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Muss „der“ Verbraucher seinen Lebensstil ändern? Unser aller Verantwortung beim Konsum

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Klima- und Umweltschutz sind das Gebot der Stunde. Die Fridays For Future fordern, endlich die Ziele des Pariser Abkommens einzuhalten und die globale Erwärmung auf unter 1,5° Celsius zu begrenzen.

Parkplatz vor einem Supermarkt in Bydgoszcz, Polen.
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Bild: Parkplatz vor einem Supermarkt in Bydgoszcz, Polen. / Pit1233 (PD)

2. November 2020

02. 11. 2020

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Der Staat muss, heisst es in den zentralen Forderungen, seiner Verantwortung gegenüber der Umwelt und nachfolgenden Generationen gerecht werden. Er tut es aber nicht. Der Protest hört deshalb, einleuchtender Weise, nicht auf, der Streik soll weiter gehen: „Um eine Wende zu erreichen, die von der Gesellschaft mitgetragen werden kann, fordern wir absolute Transparenz und faktenbasierte Aufklärung für alle Bürger*innen“ (FFF – Unsere Forderungen an die Politik).

In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf die Verantwortung der Konsumenten und Konsumentinnen verwiesen. Auch in der vom Wuppertal-Institut für FFF erstellten Studie „CO2-neutral bis 2035“ vom Oktober 2020 heisst es, dass „eine stärkere Betonung von Suffizienzstrategien beziehungsweise nachhaltigen Konsummustern geboten“ sei, wobei mit „Suffizienz“ im Prinzip nichts anderes als Konsumbeschränkung oder -verzicht gemeint ist. Dass eine Änderung in den Produktionsverfahren auch eine Änderung beim Konsum nach sich ziehen wird, liegt natürlich auf der Hand. Etwas ganz Anderes ist es, „dem“ Konsum oder „dem“ Verbraucher hier und heute die Verantwortung für die Umweltschäden zuzuschieben.

Diese Sichtweise ist ausgesprochen populär. Auch beim Klimaprotest hat es schon Aufrufe und Parolen „Gegen den Konsum!“ gegeben. Der amtierende Papst hat übrigens in seiner neuen Sozialenzyklika „Fratelli tutti“ die Konsumkritik zum Ausgangspunkt einer spätkapitalistischen Apokalypse gemacht: Das Profitprinzip, das auf den Märkten herrscht, wird von dem frommen Mann gnadenlos gegeisselt, der „tödliche“ Charakter der Marktwirtschaft kommt ungeschminkt zur Sprache, aber all dies soll aus einer allgemeinmenschlichen Gier nach immer mehr folgen. Profitgier ist ihm letztlich dasselbe wie Konsumgier und „das Bedürfnis, grenzenlos zu konsumieren“ (FT, Nr. 13) die Wurzel aller Übel. „Konsumindividualismus“ und „-egoismus“ sollen demnach als die entscheidenden Grössen überwunden werden, um den Planeten und das Überleben der Menschheit zu retten.

Das ist sehr viel Verantwortung, die „uns allen“ zugeschoben wird. So kennt man es auch aus den Medien. Kaum ein Bericht oder Kommentar über Umweltverschmutzung, Klimawandel, Vermüllung der Meere, über unhaltbare Zustände in der Fleischindustrie, über Kinderarbeit in der Dritten Welt oder über tote Näherinnen in asiatischen Sweatshops endet ohne den Verweis auf die Verantwortung des Verbrauchers . Als „König Kunde“ soll er durch seine Entscheidung, bestimmte Produkte zu kaufen, für dies alles – zumindest – mit-verantwortlich sein. Doch ist dieser „König“ wirklich so mächtig? Und was ist von der Verantwortung zu halten, die ja nicht streng juristisch, sondern in einem moralischen Sinn gemeint ist? Wie sollte das überhaupt gehen, dass die völlig zusammenhanglose – ausserdem noch: global differenzierte – Gemeinde der Verbraucher und Verbraucherinnen die Produktion in neue Bahnen lenken könnte? Ist hier nicht die landläufige Ideologie am Werk, die den immer wieder geforderten „System Change“ in eine Lebensstil- und letztlich Gewissensfrage auflösen will, so dass im Grunde alles beim Alten bleiben kann? Dazu im Folgenden ein Versuch, wie von FFF gefordert, Transparenz und faktenbasierte Aufklärung zu bieten.

