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Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft Warum junge Deutsche zu Dschihadisten werden

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Die Gründe für die Radikalisierung eines Menschen sind individuell. Doch häufig spielt Wut über mangelnde gesellschaftliche Anerkennung eine wichtige Rolle. Wir werden Salafismus und Islamfeindschaft nur gleichzeitig begegnen können.

Radikalisierung hat auch mit dem Alltag in unseren Städten zu tun.
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Bild: Radikalisierung hat auch mit dem Alltag in unseren Städten zu tun. / August Brill (CC BY 2.0 cropped)

7. Dezember 2015

7. Dez. 2015

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Es gibt wenige Begriffe, die in unserer Gesellschaft so schnell Karriere gemacht haben, wie der des „Salafismus“. Das Wort „Salafismus“ war vor weniger als zehn Jahren gerade mal einer Handvoll Experten bekannt. Wir haben es somit mit einem sehr neuen Phänomen des Extremismus zu tun, das neben die bekannten Formen des Rechts- und des Linksextremismus getreten ist.

Der Verfassungsschutz befasst sich seit 2006 damit. Kurz davor hatte einer der bis heute prägenden Köpfe der Bewegung, Pierre Vogel, unter Jugendlichen mit öffentlichen Auftritten und Internet-Videos für Aufsehen gesorgt.

Islamwissenschaftler/innen und islamische Religionspädagog/innen haben das Phänomen vielleicht ein paar Jahre früher wahrgenommen. Allerdings war es aus ihrer Sicht zunächst nicht sonderlich spektakulär, da es schon immer ähnliche Strömungen in der islamischen Geschichte gegeben hat. Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Relevanz änderte sich ihre Bewertung des Phänomens Salafismus.

Die Gründe für eine Radikalisierung in den dschihadistischen Salafismus sind zahlreich. Es gibt kein Grundmuster der Radikalisierung. Weder sind nur benachteiligte Menschen betroffen, noch sind es besonders gläubige Menschen. Man wird sich jeden Fall einzeln anschauen müssen, um die Ursachen für die Radikalisierung eines Menschen beschreiben zu können.

Es gibt allerdings zwei Aspekte, die bei besonders vielen Personen auftreten, die in den Salafismus abgerutscht sind. Das sind zum einen Frust und Wut über eine als ungerecht empfundene Behandlung durch die Gesellschaft oder die eigene Familie. Und zweitens die Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Ohnmacht und Wut

Interviews mit Mitgliedern der Szene und Aussteigern weisen häufig in diese beiden Richtungen. Die zumeist jungen Mitläufer sind gefrustet von ihrem Leben, von mangelnden Zukunftschancen, von Ablehnung und Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft. Das Gefühl der Ausgrenzung kann durch wiederholt negative Erlebnisse in der Schule, mit der Polizei, mit Ämtern, mit einer Supermarktkassiererin oder Ärztin genährt werden.

Dabei muss man solche Erlebnisse nicht unbedingt selbst erfahren. Auch die Erfahrungen anderer Menschen lassen in manchen Personen das Bild eines Bürgers zweiter Klasse entstehen. Es kann sich um Schilderungen aus dem privaten Umfeld handeln oder auch um eine der vielen öffentlichen Diskussionen über Muslime und ihre Religion. Jede Sarrazin-Debatte, jeder PEGIDA-Aufmarsch signalisiert (jungen) Muslimen in Deutschland: Eigentlich gehört ihr nicht zu Deutschland.

Verstärkt wird das Gefühl, wenn sich führende Politiker/innen zum Beispiel mit PEGIDA-Sympathisant/innen zusammensetzen und öffentlichkeitswirksam nach deren Ängsten und Sorgen fragen. Das wirft dann bei den von PEGIDA angefeindeten Gruppen zwangsläufig die Frage auf: „Und wer fragt nach meinen Ängsten? Wer setzt sich mit uns zusammen?“ Die meisten Muslime versuchen, solche Aspekte zu ignorieren. Sie schalten ab, schauen weg. Doch nicht alle können das. Bei einzelnen Personen bleibt eine Gefühlsmischung aus Ohnmacht und Wut zurück.

Und einige von ihnen wiederum verspüren den Wunsch, Rache zu nehmen, es dieser ungerechten Gesellschaft heimzuzahlen. An dieser Stelle kommen die salafistischen Vordenker ins Spiel. Sie bieten eine Ideologie an, mit der sich diese Mangelgefühle scheinbar kompensieren lassen und die die Möglichkeit bietet, den Wunsch nach Rache umzusetzen. Das gilt zuvorderst für junge Männer. Aber auch junge Frauen können solche Gefühle verspüren. Etwa 10 bis 15 Prozent der Salafistenszene in Deutschland machen Frauen aus.

