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„Nanotechnologie ist nicht das Problem“

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Über Nanotechnologie und die anti-industrielle Bewegungen „Nanotechnologie ist nicht das Problem“

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Gesellschaft

Ein Interview mit Camille* (Name geändert), Grenoble, über Nanotechnologie, anti-industrielle Bewegungen und Widerstand.

CEA-Leti, Forschungsinstitut für Elektronik und Informationstechnologie mit Sitz in Grenoble.
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CEA-Leti, Forschungsinstitut für Elektronik und Informationstechnologie mit Sitz in Grenoble. Foto: Dr. Bernd Gross (CC BY-SA 4.0 cropped)

Datum 10. Juli 2014
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Lesezeit22 min.
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KorrekturKorrektur
ab:
Hallo. Kannst du vielleicht zuallererst kurz erklären, was Nanotechnologie überhaupt ist?

Camille:
Nano ist einfach ein Massstab wie Meter, Zentimeter, Millimeter. Nano ist eine ganz kleine
Ebene, die Ebene der Atome. Alle Nanotechnologien
arbeiten auf dieser Ebene. Es gibt zwei Systeme, um
die Materie zu bearbeiten: Die „TopDownTechnik“
und die „BottomUpTechnik“. Die „TopDownTechnik“
zerschneidet die Materie in immer kleinere Atomstücke, um diese zu isolieren. Bei der „BottomUpTechnik“ werden zuerst Atome isoliert und dann wieder
zusammengebaut um daraus grössere Dinge herzustellen. Eines der bekannteren Werkzeuge, um die Atome
zu isolieren und zu verschieben, um sie neu zusammenzusetzen, ist das Tunnelmikroskop. Ein Bild, das oft zur
Erklärung verwendet wird, ist Lego: Die Atome sind
die Bausteine, mit denen etwas gebaut werden kann.
Die Nanotechnologie eröffnet viele so genannte neue
Möglichkeiten für Physik und Technologie, weil es auf
dieser Ebene zwischen Lebendem und Bewegungslosem, zwischen biologischorganischen Dingen und
Mineralen oder Steinen keinen Unterschied gibt. Auf
dieser Ebene sind es die gleichen Atome. Deswegen
kannst du Mischungen zwischen organischen und anorganischen Dingen machen, zum Beispiel kannst du ein
Protein mit einem mechanischen System mischen, um
die Proteine im Körper zu steuern.

ab:
Ist Gentechnik dann eine Nanotechnologie?
Camille:
Nicht unbedingt. Es kann eine Nanotechnologie sein, aber du kannst auch ein paar Dinge auf
der Ebene der Moleküle machen, also mit biologischen
Techniken, die keine Nanotechnologie sind.

ab:
Also eigentlich kann Nanotechnologie in allen
Technologien angewendet werden, es ist nur eine andere Ebene?

Camille:
Ja. Und ein ganz besonderer Schritt ist, die
Mischung zwischen lebender und unbelebter Materie.
Ein anderer Punkt ist: Natürlich, du kannst ein Legospiel machen, um kleine Moleküle zu bauen, aber die
sagen, dass sie damit zum Beispiel ganze Bäume bauen wollen. Wenn du nur dieses Mikroskop dafür hast
und jedes Atom einzeln mit dem nächsten zusammenfügst, dauert das wirklich lange. Um diesen Prozess
also schneller zu machen, studieren sie die Biologie
und haben gelernt, kleine Moleküle autonom zu machen. Das heisst auf französisch „AutoReplication“,
SelbstReproduzierung; die Idee ist, Moleküle zu
schaffen, die fähig sind, sich selbst zu reproduzieren.
Damit können sie viel schneller Dinge produzieren.
Das wird „AutoReplikation der Materie“ genannt. Die
Idee dabei ist wieder, diese Mischung zwischen Technik, Biologie und Mechanik zu nutzen.