Was heisst hier Verantwortung?

Bei „den“ Konsumenten, also der seltsam abstrakten Grösse, wird die Schuld an den beklagenswerten Verhältnissen auf dem Globus abgeladen – wie gesagt in einem höheren, moralischen Sinne, der auch schon einmal problematische Aspekte der weltweit herrschenden Marktwirtschaft zur Sprache bringt. Ein marktradikales Blatt wie die FAZ (10.10.2020) entdeckt unter Berufung auf ökonomische Experten in den „langen Lieferketten“ der Globalisierung ein grosses Problem, das angeblich eine „Diffusion von Verantwortung“ hervorbringt: „Anders gesagt: Die Menschen scheren sich nicht darum, wie ihr T-Shirt oder Fleischstück hergestellt wurde, weil sie davon ausgehen, dass eben ein anderer Konsument zugreift, wenn sie es nicht selbst tun, und die Produktion sehr weit von ihnen entfernt stattfindet… “ Die Masse der Konsumenten soll sich aber, statt auf dumme Gedanken zu kommen und am System zu kritteln, ein (schlechtes) Gewissen machen und lieber auf die Massnahmen der politisch Verantwortlichen warten: „Lieferkettengesetz statt Systemumsturz also“ (FAZ)! So ist Konsumkritik selbst bei beinharten Apologeten der Marktwirtschaft erwünscht.

Wenn auf die Konsumentenverantwortung hingewiesen müsste eigentlich als Erstes eine Merkwürdigkeit auffallen: dass nämlich die auf diese Weise verantwortlich Gemachten immer erst noch darüber aufzuklären sind, was sie anrichten. Offenbar sind sie verantwortlich für Zustände, die sie gar nicht kennen – und die moderne Präsentation des Warenangebots tut alles dafür (siehe unten), dass nur höchst sparsam Informationen an die Kunden über die erworbenen Produkte gelangen. Wenn das so ist, kann die Kundschaft die Produktionsbedingungen aber auch nicht in Auftrag gegeben haben. Um etwas zu verantworten, muss man schon Kenntnis von den Folgen seines Tuns haben, weswegen es Politiker und sonstige Führungskräfte bekanntlich in kritischen Fällen immer vorziehen, nichts gewusst zu haben.

Die öffentlichen Kommentatoren erschüttert bei ihren konsumkritischen Vorwürfen genau so wenig die Tatsache, dass es für die so in die Verantwortung Genommenen jede Menge Institutionen und Gesetze gibt, die sie davor schützen sollen, ständig über den Tisch gezogen oder zu Fehlkäufen verführt zu werden: Ministerien und Behörden, die für den Verbraucherschutz zuständig sind; Gesetze und Verordnungen zum Schutz von Verbrauchern auf den verschiedensten Warenmärkten; daneben dann zahlreiche NGO‘s von der Initiative „foodwatch“, die jede Woche einen neuen Lebensmittelskandal aufdeckt, bis hin zum Verein „Xertifix“, der mit seinem Gütesiegel Kinder- und Sklavenarbeit verhindern will. Alles in allem, schon ein seltsam konträres Bild, das da durch die Medien geistert!

