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Wir müssen den Diskurs über Erderwärmung universalisieren Menschenrechte und Klimawandel

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Viele Reaktionen auf den Klimawandel gehen Hand in Hand mit der Wiederbelebung der Idee, dass “der Westen die universelle Norm ist”.

Schülerstreik gegen Klimawandel in Marseille, März 2019.
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Bild: Schülerstreik gegen Klimawandel in Marseille, März 2019. / Touam (Hervé Agnoux) (CC BY-SA 4.0 cropped)

27. März 2019

27. Mär. 2019

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Wie können wir (im “Westen”) uns auf andere Gespräche über die Erderwärmung und andere Formen der kommunalen Rationalität einstimmen? Und inwiefern können uns diese anderen Ansätze aus der Klimakrise herausführen? In diesem MORE WORLD-Interview sucht die südsudanesisch-US-amerikanische Politikberaterin Abiol Lual Deng nach Antworten:

Apropos Klimawandel: Es ist interessant, dass dieses planetarische Thema auf der ganzen Welt unterschiedlich erlebt und reflektiert wird. Wie sieht das in den USA, Europa und Afrika aus?

In den letzten zehn Jahren habe ich in verschiedenen Funktionen in den Bereichen humanitäre Hilfe, Entwicklung und öffentliche Verwaltung in Subsahara-Afrika, aber auch in den USA und Europa gearbeitet. Daher lag der Schwerpunkt meines Interesses und Engagements bei der Erforschung planetarischer Themen und Herausforderungen, einschliesslich des Klimawandels, darauf, wie sich solche Fragen in Subsahara-Afrika und im globalen Süden insgesamt manifestieren.

Der Klimawandel ist zwar sicherlich eine wichtige politische und soziale Frage im Westen, betrifft aber überproportional den globalen Süden und insbesondere den afrikanischen Kontinent. Die Beseitigung dieses Ungleichgewichts und die Gewährleistung eines gerechten Zugangs zu Umweltressourcen sowie wirtschaftlicher Entwicklung und Menschenrechten für alle ist das wesentliche Ziel der Klimagerechtigkeitsbewegung.

Ich finde es jedoch ermutigend, dass das Bewusstsein dafür, wie wir alle mit den planetarischen Herausforderungen, einschliesslich des Klimawandels, verbunden sind, gestiegen ist – unabhängig davon, wo wir leben. Vor fünfzehn Jahren wurde der Grad der Vernetzung zwischen dem, was in Afrika und Europa, dem Nahen Osten, Asien und dem Rest der Welt geschah, nicht so gut untersucht – mal abgesehen von einem starken Fokus auf den globalen Terrorismus.

Jetzt gibt es den Konsens, dass wichtige Themen auch globale Verursacher und Folgen haben und dass der Klimawandel als eines der drängendsten Themen unserer Zeit weltweit angesehen wird. Dennoch werden die Fortschritte bei der Suche nach einer internationalen Lösung für dieses Problem durch den Aufstieg des Populismus blockiert, verstärkt durch die Untätigkeit im Westen. Während sich die USA, Grossbritannien und andere reiche Länder nach innen wenden, wird die globale Reaktion fragmentarischer und dadurch weniger effektiv.

Ich denke, es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es kein Zufall ist, dass die Leugnung des Klimawandels ein wichtiger gemeinsamer Nenner rechtspopulistischer Bewegungen ist. Die Annahme ist oft, dass dies auf Geschäftsinteressen beruhe, mit der Anti-Intellektualität dieser Bewegungen zu tun habe oder auf veraltete Konzepte der nationalen Souveränität zurückzuführen sei. Vielleicht müssen wir jedoch auch in Betracht ziehen, dass die Leugnung des Klimawandels auf dem Wunsch beruht, Menschenrechte einzuhegen und den Menschen aus dem Süden der Welt Gerechtigkeit zu verweigern.

Wie genau hat sich die öffentliche Debatte über die Erderwärmung in den letzten Jahren verändert?

Als Trump die Vereinigten Staaten aus dem Pariser Abkommen aussteigen liess, verkehrte er auch die öffentliche Debatte über den Klimawandel. Wie bei fast allen Dingen, die Trump sagt oder tut, führte dieser Schritt zu einer Flut von Narrationen, die sich um die Überprüfung von Fakten drehten. In den USA sind WissenschaftlerInnen und ExpertInnen gezwungen, die Realitäten des Klimawandels zu bekräftigen, anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Was muss gegen die Erderwärmung getan werden? Dennoch: Selbst unter den Ländern, die noch Vertragsparteien des Pariser Abkommens sind, haben nur wenige ihre Klimaziele erreicht oder mit der Umsetzung begonnen.

