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Weisse Nächte Nicht mehr schlafen können

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Nicht mehr schreiben zu können ist für einen Autor das grösste Unglück. Da er sich wesentlich (das heisst, wenn ihm die Literatur nicht nur als ein Ausdrucksmittel unter vielen gilt) vom Schreiben her konstituiert, hat er plötzlich die Bestimmung verloren und wirkt so ratlos wie ein Schauspieler ohne Rolle oder ein Sänger ohne Stimme.

Franz Kafka (Fotografie aus dem Atelier Jacobi, 1906).
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Bild: Franz Kafka (Fotografie aus dem Atelier Jacobi, 1906). / PD

7. März 2014

7. Mär. 2014

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Erst jetzt merkt er, wie wenig er sich nur aufs Leben versteht. Nichts interessiert ihn mehr wirklich. Ein Abgrund tut sich auf, den er, unfähig, darüber zu schreiben, nicht länger vor sich verhüllen kann. In sich verspürt er eine unendliche Leere, fast Liebeskummer, denn er will ja nichts ausser Schreiben und Schreiben heisst für ihn wieder richtig sprechen zu können. Endlose Versuche unternimmt er, um der Sprache Herr zu werden, doch versagt sie sich ihm. Aus der Fülle der Bedeutungen kann er keine klare Gestalt mehr herauslösen. Es fehlt der eine Gedanke, an dem sich alle andren aufreihen, die heimliche Frage, die seine Wahrnehmung leitet, das unartikulierte Weiterschreiben findet keinerlei Anhaltspunkt. So irrt er, wie seine Sprache, ziellos umher und kein Satz vermag ihm jenes Werk zu eröffnen, das er begehrt.

Hat er nichts mehr zu sagen?

Maurice Blanchot gibt auf diese Frage eine überraschende Antwort: Der ziellos Umherirrende hat zu viel zu sagen. Seine Meisterschaft besteht darin, mit dem Schreiben aufzuhören und das zu unterbrechen, was sich von selbst schreibt, indem er dem Augenblick sein Recht und seine entschiedene Schärfe zukommen lässt. Schreiben kann er also nur, wenn er dem reinen Bedürfnis zu schreiben widersteht, wenn er dem Gemurmel, diesem Sprechen ohne Anfang und Ende Schweigen auferlegt. „Ich füge diesem unaufhörlichen Sprechen die Entschiedenheit, die Autorität meines eigenen Schweigens hinzu. Ich mache durch meine schweigende Vermittlung die ununterbrochene Affirmation wahrnehmbar, das gewaltige Gemurmel, über dem die Sprache, indem sie sich öffnet, Bild wird, imaginär wird, sprechende Tiefe, undeutliche Fülle, die Leere ist. Dieses Schweigen hat seine Quelle in der Auslöschung, zu welcher jener, der schreibt, eingeladen ist.“ [1]

Das ist ein seltsamer Gedanke und ich glaube nicht, dass er sich wirklich begreifen lässt. Doch für Blanchot gibt es einen Punkt, „an dem die Inspiration und das Fehlen der Inspiration sich vermischen, einen äussersten Punkt, wo die Inspiration, diese Bewegung ausserhalb der Aufgaben, der feststehenden Formen und der geprüften Worte den Namen ‚Trockenheit‘ annimmt, diese Abwesenheit von Fähigkeit wird, diese Unmöglichkeit, die der Künstler vergebens befragt, die ein nächtlicher Zustand ist, gleichzeitig wunderbar und verzweifelt, wo jener, welcher der allzu reinen Kraft der Inspiration nicht widerstehen konnte, auf der Suche nach einem umherirrenden Sprechen bleibt.“ [2] Dieses umherirrende Sprechen, das kein Ende nehmen kann, nennt er auch die lange Nacht der Schlaflosigkeit.

