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Gesellschaft

Die «Natur» des Menschen Kultur und Natur

Gesellschaft

Dass die Menschheit dem Tierreich entstammt, diese Einsicht ist mittlerweile zu einem locus communis geworden, den anzuzweifeln sich nur mehr das Hinterwäldlertum, die geistige Retrogarde, nicht entblödet.

19. November 2015

19. 11. 2015

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Dass sie diesen Umstand nie verleugnen wird können – weil sie nun einmal auf einem Substrat animalischer Herkunft basiert –, das dürfte desgleichen flächendeckend akzeptiert worden sein. Dass sie jedoch, indem sie das Tierreich verliess, nichts anderes tat, als den Grundzug der animalischen Welt, die Geist- und Planlosigkeit, nur auf höherem Niveau zu reproduzieren, diese Feststellung wird, weil sie so gar nicht schmeichelhaft ist, wohl höchstwahrscheinlich noch lange ein Schattendasein im Untergrund der verschmähten Wahrheiten führen.

1.

Was aber ist es nun eigentlich, das die "Natur" des Menschen grundsätzlich ausmacht, die – als Substrat des Verhaltens – dieses Verhalten (den Komplex aus Denken und Tun) in bestimmte Bahnen kanalisiert oder genauer: diesem Verhalten Zielpunkte zuweist – es auf ein Set von Handlungsschemata festlegt, deren prädikative Stelle indessen sich innerhalb bestimmter Grenzen als mehr oder weniger variabel erweist? Es ist das "Programm", die abstrakte "Handlungsanweisung", die durch die Gene von einer Generation hin zur nächsten weitergegeben, eben auf biologischem Wege vererbt wird: die Impulse mithin, die sich, so könnte man sagen, aus der genetischen Ausstattung der Gattung ergeben.

2.

Zu diesem Programm gehört das, was von Denis Diderot "Selbsterhaltung und Erhaltung der Art" genannt worden ist – Impulse, die man mit allen anderen Tieren brüderlich teilt –,1 aber auch, als Resultat der spezifisch menschlichen Phylogenese, alles dies, was des motorisch-sensorisch-gnoseologischen Apparats des Menschen bedarf: Kommunikation jenseits von Signalen, Kreativität, Sexualität (in ihrer humanen Form), Spiel usw.2

Das Heraustreten aus dem Tierreich – die Anthropogenese, die durch "Hand und Wort", um den Titel eines Buchs von Leroi-Gourhan aufzugreifen, in Gang gesetzt wurde – modifiziert mithin zwar den Gesamtkomplex der "genetisch tradierten Impulse", es löst sie aber nicht aus dem spezifisch natürlichen Kontext heraus: aus dem Umfeld der "Natur", die Information, wie man weiss, in den Genen "kodiert". Sprache – langage, nicht aber langue und parole –3 und all die anderen Dispositionen, die spezifisch menschliche sind, müssen daher zur "Natur" gezählt werden, eben weil sie im Genom verankert, fixiert sind, in der DNA letztlich ihre Grundlage finden.

3.

Die "Natur" des Menschen ist demnach das, was im Genom a priori festgelegt ist, "Kultur" dagegen all das, was, aufbauend auf dem natürlichen Substrat, nicht schon vorgegeben ist, sondern erst, in einem historischen Prozess, a posteriori "gemacht" werden muss:4 die "Formung" der Verhaltensweisen in je verschiedenen Milieus und, als dessen Resultat, die Umgestaltung der Umwelt, bewusst, was die je isolierte Aktion anbelangt, unbewusst, wenn man das Ganze der Gesellschaft (und a fortiori: der Geschichte) betrachtet.

Überhaupt ist es so, dass die Scheidewand zwischen dem Tierreich und dem Homo sapiens (sofern wir nur das Verhalten des Menschen als solchen in Betracht ziehen wollen und nicht die Geschichte) in dem Umstand besteht, dass das Tier sich, in evolutiven Prozessen, der Umwelt, der Mensch jedoch, in einem historischen Prozess, diese Umwelt sich selbst, d.h. seinen Bedürfnissen, assimiliert. Und dies, nicht aufgrund vorgegebener Verhaltensprogramme (wie bei den Vögeln, welche sich Nester, oder den Bienen, die Waben sich bauen), sondern auf der Basis der Vorwegnahme des Resultats im Bewusstsein, der Modellierung der Realität, kurz: gemäss einem Plan.5

Als Kollorarium des Umstands, dass "Kultur" nicht genetisch fixiert ist, daher offenbar nicht vererbt werden kann, ergibt sich darüber hinaus, dass die Weitergabe, die Übermittlung von kultureller Information eines Zeichensystems, d.h. vor allem der Sprache,6 bedarf: "Kultur" wird tradiert, nicht vererbt.7

4.