Der Verkäufer: Auf den Gewinn kommt es an

Den Ausgangspunkt für die Schuldzuschreibung bildet der Kauf eines Produkts (oder, was politökonomisch keinen Unterschied macht, einer Dienstleistung). Es bietet sich daher an, zunächst zu untersuchen, was dort geschieht. Beim Kauf einer Ware stehen sich bekanntlich Käufer und Verkäufer gegenüber, und zwar mit unterschiedlichem Interesse. Für den Verkäufer ist dieser Akt der Abschluss seiner wirtschaftlichen Betätigung. Er hat Geld in die Herstellung (oder den Handel mit) einer Ware investiert und will als Resultat seiner Betätigung dieses Arbeitsprodukt wieder zu Geld machen, natürlich zu mehr Geld als ursprünglich eingesetzt, sonst würde die ganze Transaktion auf Dauer unterbleiben. Er will seinen Gewinn realisieren, denn dies ist der Zweck seiner wirtschaftlichen Betätigung. Für den Käufer dagegen zählt der Gebrauchswert oder Nutzen der Ware, die der eigenen Bedürfnisbefriedigung, den Notwendigkeiten des Alltags oder dem Vergnügen dienen soll – und wofür er eben Geld hinlegen muss, damit er zu diesem Nutzeffekt kommt. Rechtlich gesehen stehen sich so zwei gleiche Partner gegenüber, von denen beide ihre Zustimmung zum Zustandekommen des Kaufvertrags geben müssen.

Glaubt man der Vorstellung vom Kunden als König, dann entscheidet der Käufer mit seinem Kauf über die Konkurrenz der unterschiedlichen Anbieter einer Ware. Die Kundenentscheidung zwinge den Verkäufer geradezu, seine Ware möglichst billig anzubieten. Üble Zustände in der Produktion wie Sklaven- oder Kinderarbeit , niedrige Löhne, hoher Leistungsdruck, mangelnder Arbeitsschutz etc. sollen somit das Resultat dieses Zwangs sein , der durch die Kaufentscheidung ausgeübt wird. Bei dieser Betrachtungsweise fällt allerdings einiges unter den Tisch, nämlich der ökonomische Charakter dieser Transaktion.

Ausgangspunkt von Produktion und Handel ist, wie festgehalten, die Tatsache, dass die Anbieter von Waren über Geld verfügen, geliehenes oder eigenes, das sie nicht konsumieren, sondern vermehren wollen. Um dies zu bewerkstelligen, ziehen sie einen Produktionsprozess oder ein Handelsgeschäft auf. Damit begeben sie sich in Konkurrenz zu ihren Kollegen, die dasselbe wollen, nämlich ebenfalls Gewinne machen, und wenn sie in der Konkurrenz Erfolg haben wollen, müssen sie ihren Mitbewerbern zuvorkommen, sie beim Preis unterbieten oder Produkte von besonderer Qualität anbieten. Das ist der von allen Unternehmen gewollte und zu befolgende „süsse Zwang“: zum Profit und damit zu den entsprechenden Anstrengungen verdammt zu sein.

Über je mehr Geld oder Kapital jemand verfügt, umso grösser ist seine Freiheit, mit welchen Produkten und auf welchen Märkten das passieren soll. Hier trifft er dann souverän die Investitionsentscheidungen, die ganze Produktionssparten und Produktlinien betreffen. So wird aus einem Röhrenhersteller wie Mannesmann auch schon mal ein Telefonanbieter Vodafone. Und so haben auch nicht die A-Klasse-Fahrer von Mercedes bestellt, dass „Daimler … künftig stärker als Luxus-Hersteller auftreten“ will (SZ, 7.10.2020). Natürlich kann man als Konsument auf bestimmte Produkte verzichten. Wer kein Fleisch mehr essen will, dem bieten dann die Wursthersteller vegane Wurst an. Das schränkt den Fleischverkauf zwar nicht ein, erweitert aber die Produktpalette für einen Markt mit höheren Preisen. Und weil Würstchen nicht auf Bäumen wachsen, braucht es viel Aromen und Chemie damit Pflanzen wie Fleisch schmecken.

