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Ausfahrt Israel Joab, die DDR und was ich sonst nicht weiss von Israel

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Im Oktober 1995 fuhr ich mit meiner Frau und mit den beiden Töchtern in einem gemieteten Fiat Punto durch Israel. Wir zelteten am Toten Meer und am See Genezareth. Wir beeilten uns, kurz vor Jom Kippur von Jerusalem weg nach Dor in eine Feriensiedlung am Mittelmeer zu kommen.

Blick auf den See Genezareth vom Gelände der griechischorthodoxen Kirche in Israel.
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Bild: Blick auf den See Genezareth vom Gelände der griechisch-orthodoxen Kirche in Israel. / Zairon (CC BY-SA 4.0 cropped)

27. März 2012

27. 03. 2012

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Wir waren nicht die einzigen, die auf diesem Wege dem Reglement des höchsten Feiertages ein klitzekleines Schnippchen schlugen. Gott ist gross, und wenn er mit den Augen zwinkert, sieht er nicht alles.

Wir machten Quartier im Kibbuz Neve Shalom unweit von Tel Aviv und im Kibbuz Beit Alfa am Fusse des Berges Gilboa. Wir kamen in Haifa in der winzigen Dachwohnung des Berliner Juden Jizchak Schwersenz unter und wurden in Daliyyat, einem drusischen Dorf im Carmel-Gebirge, von der Familie eines arabischen Freundes von Jizchak aufs Köstlichste bewirtet. Wir bezogen eine der Unterkünfte, die Eli Avivi in seinem bizarren Freistaat an der Grenze zum Libanon errichtet hatte und wurden im arabischen Dorf Sulame in das Haus von Leila Massarwi gewunken und von ihrer Gastfreundschaft und Kinderschar überwältigt. …

Die zweiwöchige Ausfahrt war die Erfüllung eines Traums und verband sich mit der Recherche für einen Roman, den ich über Joab, den Feldhauptmann König Davids, schreiben wollte. Dafür musste ich einmal im Leben das "Gelobte Land" besehen und atmen. Einmal die Orte, deren Namen ich aus den "Samuel"-Büchern im Alten Testament kannte, betreten. Und die "Fühlfäden" (Hebbel) ins Geschichtete der Geschichte senken.

Der Reiz der Reise: Das Gegenwärtige verband sich mit einer Ausschau, die eher eine Gefühlsrecherche denn eine faktische Suche war. Joab, David und wie sie alle heissen – ihre Existenz ist unverbürgt. Doch lag über allem die Poesie von Geschichten, die grossartig erfunden sind und ihre realen Anlässe und lebenden Vorbilder seit Olims Zeiten und viel länger noch überstrahlen. Mag der von Tag zu Tage leben und im Dunkeln unerfahren bleiben, der "nicht von dreitausend Jahren/Sich weiss Rechenschaft zu geben" (Goethe) Ausserdem ist es ein Spass der Phantasie (ergo ein phantastischer Spass), für bare Münze zu nehmen, was als Falschgeld der Legenden in Umlauf gebracht wurde.

Alte Helden, neue Helden

Jener Joab faszinierte mich. Aus einem unvorstellbar weit entfernten "Zeitgebreite" (Th. Mann) sprach das Schicksal eines unwahrscheinlichen Mannes, dessen Tun und Lassen, dessen Tatkraft und Zaudern, dessen Schuld und Schuldverdrängung mir ein aktuelles Gleichnis waren.

In meiner Lesart ist Joab als Oberbefehlshaber der Armee der zweite Mann hinter oder neben David. Joab zog (anfänglich begleitet von David; noch riskierte auch der König Leib und Leben im Kampf) in die Schlachten, die sich zu erfolgreichen Kriegen summierten und aus dem zerstrittenen Nebeneinander von Stämmen einen Staat bildeten. Dabei machte er, Joab, die Drecksarbeit. (Abgesehen von Davids legendärem Auftritt gegen Goliath.) Inklusive der Morde, eigenhändig ausgeführt oder in Auftrag gegeben, die dem Erhalt der Macht nützten. Oder, wie im Falle des Uria, der Beseitigung eines Ehemannes, dessen Weib, Bathseba, der König begehrte, schwängerte, heiratete. Und mit der er Salomo zeugte, seinen Nachfolger.