Nun, es versteht sich von selbst, dass, eben weil die Milieus,8 in dem sich Verhaltenssysteme ausbilden müssen, sich im Raum und der Zeit unterscheiden, aber auch, weil die gegebenen Umstände stets einen Spielraum gewähren, d.h. Raum für den Zufall (und insbesondere für die Betätigung menschlicher Phantasie), die "Kultur" stets im Plural auftritt: als spezifische "Kulturen" (die innerhalb einer territorialen Gruppe diachron einander ablösen können, die aber auch, und vor allem, von einer territorialen Gruppe zur andern synchron differieren).9

Diese "Kulturen", die eher "Regelsysteme" ("Systeme von Verhaltensweisen")10 genannt werden sollten,11 kann man jeweils betrachten als Umsetzung des abstrakten genetischen Programms in konkrete Regeln der Realisierung der in diesem Programm vorgegebenen Impulse, dergestalt, dass etwa der Impuls zur Nahrungsaufnahme sich einmal als Wildbeutertum (Jagen und Sammeln), das andere Mal dann als Landbau oder nomadisierende Viehzucht realisiert, ganz zu schweigen von den spezifischen Vorlieben (pflanzliche versus tierische Nahrung) und Aversionen (Abscheu vor Hunden, Würmern, Insekten, die anderswo durchaus als Nahrungsquelle dienen) respektive explizite Nahrungstabus (Verbot des Verzehrs von Schweinefleisch wie bei den Hebräern, von Rindfleisch wie bei den Hindus, von Menschenfleisch, es sei denn, der Konsum ist kultisch erlaubt) oder aber der Art der Nahrungsaufnahme (spezifische "Tischsitten" bezüglich der Verwendung von Messer und Gabel, von Stäbchen, der Hand usw. oder auch bezüglich der Formen, die Befriedigung ausdrücken sollen [verbales Lob, Rülpsen, wie das im Orient allenthalben der Fall ist], der Haltung, in der man die Nahrung zu sich nimmt [bei Tisch, im Sitzen auf dem Boden, im Liegen wie bei den Römern], und was es dergleichen noch mehr gibt).

5.

Es dürfte einleuchtend sein, dass das Produktivkraftsystem, über das eine Gesellschaft verfügt, in letzter Instanz den Aktionsrahmen absteckt, innerhalb dessen das genetisch fixierte Programm realisiert werden kann: der ganze Komplex aus Werkzeugen, Geräten, Maschinen, Instrumenten und Bauten auf der einen, den Methoden der Produktion auf der anderen Seite (sowie, als vorgegebene Basis, die natürlichen Bedingungen, welche ab ovo in einem gegebenen Territorium herrschen: die Beschaffenheit des Bodens, Klima, Flora und Fauna und nicht zuletzt die Arbeitskraft selbst, natürliche Voraussetzungen, die allerdings wesentliche Modifikationen erfahren, sobald sie sich von der Gesellschaft bearbeitet12 sehen).

Daraus ergibt sich, dass, solange das Produktivkraftniveau, gemessen durch den Output pro Zeit, noch relativ niedrig, der Produktivkraftkomplex noch unscheinbar ist, eine Gesellschaft, was immer sie selbst sich auch einbilden mag, sich nicht in der Lage befindet, der Totalität der genetisch fixierten Impulse optimal (oder wenigstens nahezu optimal) zu entsprechen, dergestalt, dass man (auf dem Niveau der Gesellschaft) diesen Impuls auf Kosten der andern bevorzugt oder dass, umgekehrt, jener zugunsten von diesen benachteiligt wird – ein Umstand, der im System des Verhaltens, in "Regeln" geronnen, sich festgelegt findet –, oder dass andererseits, im Kontext der Spaltung der Gesellschaft in Klassen, die einen Gesellschaftsmitglieder (die "herrschende Klasse") gegenüber den andern (die "Produzenten", die das Mehrprodukt liefern) mit Blick auf die Realisierung des genetisch fixierten Programms als privilegiert gelten können.