Dabei kalkulieren die Hersteller und Verkäufer ihre Produkte im Hinblick auf die Zahlungsfähigkeit ihrer Kundschaft. Verkaufspreise wie Qualität der Waren sind Kampfmittel in der Konkurrenz um Marktanteile. Mit niedrigen Preisen kann man die Konkurrenz aus dem Markt drängen und auch bei geringer Gewinnmarge dank grosser Absatzmenge eine grosse Masse an Gewinn erzielen. Also ist der Massenmarkt stark preisumkämpft, hier wird gezielt für die Minderbemittelten produziert im Kampf um ihre recht beschränkte Zahlungsfähigkeit. Für die einkommensstärkeren Schichten gibt es andere Produkte, die durch ihre Qualität glänzen sollen und die in der Regel grössere Gewinnmargen versprechen. Doch dieser Markt ist ebenfalls begrenzt, weil es von den Bessergestellten eben weniger gibt.

Der Verbraucher: personifizierte Zahlungsfähigkeit

Wer die Verbrauchersouveränität feiert und den Kunden als Entscheider der Konkurrenz vorstellig macht, die die Händler oder Hersteller untereinander austragen, sieht genauso vom Ausgangspunkt der ganzen Chose für den Käufer ab. Für ihn kommt es auf den Gebrauchswert der Waren und Dienstleistungen an, die er für seine alltägliche Lebensführung oder für besondere Vergnügungen benötigt. Um an diese für sein Leben notwendigen Mittel zu kommen, braucht er Geld, denn alles ist Eigentum – und somit sind die Konsumenten von allem Benötigten erst einmal ausgeschlossen. Um an die Waren zu gelangen, müssen sie sich also das notwendige Geld beschaffen, d.h. es mit ihrer (Lohn-)Arbeit verdienen. Dafür müssen sie sich denen andienen, die über Geld verfügen und als „Arbeitgeber“ ihre Arbeitskraft für sich nutzen wollen. In die Kalkulation der Hersteller und Händler geht der Lebensunterhalt der meisten Verbraucher also als Kost ein, deren Höhe den Gewinn beeinträchtigt und daher möglichst niedrig kalkuliert wird.

Dass gerade niedrige Preise ein Kampfmittel um Marktanteile sind, verdankt sich der Tatsache, dass sich die für die Unternehmenskalkulation günstigen niedrigen Löhne und Gehälter auf dem Markt als begrenzte Zahlungsfähigkeit der Kundschaft geltend machen. Die Mehrzahl der Menschen muss sich ihr begrenztes Einkommen nach strengen Kriterien einteilen. Einen grossen Teil ihres Verdienstes bekommen sie dabei gar nicht erst zu sehen, weil er staatlicherseits gleich für Steuern und Sozialabgaben konfisziert wird. Hausbesitzer und Baufinanzierer von Eigenheimen oder Eigentumswohnungen verschlingen fürs Wohnen einen weiteren Batzen des Einkommens, so dass der Rest gründlich eingeteilt werden muss. Denn ausser für die Fahrt zur Arbeit und zum Einkauf, für Essen und Kleidung will man sich ja auch noch etwas leisten, an heimischen Vergnügungen teilnehmen oder in Urlaub fahren.

Durch den Kauf soll aber der Verbraucher – so die gängige Konsumkritik – nicht einfach den Notwendigkeiten seines Alltags nachkommen; er soll sich nicht nur für das konkrete Produkt, sondern auch für die Art der Herstellung entschieden haben. Dabei wird einerseits, wie oben gezeigt, von den wirklichen Subjekten und Kriterien der Investitionsentscheidungen abgesehen und andererseits dem Kauf des Einzelnen ein Gewicht beigemessen, das diesem ökonomisch gar nicht zukommt. Ob der jeweilige Konsument die Ware des Herstellers A oder die des Herstellers B bevorzugt, entscheidet nicht über deren Erfolg oder Misserfolg in der Konkurrenz, auch wenn die betreffenden Firmen durch Werbung den Kunden in den Mittelpunkt rücken und mit grossem Aufwand versuchen, seine Entscheidung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Denn die Kalkulation der Unternehmen ist auf das Abgreifen eines bestimmten zahlungsfähigen Potenzials ausgerichtet und der Erfolg hängt nicht an Einzelnen und auch nicht unbedingt an einem lokalen Markt, produzieren die grossen Hersteller doch meist für den Weltmarkt.

