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Zur Kampagne der israelischen Regierung Interview: Homonationalismus und Pinkwashing

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Die israelische Regierung stellt sich als eine für Schwule und Lesben offene Gesellschaft dar. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ein Gespräch mit Yossi Katan, Queer-Aktivist aus Israel.

RegenbogenFlagge in Tel Aviv zum Gaypride 2008.
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Bild: Regenbogen-Flagge in Tel Aviv zum Gaypride 2008. / AmitLev (CC BY 2.0 cropped)

23. Juli 2012

23. 07. 2012

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Am kommenden Montag organisieren Sie einen Workshop über "Homonationalismus" und "Pinkwashing" im Südblock in Berlin-Kreuzberg. Was ist Homonationalismus?

In den letzten 20 Jahren versuchen sich Teile der Schwulenbewegung an den kapitalistischen und nationalistischen Mainstream anzupassen. Auch einige Regierungen stellen Offenheit für Lesben und Schwule als Teil der "westlichen Werte" dar. Das wird hauptsächlich von weissen, schwulen Männern unterstützt, die auf rassistische Art und Weise nicht-westliche Gesellschaften als rückständig und homophob präsentieren. Das ist praktisch ein Spiegelbild der Ideologie des Kolonialismus vor 100 Jahren – damals galt Homosexualität als rückständig, und die europäische Überlegenheit drückte sich in der tiefen Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen aus.

Wie druckt sich Homonationalismus in der deutschen Aussenpolitik aus?

Genauso, wie die militärische Intervention in Afghanistan angeblich den Rechten von Frauen dienen sollte, können auch die Rechte von Schwulen für imperialistische Politik instrumentalisiert werden. So fordert Guido Westerwelle die Streichung von Entwicklungshilfe für homophobe Regimes – dabei werden vielmehr immer geopolitische Interessen durchgesetzt. Die rassistische Ausgrenzung von MigrantInnen wird zunehmend mit ihrer mangelnden "Aufklärung" begründet. Da wird der Kampf gegen Homophobie zu rassistischen Zwecken missbraucht.

Und was ist "Pinkwashing"?

Es bezeichnet eine von der israelischen Regierung gesteuerte Kampagne. Das Land stellt sich als eine für Schwule und Lesben offene Gesellschaft dar, um sein Image in liberalen Kreisen aufzupolieren. So sollen sich schwule Menschen in Tel Aviv frei bewegen können – aber welche? Es sind vorwiegend weisse Männer der Mittelschicht, die diese Freiheiten geniessen. In Israel sind arme Schwulen und Lesben, Transsexuelle, PalästinenserInnen, Flüchtlinge usw. demnach extremer Repression ausgesetzt.

Es gibt jetzt viel Homo-Tourismus in Tel Aviv. Aber in anderen Teilen des Landes wird es nicht toleriert, dass zwei Männer Händchen halten. Dabei ist die Situation von Homosexuellen in den palästinischen Gebieten noch schlimmer. Sie leiden unter der Repression der Besatzungsmacht und der eigenen Gesellschaft. Gezielt werden sie vom israelischen Geheimdienst erpresst, um InformantInnen zu werden – was wiederum die Homophobie stärkt.

Was ist das Ziel dieser Kampagne?

Israel führt eine Apartheid-Politik, ist aber auf Unterstützung aus dem Westen angewiesen. Deshalb präsentiert die Regierung die PalästinenserInnen als rückständige "Feinde des Westens", um selbst wie ein westliches Land zu erscheinen. (Auf der gleichen Art und Weise versucht die Regierung in Syrien, als Teil ihrer Werbekampagne Asma al-Assad als liberale, emanzipierte Frau darzustellen, um die Repression dort zu vertuschen.)

Doch dieses Selbstbild ist weit entfernt von der Wirklichkeit. Es gibt offen homophobe Regierungsmitglieder, obwohl die gleiche Regierung sich im Ausland als schwulenfreundlich feiern lässt. Wir leiden unter vielen homophoben Angriffen – so wurde der Mord an zwei Jugendlichen in einem Jugendclub in Tel Aviv im Jahr 2009 bis heute nicht aufgeklärt.

Dahinter stecken religiöse aber auch nationalistische Kräfte, die gleichzeitig den zunehmenden Rassismus gegen Flüchtlinge und Demokratieabbau im Innern vorantreiben. Es gibt also neben der religiösen auch eine säkulare Homophobie, denn Israel führt gerade einen "demographischen Krieg" gegen die Palästinenser – dazu braucht man eben grosse heterosexuelle Familien.

Was wollt ihr mit diesem Workshop erreichen?

In der Schwulenszene in Berlin beobachten wir einen wachsenden Rassismus gegen angeblich homophobe TürkInnen oder AraberInnen. Das führt unter anderem dazu, dass schwule Menschen mit Migrationshintergrund von den TürsteherInnen bei Gaybars abgewiesen werden.

Die Pinkwashing-Kampagne bedeutet in Deutschland, dass Schwule aus der arabischen Welt, ihre Kämpfe und ihre Organisationen ausgeblendet werden. Sie werden als blosse Opfer dargestellt. Die rassistische Ausgrenzung wird dieses Problem jedoch nur noch verstärken. Und wenn die rassistische Politik Israels akzeptiert und unterstützt wird, legitimiert das auch Rassismus hierzulande.

Man kann nicht gegen Homophobie sein und gleichzeitig Rassismus tolerieren. Ein Beispiel dazu: Das oberste Gericht Israels hat die Anerkennung von homosexuellen Ehen im Ausland durchgesetzt. So können manche Leute, die sich einen Flug nach Kanada für eine Eheschliessung leisten können, dieses Privileg geniessen. Doch im gleichen Jahr hat das gleiche Gericht zugelassen, dass Menschen aus arabischen Ländern, die mit Israelis verheiratet sind, die Aufenthaltsgenehmigung verweigert!

Wir haben schon einen Workshop zum Thema als Teil des Transgenialen Christopher Street Days im Juni angeboten. Es gab viel Interesse und eine gute Diskussion, aber auch weisse Deutsche, die gegen uns Israelis schnell Vorwürfe des "Antisemitismus" erhoben haben. Wir waren auch negativ überrascht, dass danach ein Artikel in der Zeitung "Jungle World" mit vielen Lügen über unsere Präsentation erschien. Von daher möchten wir nochmal die Gelegenheit geben, um diese Diskussion fortzusetzen.

Interview: Wladek Flakin, Revolutionäre Internationalistische Organisation (RIO)

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