Jeder Schlaflose kennt die geschärfte Aufmerksamkeit, die mit der Schlaflosigkeit einhergeht, dieses Gefühl einer eigenartig gesteigerten Produktivität, eine Mischung aus Aufgekratztheit und Luzidität. Schlaflosigkeit ist Hyperreflexion. Sie lässt einen Dinge verstehen, die die anderen nicht verstehen können, behauptet Emile Cioran, stolz, dass seine nächtlichen Martyrien nicht völlig umsonst waren: „Die Schlaflosigkeit stellt einen ausserhalb der Lebenden, ausserhalb der Menschheit.“ [3] Auch Levinas hat der Schlaflosigkeit solch eine Erschliessungsfunktion zugesprochen, doch betont er weniger das heroische Bewusstsein der Vereinzelung als ihren vorpersonalen Charakter: In der Nacht werde man von einem anonymen Seinsstrom überschwemmt, in dem nicht nur die Welt ihre objektiven Konturen, sondern auch das Bewusstsein seine Subjektivität verliere; in diesem Zustand sei der Schlaflose eher das Objekt als das Subjekt eines anonymen Denkens. [4] „Er kann nichts auslassen. Keinem Wesen, keinem Ding, keinem Phantom, keiner Spukgeburt eines menschlichen Hirns darf er seine Augen verschliessen. Es ist als hätten seine Augen keine Lider. Keinen Gedanken, der sich an ihn drängt, darf er von sich scheuchen, als sei er aus einer anderen Ordnung der Dinge. Denn in seine Ordnung der Dinge muss jedes Ding hineinpassen. In ihm muss und will alles zusammenkommen. [...] Denn dies ist das einzige Gesetz, unter dem er steht: keinem Ding den Eintritt in seine Seele zu wehren...“ [5] – Mit diesen Worten beschreibt Hugo von Hofmannsthal den inspirierten Dichter.

Ungeschützt wie er ist, zwischen Wachen und Schlaf, weder von den Anforderungen des Tages in Anspruch genommen noch in tiefe Träume versunken, eignet auch dem Schlaflosen eine „Sensibilität der gelösten Sinne“ [6], die im schlimmsten Fall zu einer Idiosynkrasie der Wahrnehmung ausarten kann: Die „Nerven sind ausserhalb der Haut, die Antennen weit ausgefahren. Man hat einen gläsernen Schädel, durch den ungehemmt und ungefiltert alles, alles! ins Gehirn dringt, was um einen herum vorgeht. Zu dem Schrott, den man nachts nicht los wird, weil man nicht schläft, gesellt sich eine Unmenge neuen Schrotts, und aller Schrott zusammen erzeugt einen Überdruck, der einen schreien lassen möchte.“ [7] All das, was der Schlaf lösen würde: all die Ängste, Grübeleien und Gewissenskonflikte muss er jetzt ausstehen; all die Fragen, die um das Rätsel des Ichs kreisen und sich schlafend erledigt hätten, werden nun virulent; die Gedanken an den Tod unausweichlich.[8] Und dann die Geräusche: „Wer nicht schläft, hört, dass er nicht schläft: unerklärliches Knarren, das Rufen von Tieren, die Liebesgeräusche im Hotelzimmer nebenan. Sogar das Telefon, das schweigt, wird zum Alarm der Einsamkeit. Das nächtliche Ohr ist ein tageswaches Organ des Bewusstseins. Und da sich, anders als das Auge, das Ohr nicht natürlich schliessen lässt, beginnt mit dem Dunkelwerden die Herrschaft der Klanggespenster.“[9] Selbst wenn es nichts bestimmtes gibt, so gibt es doch immer etwas: „Alles im Zimmer ist Schweigen, die Dinge scheinen ins Nichts zurückzukehren, die gespitzten Ohren indessen vernehmen in der Reglosigkeit ein befremdliches Rauschen. Es gibt nichts, aber diese Leere ist dicht, diese Stille ist laut, dieses Nichts ist bevölkert von winzigen Schauern und unbestimmbaren Detonationen; es gibt nichts als das Sein überhaupt, das unvermeidliche Murmeln des Es gibt.“[10]