So kann der Verbraucher in Deutschland auf sein Schnitzel verzichten, aber dies berührt den Gang des Geschäfts einer Firma wie Tönnies erst einmal nicht, da sie den grössten Teil ihrer Produktion nach China verkauft. Deshalb kommt der Verweis auf die Verbrauchersouveränität nie aus ohne die Forderung, dass viele Kunden sich in der „richtigen Weise“ betätigen müssten. Weil sich die Entscheidungen des Einzelnen in der Rechnung der Unternehmen kaum bemerkbar machen, wird immer die Verantwortung der Verbraucher als Kollektiv beschworen: Erst in der Menge kann sie wirksam werden! Und so wird noch in dem Verweis deutlich, dass die individuelle Kaufentscheidung so gut wie gar nichts bewegt.

In dem Appell an die Gesamtheit oder Mehrheit der Verbraucher wird unterstellt, dass sie eine Einheit bilden. Aber ausser, dass sie etwas kaufen – und selbst da unterscheiden sie sich schon sehr darin, was sie kaufen –, haben sie nichts gemeinsam. Dennoch wird mit dem Personalpronomen „wir“ an diese fiktive Gemeinschaft appelliert, wenn durch das Kaufverhalten die Wirtschaft beeinflusst werden soll. Den Konsumenten wird so ein gemeinsames Interesse beim Kauf unterstellt jenseits dessen, was sie gerade kaufen, und ihnen wird die besagte Verantwortung in Sachen Umwelt, Armut, Ausbeutung etc. ans Herz gelegt, wobei sie erst immer über diese Übel als Folge einer Produktion, die von ganz anderen Entscheidungen regiert wird, mühsam und oft ganz investigativ ins Bild gesetzt werden müssen.

Behandelt wird der Verbraucher also als Souverän jenseits seiner alltäglichen Notwendigkeiten. Ganz so, als ob er beliebig mehr oder weniger für einzelne Produkte ausgeben, auf bestimmte Produktarten verzichten und sie durch andere ersetzen könnte. So soll er Bio und gleichzeitig fair kaufen, sich umweltbewusst bewegen, gesund ernähren und Müll vermeiden. Dazu werden dann Menschen vorstellig gemacht, die beweisen sollen, dass dies alles geht. Für Menschen mit dauerhaft beschränktem Einkommen, bei denen die Arbeitszeit und der Weg zur Arbeit den grössten Teil des Tages bestimmen und die vor dem Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stehen, stellt sich die Sachlage anders dar. Sie müssen jeden Euro umdrehen und sich genau überlegen, was sie sich leisten können. Und so kaufen sie höchstens gelegentlich Bio-Produkte, trennen den Müll nicht immer und haben ein schlechtes Gewissen bei der Fahrt mit dem Auto oder der Billigreise mit dem Flugzeug.

Der Verbraucherschutz: eine unendliche Geschichte

Allein die Tatsache, dass es Verbraucherschutzministerien im Bund und Ländern gibt, dass zahlreiche Verbraucherschutzgesetze existieren oder eine Verbraucherberatung die Kunden darin berät, worauf sie beim Kauf zu achten haben, sprechen der Behauptung von der Verbrauchersouveränität Hohn. Offenbar laufen die Konsumenten ständig Gefahr, Dinge zu kaufen, die nichts taugen, die überteuert oder sogar schädlich sind. Das hindert aber weder Journalisten noch Politiker daran, die herausgehobene Rolle der Konsumenten immer wieder zu beschwören. Und so finden sich in den Medien neben den Berichten über verschiedene Verbraucherschutzmassnahmen ständig Mahnungen an die Adresse der Verbraucher zum richtigen, verantwortungsvollen Kauf.