Das grosse Interesse dahinter ist, dass sich ganz kleine
Dinge bauen lassen, die besser und schneller funktionieren, mit mehr Informationen. Also zum Beispiel
kleinere Chips für Computer, die schneller kalkulieren
können, aber zum Beispiel auch Farbe, die fähig ist,
das Licht direkt in Wärme zu verwandeln. Oder Dinge, die ihre Farbe durch Licht, Temperatur, durch Ton
oder was weiss ich ändern können. Oder es lässt sich
Kleidung herstellen, die besser warm hält, aber nie
nass oder schmutzig wird und so weiter. Du kannst dir
viel damit vorstellen und es gibt natürlich viele Firmen,
die das machen. Also zum Beispiel können die auch
intelligenten Matsch herstellen; wenn ein „böser Terrorist“ oder eine andere Armee durch diesen Matsch
läuft, haben sie diesen Matsch an den Schuhen und
damit kannst du die Leute verfolgen. Weil sie Nanotechnologie in den Matsch gebaut haben,
die Informationen senden kann... Auch in
der Neurobiologie gibt es viele Möglichkeiten, Nanotechnologie einzusetzen. In
Grenoble gibt es zum Beispiel ein Labor,
in dem viel mit Neurowissenschaften gearbeitet wird.

Die Leute, die dort arbeiten, haben gesagt, sie könnten vielleicht
NanoNebel schaffen, um Emotionen
zu kontrollieren. Am Anfang haben sie
gesagt: „Das ist gegen Essstörungen. Mit
Nanotechnologie und Neurobiologie können wir die
Behandlungsmethoden ändern. Oder wenn Leute zu
aufgeregt oder panisch sind, können wir einfach ein
Spray entwickeln, von dem sie wieder ruhig werden.“
Also wie Psychotropfen, die durch die Luft und nicht
mehr durch Tabletten aufgenommen werden... das ist
nicht nur Nanotechnologie, das ist auch Chemie und
vieles andere. Die Idee ist, dass die Nanotechnologie
die Ebene ist, auf der alle Wissenschaften zu einer
werden: Chemie, Biologie, Physik auf der Nanoebene ist das alles das gleiche. Es gibt Leute, die sagen:
„Das ist eine wissenschaftliche Revolution, weil wir
endlich eine Synthese oder Symbiose machen können
auf der Wirtschaftsebene.“

ab:
Werden diese Sachen schon angewendet?
Camille:
Schon lange. Am Anfang war das die Atomphysik und die haben schon in den 50er, 70er Jahren
angefangen, daran zu forschen. Seit den 90ern haben
sie grosse Fortschritte gemacht.

ab:
Mir kommt es neu vor, dass darüber gesprochen
und geschrieben wird. Aber vielleicht hat das nicht soviel damit zu tun.

Camille:
In Grenoble zum Beispiel ist das unsere besondere Geschichte. In Grenoble gibt es seit Ende des
19. Jahrhunderts eine ganz tiefe Verbindung zwischen
Militär, Industrie und öffentlicher Forschung, also dem
wirtschaftlichen Standort. In unserer Region wurden
und werden neue Technologien besonders stark und
schnell entwickelt. Immer tief verbunden mit Krieg und
Militär. Ich glaube seit 1945 gibt es in Grenoble das
zweite AtomForschungszentrum in Frankreich. Grenoble hatte immer dieses Image, dass sie die besten
sind, was Innovation angeht. Seit den 80ern haben
die gesagt: „Okay, Atomkraft ist nicht unser Hauptthema, jetzt müssen wir zu Nanotechnologie arbeiten, weil das noch besser für unseren Standort ist.“

Natürlich haben sie immer noch auch einen Reaktor
und arbeiten zu Atomkraft und so. Aber sie haben
ihre eigene Reputation, die sich über die Innovation
konstruiert. In dieser lokalen Tradition gibt es mehr
Verbindungen zwischen Stadt, Wirtschaft und Industrie
und Militär als in anderen Regionen. Weil das wie ein
Herstellerzeichen ist. Sie haben auch die öffentlichen
Forscher_innen dazu ermutigt, ihre eigenen Unternehmen zu gründen, das heisst StartUpUnternehmen.
Sie haben diese Unterscheidung gemacht zwischen
StartUp, privat StartUp, aber direkt verbunden mit
städtischen Laboren.
Wie im Silicon Valley.
Normalerweise ist das
in Frankreich nicht so
eng verbunden. Also
immer ein bisschen,
aber nicht so eng. Und
deshalb haben sie auch
grosse Firmen neben
der Stadt angelegt...

ab:
Heisst das, die privaten Firmen kaufen das Wissen
von den städtischen Laboren?