So kollidiert in einem bestimmten historischen Kontext (wie beispielsweise bei den Aborigines in den australischen Wüsten) der eine Impuls, nämlich das Überleben der Gruppe zu sichern, mit dem anderen, an sich nicht weniger dominanten Impuls, den Nachwuchs zu umsorgen, dergestalt, dass man Kinder, die "zu früh geboren sind" (deren Geburt mithin einer voraufgegangenen Geburt in zu kurzer Zeit nachfolgt), scheinbar mitleidlos tötet, d.h., wie man selbst sagte, "zu den Geistern zurückschickt", eben weil in einem nomadisierenden Milieu der Umstand, dass es zu viele Nachkommen gibt, welche sich noch im Kleinkindalter befinden, eine Belastung der gesamten Gruppe darstellen würde; desgleichen pflegten die Inuit (in einem anderen historischen Kontext) ihre betagten Eltern zu töten, weil es unmöglich war, ihr Weiterleben mit dem Überleben der Gruppe in Einklag zu bringen. In beiden Fällen musste man wählen, und man hat das (für die Betroffenen) "kleinere Übel" gewählt.

Oft geht es hierbei – wenn ein Impuls zu kurz kommen sollte – nur indirekt darum, andere Impulse zu realisieren; viel eher geht es darum, die Stabilität der Gesellschaft sicherzustellen, dadurch nämlich, dass ein im Grunde irrationales Verhalten eingeführt und zur Norm gemacht wird – Praktiken, die im gegebenen Kontext allein durch ihre Funktion (die Stabilisierung eines prekären Gleichgewichts, wozu sie sich oft gerade wegen ihrer Irrationalität eignen dürften) "rationale" oder zumindest nachvollziehbare Züge erhalten: wie etwa Menschenopfer, Verstümmelungen anlässlich der Initiation (das Ausschlagen oder, weniger brutal, das Abfeilen von Zähnen, das Abschlagen von Fingergliedern, das Durchbohren von Körperteilen wie Nase und Ohren), Deformierungen der Kopfform (wie bei den Mayas oder den Hunnen) oder der Füsse der Frauen (wie bei den alten Japanern), Tattoos, Tellerlippen, Beschneidungen (der Klitoris oder der Vorhaut), Hexenverbrennungen, Anthropophagie, Potlatch, exzessives Fasten, Speisetabus, blutige Kasteiungen und vieles andere mehr.13

In allen Gesellschaften, die man als "traditionell" ansprechen kann (also vor dem Triumph des Kapitals), steht man somit vor dem Dilemma – aufgrund der Beschränktheit der Ressourcen als Folge des niedrigen Produktivkraftniveaus –, ein Segment des genetischen Programms links liegen zu lassen, will man das andere Segment optimal (oder annähernd optimal) realisieren.

Erst mit der Etablierung des Kapitals als herrschender Modus der Produktion, ein Faktum, das die Erhöhung des Produktivkraftniveaus über alle Grenzen hinaus nach sich ziehen sollte, verschwindet dieses Dilemma, auch wenn, der Potenzierung des Produktivkraftsystems wie zum Trotz, die herrschenden Verhältnisse – oder konkret: das Privateigentum samt Warensystem – nach wie vor die flächendeckende Realisierung der genetisch fixierten Impulse verhindern: Das Dilemma löst sich zwar objektiv, nicht aber faktisch.14

6.

Elend, Unwissenheit, Mangel, Hunger, Ungleichheit, Krieg und seichtes Vergnügen, von den ökologischen Verheerungen gar nicht zu reden – offenbar wäre es Wahnsinn, angesichts dessen von einem "Fortschritt" in der Geschichte zu sprechen. Von Fortschritt ist in der Tat nichts zu sehen. Vielmehr wird man stets finden, wenn man die Geschichte durchläuft, dass die Misere im zeitlichen Ablauf sich jeweils nur auf höherer Stufe (und in anderen Formen) reproduziert.