Die Rolle der Familie

Ferner setzen Salafisten auf ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl. Sie begrüssen Neulinge mit offenen Armen. Gerne sind sie bereit, als „Paten“ mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Da etwa 85 bis 90 Prozent der Mitglieder der Salafistenszene einen Migrationshintergrund haben, spiegelt sich in dieser offenen Haltung gegenüber Neuen auch die von vielen noch in Ehren gehaltene Tradition der Gastfreundschaft wider.

Diese „Patenschaften“ unter den Salafisten führen dazu, dass die Neulinge kaum Chancen haben, sich noch frei über den Islam zu informieren. Aus Sicht der Salafisten sollen sie das auch nicht. Sie sollen gehorchen und sich an die Vorgaben halten. Die Konvertiten in den Salafismus selbst fühlen sich meist unwissend und fremd und nehmen jedes Hilfsangebot dankend, aber unkritisch an. Es entsteht mitunter ein Wettstreit, wer der frömmste ist, wer die Regeln am genauesten einhält, und wer am meisten Einsatz für seine neue Gemeinschaft zeigt.

Gerade letzteres kann dazu führen, dass junge Salafisten die Entscheidung treffen, in den vermeintlichen Dschihad nach Syrien oder in den Irak auszureisen. Junge Frauen wollen an der Seite ihres Mannes stehen, der ein zukünftiger Märtyrer sein wird. Wer in den Salafismus eintritt, der konvertiert - egal ob er sich zuvor schon zum Islam bekannt hat oder nicht.

Die Radikalisierung hat primär mit unseren Familien zu tun und mit dem Alltag in unseren Dörfern und Städten. Die Religion gibt dem Ganzen lediglich eine ideologische Richtung und wird zur Rechtfertigung missbraucht. Wenn deutschstämmige Jugendliche Anschluss an Salafisten suchen, hat es vor allem mit ihren sehr individuellen Motiven zu tun, die meist in der Familie liegen. Häufig fehlt der Vater oder er nimmt die erzieherische Aufgabe in der Familie nicht wahr.

Als Folge dessen müssen die muslimischen Gemeinden natürlich mitarbeiten und ihre Verantwortung erkennen. Sie weisen derzeit noch erhebliche Mängel in dieser Hinsicht auf. Nur eines muss man sich klar machen: Allein die muslimischen Gemeinden werden die Gesellschaft von dem höchstgefährlichen Problem des Salafismus nicht befreien können.

Wachsende Islamfeindlichkeit

Salafisten reklamieren wie andere Fundamentalisten für sich, den Kern des Islam darzustellen. Das nehmen Islamfeinde gerne auf. Diese Sichtweise klammert jedoch mehr als 1000 Jahre Religionsgeschichte und einen intensiven theologischen Austausch aus. Darüber hinaus ist die Quellenlage zur Frühzeit des Islam, die die Salafisten vorgeben nachzuahmen, äusserst dürftig und kaum gesichert. Und ferner verleugnen Salafisten den epistemologischen Fortschritt, der sich über die Jahrhunderte zwangsläufig einstellt.

Um das alles zu erkennen, ist ein tieferer Einblick in die islamische Geschichte nötig. Über den verfügt kaum jemand, sodass die Botschaften der Islamfeinde leicht verfangen können. Salafisten nutzen diese wachsende Islamfeindlichkeit, um potenzielle Rekruten davon zu überzeugen, dass die deutsche Gesellschaft tatsächlich gegen den Islam eingestellt sei und man sich dagegen wehren müsse.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Salafismus besteht somit die Gefahr, dass man den Islamfeinden unfreiwillig in die Hände spielt, indem man ihrer Propaganda vom „wahren Islam“ auf den Leim geht und seinerseits mit pauschalen oder vorschnellen und unbegründeten Argumenten hinsichtlich der Religion operiert. Hier ist also Vorsicht geboten.

Diese darf allerdings nicht dazu führen, dass man sich selbst Fesseln anlegt. Das Problem der Islamfeindlichkeit muss zwar mitgedacht werden. Es kann aber niemals ein Argument dafür sein, auch schärfste Zurückweisungen salafistischer Tendenzen zu bremsen. Im Gegenteil: Islamfeindlichkeit und Salafismus sind von der Struktur her zwei Seiten derselben Medaille. Sie fördern und bedingen sich gegenseitig. Beides muss gleichzeitig angegangen werden. Sonst droht der Rest der Gesellschaft zwischen diesen beiden Polen zerrieben zu werden.

Lamya Kaddor
boell.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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