Das erste Merkmal der Inspiration ist ihre Unerschöpflichkeit, schreibt Blanchot, „denn sie ist die Annäherung an das Ununterbrochene. Wer inspiriert ist – wer glaubt, es zu sein –, hat dieses Gefühl, dass er endlos sprechen, endlos schreiben wird.“ [11] Ihn überkommt die Illusion, „dass er über das Unverfügbare verfügen und, in diesem ursprünglichen Sprechen, alles sagen und allem Stimme und Sprechen geben kann.“[12] Ich glaube, dass dieser Eindruck insbesondere während der Schlaflosigkeit entsteht, weil die vorgängige Rede, das Rauschen oder Gemurmel des Seins in diesem Zustand am deutlichsten vernehmbar wird.[13] „Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen“, heisst es in Zarathustras Nachtlied. „Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.“

Im Buch der hellen Nächte haben Angelika Overath und Manfred Koch literarische Dokumente aus 3.000 Jahren Schlaflosigkeit zusammengestellt, bei dessen Lektüre natürlich auffällig ist, wie viele Dichter unter Schlaflosigkeit litten und aus ihren weissen Nächten poetische Funken zu schlagen vermochten. [14] Es scheint, als würden gerade Schriftsteller nachts in einen akustischen Schwindelraum geraten, nicht, weil sie im besonderen Masse auf den Klang der Sprache achten würden, sondern Schreiben (wie jegliche Rede) mit dem Hören beginnt und das Unsichtbare angespanntes Horchen provoziert: “It is to the invisible that listening may attend.“ [15] So kann André Gide nachts nicht aufhören zu sprechen, wiederholt etliche Male irgendwelche Satzglieder und liest wie in einem offenen Buch neue Texte, die er selber erfindet (in Gedanken, versteht sich). In Kafka ist allgemeiner und kaum zu ertragener Lärm. Im Bett wird er sich wieder all seiner dichterischen Fähigkeiten bewusst, „als hielte ich sie in der Hand; sie spannten mir die Brust, sie entflammten mir den Kopf, ein Weilchen wiederholte ich, um mich darüber zu trösten, dass ich nicht aufstand um zu arbeiten: Das kann nicht gesund sein, das kann nicht gesund sein und wollte den Schlaf mit fast sichtbarer Absicht mir über den Kopf ziehn.“ Und Nossack schreibt am 18. September 1951 in seinem Tagebuch:

„Spät nachts, wenn man von der Arbeit aufsteht, um sich endlich ins Bett zu legen, dann kommen immer diese Momente, in denen man endgültig aufgehört hat, Individuum zu sein, sondern nur noch klingendes Instrument für alle Gedanken ist, die in der Welt zahllos wie die Sterne umherschwirren und sich niederlassen möchten. Wer das zu Papier bringen könnte, der wäre kein Mensch mehr, der wäre ein Engel oder ich weiss nicht was. Aber es ist nicht möglich. Es sind ihrer zu viele, und sie sind zu rasch.“ [16]

Franz Kafka (Fotografie aus dem Atelier Jacobi, 1906).

