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Haustierhaltung als wachsender Geschäftszweig | Untergrund-Blättle

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Die Befriedigung des modernen Untertanengeistes Haustierhaltung als wachsender Geschäftszweig

Gesellschaft

„Wer die Menschen kennenlernt, liebt die Tiere“, lautet ein vielzitierter chinesischer Spruch, der insofern ein Stück Wahrheit enthält, als die demonstrative Tierliebe oft mit einer abgeklärten Menschenfeindlichkeit einhergeht.

In Europa erfreut sich die Haustierhaltung einer immensen Beliebtheit.
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Bild: In Europa erfreut sich die Haustierhaltung einer immensen Beliebtheit. / Don Kasak (CC BY 2.0 cropped)

1. Juli 2015
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Es ist schon bemerkenswert: in Zeiten der europaweiten Krise, in der in manchen Ländern Südeuropas die Armenküchen wieder auftauchen, und in noch mehr Staaten der angeblich so wohlhabenden EU die Schulspeisung wieder eingeführt wurde – sogar in Deutschland –, weil offenbar immer mehr Menschen Schwierigkeiten haben, sich angemessen zu ernähren – in dieser Zeit stellt der Haustiermarkt ein ständig wachsendes Segment dar, das Kapital anzieht. Die Haustiere selber, die tierärztliche Versorgung derselben, das Tierfutter, Tierasyle, sonstiges Zubehör – das lassen sich die ständig ärmer werdenden Bewohner Europas einiges kosten, obwohl die Haustierhaltung eindeutig ein Luxusbedürfnis darstellt, auf das jeder Mensch gut und gern verzichten könnte.

Es stellt sich heraus, dass nicht nur die Armen und nicht nur die Reichen sich ein oder mehrere Haustiere leisten. Das Bedürfnis nach einem Haustier ist klassenübergreifend, es beruht nämlich auf der Mentalität des Staatsbürgers, seiner Moral und seinen sich daraus ergebenden Anforderungen an sein Umfeld.

Um Missverständnisse zu vermeiden: hier geht es nur um diejenigen Tiere, die gehalten werden, um ein gesellschaftliches Bedürfnis zu befriedigen, nicht um daraus Nutzen zu ziehen, also nicht um Kühe, Hühner und dergleichen.

Bevor ich mich den Gründen für die Tierhaltung widme, nur einige Zahlen zu den marktwirtschaftlichen Dimensionen dieses Geschäfts: in Spanien wurden im Handel mit Haustieren, Tierfutter und Zubehör 2014 2,2 Milliarden Euro umgesetzt, was einem Zuwachs von 3% gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Das ist weniger als ein Drittel dessen, was in Frankreich, Deutschland oder Grossbritannien in dieser Sparte eingenommen wird. Der mit Abstand grösste Markt sind die USA. Die Gruppe Mars/Banfield hat dort 900 Tiergeschäfte oder Veterinärkliniken und einen Umsatz von 33 Mrd. $ jährlich, die Gruppe PetSmart hat 1.400 grosse Verkaufsflächen in den USA und Kanada. Auch Nestlé ist gross am Tierfuttergeschäft beteiligt.

Abgesehen vom Anstieg in absoluten Zahlen von Haustier per Haushalt zeigt sich ein Trend vom billigeren Trockenfutter zum teureren Konservenfutter, wo sich auch bereits eine Bio-Schiene und eine Billigschiene etabliert haben. In Spanien werden jährlich 1,100 € pro Haustier ausgegeben, in GB 2.500 €, in den USA 3.500 €. (El País, 27.6.)

I. TIER UND MENSCH – EIN LEISTUNGSVERGLEICH

1. Hund bzw. Katze versus Kind

Der immer noch weitverbreitete, aber zusehends abnehmende Kinderwunsch wird immer mehr durch die Haltung eines Haustieres befriedigt. Die Vorteile sind unübersehbar: erstens lässt sich das Tier leichter anschaffen: man geht in ein Tiergeschäft und kauft eines, oder zu einem Tierasyl, und besorgt sich von dort eines.

Das Tier gehört einem richtig, es ist also Eigentum und einem noch mehr ausgeliefert als ein Kind, bei dessen Befindlichkeit immer noch Vater Staat in Form von Fürsorge, Jugendgericht und Schule einiges mitzureden hat. Für einen Hund muss man nur Steuer zahlen, und dafür sorgen, dass er niemanden beisst. Inzwischen muss man noch mancherorten aufpassen, dass er keinen Schmutz macht.

Das Tier kann sich der Despotie seines Herrchens/Frauchens genausowenig entziehen wie deren Zuneigung – das Gefühl der totalen Übermacht befriedigt den Tierhalter sehr. Schliesslich wird das Tier auch nicht „erwachsen“, es kommt in keine Pubertät, kann sich dem Willen seines Besitzers nicht widersetzen und bleibt immer gleich abhängig von ihm, was Unterkunft und Futter betrifft. Und es stirbt ja auch einmal natürlich, schneller als Menschen, sodass eine gewisse Abwechslung garantiert ist.