Im besten Fall noch wird das, was man als Fortschritt einstufen würde, stets konterkariert durch kollaterale Kalamitäten, die sich nicht weniger "natürlich" ergeben wie ihr Gegenstück auch: So hatte das Siedeln in Städten (ein Kollorarium der zivilisatorischen Wende mit Privateigentum, Klassenspaltung und Staat) die Architektur, die Schrift, die Literatur, Mathematik und Naturwissenschaft im Gefolge, zugleich aber auch verheerende Seuchen, da das Zusammenleben in Städten den günstigsten Nährboden für die Propagierung von Epidemien, wie man jetzt weiss, abgeben kann.

Genauer (und nüchtern) betrachtet, wird man wohl zugeben müssen, dass der "Fortschritt" nichts anderes ist als der Fort-Schritt vom Ursprung: ein Sich-Entfernen, das kein Ankommen ist, eben weil die Geschichte kein Ziel, keinen finalen Ankunftsort hat.

Die Geschichte ist vielmehr blind, weil sie spontan und ungeplant abläuft, und deshalb auch stolpert die Menschheit, sich von ihrem Ursprung entfernend, stets nur so vor sich hin. Wohin sie sich aufgemacht hat, das weiss sie nicht und kann es nicht wissen: das Futur liegt weit jenseits der Wahrnehmungsschwelle. Hier stimmt, was die Alten Lateiner resignativ in ein Aperçu fassten: Ignoramus et ignorabimus – solange wenigstens, bis das futurum sich schliesslich in ein perfectum, in ein fait accompli transformiert haben wird.

Überhaupt ist es so, dass ein gegebenes Gesellschaftssystem durch die diesem System immanenten und ihm adäquaten Aktivitäten (oftmals im Kontext bestimmter äusserer Einflussfaktoren) sukzessive, unterschwellig und unbewusst, modifiziert wird, so dass am Ende der Trajektorie das System (bisweilen, aber nicht notwendigerweise) in eine Instabilitätsphase tritt (die sich in der Unmöglichkeit äussert, "so wie bisher weiterzumachen"),15 ein Zustand der Instabilität weit weg vom Systemgleichgewicht, der im Prinzip auf dreierlei Weise "gelöst" werden kann:

1. durch den Rückfall auf den Status quo ante;

2. durch das mehr oder weniger lange Verharren im gegebenen Spannungszustand, der dann allmählich abgebaut wird;

3. durch den Übergang in ein anderes Gesellschaftssystem, ein System, das durch andere Gesellschaftsstrukturen und eine andere Funktionsweise gekennzeichnet ist.

So haben, um nur den letzten Punkt aufzugreifen, die paläolithischen Jäger und Sammler infolge der sukzessive verbesserten Methoden der Jagd – und im Kontext klimatischer Veränderungen am Ende der Eiszeit – das Grosswild, ihre bisherige Lebensgrundlage, so sehr dezimiert, dass sie, in bestimmten Regionen,16 dazu gedrängt worden sind, zu einer anderen Subsistenzform (dem Sammeln von wildem Getreide) überzugehen, eine Form, die die Sesshaftigkeit implizierte, die wiederum die Basis abgab für die Domestikation von Pflanzen und Tieren. Auf diese Weise löste die barbarische Gesellschaftsformation die archaische ab.

7.

Obgleich in der Geschichte bis dato von einem Fortschritt, der diesen Namen verdient, keine Rede sein kann – denn als solcher wäre nur die allseitige Realisierung des genetischen Humanprogramms anzusprechen –,17 so heisst das nicht unbedingt auch, dass ein Fortschritt in genau diesem Sinne nicht doch möglich wäre;18 objektiv gesprochen wäre nämlich ein solcher, wie wir schon sahen, insofern realisierbar, als die gesamte bisherige Geschichte – alle Generationen zusammen – einen Produktivkraftkomplex hervorgebracht hat, der, theoretisch betrachtet, sich als durchaus geeignet erwiese, die Grundlage für die (wenigstens nahezu) optimale Realisierung der genetisch fixierten Impulse zu liefern: relativer Überfluss auf der einen und Reduktion der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit gleichsam auf Null als Folge der Automatisierung auf der anderen Seite.