Bild: Maurice Blanchot. / PD

Diese Zeugnisse legen in der Tat die Vermutung nahe, dass der besondere, für Überraschungen disponierte Wahrnehmungsmodus, den das In- und Gegeneinander von Schlaf und Wachheit hervorbringt, womöglich mehr Offenbarungen bereithält als der Traum: „Wenn der Traum seine eigene romantisch-surrealistische Poetik hat (‚Le poète travaille‘) und man versuchte, den Halbschlaf ästhetisch von der Logik des Traums abzugrenzen, so dürfte sich ergeben, dass, sehr grob gesagt, der Traum einem Prinzip der Verwandlung folgt, der Halbschlaf einem des Bruchs. In beiden berühren sich einander fremde Dinge, aber der Traum stiftet seine seltsamen Allianzen zwischen ihnen, der Halbschlaf reibt sie unbehaglich rau aneinander. Mit dieser ‚Brüchigkeit‘ ist der Halbschlaf noch näher als der Traum an der Funktionslogik des Phantastischen, fasst man dieses ästhetische Genre mit Todorov als eine Form des gezielten Bruchs zwischen zwei Realitätsebenen auf. Der Halbschlaf wäre dann in seinen harten Fügungen subversiver als der Traum, der mit eleganter Servilität alles in sein eigenes Ragout einzukochen versteht. [...] Er ist der Ort einer brutaleren Vermengung und Dissoziation, er arbeitet stärker als der Traum, der ja immer ‚erzählen‘ will und den Schlaf hüten muss, mit schroffer Montage.“ [17] Auch für Wolfgang Leuschner stellt das Einschlafgeschehen unsere wache Ordnung radikaler in Frage als der Traum, weil der Einschlafbeobachter die Wirklichkeit noch vor Augen hat und seine hypnagogen Halluzinationen in ihrer Abhebung zu gewöhnlichen Alltagserlebnissen begreifen kann [18]. In den Tiefen des Traums hingegen lässt sich keine Fiktions-/Realitätsprüfung mehr vornehmen; man ist – ausser bei luziden Träumen – in rahmenloser Immanenz gefangen. Für Freud mochte der Traum der Königsweg zur Erkundung des Unbewussten sein; heuristisch entscheidend ist jedoch der Übergang zwischen Schlafen und Wachen [19].

Offenbar ist die Nacht, deren Zeuge der Schlaflose wird, wie das weisse Blatt Papier, von dem Paul Valéry schreibt, dass es die tausend kleinen Geister zu ihren Spielen und Vermählungen aufreizt: Ihre Dunkelheit und Leere stünde so für die Unversehrtheit des Möglichen, die das dichterische Anfangen kennzeichnet und deren Zauber mit dem ersten Wort vernichtet wird [20]. Sie lässt einen sprachlichen Resonanzraum entstehen, in dem man sich für einen Augenblick im Besitz aller Wörter wähnt. Michael Krüger hat dieses Phänomen als „Rhetorik der Schlaflosigkeit“ bezeichnet: In diesem Zustand verfasse er unerhörte Briefe an die Herrscher der Welt, die allesamt nur in der Nacht Bestand haben – bei Tageslicht fallen sie kläglich in sich zusammen.[21]

Die Schlaflosigkeit produziert also etwas, das „Mehr“ ist als das Licht des Tages. Aber wie lässt sich dieser Überschuss einfangen?

Das unerschöpfliche Gemurmel, das den Übernächtigten fortreisst, kann, Blanchot zufolge, allein durch den Schlaf beschwichtigt werden: „Er [der Inspirierte] ist nur Schöpfer und handlungsfähig, im Sinne dieser Fähigkeit, die ihre Spur in der Welt hinterlässt, weil er zwischen sein Handeln und das Zentrum, von dem aus das ursprüngliche Sprechen strahlt, die Dichte eines Schlafes gesetzt hat: Seine Hellsichtigkeit ist aus diesem Schlaf gemacht.“[22]

Schlaf ist Sammlung, Begrenzung, Intimität mit dem Zentrum. „Dort, wo ich schlafe, fixiere ich mich und fixiere ich die Welt. Dort ist meine Person davon abgehalten, umherzuirren, nicht mehr instabil, ausgebreitet und zerstreut, sondern konzentriert in der Enge dieses Ortes, wo die Welt sich zurückzieht, den ich affirmiere und der mich affirmiert, ein Punkt, an dem sie in mir präsent ist und ich in ihr abwesend, durch eine wesentlich ekstatische Vereinigung.“ [23] In seinem Baudelaire-Essay erzählt Sartre von einer jungen Russin, die, sobald sie Müdigkeit verspürte, Aufputschmittel zu sich nahm: Sie konnte es einfach nicht ertragen, dass sie plötzlich von diesem unwiderstehlichen Drang gepackt und zu einem schlafenden Tier wurde. [24] In den Schlaf zu fallen ist jedoch kein Zeichen von Schwäche oder Selbstverlust, im Gegenteil: Erst wenn man sich ihm überlässt, wird man sich selbst zurückgegeben. „Der Schlaf bedeutet, dass man in einem gewissen Moment aufhören muss zu handeln, um zu handeln – dass ich in einem gewissen Moment, um mich nicht im Umherschweifen zu verlieren, innehalten muss, mannhaft die Instabilität des Möglichen in einen einzigen Haltepunkt verwandeln muss, gegen den ich mich aufrichte und mich wieder erhole.“ [25]