Joab führte die Kriege, deren Siege David zu eigenem Lobe und Ruhm Leistung besang. Wobei David weder die Scheu hatte noch die Scham kannte, den von ihm beauftragten Offizier nach vollbrachter Missetat aufs Übelste per Gesang und Nachrede zu beschimpfen. In absentia des Gescholtenen. Der König erweist sich als einzigartiger Dichter: ein Mann mit Phantasie, wortgewaltig und von ungeniertem Opportunismus gegenüber Gott und der Nachwelt. Im Übrigen lag es in der Logik der Macht, dass Joab seinen Vorgänger ermordete, wie er selbst von seinem Nachfolger Benaja ermordet wurde. Raue Sitten damals; rauere als heute?

David stirbt im Bett, hochbetagt. Ihn zu wärmen, sei ihm eine Jungfrau zur Seite gelegt worden. Sie wurde aus Sunem geholt, jenem Dorf, das heute Sulame heisst und das wir auf unserer Israel-Tour besuchten. Der Wunsch, es möge eben dieses Dorf sein, überstrahlte den spöttisch-selbstverständlichen Selbstzweifel, dass es nach rund 3.000 Jahren tatsächlich möglich sei, eine so zerbrechliche Schöpfung, wie es ein Dorf ist, genau zu lokalisieren.

Joab trieb mich um. Ich sah in ihm einen Menschen, der einer Idee dient. Ein Mann, der glaubt. Auch ein Mann, der Zweifel hat und sich die Frage stellt, ob es nicht in seiner Macht steht, einen Dienst zu verweigern, eine Aufgabe zurückzuweisen, sogar den König wegzuputschen. Ein Mann mit einem Gewissen, ein Mann, der sich immer wieder selbst diszipliniert und Argumente für seinen Gehorsam findet. Es gehe um das geeinte Land. Es gehe darum, sich der äusseren Feinde zu erwehren. Es geht um den einen und einzigen Gott.

Ob die damals Zweifel "Zweifel" nannten (oder ein Misstrauen war's), ob die damals Gewissen "Gewissen" nannten (oder ein Zaudern war's), ob die damals Argument "Argument" nannten (oder ein Offenbares war's)? Ich würde, schriebe ich den Joab ins Heutige, zweifelsohne der Geschichte nicht gerecht werden. Aber um des lieben Gleichnisses willen mochte ich nicht von ihm lassen. Es ist unerheblich, ob Joab und David wirklich gelebt haben. Wirklich waren und sind die Verstrickungen, die Folgen der Taten, das Ungewollte und das Gewollte, die Möglichkeit und die Unmöglichkeit, einen freien Willen zu leben. Wirklich ist die Phantasie um einen Helden.

Dieser Joab bot sich als ein unerschöpfliches Reservoir an. In ihm entdeckte ich Hybris, Pflichtgefühl, tatsächliche und eingebildete Macht. Über den Mann erfuhr ich von Glauben, Idealismus und Grausamkeit. Nicht zum ersten Mal, natürlich nicht, aber so alte Geschichten, wenn sie ins Aktuelle reichen, sind so allgegenwärtige Konstellationen. Sind elementar, wuchtig, ewig-wirksam.

Und der Mann schien mir geeignet, über die Generation meines Vaters bzw. über die Repräsentanten seiner Generation, die nibelungentreu zur DDR standen, nachzudenken. Oder ihnen nachzufühlen. Jene Männer, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Jugendliche aus dem Idealismus des Nationalsozialismus in den Idealismus des real existierenden Sozialismus wechselten. Die meist aus einfachsten Verhältnissen stammten, ihre Chancen zum Aufstieg redlich nutzten und zu Verteidigern ihres Landes, ihres Idealismus, ihres Werkes wurden.

