UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

„Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ | Untergrund-Blättle

2569

gesellschaft

ub_article

Gesellschaft

Wem nützen die „LebensschützerInnen“ „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“

Gesellschaft

Warum konzentrieren sich die „LebensschützerInnen“ auf den Schutz des ungeborenen statt des geborenen Lebens? Warum schützen die „LebensschützerInnen“ nicht jene Kinder, deren Lebensgrundlagen miserabel oder zerstört sind?

Eine konservative Welle der weltweiten evangelikalen Bewegung.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Eine konservative Welle der weltweiten evangelikalen Bewegung. Das Christival 2008 Bremen, wo unter anderem auch über die Veränderbarkeit von Homosexualität und über das Thema Abtreibung diskutiert wurde. / Knergy (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

5. Oktober 2015
0
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Ginge es um den Schutz des geborenen Lebens, käme man unweigerlich in ein Politikfeld, in dem sich Gesellschaftskritik verdichtet, grundsätzlich wird und folglich kapitalistische und patriarchale Verhältnisse angreifen müsste. Die LebensschützerInnen sind HeuchlerInnen. Denn tatsächlich sind es die Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse die Leben behindern und zerstören. Solange Frauen aus den verschiedensten Gründen ungewollt schwanger werden, ist der Schwangerschaftsabbruch ein Mittel, um das Leben der Frau und ihre Selbstbestimmung zu schützen. Jede Frau hat ihre legitimen Gründe, kein Kind auf die Welt stellen zu wollen. Sei es aus ökonomischen Gründen oder anderen. Jene selbsternannten Herren, die heute noch Verhütungsmittel (inklusive Schwangerschaftsabbruch) verbieten, unerschwinglich machen oder moralisch-religiös verdammen, sind reaktionär.

„Leben“ wird bei den „LebensschützerInnen“ umdefiniert um es an die Stelle des Menschen oder der Frau zu setzen und stattdessen den Fötus mit „Menschenwürde“ auszustatten. Die schwangere Frau wird auf ein uterines Versorgungssystem für den Fötus reduziert. In Bezug auf ihre Fortpflanzungsorgane wird den Frauen das allgemeine Bürgerrecht, das Eigentum am eigenen Körper aberkannt.

Jedoch nicht den Frauen an sich, denn Frauen der Eigentümerklassen war und ist es nie ein Problem gewesen, eine Schwangerschaft zu unterbrechen. Der Abtreibungsparagraph ist ein Klassenparagraph, da die Folgen 
eines Abtreibungsverbots für Frauen aus den arbeitenden Klassen ungleich härter sind und jährlich Zehntausende von Frauen das Leben kostet (im Jahre 2008 starben weltweit laut WHO 47'000 Frauen).

Dass der Schwangerschaftsabbruch bis heute weltweit und vermehrt auch wieder in der Schweiz umstritten ist, kommt nicht von ungefähr. Es ist ein geeignetes Mittel, um die generelle Herrschaft über Frauen zu festigen. Das ungeborene Leben wird als Symbol der Unschuld missbraucht um damit Frauen, die eine Abtreibung vornehmen, zu denunzieren. Sie werden als Mörderinnen bezichtigt bis hin zum Vergleich mit der Massenvernichtung am jüdischen Volk.

Wem nützen die „LebensschützerInnen“

Es ist in vielerlei Hinsicht nützlich für die Herrschenden, wenn sich ihre Untertanen mit dem Schutz des ungeborenen Lebens beschäftigen und mit einem besseren Leben erst nach dem Tod. Insbesondere wenn durch die Anhäufungen des Reichtums bei den Konzernen immer mehr Menschen in Existenznot getrieben werden, muss den Menschen durch die Religion ein Schein von höherer Bedeutung geboten werden, um sie vom Klassenkampf gegen die schreienden Ungerechtigkeiten abzuhalten. Menschen in Not oder auf dem sozialen 
Abstieg tendieren oft dazu, sich wieder auf alte Traditionen zu besinnen um sich daran festzuhalten. Die „althergebrachte“ Stellung der Frau wird wieder herbeigezogen, um kulturelle und nationale Identitäten zu beschwören.

In Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit und drohendem Massenelend wird ebenfalls der Mythos ethnischer Herkunft reaktiviert und mit der Zauberformel der „Nationalen Identität“ aufgeladen. Verschiedene national-religiöse Orientierungen reaktionärer und neofaschistischer Kräfte vermischen sich mit jahrtausendealter patriarchaler Herrschaft und ermöglichen es dem Kapital, trotz grosser Krisen seine Herrschaft immer wieder zu festigen. Religion ist heute wieder vermehrt Ideologie und Instrument der AusbeuterInnen um uns in die Irre zu führen, zu spalten und niederzuhalten. Zu spalten zwischen Nationen, Geschlechtern, Berufsschichten, verschiedenen Glaubensrichtungen oder Hetero- und Homosexualität.