Was not tut, das wäre lediglich, die Gesellschaft so zu organisieren, dass die Potenzen, die in diesem Produktionskomplex schlummern, in der Tat ausgeschöpft werden,19 sie also auf ganz neue, bis dato "unerhörte" Art zu gestalten – eine Umwälzung der Lebensweise mithin.20

Das aber heisst: den Fortschritt, der sich spontan nicht ergibt, bewusst in Szene zu setzen. Denn eines ist klar: Bevor dieser ultimative Schritt nicht getan ist, wäre es töricht, von einem sukzessiven Fortschritt zu sprechen, dergestalt, dass jede Generation jeweils "ein bisschen besser" als die voraufgehende dastehen würde; höchstens könnte man sagen, dass sich der Fortschritt, pour ainsi dire, "unterschwellig" vollzieht: progressio potentialis.21 Und das aber auch nur retrospektiv, erst dann, wenn diese Umgestaltung – die Anpassung der Gesellschaftsorganisation an die genetisch fixierten Impulse – vollzogen, realisiert ist. Denn wenn nicht, dann hat es auch keinen Fortschritt im Potentialis gegeben. Hier, wie überall sonst in der Geschichte, verleiht erst die Realisierung dem, was voraufging, die Eigenschaft und den Rang der Bedingung.

So ist zu sagen: Allein die Resultate, auf die es letztendlich ankommt, betrachtet, sind wir (und alle Generationen davor) in der Tat wirklich nicht weiter als die paläolithischen Jäger und Sammler, so dass man mit Georges Duby einräumen muss, dass "jede Epoche auf ihre Weise glücklich" (oder, wenn man's genau nehmen will: "auf ihre Weise unglücklich") ist. Indessen steht es uns frei (im Gegensatz zu allen früheren Generationen), unsere Lebensweise den genetisch fixierten Impulsen optimal anzupassen: dank dem extrem hohen Niveau des Produktivkraftsystems, das wir allerdings den vereinten Bemühungen aller bisherigen Generationen verdanken. Oder anders gesagt: Es steht uns frei, die bisherige Geschichte zu einer Geschichte zu machen, der a posteriori ein Ziel zuteil wurde, und damit diese Geschichte zugleich – in die Vorgeschichte, von der Marx spricht, zu verwandeln. All dies heisst aber auch, alle bisherigen "Kulturen" ins Museum der Altertümer konsequent zu entsorgen.

Denn bisher haben alle "Kulturen" im Hinblick darauf, das genetische Programm optimal umzusetzen, kläglich versagt. Bedarf es diesbezüglich eines Beweises? Offenbar nicht, denn es liegt für all die, die sich nichts vormachen wollen, offen vor Augen.

8.

Also sollen alle "Kulturen" abgeschafft werden, damit, einmal tabula rasa gemacht, eine neue, adäquate Lebensweise an ihre Stelle gesetzt werden kann? Warum denn eigentlich nicht? Denn was genau verliert man dabei? Schwachsinnigkeiten. Und andererseits: Was hat man verloren, als man Sklaverei und Versklavung, Menschenopfer, Hexenverfolgung, Orakel, Gottesurteile, die Inquisition und die Autodafés, Witwenverbrennung, das Sakralkönigtum, Steinigen, Kreuzigen, Rädern und Vierteilen, Verstümmelungen und Folter abgeschafft hat? Müsste man nicht angesichts dessen eher mit Mephistopheles sagen: "Denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht"?

Doch wenn, wie behauptet wurde, keine "Kultur" höher als all die anderen steht und keine auch tiefer, wie kann es dann sein, dass man eine Lebensweise findet, wert, an die Stelle aller bisherigen "Kulturen" zu treten? Dadurch, dass man ein Kriterium wählt, das jenseits der Arbitrarität des persönlichen (kollektiven) Dafürhaltens liegt, jenseits also aller "Kulturen": die "Natur" mithin oder genauer: das genetisch fixierte Programm.