"Redlich" – das Wort ist mir wichtig. Von den egoistischen Raffern, von den karrierelüsternen Über-Leichen-Gehern, von denen, die wohl kalkuliert auftraten und ihre Janusköpfigkeit zu verbergen verstanden, rede ich hier nicht. Kakerlaken gibt es immer und überall und werden, sagt die Wissenschaft, sämtliche zukünftigen Kriege überstehen.

Die DDR in Israel

Etwas spannte sich von Joab über die DDR in das Land Israel im Oktober 1995 bis in das Heute. Vielleicht ist dieses Etwas nur eine Einbildung. Vielleicht war dieses Etwas nur in dieser Zeit zu spüren, in der ich mich in das kleine Land Israel verliebte. Vielleicht war dieses Etwas in dieser Zeit nur deshalb zu spüren, weil ich mein kleines Land DDR nachträglich zu lieben begann und mit dem grossen Land BRD nichts am Hut hatte?

Was war dieses Etwas? Konnte es tatsächlich sein, dass mich vieles in Israel an die Deutsche Demolierte Republik (DDR) erinnerte?

Mizpe Ramon: In einem vertrödelten Laden, ein buntes Allerlei-Angebot, schwatzten die übergewichtigen Frauen in ihren Kitteln auf Russisch über ihre Kinder. Und auch wenn gleich der Sabbat begönne – so viel Zeit musste sein, und an Nahrung fehlt's ja nicht. Läden dieser Art kannten wir aus Berlin, Moskau, Perwomaiskij: "Magasinyj", nur dass sie damals und dort kärglicher bestückt waren.

Auf dem Weg nach En Gedi hielten wir an einem Feld an, dessen Früchte wir nicht kannten. Die Männer, die bei der Ernte waren, schnitten ein paar Kaktusfeigen auf, liessen uns das süsse, saftige Fleisch kosten und schenkten uns einen Karton voll. Die New Yorker, für die die Ernte bestimmt war, würden den einen (und vermutlich auch den anderen) Karton nicht vermissen. Gehört nicht das, was auf Erden wächst, jedem von uns Menschen?

Das Wasser des Sees Genezareth hatte sich um drei, vier Meter von der gemauerten Uferwand zurückgezogen und gab steinigen Grund frei. Auf dem lagen Plastikflaschen und -kanister, ein zerfetzter Klappstuhl mit grünem Bezug stand verlassen, Papiere flogen in leichter Brise auf. Auf der Uferstrasse von Tiberias strömten Touristen in Lokale, wo den Massen das Wunder der Speisung mit dem St. Peter-Fisch geschieht. Massentourismus und Umweltverschmutzung - Jesus, liefe er heute über das Wasser, müsste aufpassen, sich nicht die nackten Füsse am Unrat aufzureissen.

Den Rinderoffenstall im Kibbuz von Beit Alfa hatte ich schon mal in Mecklenburg-Vorpommern gesehen, wie auch die vor sich hin rostenden aber zweifelsfrei noch fahrtüchtigen Traktoren nebst benutzbaren Eggen, Pflügen und mobilen Getreidesammlern in einer MTS (Maschinen-Traktoren-Station) bei Neustrelitz; so um 1980 herum.

Und der ältere Herr, der einen kleinen Laden betrieb und erst kein Deutsch mit uns reden wollte, dann aber doch, erzählte vom Kindergarten und Altenheim, kostenfrei, selbstverständlich. Zeigte uns das Schwimmbad und führte uns unter das Dach, unter dem das Laubhüttenfest stattfinden wird. Alle Kibuzzniks würden sich da treffen. Hingegen sei das tägliche Essen nicht mehr kostenlos. Geld spiele eine immer wichtigere Rolle, jeder wolle sein eigenes Fernsehgerät haben "Der Mensch ist ein Egoist, leider. Der Platz für die Ideologie des Kollektiven schrumpft." So sprach er wirklich.

Und schliesslich, ein letztes Beispiel, dem Etwas vielleicht auf die Spur zu kommen: die vielen Mädchen und Jungen in Uniform. Die Maschinenpistole lässig um- oder über die Lehnen der Stühle in einem Strassencafé in Haifa gehängt. Oder das Pärchen, er in Uniform, das sich an einer Bushaltestelle in Afula voneinander verabschiedet. Drei Meter davon entfernt: ein Feldstein mit den Namen von neun Menschen, die im April 1994 von der Hamas in den Tod gebombt wurden.