Darüber hinaus sind die Mechanismen der Finanzierung des Abkommens, die ein erster Schritt für die Klimagerechtigkeit wären, noch nicht richtig entwickelt und sie sind zu stark von der US-amerikanischen Finanzierung abhängig. Wir befinden uns momentan in einer Sackgasse. Die reichen Länder zögern, ernsthafte langfristige Massnahmen zu ergreifen, und die ärmeren Länder sind nicht bereit, dies ohne die Mittel zu tun, die ihnen beim Übergang von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien helfen. Mit anderen Worten, die Zukunft der Klimagerechtigkeit sieht düster aus.

Für die Menschen im globalen Norden sind die Auswirkungen des Klimawandels immer noch hauptsächlich in Form von Szenarien und Vorhersagen zu spüren, während die Situation in Subsahara-Afrika anders aussieht…

Es ist wichtig, Afrika zu untersuchen, denn unter den bevölkerten Kontinenten ist es das Land mit dem geringsten CO2-Fussabdruck, dort werden nur 3,8 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verursacht, verglichen mit 19 Prozent für die Vereinigten Staaten und 13 Prozentfür die Europäische Union. Doch die Auswirkungen des Klimawandels auf den afrikanischen Kontinent, wie Überschwemmungen, Wüstenbildung, Dürre und der Rückgang der Süsswasserquellen, haben verheerende Folgen.

Wenn wir zudem Konflikte in Afrika, wie beispielsweise im Sahel, beobachten, können wir den Klimawandel als einen der führenden Faktoren identifizieren, die Gewalt und Unsicherheit verschärfen. Der Tschadsee, einst einer der grössten Süsswasserseen Afrikas und integraler Bestandteil des sahelischen Ökosystems, ist seit den 1960er Jahren zu über 90% geschrumpft, was hauptsächlich auf den Klimawandel zurückzuführen ist.

Der UN-Sonderberater für den Sahel, Ibrahim Thiaw, bezeichnete die Region als eine der “wohl am stärksten vom Klimawandel bedrohten Regionen mit der (höchstwahrscheinlich) grössten Anzahl von Menschen, die überproportional von der Erderwärmung betroffen sind”. Darüber hinaus beobachten wir einen Anstieg der Vertreibung und Migration aus dieser Zone. Im Jahr 2018 kamen 20 Prozent der MigrantInnen, die das Mittelmeer auf dem Land- und Seeweg überquerten, aus zwei sahelianischen Ländern allein (Guinea und Mali). Könnte es sein, dass die von Welzer beschriebenen Klimakriege und die daraus resultierenden Klimaflüchtlinge bereits hier sind?

Ähnlich wie bei einem anderen planetarischen Thema, dem des globalen Terrorismus, sind die Diskussionen über den Klimawandel immer noch weitgehend von westlichen Anliegen geprägt. Ein wiederkehrendes Thema in der Rhetorik des Klimawandels ist die Aussicht, dass Klimaflüchtlinge in Scharen aus armen Ländern in reiche Länder flüchten. Dieses Angstszenario wird weiterhin propagiert, trotz der Tatsache, dass die von Klimakatastrophen Betroffenen tendenziell innerhalb ihrer Länder oder Regionen wandern.

In Afrika ziehen 80 Prozent der MigrantInnen, die ins Ausland gehen, in andere afrikanische Länder. Doch es ist der Anstieg der Anzahl jener AfrikanerInnen, die über das Mittelmeer kommen, der die globale Angst hervorruft. Populistische Parteien im Westen haben die Angst vor einer “Invasion” aus ärmeren Ländern besonders erfolgreich geschürt. Ebenso ist der überwiegende Teil der Finanzierung für die Erforschung der Migrationsfrage in Afrika, einschliesslich der Auswirkungen des Klimawandels, darauf ausgerichtet herauszufinden, wie sich das alles auf europäische Länder auswirken wird.

Darin liegt die Gefahr, dass wir uns nicht zu einer globalen Bewegung vereinen, die allen Menschen das Recht auf Umweltressourcen garantiert, sondern zu einer Bewegung, die darauf abzielt, zu verhindern, dass ärmere Menschen wandern oder dazu gezwungen werden, die Umwelt weiter zu schädigen. Der ehemalige US-Präsident Barack Obama erklärte 2013: “Wenn wir in Afrika den Lebensstandard so weit anheben, dass jeder ein Auto hat und jeder eine Klimaanlage hat und jeder ein grosses Haus hat, wird der Planet überkochen, sollten wir keine neuen Wege zur Energieerzeugung finden”. Obwohl dies zweifellos wahr ist, kommt man nicht umhin zu bemerken, dass solche Aussagen den Glauben daran verraten, dass es AfrikanerInnen nicht zusteht so leben zu dürfen, wie es WestlerInnen heute tun.