Camille:
Nicht wirklich, weil es sind teilweise die
Forscher_innen, die die StartUps gründen. Also ist
nicht ganz klar, wer was kauft. Und sie investieren
viel in den Aufbau der Firmen öffentliche Gelder,
viele Investitionen, die indirekt in die Industrie fliessen.
Aufgrund dieses Kontextes gibt es auch mehr Protest
und Kritik. Die AntiAtomBewegung war teilweise
wichtig in dieser Region, und es gibt viele Initiativen,
die hier entstanden sind, weil hier das Zentrum für
Atomenergie war und es mehr militante Aktivist_innen
gab, die dagegen waren. Und es war auch ein Teil
der militanten Bewegung gegen die Atomenergie,
die sich später gegen die Gentechnik richtete, gegen
die industrielle Agrarwirtschaft, gegen chemische
Verschmutzung in der industriellen Agrarwirtschaft.
Diese Leute waren auch die Ersten, die Ende der
90er sagten: “Ah, es gibt auch Nanotechnologie!“
Wir haben Anfang der 2000er viel mit diesen Leuten
gearbeitet, um dieses Thema öffentlich zu machen.
Wir haben viel, viel geschrieben und Demos gemacht
und öffentliche Momente geschaffen, um das Thema
Nanotechnologie öffentlich zu machen.
ab:
Weil es zwar diese grosse Industrie gab, aber gar
keine Öffentlichkeit?

Camille:
Ja, gar keine. Also im Jahr 2000, wenn du
da mit Leuten auf der Strasse gesprochen hast, wussten die gar nicht, was Nanotechnologie ist. Und fünf
Jahre später wussten sie, was das ist und auch, dass
die Mietensteigerungen in Grenoble damit verbunden
waren. Unsere Arbeit war nicht nur zu sagen: „Okay,
Nanotechnologie ist schlecht, weil das Verschmutzung
verursacht und so weiter“, sondern auch zu sagen:
„Das ändert unsere ganze Organisation um zu leben.“
Zum Beispiel braucht diese Industrie viele Ingenieur_innen und Techniker_innen und so viele Leute,
die einen hohes Gehalt verdienen. Und deswegen ist
es nicht mehr möglich, eine billige Wohnung in Grenoble zu finden. Das ist total miteinander verbunden.
Die ganze Stadt arbeitet dafür, diese Leute hier her
zu bringen. Zum Beispiel
auch wir sind in den
Alpen diese ganze Politik
mit den Skistationen und
Kulturevents... alles ist für
diese Leute gemacht. Und
auch die Verdrängung der
armen Leute aus der Stadt
das passiert, um eine
Stadt zu schaffen, in der
die Ingenieur_innen leben
wollen. Dafür haben wir
auch viele Untersuchungen,
viele Interviews gemacht,
auch mit den Leuten, die
dafür verantwortlich waren, um zu verstehen, an welchem Punkt das wirklich
gezielte Politik war, um nicht nur zu sagen: „Das ist ein
Prozess, der von ganz alleine funktioniert, sondern das
ist wirklich gezielte Politik.“

Zum Beispiel sind in Grenoble alle Bürgermeister_innen auch Ingenieur_innen, haben StartUps gegründet,
ein Teil von ihnen ist mit der Armee verbunden und
ein anderer Teil hat mit öffentlichen Untersuchungen
zu tun. Wir hatten besetzte Häuser in Grenoble und
wenn du ein Konzert in so einem besetzten Haus
gemacht hast, mit einer Punkband, konntest du sicher
sein, dass mindestens eine von fünf Personen Physikstudent_in oder Informatikstudent_in ist. Es gibt einfach
viele, viele Leute, die dafür arbeiten. In Grenoble
wohnen 400 000 Menschen und etwa 100 000 Leute
arbeiten direkt in dieser Branche, das heisst ein Viertel
der Stadt ist direkt damit verbunden oder arbeitet in
StartUpFirmen oder an der Uni, oder... Das ist kein
Komplott, aber das ist eine massive Realität.