Marion Titze schlägt für den Schlaf ein lateinisches Wort vor, recessum, das einen abgelegenen Ort bezeichnet, aber auch zurücktreten, zurückweichen. [26] Der Schlaf ist ein Schlupfwinkel, ein „Rückzug im Vollen“ (Levinas). Wer ihn nicht findet, bleibt auf der Suche nach ihm und fällt dabei in tausend Gedanken und Nebengedanken auseinander. Sein Interesse fächert sich ins Weite auf. Anstatt in sich selbst hineinzukriechen, entfernt er sich, wie August Kreutzer, immer weiter vom Zentrum, alles wird ihm zur Peripherie, in seiner unendlichen Müdigkeit läuft er nur noch neben sich selbst her: „Er verpasst nichts mehr, er ist ja immer wach; aber auch immer müde, benommen, nie richtig wach, immer wach, aber falsch, immer falsch wach, bekommt das meiste nur halb oder kaum mit, übersieht mehr, als er sieht, kann, so viel er wahrnimmt, so wenig festhalten, alles ist gleich wieder weg, er unterscheidet und begreift nichts, steht nur daneben, neben allem, neben sich, und guckt daran vorbei.“ [27] Zum Schluss wird dieser Übernächtigte dann auch von einem Auto angefahren. Insofern ist es gerade der eherne Bruder von Thanatos, der uns im Leben hält, vollzieht ausgerechnet der Schläfer die Hypostase, also die Setzung des Subjekts auf einem festen Stück Erde. „Sich schlafen legen“, schreibt Levinas, „heisst nichts anderes, als sein Sein auf den Ort, auf die Setzung einzuschränken.“ [28]

Auch der Schriftsteller muss diese Setzung vornehmen. Wenn er das Unaufhörliche als Sprache vernommen, sich ihren Anforderung gestellt und in ihr verloren hat, muss er sie zum Aufhören bringen, um sie in diesem Aussetzen fassbar zu machen. [29] Er tut dies, indem er dem anonymen Geschehen der Sprache ein Mass auferlegt. Die Moral des Künstlers ist Sammlung, jenes schöpferische Gegenteil der Zerstreuung; sie ist Kraft zur Konzentration, der Entschluss zu Form, Gestalt, Begrenzung, Körperlichkeit, zur Absage an die Freiheit, die Unendlichkeit, an das Schlummern und Weben in raum- und zeitloser Nacht – „sie ist mit einem Wort der Wille zum Werk.“ [30] Doch wer zu sehr will, kriegt am Ende gar nichts: Wie der Schlaf lässt sich auch die Kunst nicht erzwingen. Sie erschöpft sich nicht in der Realisierung vorgezeichneter Möglichkeiten, da in jeder Dichtung etwas am Werk ist, über das der Dichter selbst nicht verfügt. Schreiben ist somit dem verpflichtet, „was nicht im Rahmen des Möglichen, Verfügbaren und Machbaren liegt und was weder konstruiert noch produziert werden kann.“ [31] Um von der Inspiration überfallen zu werden, muss man sehr schwach sein, das heisst: die Zeit verlieren, das Recht zu handeln und die Fähigkeit, zu tun. [32] Erst dann bricht der Schriftsteller mit dem, was sein Schreiben inspirierte, macht sich durch seine schweigende Vermittlung zum Echo dessen, was nicht aufhören kann zu sprechen. Der Ungeduldige wird nur weiterhin in einer unendlichen Werklosigkeit umherirren, sich wie der Schlaflose hin- und herwenden – „auf der Suche nach jenem wahren Ort, von dem er weiss, dass er einmalig ist und dass die Welt allein an diesem Punkt von ihrer schweifenden Unermesslichkeit ablassen wird.“ [33]