Man könnte hier, wenn man denn wollte, eine "gesellschaftliche Relativitätstheorie" formulieren: "Kulturen" sind wie Körper, die sich, metaphorisch gesprochen, relativ zueinander in Bewegung befinden. Die Beurteilung fremder "Kulturen" vom Standpunkt der eigenen (und nach den Standards der eigenen) kann deswegen auch nie "Objektivität" für sich in Anspruch nehmen,22 denn vom Standpunkt einer jeden wird der Verhaltenskomplex aller andern stets anders eingeschätzt werden. Was sich demgegenüber als nötig erwiese, das wäre, analog zur Einsteinschen Relativitätstheorie, ein Kriterium zu finden, das unterschiedslos für alle ohne Ausnahme gilt, ein objektiver Wert (ein tertium datur) mithin, der sich jenseits sämtlicher "Körper" befindet. In der physikalischen Relativitätstheorie ist dies die Lichtgeschwindigkeit c, in der "gesellschaftlichen Relativitätstheorie" muss diese Rolle das genetisch fixierte Programm übernehmen, das eben für alle vollkommen gleich ist.23

Und überhaupt: Diese oder jene bestimmte "Kultur" ist nicht angeboren, sie kann also abgelegt werden, wie man ein abgetragenes Kleidungsstück ablegt. Der Beweis? Nun, er liegt eben darin, dass die Sprache (die langue, nicht die langage) – ein zentrales Moment aller "Kulturen" – dem Menschen ganz zufällig ist. So sagt Manfred Bierwisch zu Recht: "Ein Kind erlernt ohne jede Einschränkung die Sprache der Gemeinschaft, in der es aufwächst, völlig unabhängig von der Rasse oder Kulturzugehörigkeit seiner Eltern. Die These vom sprachlichen Relativismus muss in allen Punkten, in denen sie der Universalitätshypothese widerspricht, als widerlegt angesehen werden. Es bliebe sonst rätselhaft, wieso ein Kind eine beliebige Muttersprache lernt, abhängig nur von seiner Umgebung."24

Dies verhindert natürlich mitnichten, dass man sämtliche bisherigen "Kulturen" als Arsenal, gleichsam als "Steinbruch" benutzt, so wie antike Gebäude, zu Ruinen verfallen, später dann als "Steinbruch" benutzt worden sind. Die "Kulturen" werden so im Hegelschen Sinn "aufgehoben": beseitigt, bewahrt und auf eine höhere Stufe gehoben.25

9.

Von der "Kultur" demnach vorwärts zur "Natur": den "Fortschritt" im Potentialis, der sich in der Anhebung des Produktivkraftniveaus – ausgedrückt als Output pro Zeit – reflektiert, umzuwandeln in eine Lebensweise, die den genetisch fixierten Impulsen angepasst ist, indem man das Gegebene zertrümmert, um das, was in diesem eingeschlossen ist und darin zu ersticken droht, freizusetzen.

Dies aber ist gleichbedeutend damit, den "Fortschritt" als Fort-Schritt aufzuhalten, d.h. dem blinden Fortstolpern Einhalt zu gebieten:26 Es ist gleichbedeutend damit, an die Stelle der Spontaneität und der Bewusstlosigkeit Bewusstheit und Planung zu setzen, das epimetheische Handeln durch ein prometheisches abzulösen. Der ultimative Schritt heraus aus dem Tierreich, dadurch, dass das Denken auch auf der Ebene der Gesellschaft dominant gemacht wird, ist aber dann zugleich auch – ein Schritt hin zur Natur.

Emmerich Nyikos
streifzuege.org

Fussnoten:

1 Wir denken hier an Nahrungsaufnahme, Schlaf, Schutz vor Kälte und Hitze und den übrigen Unbilden der Natur, Fortpflanzung, Aufzucht der Nachkommenschaft usw.

2 Ansätze dazu finden sich natürlich schon im Tierreich; man denke hier etwa nur an das Spiel der Katze mit der Maus. Überhaupt sind die höheren Tiere durchaus des Lernens fähig.

3 Ob Noam Chomsky mit seiner Universalgrammatik recht hat oder nicht, das sei dahingestellt; sicher ist indessen, dass die Sprachfähigkeit (das, was Ferdinand de Saussure langage genannt hat) genetisch fixiert ist.

4 Cultura, lat., von colere ("urbar machen, bebauen"). Hier erfassen die alten Lateiner intuitiv den wichtigsten Aspekt der "Kultur": die Nahrungsgewinnung mit Hilfe von Werkzeugen in Arbeitsprozessen, die sie logischerweise mit dem Landbau gleichgesetzt haben.