Wie jeder weiss, ist der Kauf eines Produkts für den Käufer keine einfache Sache. Das fängt schon bei der Produktbezeichnung an, die gesetzlich geregelt ist. Die naive Vorstellung, dass eine Leberwurst aus Leber und eine Fleischwurst aus Fleisch bestehen würde, wird durch das politische Verordnungswesen dementiert; Letzteres legt fest, wie wenig Leber oder Fleisch in einer solchen Wurst sein darf, damit sie sich dennoch danach nennen darf. Damit ist es amtlich, dass Produktfälschung zur Normalität dieser Gesellschaft gehört, dass sie gesetzlich – in einem bestimmten Rahmen – zugestanden wird. Der Verbraucher wird durch die Mindestbestimmungen nur davor bewahrt, dass die Fälschung komplett ist. Wenn im Erdbeerjoghurt keine Erdbeeren mehr zu finden sind, sondern nur noch Aromastoffe, die aus Holzspänen gewonnen wurden, dann muss dies durch die Kennzeichnung irgendwie deutlich werden.

Ganz über den Tisch gezogen werden soll der Verbraucher eben nicht. Durch den staatlichen Schutz wird formal sein Recht als ebenbürtiger, juristisch verantwortlicher Geschäftspartner gewahrt. Irgendwie muss er erkennen können, was er da mit seinem Kaufvertrag erwirbt. Denn gerecht soll es in dieser Gesellschaft schon zugehen. So wacht der Staat darüber, dass die Anbieter ihre Machtposition nicht ausnutzen. Aber ihr Geschäft soll durch die einschlägigen Schutzmassnahmen auch nicht verunmöglicht werden. Die Produktinformationen sollen einen Kauf nicht verhindern, nur weil das Produkt jetzt als (relativ) ungeniessbar oder ungesund kenntlich ist. So gibt es auf den Produkten Beschreibungen zum Inhalt, wobei gesetzlich genau abgewogen wurde, was darauf in welcher Schriftgrösse und an welcher Stelle der Verpackung stehen muss und was nicht. Denn wenn wirklich alles aufgeführt würde, was etwa im jeweiligen Lebensmittel enthalten ist, würde so Manchem schlecht und die Ware wäre nur schwer absetzbar.

Da Produktion und Verkauf der Waren kostengünstig unter Einsatz von vielen Giften und Chemikalien erfolgen, also durch Massnahmen, die die Waren gesundheitsschädlich oder ungeniessbar machen, sollen Grenzwerte gravierende Schädigungen vermeiden. Dies bedeutet nicht, dass keine Gifte mehr in der Ware enthalten wären oder durch die Verpackung ans Produkt gelangen würden. Die Schädigung soll sich jedoch im Rahmen bestimmter Grenzen bewegen. Bei deren Festlegung wird unterstellt, dass es eine geringfügige Menge gibt, bei der ein Stoff harmlos oder seine Wirkung zu vernachlässigen ist. Das stimmt bei manchen, bei anderen nicht, da diese sich im Körper anreichern. Auch wird nur die Wirkung jedes einzelnen Schadstoffes auf den Organismus bewertet, während die Menschen im Alltag ständig ganzen Cocktails von Giften ausgesetzt sind, weswegen Krebserkrankungen und Allergien mittlerweile Volkskrankheiten darstellen.

Wer als Konsument dies alles vermeiden will, steht vor einer Vielzahl von Produkten unterschiedlicher Markenbezeichnungen, also vor der Qual der Wahl oder auch vor deren Unmöglichkeit. Wer z.B. in der Corona-Pandemie Fleisch aus dem Hause Tönnies vermeiden wollte, tat sich schwer, beliefert Tönnies doch Aldi, Lidl, Rewe und Edeka mit den Marken Gutfried, Zimbo, Böcklunder, Lutz, Könecke, Redlefsen und Schulte. Die Rettung soll dann immer darin bestehen, dass man zum Metzger um die Ecke geht – den es aber kaum noch gibt und der auch nicht mehr selber schlachtet. Ausserdem gibt die Herkunftsbezeichnung aus der Region keine Auskunft über die Qualität des Fleisches. Weil der Verbraucher dies alles nicht überschauen kann, existieren deshalb Labels wie Bio, Demeter, Fair etc., die dem Verbraucher eine bestimmte Qualität des Produkts oder eine besondere Rücksicht bei der Herstellung bzw. im Umgang mit den Produzenten signalisieren sollen.