ab:
Ich habe den Eindruck, dass mich manches, was du
erzählt hast, an den Anfang der Atomforschung erinnert hat, dass gesagt wird: „Ja, wir machen das, um
die Umwelt zu schützen, um weniger Verschmutzung zu
verursachen...“. Und mit diesen Nanotechnologien sagen Leute: „Ja, wir können eine neue Welt schaffen,
wir können Ressourcen sparen, das ist gut für alle, wir
können das dezentral machen, allen geht es besser.“

Camille:
Ja, aber es gibt verschiedene Ebenen, auf
denen diese Industriewelt, diese Technologien, Hightechnologien, Nanotechnologie kritisiert werden kann.
Es gibt die erste Ebene, rein ökologisch zu kritisieren:
„Nanotechnologie verursacht auch Verschmutzung
oder zumindest wissen wir das nicht.“ Zum Beispiel
sind wir nicht sicher, ob diese Technologie nicht giftig
für den Körper ist. Oder diese Idee der SelbstReproduktion: wenn du die nicht kontrollierst, kannst du alles
zerstören. Also wenn es zum Beispiel einen Prozess
gibt, der zu schnell verläuft und zu viel Hydrogen verschlingt, um sich zu entwickeln, kann man den Prozess
nicht mehr kontrollieren und das kann alles zerstören.
Es gibt Leute, die befürchten das. Und es gibt niemand, der das beantworten kann.
Die zweite Ebene der Kritik ist, zu
sagen: „Okay, jede Technologie
wird entwickelt, um die Probleme
der letzten Technologie zu lösen
und produziert neue Probleme.
Wir versuchen, immer schneller
und weiter zu rennen, aber das
löst nichts, sondern produziert
immer mehr Probleme. Und das
auf einer Ebene, auf der die
Leute immer weniger kontrollieren können, was passiert.

Wir
können immer weniger verstehen,
was passiert und es gibt immer
weniger Expert_innen, die alles
kontrollieren können.“
Es gibt auch Leute, die sagen: „Das ist je nach Technologie unterschiedlich. Alle können heute einen Computer haben oder einen 3DDrucker und das schaffe
wieder Räume, in denen du Kontrolle hast.“
Also das ist die zweite Ebene, zu sagen: Nicht die Nanotechnologie, Atomkraft oder Genmanipulation sind
speziell das Problem, sondern das Erschaffen immer
neuer Technologien, um Probleme zu lösen. Wir haben
uns darin total verlaufen.
Dann gibt es noch das Argument des „Point of no
return“, das heisst, wenn du ein paar Schritte in eine
Richtung gemacht hast, kannst du das nicht wieder
rückgängig machen. Zum Beispiel mit Atomkraft das
geht nicht. Wir haben jetzt diese Atomprobleme
und selbst wenn wir morgen die Atomkraft stoppen,
würden wir noch eine Armee brauchen, um diesen
Atommüll über viele, viele Jahre zu kontrollieren. Eine
Idee ist, jetzt zu stoppen und nicht immer schneller zu
gehen, um erst zu verstehen, was passiert. Denn sonst
wird es zu spät sein.

Dann gibt es noch eine andere Ebene der Kritik. Es
gibt viele Leute, die sagen:“Okay, es gibt Technik, eine
Technologie, und es gibt gute Nutzung und schlechte
Nutzung.“ Also in anderen antiindustriellen
Bewegungen in Frankreich gibt es viele Leute, die
denken, dass Technologie und Technik nicht neutral
sind, dass das nicht nur eine Frage der guten oder
schlechten Nutzung ist. Diese Kritik sagt: Es gibt
Technologien, die führen die Welt in eine bestimmte
Richtung. Zum Beispiel kann man nicht sagen: „Okay,
es gibt Atomkraft und damit können wir gute oder
schlechte Dinge machen.“ Es ist schon eine schlechte
Entscheidung, Atomkraft zu erschaffen. Die Kritik geht
dahin, zu sagen: „Wir können diese Technologien
nicht ohne Kapitalismus und ohne Militärkraft schaffen.“ Deshalb ist es auch wichtig, alles zusammen zu
kritisieren und sich nicht nur auf eine einzelne Sache
zu fokussieren, das hat keinen Sinn.

Wir müssen die
Genealogie zwischen Militärkraft und Wissenschaft
wieder machen, um zu verstehen: Wo ist das Geld?
Wofür? Und was ist die Propaganda?
Ich habe aber auch viel Kritik an der antiindustriellen
Bewegung in Frankreich. Ich glaube sie ist nicht eng
genug verbunden mit anderen Thematiken, besonders
mit materialistischen Thematiken; also das heisst mit
sozialen und Klassenfragen, mit Feminismus, materialistischem Feminismus und Antirassismus und so. Deshalb
hat die antiindustrielle Bewegung ganz oft nicht genug Pragmatismus. Oder sie sieht den antiindustriellen
Kampf als prioritär, wie andere Leute Antikapitalismus
als total prioritär sehen. Ich denke, es ist interessanter
diese ganzen Bewegungen zusammen zu sehen, das
heisst auch, das Paradoxe zu denken. Ganz oft sagen
Leute, dass Feminist_innen oder Antispeziezist_innen
oder was weiss ich nicht antiindustriell sein können,
Punkt. Da gibt es einen Antagonismus und das ist nicht
so interessant.

ab:
Gab es nur in der Gegend von Grenoble oder in
ganz Frankreich Proteste?

Camille:
Also es gibt unterschiedliche Tendenzen.
Es gibt Leute in vielen unterschiedlichen Regionen,
die sich antiindustriell nennen. Und dann gibt es
jeweils Besonderheiten. In Grenoble gibt es diese
UntersuchungsKultur der Aktivist_innen, die wirklich
eine besondere Arbeit gemacht haben, um sagen zu
können: Wer arbeitet wo, wer
ist auf welche Schule gegangen, wer ist mit wem verbunden;
ja, um alles zu benennen. Wie
journalistische Untersuchungen. In
anderen Regionen haben Leute
mehr auf einem philosophischen,
auf einem theoretischen Niveau
dazu gearbeitet und über die
IndustrieGesellschaft gesprochen
und das mit Technologien verknüpft, mit Biotechnologie, Videoüberwachung und RFIDChips
für Tiere oder Menschen.

Aber
das waren weniger lokale Untersuchungen, um Leuten
wirklich zu sagen: „Okay, sie arbeiten hier und sie
sind verantwortlich und jeden Tag, wenn ihr in dieser
Strasse seid, seht ihr das Gebäude dieser Firma und
dieses Labor.“ Was für mich in diesen zehn Jahren an
dieser Untersuchungspraxis interessant war, ist, dass
wir nicht moralisch oder essentialistisch waren und
gesagt haben: „Wir sind gegen Wissen“ oder „Wir
sind für Natur und was ihr macht zerstört unsere Idee
der Natur“ oder so. Wir waren mehr pragmatisch und
konkret. Und weil wir so tief in diese Untersuchungen
involviert waren, konnte niemand sagen, dass wir über
etwas reden, von dem wir keine Ahnung haben. Niemand konnte sagen, dass wir nicht in der Lage sind,
präzise über das Thema zu sprechen, niemand konnte
sagen, wir hätten keine Lust, alles zu verstehen und ja,
es war klar, dass wir Wissen mögen. Es ist kompliziert,
weil ein Teil der Leute, die dazu gearbeitet haben, in
den letzten Jahren Positionen bezogen haben, die ich
problematischer finde.

ab:
Theoretische Positionen?

Camille:
Politische. Das sind bestimmte Personen, aber
es ist schwierig, die Trennung zu machen, zwischen
einer Bewegung und den Momenten, in denen Ideen
produziert werden; es gibt Personen, die in dieser Dynamik nationalistischere, naturalistischere, homphobe
und antifeministische Positionen eingenommen haben.
Aber das sind bestimmte Personen und das ist eine
bestimmte Periode. Ich denke, es gibt gleichzeitig auch
interessante Ideen. Aber diese antiindustrielle Position
schafft auch Platz für reaktionäre Theorien. Das ist
kompliziert. Ich denke, das ist genauso, wie in Bezug
auf die Umweltbewegung, die schafft auch Platz für
reaktionäre Positionen.

ab:
Ich denke, das was du gesagt hast, stimmt. Es geht
nicht nur um ein Thema, sondern um ganz viele. Ich
frage mich manchmal: Wie den Ansatzpunkt wählen
für eine grössere Kritik? Denkst du, Nanotechnologie
ist ein guter Punkt, von dem man ausgehen kann, um
mit Leuten auch über andere Dinge zu reden?

Camille:
Ich glaube das ist eine Frage des Kontextes.
Bei uns in Grenoble ist es ein guter Punkt, weil die
Leute so tief darin involviert sind. In einer andere
Region hätten
wir vielleicht
einen anderen
Punkt gewählt.
Für mich ist
das nicht das
Wichtigste
auf der Welt.
Aber in meiner Region ist
das ein guter
Ansatzpunkt,
das ist schon
eine Strategie. Und was ich gar nicht mag an dieser antiindustriellen Bewegung, sind Leute die sagen: „Das ist unsere
Priorität“, mit dem moralischen Standpunkt: „Ihr seid
uninteressant, weil ihr Feministinnen seid und das gar
nichts mit der antiindustriellen Bewegung zu tun hat.“
Ja, das ist wirklich eine innere, persönliche und kollektive Strategie im Kontext. Ich finde es immer interessant, alle Themen zu thematisieren. Und das heisst
auch, wenn zum Beispiel Leute in Lausanne denken,
das wäre nicht ihr Thema, weil das nicht ihre eigene
lokale aktivistische Kultur ist plötzlich, wenn wir das
thematisieren, merken sie, dass es Firmen gibt, die
damit zu tun haben. Ich will nicht, dass Leute in Lausanne dieses Thema unbedingt als erstes Thema wählen, aber ich finde es einfach cool, das zu sehen. Und
ich würde sagen, es ist immer auch eine Frage, wo du
als Person stehst. Ich bin jetzt tiefer in andere soziale
Bewegungen involviert; als Feministin und in Bezug auf
Wohnungsfragen und so, weil: meine Allianzen sind
da. Und nicht mit Ingenieur_innen oder coolen Student_innen oder was weiss ich...

ab:
Gibt es noch viele Feministinnen, die sich damit
beschäftigen?

Camille:
Ich würde
sagen, dass dieses
Thema, Technologie, Hightechnologie, in Grenoble so
wichtig war, dass
es ein besonders
grosses feministisches Milieu in
gibt. Aber allgemein in der
radikalen feministischen Szene
glaube ich, gibt es
nicht so viel Kritik
an Technologie und
Industrie und das
ist schon problematisch. Weil das auch bedeutet, dass
dieser industrielle Kapitalismus Feminismus instrumentalisiert, um zum Beispiel zu sagen: „Ah ja, Technologie
ist gut für die Emanzipation der Frauen. Damit sie ihre
Körper besser kontrollieren können und so weiter“
und das ist auch wahr. Wie zum Beispiel: Arbeit ist gut
für die Emanzipation der Frauen. Und ich bin dafür,
aber ich bin auch gegen Arbeit. Das ist immer dieser
komplizierte Standpunkt, zu sagen: „Ja, natürlich, ich
bin dafür, dass die Frauen und alle Leute ihre eigenen Körper mehr kontrollieren können, aber “. Und
dann gibt es Leute in der antiindustriellen Bewegung,
die sagen: „Ah, die Feministinnen sind schrecklich, die
wollen alles kontrollieren und das ist die Ideologie der
Industrie, die Welt zu kontrollieren. Und wir sind als
Menschen so klein und wir wollen nicht vergessen, dass
die Natur so gross ist und dass diese Ideologie der
Kontrolle gemein ist, das ist Kapitalismus, industrieller
Kapitalismus, bäh.“ Und ich sage: „Nein. Wir sind so
klein und alles, was wir kontrollieren können ist nur
ein kleiner Teil und ich bin dafür.“ Und das ist keine
IndustrieIdeologie, das ist feministische Ideologie, wie
du aktiv in deinem Leben sein kannst.

ab:
Und du sagst ja auch nicht, dass du dafür bist,
dass alles kontrolliert wird, überall Kameras angebracht werden...