5 Vgl. die Ausführungen von Karl Marx zur Biene und zum Baumeister: K. Marx, Das Kapital I, in: MEW 23, S. 193. Diese Scheidelinie ist natürlich nicht absolut: Menschenaffen etwa benutzen Werkzeuge wie Stöcke usw. (auch wenn sie von Werkzeugherstellung in eigentlichen Sinn, d.h. der situationsunabhängigen Produktion, noch ziemlich weit entfernt sind).

6 Sprache erfüllt daher im Wesentlichen zwei Funktionen: 1. die synchrone Kommunikation innerhalb der aktuellen Generationen; und 2. die Weitergabe von Wissen, Fertigkeiten usw. an die jeweils nachfolgende Generation.

7 "Kultur" ist, nach Jurij Lotman, "nicht-vererbte Information". Vgl. J. Lotman, Kultur – Information – Sprache, in: J. Lotman, Kunst als Sprache, Reclam Leipzig (1981), S. 26.

8 Unter "Milieu" verstehen wir 1. die gegebene Umwelt, was geologische und hydrologische Verhältnisse, Klima, Flora, Fauna usw. anbelangt, 2. dann aber auch das Resultat menschlicher Betätigung, die sich in Landschaften, Werkzeugen, Bauten usw. auf Dauer niedergeschlagen hat.

9 Wie Ruth Benedict richtig hervorhebt, ist "die Zahl der möglichen menschlichen Einrichtungen und Motive auf jeder Kulturstufe unendlich gross." (R. Benedikt, Urformen der Kultur, Rowohlt (1955), S. 33) Deshalb kann man sagen, dass das Moment des Zufalls hinsichtlich der konkreten Ausformung von Kulturen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

10 Auch hier kann man zwischen Kompetenz und Performanz unterscheiden: zwischen Kenntnis und Anwendung der Regeln.

11 Lévi-Strauss kennzeichnet Kultur im engeren Sinne folgendermassen: "Ich gehöre ebenso einer Kultur an, die einen eigentümlichen Lebensstil, ein ganz eigenes Wertesystem hat ..." (C. Lévi-Strauss, Das Nahe und das Ferne, Fischer (1996), S. 220)

12 Nicht ohne Grund sagt man diesbezüglich: Sie werden kultiviert.

13 Manche dieser irrationalen Praktiken hatten, nach Marvin Harris, dann durchaus auch noch ihren ökologischen Grund, wie das Schweinefleischtabu bei den alten Hebräern.

14 Man kann also sagen: Zum ersten Mal in der Geschichte ist das Irrationale vermeidbar. Daraus folgt: Sich über frühere Generationen lustig zu machen, ist eine unverzeihliche Dummheit; dagegen wäre es durchaus verkehrt, der Gegenwart nicht unverzeihliche Dummheit – abgrundtiefe Ignoranz – vorzuwerfen. – Überhaupt ist es so, dass in der reifen bürgerlichen Gesellschaft die genetisch fixierten Impulse, aufgrund der gegebenen produktiven Potenzen, zwar in einem Ausmass, das früher undenkbar war, realisiert werden können, zugleich aber so, dass der Sinn dieser Impulse völlig verfehlt wird, eben auf deformierte Weise (völlig pervertiert), und dies, weil diese Realisierung lediglich als Funktion des Warenverkaufs oder, wenn man so will, der Profitmaximierung erscheint: Der Impuls zu spielen setzt sich so um als das Drücken von Tasten oder am Display, der Impuls zur Nahrungsaufnahme in Fettleibigkeit, der Impuls, kreativ tätig zu sein, in der Auswahl der Kleidung und der Accessoires, der Impuls zu kommunizieren im Kontakt via Facebook, der Impuls, die Nachkommenschaft zu umsorgen, darin, dass man sie in die Tretmühle schickt, um sie "fit" für den Konkurrenzdruck zu machen. Und so fort.

15 Es kann aber auch sein, dass das betreffende System, nach einer mehr oder weniger langen Formationsperiode, in einen statischen Zustand wechselt, aus dem es dann von alleine nicht mehr herauskommt.