Das Militär ist nicht zu übersehen. Die Sonnenbrillen aus den schönen Gesichtern ins Haar geschoben. Uniformen wie die Outdoor-Kleidung von Globetrottern. Lässig und schön die jungen Männer und die jungen Frauen. Romantisch, unbekümmert, wachsam, wehrhaft, heroisch – und unwirklich kommt es dem Kurzzeit-Gast, dem Abgesandten aus dem mitteleuropäischen Frieden vor, dass dieses Land Israel sich in einem permanenten Krieg befindet?

Das ist Tourismus. Das ist Oberfläche. Die Armee, schreibt der ARD-Korrespondent Richard C. Schneider, sei die wichtigste Klammer der israelischen Gesellschaft. Eine Klammer ist nötig, soll etwas zusammengehalten werden, das zusammengehört. Eine Klammer muss, will sie etwas zusammenhalten, Druck ausüben. Wenn die Armee eine Klammer ist, was hält sie, im doppelten Wortsinne, zusammen: was in sich selbst und was ausserhalb ihrer Existenz?

"Bürger in Uniform" – diese Wendung führt in die Irre. Es sind junge Bürger in Uniform. Es sind junge Menschen, die mit Liedern und Erzählungen ihrer Heimat aufgewachsen sind. Es sind junge Menschen, die mit dem Bewusstsein versehen werden, Schild und Schwert der Heimat zu sein. Es sind junge Menschen, die mit den Erwartungen ihrer Eltern beladen sind, mit den Mythen der Staatsgründung, mit den Fakten der Jahrhunderte langen Judenverfolgung, des Holocausts und des Antisemitismus überall auf der Welt. Das vermute ich.

Es sind junge Menschen, die aus meiner Sicht - und aus meiner Erfahrung als junger Mensch in der kleinen grossmäuligen DDR und aus meinen Erfahrungen als Wehrpflichtiger in der einstigen NVA (Nationalen Volksarmee) – einer unglaublichen Zerreissprobe ausgesetzt sind.

Von juveniler Vaterlandsliebe, Eiden und Engstirnigkeit

Die Soldaten (inbegriffen die Mädchen) der israelischen Armee schworen bis 1991 in ihrem Eid: "Masada darf nie wieder fallen"[1]. Die Zeile stammt aus einem Gedicht, das der jüdische Einwanderer Yizhak Lamdan 1928 schrieb. Sie wurde zu einem zionistischen Slogan und zum kleinsten gemeinsamen Nenner der jüdischen Israelis: nie mehr wehrlos, nie mehr Opfer zu sein und gegebenenfalls eher in den Tod zu gehen (wie es die über 900 Bewohner der Burg Masada der Legende nach taten) als vertrieben, verfolgt, vergast zu werden. Nie wieder wehrlos sein.

Im Fahneneid der NVA schwor ich 1971, dem Vaterland "allzeit treu zu dienen" und falls ich den Eid verletzte, mochte mich "die harte Strafe der Gesetze unserer Republik und die Verachtung des werktätigen Volkes treffen".

Ich las davon, dass das Lied "Goldenes Jerusalem" so etwas wie eine Hymne des Sechs-Tage-Krieges 1967 wurde, sogar die inoffizielle Hymne des Staates Israel. Als die israelische Armee Jerusalem eroberte und ganz Israel jubelte (das ganze Israel? weinte da niemand?). Als hätte sich erfüllt, was die Nationalhymne "HaTikva" (die Hoffnung) verheisst: "zu sein ein freies Volk, in unserem Land, im Lande Zion und in Jerusalem."