Es gibt einen kleinen Trick, um wieder schlafen zu können: Sich vorzunehmen, diese Nacht wach zu bleiben, und vielleicht gilt diese Hingabe an die Schlaflosigkeit auch für verzweifelte Schriftsteller: Das Unmögliche zu beschliessen, nämlich mit dem Schreiben, diesem Unaufhörlichen, endlich aufzuhören, im Raum der Werk- und Wertlosigkeit [34] auszuharren und in diesem Scheitern zu hoffen, dass dort, wo man sich bis zum Grunde zerstört fühlt, die Tiefe entspringt, „welche die Möglichkeit der grössten Schöpfung an die Stelle der Zerstörung setzt.“ [35] – „Wenn es nicht diese grauenvollen, schlaflosen Nächte gäbe“, so Kafka, „würde ich überhaupt nicht schreiben.“ [36]

M. A. Sieber

[1] Maurice Blanchot, Der Literarische Raum, Zürich 2012, S. 19f.

[2] A.a.O., S. 188. Blanchots Inspirationsbegriff erinnert hier an die antike Auffassung der Melancholie als einem gegensätzlichen Seelenzustand, der einerseits den Keim des Fruchtbaren in sich trägt und andererseits in einem äusserst quälendem Ausmass unfruchtbar sein kann. „Melancholie funktioniert so als schwermütige Hemmung des Kreativen und als Aufweis des schöpferischen Potentials in der Schwermut“ (Christian Kläui, Melancholie: ein in sich gegensätzlicher Begriff, in: André Michels/Peter Müller/Achim Perner/Claus-Dieter Rath (Hg.), Jahrbuch für klinische Psychoanalyse Bd. 5. Melancholie und Depression, Tübingen 2003, S. 11–29, hier: 17).

[3] Zit. n. Ludger Lütkehaus, „Der Menschenfeind – Ein rumänischer Fall Heidegger? Zum hundertsten Geburtstag des Philosophen Emile Cioran“, in: Badische Zeitung vom 16.04.2011. Inwieweit die Schlaflosigkeit konstitutiv für Ciorans Philosophieren war, illustriert vor allem folgende Passage aus seiner Anrufung der Schlaflosigkeit; dort schreibt er: „keine Idee kann Trost sein im Dunkel, kein System hält den durchwachten Nächten stand. Unter der Analyse der Schlaflosigkeit fallen die Gewissheiten auseinander.“ (E. M. Cioran, Lehre vom Zerfall, 7. Aufl. Stuttgart 2010, S. 205)

[4] Vgl. Emmanuel Levinas, Vom Sein zum Seienden, Freiburg/München 2008, S. 79f.

[5] Hugo von Hofmannsthal zit. n. Blanchot, a.a.O., S. 186.

[6] Fabian Goppelsröder, „Aisthetik der Müdigkeit“, in: Kathrin Busch/Helmut Draxler (Hg.), Theorien der Passivität, München 2013, S. 130–141, hier: 134. Rudolf Bilz bezeichnet diese Sensibilität im hypnagogen Zustand als paradoxe Schwellenerniedrigung, bei der es zu erstaunlichen Sinnesleistungen – etwa periakutischer Art – kommen kann, welche die Norm der Tagesleistung erheblich übertreffen (vgl. Rudolf Bilz, Schlaflosigkeit und Traum, in: Die Medizinische Nr. 45 (1959), S. 2141–2147, hier: 242).

[7] So äussert sich Jacqueline Zünd, die Regisseurin von Goodnight Nobody (Switzerland/Germany 2010), im Pressetext zu ihrem Dokumentarfilm über Schlaflose.

[8] Wolfgang Leuschner weist darauf hin, dass die sich aufdrängenden Todesgedanken vor allem daher rühren, dass die Subjekt-Einheit während des Einschlafens fragil wird und sich Körper und Ich-Grenzen immer mehr auflösen (vgl. Leuschner Wolfgang, Einschlafen und Traumbildung. Psychoanalytische Studie zu Struktur und Funktion des Ichs und des Körperbildes im Schlaf, Frankfurt am Main 2011, S. 46).