Man kann es auch einfach wieder los werden, wenn man genug von ihm hat. Autotür auf und hinaus! – dergleichen geschieht landauf, landab in einem fort. Die Tierfreunde, die sich über diese Behandlung der Tiere entrüsten, nehmen nicht zur Kenntnis, dass sich des Tieres oft aus den gleichen Gründen entledigt wird, wie es angeschafft wurde – zur Befriedigung der eigenen Moral, der Pflege der eigenen Persönlichkeit, die eine Zeitlang mit dem Vierbeiner geschmückt wurde.

2. Das Haustier als Partnerersatz

Auch in dieser Sphäre leistet das Haustier einiges. Durch das Betreten einer Verkaufsstätte für Haustiere spart man sich die Partnersuche im Wirtshaus oder am Internet. Man kann sich das Tier aussuchen, das einem am besten zusagt. Man kann ihm gegenüber Selbstlosigkeit und Hingabe praktizieren, und natürlich auch dann entsprechende Forderungen stellen bezüglich Gehorsam und Genügsamkeit. So werden oft viel zu grosse Hunde in viel zu kleine Wohnungen gezwängt, aber das muss der Wuffi halt aushalten als Preis, bei seinem Herrli/Frauli sein zu dürfen.

Unbedeutende Persönlichkeiten putzen sich durch besonders auffällige und oft sehr grosse Hunde auf. Es befriedigt sie, dass sie wegen dem Tier auf der Strasse angestarrt werden oder sich nach ihnen umgedreht wird. Besitzer von Kampfhunden freut es, wenn andere sich vor dem Tier fürchten – sie haben sich also mit dem Vierbeiner denjenigen Respekt verschafft, der ihnen sonst von ihrer Umwelt gemeinerweise verweigert wird. Umgekehrt können Hundebesitzer sich auch damit schmücken, dass sie sich besonders hässliche oder verkrüppelte Tiere anschaffen und damit aller Welt zeigen, dass sie ein Herz für die Aussenseiter haben. Ihre Selbstlosigkeit und Güte wird sozusagen manifest, wenn sie sich mit dieser Kreatur auf der Strasse oder im Park sehen lassen.

Schliesslich kann ein Haustier auch die Partnersuche beflügeln. Die Vernarrtheit in den Vierbeiner schafft Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, die sonst gar nichts gemeinsam haben, und zumindest auf Zeit über diese gemeinsame Leidenschaft zueinander finden. Solange, bis ein Partner entscheidet, dass er/sie doch mit dem Haustier besser bedient ist als mit der Person, an die einen das Haustier sozusagen vermittelt hat.

3. Das Haustier als Familienmitglied

Schliesslich werden auch gerne von intakten Familien Tiere angeschafft. Entweder die Eltern wollen den Kindern „Verantwortung beibringen“, indem sie sie dazu verpflichten, für ein Tier zu sorgen. Das geht meistens schief, wenn das Kind nicht bereit ist, dieser Verpflichtung nachzukommen. Dann wird das Haustier eine Weile in der Familie zirkuliert, sorgt für schlechte Stimmung und wird schliesslich entweder weitergegeben oder sonst irgendwie entsorgt. Oder aber die Kinder wollen von sich aus unbedingt ein Haustier, weil sie gerne ein abhängiges Geschöpf haben, um das sie sich kümmern können. Sie haben bis dahin meistens schon gelernt, dass Tiere einfach „lieb“ sind, während Menschen – ob Gleichaltrige, ob Erwachsene – oft „böse“ oder zumindest unangenehm sein können. Tiere laufen damit im wortwörtlichen Sinn „ausser Konkurrenz“. Auch in der sonstigen Erziehung lässt sich das Haustier gut benützen, als Vorbild fürs Kind, das seinen Teller nicht leer isst oder sonst Scherereien macht: schau, wie brav der Wuffi ist!

Hier sei noch erwähnt, dass innerhalb der Haustierwelt sich Hunde einer noch grösseren Wertschätzung erfreuen als Katzen, weil sie für diese ganzen Demonstrationen und Gefühle weitaus besser einzusetzen sind.

II. DIE HAUSTIERHALTUNG: ERGEBNIS UND GLEICHZEITIG SELBSTBEWUSSTES BEJAHEN DER KONKURRENZGESELLSCHAFT

1. Misanthropie als Mittel der Selbstdarstellung

Es ist nicht zu übersehen, wie ein gepflegtes Heruntermachen der Menschen und der menschlichen Gesellschaft inzwischen zum guten Ton des selbstbewussten Staatsbürgers gehört. Aus den Medien, auf dem Sachbuchmarkt und in der bürgerlichen Wissenschaft wird in einem fort angeführt, wie verantwortungslos der Mensch eigentlich ist und warum es der Staatsgewalt und aller möglichen Zwangsmassnahmen bedarf, damit diese verlotterten Individuen nicht den Zusammenhang der Gesellschaft überhaupt gefährden.