Die Labels beziehen sich dabei auf völlig disparate Merkmale. So soll das neue Nutri-Score-Label – fein abgestuft – signalisieren, welche Produkte gesundheitsschädlich sind und welche nicht. Den Herstellern ist es dabei freigestellt, die eigene Ware damit zu kennzeichnen oder es bleiben zu lassen. Hersteller von Produkten, die mit einer roten Kennzeichnung ausgezeichnet werden müssten, dürften dabei wohl keinen Gebrauch von diesem Label machen.

Interessant ist bei Nutri-Score schon die Tatsache, dass die Politik hier höchst offiziell von Lebensmittelproduzenten verlangt, „zwischen gesunden und ungesunden Fertigprodukten zu unterscheiden“ (FAZ, 10.10.2020), die also beide weiter im Handel verbleiben. Und das auch noch, wie gesagt, auf freiwilliger Basis. Die Politik vertraut hier ganz dem Markt – der es bislang nicht gebracht hat! – und den wundersamen Wirkungen des freien Wettbewerbs – wo Vertreter von Bioverbänden schon davor warnen, dass Firmen das Label nur nur zur „Schönung“ einzelner Produkte verwenden würden. Hinzu kommt, dass die an der Gesetzgebung beteiligten Wissenschaftler gleich die Gefahr sehen, „dass das Logo Verbraucher in die Irre führe. Es verrechne allein Kalorienanzahl und Nährstoffe miteinander, trage aber nicht zu einem gesunden Mix für die Ernährung bei.“ (FAZ)

Dem Kunden soll also die Qual der Wahl durch besondere Kennzeichnungen der Produkte erleichtert werden – durch „Labels“, mit denen die Hersteller dann auch noch werben können. Ausgangspunkt für dieses Labelling ist die Kenntnis der negativen Folgen der Produktion für Mensch, Tier, Natur oder Klima. Die verschiedenen Label geben in der Regel an, ob irgendein Schaden bei der Produktion nicht oder nur in geringerem Masse auftritt. Eine Verhinderung der bekannten Schäden wird damit nicht versprochen. Wenn ein Teppich ohne die Arbeit von Kindern geknüpft wurde, dann sagt dies nichts aus über die Bezahlung des Erwachsenen, der die Arbeit ausgeführt hat. Es wird damit auch nicht mitgeteilt, dass es in dem betreffenden Geschäftszweig keine Kinderarbeit mehr gibt oder dass es den dortigen Familien, die auf das Einkommen der Kinder angewiesen waren oder sind, jetzt besser geht.

Der Käufer von „fairem“ Kaffee weiss, dass Kaffeebauern üblicherweise nicht von dem Verkauf ihrer Bohnen leben können. Den Produzenten des fairen Kaffees soll es da besser ergehen. Dass es denen dann gut geht, wird mit dem Siegel nicht versprochen. Die Auskunft lautet: Es geht ihnen „irgendwie“ besser, es ist eben relativ. Wer sich um die Nachhaltigkeit der Fischbestände kümmert und auf die entsprechenden Siegel achtet, kauft unter Umständen Fische aus Aquakulturen – was diese im Meer anrichten, darüber geben die Label keine Auskunft. Bio-Produkte sollen irgendwie besser sein für Mensch und Umwelt.

Worin das Besser besteht, bleibt oft auch im Vagen. Mehr Vitamine sind dann nicht unbedingt im Produkt enthalten, auch hier bestimmt sich die Qualität in der Regel negativ: Sie enthalten weniger Schadstoffe. Wie viel weniger, bleibt offen und ebenso, ob diese Menge relevant ist, ob man jetzt nach regelmässigem Verzehr gesund bleibt oder nicht. Denn Schadstofffreiheit kann auch ein Bio-Bauer nicht garantieren, schliesslich entsorgt die Industrie kostengünstig viele Schadstoffe über die Luft, und zwar aus hohen Kaminen, die alles weit übers Land verteilen. So picken auch Bio-Hühner die entsprechenden Gifte vom Boden auf und findet sich selbst im Bio-Ei noch eine Portion Dioxin.