In meiner ersten Nationalhymne heisst es, dass wir aus Ruinen auferstanden und der Zukunft zugewandt seien. Die Trümmer des Zweiten Weltkrieges waren kein Mythos, sondern echt kaputte Häuser, Fabriken, Leben. Der Kalte Krieg war die Schule, in der Millionen junge Männer ihre Freund- und Feindbilder erlernten. In dem hermetischen Terrain DDR spielten wir mit Inbrunst und juvenil-optimistisch das Stück "Der real existierende Sozialismus". Und es war bitterer Ernst sowohl im unbedingt-fröhlichen Weltveränderungswollen wie in der prophylaktischen Abwehr des Weltimperialismus, der ein paar Kilometer westlich der Elbe begann. (Komme mir bitte niemand mit dem Satz: Wer wissen wollte, wie es hinter dem Eisernen Vorhang zuging, der konnte es erfahren. Das Kennenlernen fand gegenseitig nicht statt. Das Kennenlernen war beiderseits verrufen und konnte auf beiden Seiten – spüre ich das Etwas? Parallelen zum Nahen Osten? ein Etwas, das zwischen Palästinensern und Israelis mutatis mutandis auch stattfindet? – gesundheitsschädigend sein.) Der Text der Nationalhymne der DDR beruft sich nicht auf eine jahrtausendealte alte Hoffnung wie in "HaTikva"; immerhin die Hoffnung auf eines "Deutschland, einig Vaterland", dem zum Guten wir dienen wollten.

Ich weiss ein bisschen davon, wie es ist, mit Liedern aufzuwachsen, die Heimat besingen, den Glauben an die Zukunft, das Gefühl, ein besonderer Soldat im Kampf um eine gerechte Welt zu sein. Und ein Vaterland zu haben, das um keinen Preis verloren gegeben werden darf. "Du und ich, wir werden die Welt verändern, Du und ich, und die anderen werden folgen", heisst es in "Ani we Ata", ein Lied Arik Einsteins.

Ich kann noch heute die Lieder singen, die ich entweder lernte oder die ich so oft hörte, dass sie unweigerlich zum Bestandteil meines Bewusstseins wurden. "Sag' mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst", "Die Heimat hat sich schön gemacht und Tau blitzt ihr im Haar", "Unsre Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer …" Ich könnte viele der Lieder, wie sie etwa Christa Wolf in einer Szene ihres Romans "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" anführt, nicht singen; etliche davon aber doch. Und es sind wahrlich nicht nur agitatorische Texte; und es sind wahrlich agitatorische darunter.

Ich habe gefühlt, wie es ist, wenn eine Idee einen jungen Mann ergreift, ausfüllt, verpflichtet. Wenn sie in etwas Grösseres (wieder dieses Etwas?) langt und einen zieht: in eine Welt der Gerechtigkeit, der Brüderlichkeit, der tatsächlichen Freiheit. In einem Vaterland zu wohnen, das mir gehört. Auf einem Boden zu wandeln, der denen gehört, die ihn bestellen, bebauen, behüten. Und wenn es eine Illusion war, gar eine Verführung der Jugend durch die Mächtigen – nicht in den Krieg trug sie, nicht in eine Ausbeutergesellschaft führte sie, sie erhob und machte stark und fragenlos und ziemlich blöd. Jedenfalls eine Zeit lang, leider. Und ich habe gefühlt, da war ich nicht mehr so arglos jung, wie es ist, wenn die Idee bricht, zerfällt, bis auch die Realität, die sie lange Zeit zu verbrämen vermag, splittert. Wie es ist, wenn die Wahrheiten der Jugend ergänzt, manche zerstört, andere angereichert werden und aus den Schublade und aus den Schachteln quellen, in denen sie für die Ewigkeit verstaut zu sein schienen. Es ist am Ende gar nicht lustig, wenn man "die Peristaltik einer gescheiterten Weltrevolution am eigenen Leibe gespürt hat" (Karl Mickel).

Sagte ich leichtfertig, Israel ähnelt(e) der DDR? Konnte es sein, dass in diesem kleinen Land etwas vorgeht, was in der DDR gescheitert war? Glichen diese jungen Frauen und Männer in den Uniformen etwa den jungen Männern (Frauen waren in der NVA nicht vorgesehen, jedenfalls nicht zu meiner Zeit), von denen ich einer war? Als ich meine anderthalb Jahre Ehrendienst abschrubbte? Und würden diese jungen Israelis dazu verdammt sein, eines Tages aus den Wolken der Propaganda und der Ideologie zu fallen wie – ich?