Gibt es Beispiele für kommunale Praktiken, die innerhalb des Migration-Klimawandel-Komplexes entstehen – als aktive oder passive Antwort auf diesen Komplex?

Ich lenke den Fokus kurz auf den globalen Norden. Hier sind die #FridaysForFuture-Proteste entstanden. Die schwedische Schülerin Greta Thunberg setzt sich für Klimagerechtigkeit mit echtem internationalen Potenzial ein. Vielleicht erleben wir gerade das Entstehen einer bedeutsamen neuen Basisbewegung. Mit ihrem “genug jetzt” Ansatz konzentriert sich Thunberg zu Recht darauf, die politischen EntscheidungsträgerInnen zum Handeln zu bewegen und zwar jetzt. Anstatt Mantras zu recyceln, die dazu neigen, die Aktivitäten gegen Klimawandel auf Dinge wie Mülltrennung, Veganismus und Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu konzentrieren, ist Thunbergs Ansatz tief in der proaktiven Klimagerechtigkeit verwurzelt.

Thunberg “denkt” nicht nur global und “handelt lokal”, sie drängt auch darauf, dass wir auch endlich “global handeln”. Insbesondere stellt sie den Selbstzufriedenheitsmodus europäischer Länder, wie den ihres Heimatlandes Schweden mit ihren ehrgeizigen Zielen in Frage. Thunberg betont daher, dass Klimaschutzmassnahmen ein zentrales Thema der Regierungen sind.

Es ist also dieser Aspekt ihrer Bewegung, der die beste Möglichkeit hat, “franchised” zu werden und sich insbesondere an den globale Süden und Afrika anzupassen. Dennoch ist der vielleicht wichtigste Aspekt ihrer Bewegung die Bekräftigung, dass es in der Verantwortung der reichen Länder liegt, angesichts ihrer historischen Verantwortung für einen Grossteil des Klimawandels, endlich Massnahmen zu ergreifen.

In der heutigen Welt, in der wir über den Klimawandel diskutieren, ist es angesichts der Untätigkeit in weiten Teilen Europas und der völligen Ablehnung in den USA notwendig, auf den Menschenrechtsaspekt des Problems zu bestehen. Die globalen Klimaschutzmassnahmen müssen in der Tat ebenso stark auf die Rechte der Menschen im Süden der Welt ausgerichtet sein, wie auf die westlichen Verantwortlichkeiten und Realitäten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die AfrikanerInnen nicht daran arbeiten, die Auswirkungen des Klimawandels zu bekämpfen oder zu verhindern.

Es gibt auch verschiedene spendenfinanzierte Projekte, wie die Great Green Wall für die Sahara- und Sahel, die darauf abzielen, den Klimawandel mit unterschiedlicher Effizienz zu bekämpfen. Insbesondere die Migrationsprävention ist eine der Hauptmotivationen für die “grosse grüne Mauer”. Vielleicht muss die Lösung für rechtsstaatliche Ansätze zur Klimagerechtigkeit von den AfrikanerInnen selbst an der Basis mit internationaler Unterstützung für eine verantwortungsvolle Regierungsführung kommen, die diese Rechte anerkennt?

Ein erfolgreiches Beispiel für eine Basisinitiative ist das Green Belt Movement, das von der verstorbenen kenianischen Aktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai ins Leben gerufen wurde. Als eine der ältesten Klimagerechtigkeitsbewegungen in Afrika hat sie das Thema Klimawandel seit ihrer Gründung mit pazifistischen und feministischen Bewegungen verknüpft. Die 1977 gegründete Bewegung “setzt sich für Menschenrechte, gute Regierungsführung und friedlichen demokratischen Wandel durch den Schutz der Umwelt ein”.

Ohne eine verantwortungsvolle Unternehmensführung kann es keiner rechtebasierten Bewegung gelingen, echte Veränderungen herbeizuführen. Daher können Finanzierungsmechanismen für den Klimawandel allein keine Klimagerechtigkeit in Afrika gewährleisten. Darüber hinaus können Klimaprogramme zur Verhinderung von Migration, die nicht versuchen, die Disparitäten hinter dem Klimawandel zu beseitigen, nicht zu Klimagerechtigkeit führen.

Abiol Lual Deng
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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