Dass man als Kunde durch den Kauf eines entsprechenden Produkts die Welt irgendwie mitgestalten kann – und sei es nur den Mikrokosmos des eigenen Organismus –, dieser Glaube ist die Basis für all diese Label, die den Kunden in die Lage versetzen sollen, seiner Verantwortung gerecht zu werden. So bedienen Industrie und Handel nicht nur die materiellen Interessen ihrer Kundschaft, sondern auch die ideellen. Wunderbar: Durch den Kauf des „richtigen“ Produkts kann man sich auch noch von der Verantwortung für die Missstände in der Welt freikaufen! Dieser moderne Ablasshandel eröffnet zudem ein Marktsegment für eine zahlungskräftigere Kundschaft, die sich ihre Verantwortung etwas kosten lässt. Prestigekonsum der höheren Art!

Fazit: Weiter so – aber mit Skrupeln!

Die Mär von der Verbrauchersouveränität und der betreffenden Verantwortung stellt die Welt also auf den Kopf. Diejenigen, die irgendwie mit ihrem schmalen Geldbeutel auskommen müssen und bei denen jede Entscheidung für den Kauf eines Produktes auch immer heisst, sich an anderer Stelle etwas zu versagen, werden für eine Produktion verantwortlich gemacht, für die sie überhaupt nicht zuständig sind. Und sie sollen – siehe die christliche oder ökologische Konsumkritik – nicht nur für einzelne Produkte bzw. Produktionsabteilungen verantwortlich sein, sondern für die Katastrophen und Krisen, die die globalisierte Marktwirtschaft den Menschen beschert.

Die aber, die die Produktion und den Handel zu ihrer Reichtumsvermehrung eingerichtet haben, die wegen ihrer Kalkulation keine Rücksicht auf die Lebensgrundlagen der Menschheit kennen und ihr mittels Werbung und Verpackung auch noch jeden Dreck anbieten, werden zu Opfern ihres Tuns deklariert. Und diese Ideologie hat leider auch bei Protestlern in Sachen Umwelt und bei vielen Verbrauchern verfangen, die dann zwar nicht viel anders, aber sich aus jedem Kauf oder Vergnügen ein Gewissen machen.

Suitbert Cechura

Fussnoten:

[1] Im Online-Magazin Telepolis, das sich als Gegenöffentlichkeit zum Mainstream versteht, sind in der letzten Zeit einige einschlägige Texte zu diesem Themenkomplex erschienen. Siehe grundlegend zum Protest der „Fridays“: Fridays for Future - und was dazu nicht im Schulbuch steht, https://www.heise.de/tp/features/Fridays-for-Future-und-was-dazu-nicht-im-Schulbuch-steht-4892973.html; Von der „German Energiewende“, https://www.heise.de/tp/features/Von-der-German-Energiewende-4892975.html); Was ist wichtiger: Wirtschaft oder Klimaschutz?, https://www.heise.de/tp/features/Was-ist-wichtiger-Wirtschaft-oder-Klimaschutz-4645902.html. Zur Fleischindustrie: Die seuchenbedingte Neuauflage des alten Fleischskandals, https://www.heise.de/tp/features/Die-seuchenbedingte-Neuauflage-des-alten-Fleischskandals-4867494.html. Zu Corona und Klimaerwärmung: Corona und die „Rückkehr zur Normalität“, https://www.heise.de/tp/features/Corona-und-die-Rueckkehr-zur-Normalitaet-4710066.html.

[2] Vgl. Kinderarbeitern helfen, planet-wissen.de/geschichte/menschenrechte/kinderarbeit/pwiewissensfrage284.html.

[3] Vgl. Die Fleischindustrie, https://www.heise.de/tp/features/Die-Fleischindustrie-4768601.html; Billiges Fleisch – hohe Gewinne: Fragwürdige Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie, zdf.de/verbraucher/wiso/arbeitsbedingungen-der-fleisch-industrie-corona-100.html.

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