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„Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“ | Untergrund-Blättle

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Wem nützen die „LebensschützerInnen“ „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik“

Gesellschaft

Warum konzentrieren sich die „LebensschützerInnen“ auf den Schutz des ungeborenen statt des geborenen Lebens? Warum schützen die „LebensschützerInnen“ nicht jene Kinder, deren Lebensgrundlagen miserabel oder zerstört sind?

Eine konservative Welle der weltweiten evangelikalen Bewegung.
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Bild: Eine konservative Welle der weltweiten evangelikalen Bewegung. Das Christival 2008 Bremen, wo unter anderem auch über die Veränderbarkeit von Homosexualität und über das Thema Abtreibung diskutiert wurde. / Knergy (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

5. Oktober 2015
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Ginge es um den Schutz des geborenen Lebens, käme man unweigerlich in ein Politikfeld, in dem sich Gesellschaftskritik verdichtet, grundsätzlich wird und folglich kapitalistische und patriarchale Verhältnisse angreifen müsste. Die LebensschützerInnen sind HeuchlerInnen. Denn tatsächlich sind es die Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse die Leben behindern und zerstören. Solange Frauen aus den verschiedensten Gründen ungewollt schwanger werden, ist der Schwangerschaftsabbruch ein Mittel, um das Leben der Frau und ihre Selbstbestimmung zu schützen. Jede Frau hat ihre legitimen Gründe, kein Kind auf die Welt stellen zu wollen. Sei es aus ökonomischen Gründen oder anderen. Jene selbsternannten Herren, die heute noch Verhütungsmittel (inklusive Schwangerschaftsabbruch) verbieten, unerschwinglich machen oder moralisch-religiös verdammen, sind reaktionär.

„Leben“ wird bei den „LebensschützerInnen“ umdefiniert um es an die Stelle des Menschen oder der Frau zu setzen und stattdessen den Fötus mit „Menschenwürde“ auszustatten. Die schwangere Frau wird auf ein uterines Versorgungssystem für den Fötus reduziert. In Bezug auf ihre Fortpflanzungsorgane wird den Frauen das allgemeine Bürgerrecht, das Eigentum am eigenen Körper aberkannt.

Jedoch nicht den Frauen an sich, denn Frauen der Eigentümerklassen war und ist es nie ein Problem gewesen, eine Schwangerschaft zu unterbrechen. Der Abtreibungsparagraph ist ein Klassenparagraph, da die Folgen 
eines Abtreibungsverbots für Frauen aus den arbeitenden Klassen ungleich härter sind und jährlich Zehntausende von Frauen das Leben kostet (im Jahre 2008 starben weltweit laut WHO 47'000 Frauen).

Dass der Schwangerschaftsabbruch bis heute weltweit und vermehrt auch wieder in der Schweiz umstritten ist, kommt nicht von ungefähr. Es ist ein geeignetes Mittel, um die generelle Herrschaft über Frauen zu festigen. Das ungeborene Leben wird als Symbol der Unschuld missbraucht um damit Frauen, die eine Abtreibung vornehmen, zu denunzieren. Sie werden als Mörderinnen bezichtigt bis hin zum Vergleich mit der Massenvernichtung am jüdischen Volk.

Wem nützen die „LebensschützerInnen“

Es ist in vielerlei Hinsicht nützlich für die Herrschenden, wenn sich ihre Untertanen mit dem Schutz des ungeborenen Lebens beschäftigen und mit einem besseren Leben erst nach dem Tod. Insbesondere wenn durch die Anhäufungen des Reichtums bei den Konzernen immer mehr Menschen in Existenznot getrieben werden, muss den Menschen durch die Religion ein Schein von höherer Bedeutung geboten werden, um sie vom Klassenkampf gegen die schreienden Ungerechtigkeiten abzuhalten. Menschen in Not oder auf dem sozialen 
Abstieg tendieren oft dazu, sich wieder auf alte Traditionen zu besinnen um sich daran festzuhalten. Die „althergebrachte“ Stellung der Frau wird wieder herbeigezogen, um kulturelle und nationale Identitäten zu beschwören.

In Zeiten zunehmender Arbeitslosigkeit und drohendem Massenelend wird ebenfalls der Mythos ethnischer Herkunft reaktiviert und mit der Zauberformel der „Nationalen Identität“ aufgeladen. Verschiedene national-religiöse Orientierungen reaktionärer und neofaschistischer Kräfte vermischen sich mit jahrtausendealter patriarchaler Herrschaft und ermöglichen es dem Kapital, trotz grosser Krisen seine Herrschaft immer wieder zu festigen. Religion ist heute wieder vermehrt Ideologie und Instrument der AusbeuterInnen um uns in die Irre zu führen, zu spalten und niederzuhalten. Zu spalten zwischen Nationen, Geschlechtern, Berufsschichten, verschiedenen Glaubensrichtungen oder Hetero- und Homosexualität.

Dass all diese Spaltungen auch im Proletariat so leicht reaktivierbar sind, zeigt, dass die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Strukturen nie beseitigt wurden. Es zeigt, dass alte Denk- und Handlungsweisen der Menschen nur in langandauernden revolutionären Prozessen, gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Bewusstseinsbildungen tiefgreifende Veränderungen realisierbar machen.

Den Mitgliederverlust der Grosskirchen machen die Freikirchen wett

Die Sehnsucht der Menschen nach Sinngebung in einer perspektivlosen Welt wird heute neben den autoritären Grosskirchen ebenfalls und zunehmend von evangelikalen Freikirchen genährt. In der Schweiz sind es jene christlich-fundamentalistischen Kräfte, die den „Marsch fürs Läbe“ mitorganisieren und eine steigende Tendenz an Mitgliederzahlen aufweisen. Diese sind teilweise ebenfalls in nationalen Parteien organisiert (SVP, EDU). Diese Kräfte propagieren die alte patriarchale Geschlechterordnung und wollen proletarische Frauen auf biologische Funktionen und alte Arbeitsteilungen zurückbinden.

Für uns ist klar, der Schwangerschaftsabbruch ist eine Errungenschaft der Frauen- und ArbeiterInnenbewegung. Das lassen wir uns nicht nehmen. Im Gegenteil, der Schwangerschaftsabbruch muss ausgebaut und weltweit eingerichtet werden, Verhütungsmittel müssen allen Menschen weltweit zugänglich gemacht werden.

Gegenmobilisierung zum "Marsch fürs Läbe"

Wenn wir Religion kritisieren unterscheiden wir einerseits zwischen autoritären Grosskirchen, fundamentalistischen Freikirchen und Organisationen, esoterischen Therapiemärkten, u.a.. Anderseits anerkennen wir, dass es auch fortschrittliche Ausrichtungen gibt, religiös-soziale Bewegungen, wie es teilweise Befreiungstheologien sind oder Menschen, die ein humanistisch-fortschrittliches Engagement mit einer persönlichen religiösen Einstellung verbinden.

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