UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Die Rückkehr der Zensur | Untergrund-Blättle

1956

Über Meinungsfreiheit und Demokratie Die Rückkehr der Zensur

Gesellschaft

Meinungsfreiheit ist ein Grundrecht. Im Prinzip ist Meinungsfreiheit ein Grundrecht.

Informationsstand der LF-Z (Local Fist, Abteilung für Zensur, ein Kunstprojekt) in Berlin.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Informationsstand der LF-Z (Local Fist, Abteilung für Zensur, ein Kunstprojekt) in Berlin. / Viola Knie (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

2. April 2020
7
0
2 min.
Drucken
Korrektur
Meinungsfreiheit ist immer noch ein Grundrecht - allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die geäusserte Meinung nicht im Widerspruch zum Kanon der Wertvorstellungen einer breiten Bevölkerungsmehrheit steht. Unter dem Deckmantel der politischen Korrektheit hat die Zensur wieder Einzug gehalten in unsere Köpfe, in unsere Gesellschaft und mittlerweile auch schon wieder in unsere Rechtsprechung.

Um hier nicht missverstanden zu werden:

Es versteht sich wohl von selbst, dass ich keinerlei Sympathie für Rassisten, Antisemiten, Neonazis oder Schwulenhasser habe, und wenn ich mit rassistischen, antisemitischen oder homophoben Äusserungen konfrontiert werde, so werde ich ihnen entschieden entgegentreten. Wenn jedoch ein bekannter Schauspieler keine Rollen mehr erhält, weil er in einem Interview eingestanden hat, vor zwanzig Jahren einmal einen schwulenfeindlichen Witz erzählt zu haben, dann halte ich das für sehr, sehr bedenklich:

Als Schriftsteller schwarzhumoriger Geschichten bewege ich mich ständig am Rande der Geschmacklosigkeit. Das ist mir natürlich auch bewusst. Wenn allerdings die Gefahr besteht, mit einer einzigen missglückten Pointe womöglich meine ganze Karriere zu ruinieren und für den Rest meines Daseins ein Geächteter zu bleiben, dann werde ich wohl in Zukunft vorsichtshalber keine derartigen Geschichten mehr schreiben. Ich glaube, dass Selbstzensur in der Literatur von heute schon wieder eine sehr grosse Rolle spielt.

Dennoch gibt es Kollegen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Staat dazu auffordern, rechtliche Schritte gegen politisch unkorrekte Äusserungen oder Postings zu unternehmen.

Ich halte das für sehr gefährlich, und zwar deshalb, weil meinungsregulierende Paragraphen gegen jede von der vorgeschriebenen Norm abweichende Meinung anwendbar sind, wodurch beispielsweise Kritik an Regierungsmitgliedern sehr rasch zu einem strafrechtlich relevanten Tatbestand werden könnte.

Wenn aber die Zensur erst einmal einen Fuss in der Tür hat, dann wird sie auch eintreten, und erfahrungsgemäss werden wir vom schreibenden Gewerbe wieder ihre bevorzugten Opfer sein, sofern wir uns nicht darauf beschränken, die Schönheit blühender Blumenwiesen zu beschreiben. Meinungsfreiheit ist eine der kostbarsten Errungenschaften unserer Demokratie. Daher bin ich der festen Überzeugung, dass hundert oder sogar tausend Rassisten, Antisemiten, Neonazis und Schwulenhasser immer noch ein kleineres Übel sind als ein einziger Zensor.

Dietmar Füssel

Mehr zum Thema...
Bilder und Originaltext: Randall Munroe; übersetzter Text: Anatol Stefanowitsch (CC BY-NC )
ComicsMeinungsfreiheit

27.02.2015

- Meinungsfreiheit

mehr...
Ultraorthodoxes jüdisches Paar am Sabbat in Jerusalem.
Klassiker, und solche, die es werden sollten (Teil 10)Allein unter Juden. Eine Entdeckungsreise durch Israel

07.09.2016

- Ende 2012 erschien Tuvia Tenenboms Reisebericht «Allein unter Deutschen», welcher monatelang auf der Bestsellerliste stand.

mehr...
Esther Vargas
Ingrid Brodnig über Hate Speech und Wut im InternetDas Internet ist kein egalitärer Raum

20.01.2016

- Das Thema Hate Speech und Wut im Internet beschäftigt in Deutschland mittlerweile auch das Justizministerium. In diesem Beitrag geht es um die Frage, wie sich die Aggression auf die öffentliche Debatte und unsere Demokratie auswirkt und wie darauf reagiert werden kann.

mehr...
Künstlerische Freiheiten global unter Druck

26.02.2015 - Neonazis, islamistische Gruppierungen und autoritäre Regimes – sie alle bedrohen auch das Grundrecht auf künstlerische Freiheit. Fast 240 Angriffe, ...

Klicken gegen Internetzensur

12.03.2008 - Meinungsfreiheit ist heutzutage so ein Ding! Der eine fühlt sich schon eingeschränkt, wenn man ihn nicht zu Wort kommen lässt und die ...

Dossier: Facebook
Mike Deerkoski
Propaganda
Information libre

Aktueller Termin in Berlin

Café Schlürf

Hallo,heute wieder Kaffee und Kuchen im Schlürf gegen Spende, 12-18 Uhr.Spenden gehen an FLINTA*, die von Repressionen betroffen sind. Wenn ihrdrinnen sitzen möchtet: bei uns ist immer noch 2G. Bestellung unddraussen sitzen: keine ...

Donnerstag, 11. August 2022 - 12:00 Uhr

Regenbogencafe, Lausitzer Str. 22a, 10999 Berlin

Event in Berlin

MILITARIE GUN

Donnerstag, 11. August 2022
- 21:00 -

Badehaus Berlin

Revaler Straße 99

10245 Berlin

Mehr auf UB online...

Die deutsche Schriftstellerin Lin Hierse (zweite von rechts) an der Frankfurter Buchmesse 2019.
Vorheriger Artikel

Lin Hierse: Wovon wir träumen

Träumen auf zwei Sprachen

Demonstration der italienischen Basisgewerkschaften USB und SI Cobas in Piacenza gegen die staatliche Repression, 23.
Nächster Artikel

Angriffe auf kämpferische Belegschaften

Wenn Arbeitskämpfe zum Terrorismus erklärt werden

Untergrund-Blättle