Auch im Privaten, im Freundeskreis und im Wirtshaus und bei öffentlichen Veranstaltungen hört man immer wieder, wie dumm oder rücksichtslos „die Leut“ eigentlich seien. Ob Nachbarn, die sich alles auf Pump kaufen oder Arbeitskollegen, die die falschen Fernsehsendungen anschauen oder die falschen Zeitungen lesen, bis zu anonymen „anderen“, die zuviel wegschmeissen – dauernd hat der brave Bürger irgendwen anderen in der Reissn, an dem er etwas auszusetzen hat. Diese solchermassen bekrittelten Verhaltensweisen werden nie deshalb angeführt, um sich zu überlegen, warum diese Leute eigentlich diese Handlungen setzen. Da wäre in der Tat vieles erklärenswert. Nein, sie werden erwähnt, um die eigene Vortrefflichkeit gegenüber den anderen herauszustreichen, und die anderen als negatives Abziehbild der eigenen Gelungenheit auszumalen.

Gleichzeitig wird damit unterschwellig das eigene Wertesystem propagiert und den anderen unterstellt, sie wären ja auch Teil dieser Wertegemeinschaft, die sparsam, fleissig und verantwortungsbewusst durchs Leben geht. Das Geschimpfe auf Abwesende ist somit gleichzeitig das Angebot an Anwesende, sich doch auch in diesem Moral-Sumpf zu suhlen und als anständige Menschen zu geniessen.

Die Misanthropie hat auch in der ehemaligen politischen Linken Fuss gefasst und wurde zur Begründung dafür, sich entweder völlig aus dem politischen Leben zurückzuziehen oder bei der politischen Rechten anzuwanzen. Das Proletariat ist verbürgert und verdummt, die Jugend denkt nur mehr an ihr Smartphone, man kann mit diesen Saftsäcken eh nichts mehr machen – so geht die allgemeine Leier an dieser Ecke. Hier dient die Publikumsbeschimpfung der Feier der eigenen Abgeklärtheit, mit der man sich sowohl in seinem ultimativen Wissen über die Gesetze des Kapitals sonnt als auch über die Illusionen der früheren Jahre erhebt.

Diese trostlose bürgerliche Selbstbespiegelung kommt zwar ohne Tierliebe auch aus, passt jedoch als Ergänzung gut zu ihr.

2. Mensch versus Tier – die Beantwortung der Schuldfrage

Der in den Geisteswissenschaften stets sehr beliebte Mensch-Tier-Vergleich war immer eine intellektuell anspruchslose und leicht durchschaubare Veranstaltung, mit der sich die Wissenschaft gegen die wohlbekannten Unterschiede dumm- und den Menschen als ein Mängelwesen hinstellte, der einen ihm nicht zukommenden Platz in der Hierarchie der Lebewesen einnimmt. Der Vergleich Mensch-Tier dient immer dem gleichen Zweck, dem Anprangern der menschlichen Hybris. Heute ist diese Sichtweise schon fast common sense, wer sich ihr nicht anschliesst, ein Aussenseiter.

An ihrem Elend sind die Menschen selber schuld, ob in Afrika, Griechenland oder hier, sie sind faul, dumm, denken nur an ihr unmittelbares Wohlergehen und wählen die Falschen. Jeder Gedanke an andere, bekömmlichere Gesellschaftsformen wird bereits im Vorfeld abgeschmettert, weil von dem Menschenmaterial, das heute auf der Welt herumgeistert, ist diesbezüglich nichts zu erwarten. Das liberale Credo der Marktwirtschaft paart sich ideal mit dem Lob der Tüchtigen, die Wohlstand verdienen, und der Verachtung der Untüchtigen, die mit ihrem Elend auch noch gut bedient sind.

Die armen Viecherln hingegen! Ausgebeutet, missbraucht, nicht artgerecht gehalten, ausgesetzt – das füllt Kinder- und Jugendliteratur und ist längst in die Schulbücher eingegangen. Tiere sind unschuldig, sie können nichts dafür, wie mit ihnen umgegangen wird. Jeder anständige Mensch ist aufgerufen, die Tiere gegen seinesgleichen, die Zweibeiner zu beschützen. Die radikalsten Gesellschaftskritiker sind heute die Tierschützer. Menschen hingegen sind schuldig, gehören ein- und weggesperrt, wenn sie was angestellt haben, und verdienen null Toleranz, wenn sie sich nicht nahtlos einfügen in unsere feine humanistisch orientierte Gesellschaft.

So schliesst sich der Kreis zwischen politischem Konservatismus, bürgerlichem Selbstbewusstsein, veganer Ernährung und Haustierhaltung – alles, wie die obigen Zahlen zeigen, im Einklang mit dem Prosperieren der Marktwirtschaft.

Amelie Lanier

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