Einen Unterschied gab es gewiss: Die israelischen Mädchen und Jungen in Uniform haben einen kriegerischen Alltag. Wir, damals in den Siebziger Jahren, hatten eine bizarre Wachsamkeit und Furcht wegen der "Bonner Ultras". Und selbstverständlich gehörte es zur Ausbildung, Erziehung und zum jugendlich-tosenden Selbstbild, dass wir dem Klassenfeind aber so was von auf die Nase geben würden. Wir waren westwärts umgeben von Feinden und mussten ständig auf der Hut sein; auf dem Stahlhelm …

Israel muss ständig kämpfen, schreibt David Grossman (SPIEGEL 7/2008), "nicht nur um seine militärische Stärke zu bewahren. Es muss auch wieder ein Ort von Bedeutung sein, nicht nur Zuflucht oder Festung."

Israelis hätten keine Ahnung von der Sache der Palästinenser, schreibt der Musiker Gilad Atzmon, "aus diesem Grunde können sie den Kampf der Palästinenser nur als irrationalen, mörderischen Irrsinn begreifen." Atzmon zürnt, dass die Israelis nicht verstünden, dass Israel auf Kosten des palästinensischen Volkes entstanden sei.

Moshe Zimmermann, Historiker und Publizist, schreibt 1998, dass nur eine Gesellschaft mit einer ausgeprägten Festungsmentalität das Militär für den primären Garant ihrer Existenz hält. "Das israelische Militär als Volksarmee, in der jeder Staatsbürger dienstpflichtig ist, verfolgt seine früheren Ziele nicht mehr. Seine Hauptbeschäftigung erwächst aus der Präsenz in den besetzten Gebieten, kaum aus der Verteidigung der Grenzen nach aussen."

Eine Parade für Arafat

Ein Sommertag im Jahre 1972, während meines anderthalbjährigen Wehrdienstes in Brandenburg-Hohenstücken. Das Regiment trat zu einer Parade an. Sie führte an der Tribüne vorbei, einmal um den Sportplatz herum, dann lösten sich die Einheiten in die Freizeit auf.

Auf der Tribüne stand, eskortiert vom Regimentskommandeur und anderen Offizieren des Stabes, ein kleiner Mann. Den Kopf in ein Tuch gehüllt, unrasiert, wulstige, feucht glänzende Lippen – der Mann machte auf mich, der ich soeben wegen meiner etwas unsauberen Kragenbinde vor der Front der Kompanie zur Sau gemacht worden war, einen schmuddligen Eindruck. Der Mann hiess Yassir Arafat. Den bestrafte augenscheinlich niemand wegen seines Outfits.

Knapp zehn Jahre später, 1982, gab es das Massaker von Sabra und Chatila. Soweit ich weiss, sind die Vorgänge um die Ermordung und Schändung von hunderten Palästinensern bis heute nicht restlos aufgeklärt. Als sicher gilt, dass die israelische Armee dem Massaker mindestens zusah.

Natürlich bin ich verunsichert. Ich bin kein Kenner der israelischen Geschichte. Aber wie soll ein Mensch sich heraushalten, wenn er sieht, wie Menschen Menschen töten? Wie soll er nicht wenigstens eine Meinung dazu haben? Wie soll er nicht mindestens händeringend darum bitten, das Morden einzustellen? Wie sind wir beschaffen, um Himmels willen! wenn wir nicht Partei nehmen für Unschuldige? Die wenigsten sind Joabs und Davids.