Dass all diese Spaltungen auch im Proletariat so leicht reaktivierbar sind, zeigt, dass die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen nie beseitigt wurden. Es zeigt, dass alte Denk- und Handlungsweisen der Menschen nur in langandauernden revolutionären Prozessen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Bewusstseinsbildungen tiefgreifende Veränderungen realisierbar machen.

Den Mitgliederverlust der Grosskirchen machen die Freikirchen wett

Die Sehnsucht der Menschen nach Sinngebung in einer perspektivlosen Welt wird heute neben den autoritären Grosskirchen ebenfalls und zunehmend von evangelikalen Freikirchen genährt. In der Schweiz sind es jene christlich-fundamentalistischen Kräfte, die den „Marsch fürs Läbe“ mitorganisieren und eine steigende Tendenz an Mitgliederzahlen aufweisen. Diese sind teilweise ebenfalls in nationalen Parteien organisiert (SVP, EDU). Diese Kräfte propagieren die alte patriarchale Geschlechterordnung und wollen proletarische Frauen auf biologische Funktionen und alte Arbeitsteilungen zurückbinden.

Für uns ist klar, der Schwangerschaftsabbruch ist eine Errungenschaft der Frauen- und ArbeiterInnenbewegung. Das lassen wir uns nicht nehmen. Im Gegenteil, der Schwangerschaftsabbruch muss ausgebaut und weltweit eingerichtet werden, Verhütungsmittel müssen allen Menschen weltweit zugänglich gemacht werden.

Gegenmobilisierung zum "Marsch fürs Läbe"

Wenn wir Religion kritisieren unterscheiden wir einerseits zwischen autoritären Grosskirchen, fundamentalistischen Freikirchen und Organisationen, esoterischen Therapiemärkten, u.a.. Anderseits anerkennen wir, dass es auch fortschrittliche Ausrichtungen gibt, religiös-soziale Bewegungen, wie es teilweise Befreiungstheologien sind oder Menschen, die ein humanistisch-fortschrittliches Engagement mit einer persönlichen religiösen Einstellung verbinden.

Mehr zum Thema...
Proteste gegen das Abtreibungsverbot in Szczeczin.
Das weibliche Gesicht des StreiksDer Kampf gegen die Abtreibungsgesetze in Polen

10.01.2018

- Am 4. Oktober 2017, dem Jahrestag des ’Schwarzen Protestes’, sind wieder viele Frauen und Männer in Polen auf die [...]

mehr...
Im Oktober 2016 präsentiert die FMLNAbgeordnete Lorena Peña (hier in San Salvador im Februar 2016) einen Vorschlag zur Liberalisierung des Gesetzes, bei dem in vier Fällen eine Abtreibung straffrei möglich wäre.
«Dem Leben der Frau wird kein Wert beigemessen»Abtreibungsverbot in El Salvador

27.09.2017

- Im mittelamerikanischen El Salvador geht das 1998 eingeführte restriktive Abtreibungsgesetz weit über die Kriminalisierung von Frauen hinaus, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollen.

mehr...
ajourmag
Eure Kinder werden so wie wir!Schweiz: Der «Marsch fürs Läbe» ist am Ende

21.09.2017

- In der Schweiz werden rechte Mobilisierungen regelmässig wegen Gegenprotesten abgesagt oder verboten.

mehr...
Feministische Kämpfe in Iran - Recht auf Abtreibung

09.03.2021 - Im Iran, wo die Gesetze auf der islamischen Scharia basieren, gibt es einen kleinen Unterschied in der Frage der Abtreibung. Basierend auf dem islamischen [...]

Demonstration des Aktionsbündnisses ProChoice für Selbstbestimmung von Frauen

10.11.2009 - Am 24. Oktober 2009 marschierten die christlich-fundamentalistischen, sich selbst so nennenden „Lebensschützer“ durch München. Auf ihrem ...

Dossier: Islam
Dossier: Islam
Propaganda
Religion und Krieg

Aktueller Termin in Frankfurt am Main

Schöne ordentliche Bilderwelt - Erziehung zum Wegsehen?

Führung durch die Ausstellung. Gezeigt wird der Nachlass des Fotografen Otto Emmel (geb. 1888-?), dessen Hauptwerk in die Zeit des NS fällt.

Mittwoch, 22. September 2021 - 14:00

Historisches Museum Frankfurt, Fahrtor 2, 60311 Frankfurt am Main

Event in Wien

XX Y X: Michaela Schwentner: Le Banquet / Martin Brandlmayr: Vive les fantômes

Mittwoch, 22. September 2021
- 20:00 -

Echoraum

Sechshauser Str. 66

1150 Wien

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle