sind. Sie liegt in den Mängeln der Demokratie, deren Lücken von denen gefüllt werden, die unter den gegenwärtigen Umständen die Legitimität haben, auf ihrer Seite Gewalt anzuwenden. Es geht darum, die Augen vor dem Schmerz der anderen zu verschliessen.

Die Pest war schon immer hier, vor unserer Haustür, aber wir haben sie nicht gesehen. Wir waren hartnäckig in dem Glauben, dass sie nur entfernte Opfer erntet. Was macht es schon aus, wenn es eine Million Tote sind, wenn man noch nicht einmal einen gesehen hat? Die kulturelle Hegemonie unserer Zeit besteht darin, alles zu vereinfachen und zu trivialisieren, und dies steht im Gegensatz zur Komplexität der Welt, in der wir leben. Man trennt die Dinge von ihrem Kontext, und man findet eine vermeintliche Lösung für dieses kleine Stückchen Realität, als ob es nicht in allem anderen enthalten wäre.

In der Zwischenzeit schnappen die entrechteten Menschen nach Luft. Im Namen von Ordnung und Fortschritt werden die natürlichen Gleichgewichte zerstört. Die Ratten von Camus kommen aus den Abwasserkanälen von Oran, um in der Sonne zu sterben; aus den Höhlen vertrieben, fliehen die Fledermäuse von Wuhan auf der Suche nach dem Licht. Und die Kriege explodieren weiter, der Süden des Planeten ist verwüstet, der faschistische Rassismus ist wieder in Mode. Viren werden im Herzen der Gleichgültigkeit geboren. Und eines Tages, ganz plötzlich, sind wir allein.

Sie sagen uns, dass wir in unseren Häusern eingesperrt bleiben müssen, dass es von nun an verboten sein wird, uns auch nur die Hand zu geben. Vom Fenster aus können wir niemanden mehr sehen, wir vermissen sogar den Verkehrslärm, unter einem zu blau gewordenen Himmel. Es muss ein flüchtiger Moment sein, wir täuschen uns immer noch vor, dass wir das Läuten der Glocke hören können, und wir können unsere Lieben hören, die kurz zuvor auf die Reise gegangen waren. Aber die Zeit vergeht und das Pandämonium wächst, die Abschottung lastet immer schwerer, die Prognosen lassen uns erschauern. Dann bereiten wir uns darauf vor, das Exil zu akzeptieren, unter unerwarteten Fehlern zu leiden und unangemessene Gefühle zurückzuweisen.

Auf diese Weise entdecken sich die Exilanten selbst wieder und vermissen die Werte, von denen sie abrupt getrennt wurden. Was offensichtlich und vernachlässigbar war, ist von einem Tag auf den anderen eine unerträgliche Entbehrung. Wir fühlen uns hilflos, wir vertrauen uns dem Master-Staat an, der die Kinder-Menschen täglich im Fernsehen ernährt. Sie sagen uns, dass es vorbei ist, dann, dass es wieder angefangen hat, wegen eines Kusses, der ohne Maske gegeben wurde. Wir müssen auf der Hut sein, Straftäter anprangern. Die Kultur des Misstrauens wird eingeführt, die Erlösung liegt in der Denunziation. Sie befindet sich in der Erholung der Wirtschaft. Mut, das Virus wird gezähmt werden, das Böse hat keine Zukunft, wir werden weiter wachsen, die Welt gehört uns, die Menge strömt auf die Strassen, die Freude kehrt zurück, wir werden alle an den Strand gehen, um unseren nackten Hintern zu wärmen.

Dr. Rieux von Camus bleibt am Fenster. Sehen Sie und seufzen Sie. Er weiss, was die Menge ignoriert und was in Geschichtsbüchern zu lesen ist. Viren und Bazillen sind wie der Faschismus, sie sterben nicht, sie verschwinden nie, sie bleiben verborgen und lauern bis zu dem Tag, an dem zum Unglück der Menschen oder aufgrund schlechter Lehren Ratten und Fledermäuse kommen und ihr Blut in den westlichen Palästen vergiessen werden. Und dann wird es nicht einmal mehr ein Land für das Exil geben.

Übersetzung und Vorwort von Sebastian Lotzer

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