[9] Angelika Overath/Manfred Koch, „3.000 Jahre Schlaflosigkeit“, in: Brigitte woman 03/2008, S. 128.

[10] Alain Finkielkraut zit. n. Ulrich A. Müller, „Nachtränder. Vom Entsetzen des Schlafs zum Gesetz des Tods“, in: FRAG.MENTE. Schriftenreihe zur Psychoanalyse 39 (1992) 40, S. 97–121, hier: 103.

[11] Blanchot, a.a.O., S. 187.

[12] Ebd.

[13] Immer wieder berichten Schlaflose davon, dass nachts, wenn sie im Bett liegen, eine Stimme in ihnen zu sprechen beginne, die sich einer bewussten Steuerung entziehen würde. Mit Rudolf Bilz könnte man dieses Phänomen als Tendenz zur Verwilderung bezeichnen: „Man begegnet im Prozess des Übergangs gewöhnlich der sog. „Hypnagogen Verlebendigung der Gedanken“. Die sprichwörtliche Blässe der Gedanken gewinnt in den hypnagogen Bereichen Blut und Leben. Jeder Vorstellung kommt ein Wortcharakter zu, da alle Relationen, abgesehen von einigen Ausnahmen, bestimmt aber alle Dinge Namen haben. Es kann geschehen, dass der auditive Gehalt der Gedanken in den hypnagogen Bereichen hörbar wird. Das sind die akustischen Scheinwahrnehmungen, denen wir im Vorgang des Einschlafens begegnen, wobei es sogar den Vorgang einer Verfremdung gibt, denn es kann dabei der Eindruck aufkommen, dass eine fremde Stimme das Wort oder den mehr oder weniger agrammatischen Satz ausspricht. Unsere eigenen Gedanken werden gleichsam von fremden Menschen ausgesprochen.“ (Rudolf Bilz, Psychotische Umwelt. Versuch einer biologisch orientierten Psychopathologie, Stuttgart 1981, S. 34).

[14] Daraus aber zu schlussfolgern, dass die Schlaflosigkeit tatsächlich eine Berufskrankheit der Dichter darstellen würde, übergeht vorschnell, wie unterschiedlich die Autoren sind: Im Gegensatz zu Kafka war Thomas Mann zum Beispiel ein guter Schläfer. Er hat ausserdem nur tagsüber, am hellen Vormittag geschrieben, während es Kafka beim Schreiben nicht Nacht genug sein konnte. Inwieweit sich die verschiedenen Produktionsbedingungen im Werk eines Schriftstellers widerspiegeln, lässt sich an dieser Gegenüberstellung gut illustrieren: Kafka wollte schreiben wie er träumte, er war ganz von dem Ideal einer traumartig fliessenden Imagination beherrscht und seine verstörenden Erzählungen zeugen von ihrer nächtlichen Herkunft. Canetti unterstellt Thomas Mann hingegen, dass er in seinen siegreichen und verständigen Arabesken immer weiss, was er meint und es nur zum Schein umkreist (vgl. Elias Canetti, Über die Dichter, München/Wien 2004, S. 95).

[15] Don Ihde, Listening and Voice: A Phenomenology of Sound, 2. Aufl. New York 2007, S. 14. Heinz-Gerhard Friese nimmt an, dass die Nacht, in der alles unsichtbar wird und Gesten ins Dunkle laufen, die eigentliche Heimat der Sprache ist, da das, was gesprochen werden soll, ebenfalls aus dem Unsichtbaren stammt und sich auf Nicht-Zeigbares bezieht (vgl. Heinz-Gerhard Friese, Die Ästhetik der Nacht. Eine Kulturgeschichte, Reinbek bei Hamburg 2011, S. 87.

[16] Zit. n. Manfred Koch/Angelika Overath (Hrsg.), Schlaflos: das Buch der hellen Nächte. Ein literarisches Notturno für Schlafsuchende und Wache, Lengwil 2002, S. 236, 238f. u. 243.