Camille:
Ja. Aber ich will auch nicht, dass andere,
Männer, mich kontrollieren. Das ist auch eine Problematik. Ich habe manchmal in Deutschland probiert,
diese antiindustrielle Bewegung zu erklären und
habe ganz deutlich gemerkt, dass die Leute das nicht
verstanden haben... Ich habe versucht, zu erklären,
warum die antiindustrielle Bewegung ganz oft gegen
Ökologie ist und denkt, dass Ökologie als Ideologie
Teil des kapitalistischen Systems ist. Weil diese Ökologie keine Verbindung hat zu anderen Themen. Zum
Beispiel gibt es dann dieses GreenWashing; diese
ganzen Firmen, die sagen: „Wir sind ökologisch.“ Und
wenn du diese Analyse hast, kannst du auch sagen,
dass alle Politik GreenWashing betreibt. Und diese
Sorge vor Verschmutzung und Krankheit und so das
macht nur Angst. Dahinter steht diese Ideologie der
CoVerantwortlichkeit für die Katastrophe.

In Frankreich haben wir
auch diesen Begriff des „Citoyenisme“, das kommt
von „citoyen“, das
heisst „Bürger“ und
der Begriff beschreibt dieses legale Engagement,
sich als Bürger_in
verantwortlich
zu fühlen für die
Gesellschaft, aber
immer im legalen
Rahmen. Und ich oder wir als Anarchist_innen oder
Autonome haben schon eine grundsätzliche Kritik an
diesem Citoyenisme. Es gibt auch einen Ökologismus,
der sagt, dass du auch als Bürger_in verantwortlich
bist für Verschmutzung und, dass wenn du deinen
Müll trennst und als Bürger_in ganz sauber bist, ist
das okay oder genug. Und wenn es eine Katastrophe
gibt, zum Beispiel eine Atomkatastrophe oder eine
industrielle, bist du auch mitverantwortlich und sollst
die Folgen mittragen. Und daran gibt es eine radikale
Kritik, um zu sagen: „Nein, wir sind nicht dafür verantwortlich, weil wir damit nicht einverstanden sind, wir
haben uns nie dafür entschieden.“ Also dahinter steht
der Gedanke, dass die Leute passiv bleiben, weil sie
mitverantwortlich sind oder weil sie Angst haben.

ab:
Das ist interessant, in Deutschland gibt es das so
wirklich nicht, diese AntiIndustrieBewegung.

Camille:
Ja, diese AntiIndustrieBewegung macht
auch ganz schlimme Dinge. Gerade gibt es neue Verbindungen zwischen antiindustrieller Bewegung und
Bewegungen, die sich gegen Grossbauprojekte richten,
zum Beispiel gegen den Bau des Flughafens in
Nantes, la ZAD, und gegen den Hochgeschwindigkeitszug, le TAV. Es gibt auch eine neue Bewegung
in Avignon, um Land zu besetzen, Bäuer_innenbewegung, und die sind ziemlich eng verbunden mit der
antiindustriellen Bewegung. Und alle diese Bewegungen sind einerseits sehr interessant, aber andererseits schon sehr naturalistisch, für eine Erneuerung der NaturIdee, was schon reaktionär sein kann. Und
viele junge Leute, die nicht wollen, das Bäume gefällt
werden oder so, begeistern sich sehr für diese Bewegungen.

Einerseits ist es ganz interessant und andererseits ist es schon krass.
Ich glaube, es gibt eine Verantwortlichkeit der Radikalfeministinnen, was damit zu machen, was Intelligenteres. Nicht nur in Richtung Primitivismus und... Ja,
eins der grösseren Themen der antiindustriellen Bewegung ist, gegen Fortschritt zu sein, gegen die Idee des
Fortschritts als Ideologie. Und zu zeigen es gibt viele,
viele Argumente für die Akzeptanz des Fortschritts:
Er bringt Arbeit, Medizin: wir werden überleben, er
bringt Validismus; also: es gibt Leute, die heute leben
können, die vor 200 Jahren nicht hätten leben können.
Der Fortschritt bringt alle diese so genannten falschen
Lösungen für die Probleme, die die letzte Technologie
geschaffen hat. Das ist interessant und wie oft: kompliziert. Das ist die Spezialität der Feministinnen, dass
alles zusammen immer kompliziert ist.

ab:
Ich finde diesen Punkt wirklich interessant, IndustrieKritik mit Feminismus zusammen zu denken, weil
da diese Ambivalenz wirklich bearbeitet werden muss.