16 Wie viele neolithische Entstehungsherde es gab, ist nach wie vor umstritten: Fest steht lediglich, dass sich die Neolithisierung in der Alten und der Neuen Welt unabhängig voneinander vollzog.

17 Sowohl im Hinblick auf sämtliche relevanten Impulse, wie auch im Hinblick auf sämtliche Subjekte, und zwar weltweit (und, was sich von selbst versteht, in historischer Perspektive nicht minder, einerseits mit Blick auf die Nachwelt, mit Bezug auf welche es gilt, die ökologischen Bedingungen der menschlichen Existenz zu bewahren, andererseits mit Blick auf die Vorwelt, deren Plackerei nicht sinnlos gewesen sein soll, was nur dadurch erreicht werden kann, dass man den Produktionsapparat, den wir der Vorwelt verdanken, schlussendlich im Sinne der Realisierung der genetisch fixierten Impulse verwendet).

18 "Fortschritt" als qualitative Kategorie, d.h. als ein Aufsteigen auf einer Wertskala.

19 Auf dieser Basis wären die Leiden dann wirklich nur mehr vom Schicksal verursacht, nicht von uns selbst: "Meinst du, es mache nichts aus, ob du selbst deine Leiden verschuldest oder das Schicksal?" (Horaz)

20 Und nicht nur eine Umwälzung der Produktionsweise allein (d.h. Gemeineigentum und Planung), diese aber vor allem. Es ist die Basis.

21 Man könnte den Geschichtsverlauf cum grano salis mit einer Seereise vergleichen: 100 Meter vor dem Hafen hat man genausowenig diesen Hafen erreicht wie 1000 Kilometer davor, auch wenn man andererseits sagen kann, dass man eben nicht mehr 1000 Kilometer entfernt ist.

22 Keine Kultur verfügt "über irgendein absolutes Kriterium ..., das sie ermächtigte", die Unterscheidung zwischen niedrig und vornehm" auf die Hervorbringungen einer anderen Kultur anzuwenden." (C. Lévi-Strauss, Der Blick aus der Ferne, Fischer (1989), S. 240)

23 In diese Richtung dachte schon Denis Diderot: "Bei der Geburt bringen wir nicht mehr mit als eine ähnliche Organisation, wie andere Lebewesen sie besitzen, die gleichen Bedürfnisse, den Hang zu den gleichen Freuden, die gemeinsame Abneigung gegen die gleichen Qualen: das allein macht den Menschen aus, wie er ist, und muss die Moral begründen, die ihm entspricht." (D. Diderot, Nachtrag zu Bougainvilles Reise, in: D. Diderot, Das erzählerische Werk, Bd. 4, Rütten & Loening (1978), S. 324)

24 M. Bierwisch, Strukturalismus und Linguistik, Prolit-Buchvertrieb (1971), S. 62f. Erwachsene Japaner tun sich schwer, [l] und [r] zu unterscheiden. Japanische Babys dagegen können diese Laute auseinanderhalten – eine Fähigkeit, die sie später verlieren. Ähnliches gilt für alle Neugeborenen, egal, welche Sprache ihre Eltern sprechen. Sie können zunächst alle möglichen Laute unterscheiden, selbst wenn diese in ihrer Muttersprache nicht vorkommen. Es scheint also, als ob es in ihrem Gehirn eine Art Gesamtrepertoire von Lauten gibt. Diejenigen Laute, die sie immer wieder hören, lernen sie nachzusprechen, und sie schreiben sich in ihrem Gehirn fest. Die anderen werden dagegen nach einer bestimmten Zeit aus dem Repertoire der Laute gelöscht.

25 Da auf dem hohen Produktivkraftniveau, das aus der Automatisierung der Produktion resultiert, die Privatsphäre (basierend auf der free time) sich zeitlich enorm ausdehnen kann, erweitert sich auch (theoretisch) der Spielraum für die Umsetzung persönlicher Präferenzen gewaltig; was früher gesellschaftlich geregelt wurde, könnte schon heute privat (d.h. im kleinen Kreis) ausgemacht werden. Der Diversität sind so kaum Grenzen gesetzt, eine Diversität, die allerdings dann nicht mehr "kulturell" ist, sondern jenseits aller "Identitäten".

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