[17] Joachim Kalka, Der Halbschlaf. Poetik einer ungewissen Zone, in: Neue Rundschau 113 (2002) 3, S. 16–27, hier: 18f.

[18] Vgl. Leuschner, a.a.O., S. 182f. Ein schönes Beispiel dafür liefert Rudolf Bilz, Von der hypnagogen Umwelt – Betrachtungen zu unserem Einschlaferleben, in: Zeitschrift für Psychologie 155 (1943), S. 259–264.

[19] Vgl. Goppelsröder, a.a.O., S. 132.

[20] Paul Valéry, Das weisse Blatt, Frankfurt am Main 1968.

[21] „60 Jahre SINN und FORM: Metaphysik der Schlaflosigkeit.“ Gespräch vom 2. Dezember 2009 mit Matthias Weichelt, Thomas Hürlimann, Sebastian Kleinschmidt und Michael Krüger.

[22] Blanchot, a.a.O., S. 190.

[23] A.a.O., S. 278f.

[24] Vgl. Jean-Paul Sartre, Baudelaire, Reinbek bei Hamburg 1978, S. 69.

[25] Blanchot, a.a.O., S. 279.

[26] Marion Titze/Paco Knöller, Schlaf, Tod und Traum: Lithographien, Berlin 2007.

[27] Albrecht Selge, Wach, Berlin 2011, S. 230.

[28] Levinas, a.a.O., S. 85. Den Gedanken, dass Schlaf für die Subjektivität konstitutiv ist, hat Alexei Penzin folgendermassen kommentiert: „Schlaf ist nicht das Verschwinden des bewussten Subjekts, des ‚Ich‘, sondern sein Fundament, seine Verortung und möglicherweise gar seine Rettung. Wie Lévinas andeutet, würden unterbrochenes Wachsein und Bewusstsein von der Gegenwart der Dinge um uns herum das subjektive Dasein unerträglich machen. Als Entkoppelung und Ausschalten des Apparats unserer Intentionalität ist Schlaf ein Intervall beziehungsweise Zwischenraum, eine Möglichkeit menschlicher Subjektivität, die in die nicht menschliche Welt gänzlich schlafloser Wesen und einer ontologischen ‚Schlaflosigkeit‘ eingefaltet ist.“ (Alexei Penzin, Rex Exsomnis. Schlaf und Subjektivität in der kapitalistischen Moderne. Kassel 2012, S. 20f.)

[29] Blanchot, a.a.O., S. 31.

[30] Thomas Mann, „Süsser Schlaf“, in: Über mich selbst. Autobiographische Schriften, Frankfurt am Main 1983, S. 155–161, hier: 159.

[31] Kathrin Busch, „Elemente einer Philosophie der Passivität“, in: Theorien der Passivität, a.a.O., S. 14–31, hier: 30.

[32] Blanchot, a.a.O., S. 188.

[33] A.a.O., S. 278.

[34] Dieses Wortspiel ist eine Zugabe der deutschen Übersetzung Blanchots: Im selben Absatz spricht er davon, dass sich der Künstler einer wesentlichen Werklosigkeit („désoeuvrement essentiel“) aussetzen und – wenig später – im Raum dieser Wertlosigkeit („l’espace de ce sans valeur“) ausharren muss (vgl. Maurice Blanchot, L’espace littéraire, Paris 1982, S. 247f.).

[35] Blanchot, a.a.O., S. 59. Blanchot zeigt am Beispiel Kafkas, dass er genau an dem Punkt, wo er glaubt, nicht mehr schreiben zu können und sich im Zustand völliger Selbstauflösung befindet, „den Schwerpunkt der Anforderung zu schreiben erkannt hat.“ (ebd.) Paradoxerweise ist somit das Nicht-mehr-schreiben-Können „die Möglichkeitsbedingung dafür [.], über die eigenen Möglichkeiten hinauszugehen.“ (Busch, a.a.O., S. 30)

[35] Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka. Aufzeichnungen und Erinnerungen, Frankfurt am Main 1968, S. 32.

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