Was ich wissen kann: Die Mehrheit der Israeli meint, sie seien rechtmässige Eigentümer des Landes, das seit sehr langer Zeit und von uraltem "Zeitgebreite" her Palästina heisst. Was ich zur Kenntnis nehme: Junge Israelis erfahren von der Vorvergangenheit ihres Landes wenig, Geschichte ist leider selten das Lieblingsfach junger Leute, und Geschichtsbücher (sic! DDR! sic Bundesrepublik Deutschland! sic! Israel?) sind Grundbücher, randvoll mit abgesteckten und verschwiegenen Claims. Was ich noch weiss: Die Wehrpflicht für Männer beträgt drei Jahre, die für Frauen 21 Monate. Es gibt kaum eine israelische Familie, die nicht über Angehörige und/oder Arbeit mit dem Militärischen verknüpft ist. Bei Einstellungsgesprächen im Zivilleben wird nach Einheit und Einsatzort gefragt, erfahre ich, eine gesellschaftliche Ächtung als Vaterlandsverräter gäbe es zwar nicht mehr für diejenigen, die sich ausgeklinkt haben. Doch würden Geschwister nicht mehr miteinander reden und Eltern die Welt nicht mehr verstehen.

Was und wie viel wissen vierzig-, dreissig-, zwanzigjährige Israelis von der Zeit zwischen 2008 und 1948? Möglicherweise sehr viel. Und was wissen sie von der Zeit zwischen 1948 und 2008? Was und wie wenig haben viele (die meisten?) der vor zwanzig Jahren vierzig-, dreissig-, zwanzigjährigen Deutschen (Ost wie West) über die Zeit von 1945 bis 1989 gewusst, wie viel aber plötzlich über die Zeit von 1989 bis 1945?

Und nun, heute, jetzt?

Als ich im Januar 2009 diesen Text zu schreiben begann, las ich von 760 toten und 3100 verwundeten Palästinensern im Gaza-Streifen. Dann wurde die Bilanz auf 1400 Tote und 5400 Verletzte erhöht. Dann ging der Januar 2009 zu Ende, die Nachrichten liefen aus. Ich liess meinen Text liegen, obwohl ich beunruhigt blieb. Inzwischen gibt es den Goldstone-Bericht, inzwischen geriet der Gaza-Streifen sporadisch in die Schlagzeilen. Immer was los, da unten, da hinten, da weit weg.

"Im Gazastreifen herrscht wieder Ruhe" (FAZ, 27. Januar 2009). Welche Ruhe? Die Ruhe vor dem nächsten Sturm? Eine Ruhe, die vor dem Tzahal-Einmarsch herrschte? Oder die Ruhe nach dem Abmarsch? Die Ruhe des Spuks? Ein Alb für die Überlebenden und deren Nachkommen? Ein nächstes Gepäck: voll mit Schuld, Not, Lügen, Bezichtigungen, Uneinsichtigkeiten? Voll mit Propaganda?

Ich las auch von dreizehn getöteten Israelis, zehn Soldaten und drei Zivilisten. Es gehört zur Durchführung und zur Interpretation eines Krieges, dass seine Zahlen – die von Opfern, Soldaten, Panzern, Raketen und dergleichen Zutaten blutiger Umtriebigkeit – unzuverlässig sind. Ich rechne nicht mit ihnen. Wie ich auch nicht mit der Wahrhaftigkeit von Propaganda rechne. Propaganda ist nicht der Wahrheit wegen da. Schon gar nicht rechne ich mit der Wahrhaftigkeit von Bildern, und ein Begriff wie "Unverhältnismässigkeit", dem Reiche der Moral entschlüpft, beschreibt das Grauen der Realität euphemistisch. Dieser Text ist ein unvollendeter Text. Ich sollte ihn noch längst nicht abschliessen, er ist noch nicht abgeschlossen. Ich spüre nur, wie die Beunruhigung wieder anwächst. Jetzt, da es eines nächsten "Militärschlages" bedarf … in Syrien? gegen den Iran?

Eckhard Mieder

[1] Die jährlichen Abschlussmanöver der militärischen Grundausbildung endeten zwischen 1965 und 1991 jeweils nach zwei Tagen Dauer auf der Festung. Im Schwur der Soldaten wurde die Festung zu einem Symbol des jüdischen Selbstbehauptungswillens: "Masada darf nie wieder fallen". Inzwischen findet das militärische Zeremoniell nicht mehr statt, da der Vergleich mit den fanatischen Sikariern gescheut wird, ebenso wie die Assoziation mit dem kollektiven Selbstmord. (aus: Wikipedia)

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