Camille:
Ja, um einfach über Emanzipation nachzudenken. Ja zum Beispiel: als Anarchist_innen sind wir
gegen Staat, aber ich bin in der WohnraumBewegung mit Leuten, die sagen, sie wollen eine bessere
staatliche Politik für Wohnraum. Wir haben immer
diese Paradoxe. Oder wir sind gegen Papiere für
Migrant_innen, aber wir sind dafür, dass der Staat
bessere Bedingungen für Flüchtlinge schafft.

ab:
Das ist ja aber auch die Frage, ob du in solchen
konkreten Kämpfen überhaupt die Möglichkeit hast,
Leute zu treffen und
anzufangen über
generellere Themen
zu reden.

Camille:
Ja. Und
was ich daran
interessant finde, ist
die Mischung aus
lokalen, konkreten
und pragmatischen
Dingen und inneren
Bedürfnissen und
trotzdem immer noch in unseren Bewegungen, globale
Strategien und Standpunkte zu haben, Fragen der
Taktik und der Allianzen. Ich finde zum Beispiel bei
uns, Feministinnen, da gibt es Radikalfeministinnen, die
nur das machen und wir haben so viel zu tun, dass
es uns nicht mehr möglich ist, einen offenen Blick zu
haben, weil es schon zuviel zu tun gibt.

ab:
Ja, ich glaube, das fehlt total oft, einen Schritt zurück zu gehen und zu schauen: Wo sind wir überhaupt?

Camille:
Ja. Aber
nicht das Gefühl der
Regression zu haben:
Ich bin Feministin in
einem radikalfeministischen Milieu und wir
sind in dieser Richtung
ganz weit also das
ist nicht genug, aber
wir sind schon ziemlich weit und wenn ich in die anti
industrielle Bewegung gehe, will ich nicht das Gefühl
haben, ich verliere alles, was ich in dieser feministischen Auseinandersetzung entwickelt habe.

ab:
Ja. Ich kenne das, dass es sich gut anfühlt, zusammen mit mehreren Feministinnen eigenes Wissen oder
eigene Ideen irgendwo reinzubringen also klar, muss
ich Leute finden, mit denen ich auch noch Lust habe, zu
reden. Es geht mir aber auch öfter so, dass ich mich
frage: „Ah, wo sind die Feministinnen, die dazu was
sagen?“

Camille:
Ja, das ist so ein Ding in der antiindustriellen Bewegung, dass es meistens Männer gibt, Weisse
mit hohem Bildungsabschluss und Frauen, die kochen
und die tägliche Arbeit machen, weil ihre Männer
interessantere Kämpfe haben gegen Industrie und
Kapitalismus. Das ist nicht so schön... Oder auch viele
Leute, die für andere Leute sprechen. Die nicht diese
Kultur haben, zu denken, dass man nicht für andere
Leute sprechen kann. Und deshalb sind sie so moralisch. Nicht unbedingt dogmatisch, aber moralisch. Ja,
vielleicht weil; wenn du keine Frau bist, kannst du ohne
Probleme gegen Arbeit, Auto und Medizin sein und sagen: „Ja, ich kann ohne das leben, kein Problem.“

ab:
Würdest du sagen, dass sich konkret Sachen
geändert haben, durch diese jahrelange Arbeit, also
ausser den Verbindungen zwischen
Leuten?

Camille:
Ja, die Tatsache, dass Leute
wissen, was Nanotechnologie ist und
auch, dass alle Leute wissen, dass
es Widerstand dagegen gibt. Ich
glaube, wir haben ihnen geholfen,
noch besser in der Kommunikation zu
werden wir haben bemerkt, dass
besondere interdisziplinäre Laboratorien geschaffen wurden mit Ingenieur_innen und Wissenschaftler_innen, aber auch Soziolog_innen und Psycholog_innen,
die an der Akzeptanz der Nanotechnologie arbeiten
und Strategien dafür entwickeln.

ab:
Danke für das Gespräch

Interview: Autonomes Blättchen