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Grenzen, Kapital und demokratische Bewegungskontrolle Schlachtschiffe der Imagination

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Grenzen sind hochentwickelte Schlachtschiffe der Imagination. Um emanzipatorische Politik dagegen in Stellung zu bringen, bedarf es einer Idee der Vorstellungskraft und ihrer Krisen, die sich aus verschiedenen Formen von Bewegung ergibt – so unterschiedlich wie soziale Bewegungen und Fluchtbewegungen.

27. April 2016

27. 04. 2016

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Der Aktivist, Sozialforscher und Berliner Gazette-Autor Max Haiven unternimmt eine Spurensuche nach verborgenen Zukünften:

Unsere Imagination entfaltet sich nicht im Stillstand. Nehmen wir die ersten Schritte eines Kleinkindes: Sie sind kein physiologisches Zucken oder irgendeine automatische Reaktion. Vielmehr handelt es sich um einen komplexen Vorgang, bei dem das Kind Erinnerungen abrufen und vorausschauen muss. Diese Vorstellungskraft muss es in Verbindung bringen mit der Bewegung des Körpers – eine unschlagbare neurologische und physiologische Leistung des Embodiments.

Die Vorstellungskraft des Kindes nimmt Gestalt an, während es sich bewegt, lernt und fühlt. Ein Prozess, der nicht von statten gehen würde, ohne die Anwesenheit von betreuenden Personen, nennen wir sie PflegerInnen, sprich: care giver. Diese Menschen betreuen das Kind, beschützen es und trösten es, wenn es fällt. Sie bieten Unterstützung, damit es lernt, sich auf verschiedene Arten zu bewegen – wieder und immer wieder. Wer selbst einmal ein Kind beim Laufen lernen begleitet hat, weiss auch, dass man das Kind hochhält, damit es sich vorstellen kann, wie es wäre, zu laufen.

Imagination ist also von Anfang an in Bewegung, sie ist körperlich und sie ist eine kollektive Anstrengung, in die PflegerInnen involviert sind. Bewegung ist die Realisierung von Vorstellungskraft, während Imagination selbst ein Bewegungsvorgang ist. Daraus folgere ich: Wenn die Imagination nicht immer schon körperlich und kollektiv ist, sondern auch in permanenter Bewegung, dann ist die Kontrolle dieser Bewegung der Schlüssel dazu, Vorstellung zu modellieren.

Sklavenhandel und Gefängnis-Industrie

Die Art und Weise, wie die Bewegung von Körpern definiert, ausgestaltet und kontrolliert wird, prägt unsere Imagination. Gleichzeitig hängen Bewegungen von der Imagination ab. Toni Morrisons phänomenales Buch Im Dunkeln spielen: Weisse Kultur und literarische Imagination untersucht dieses Wechselverhältnis. Sie zeigt etwa, dass die US-amerikanische (und oftmals globale) kulturelle Vorstellungskraft mit dem transatlantischen Sklavenhandel und den Kulturen der schwarzen Versklavung in den USA zusammenhängt.

Eine Theorie der Imagination wird hier eng verzahnt mit einem System, das sowohl auf der Verschiebung und Verschleppung von Körpern (über den Atlantik hinweg) beruht, als auch auf der Kontrolle der Bewegung dieser Körper, um ihre Produktivität und ihre Reproduktionsfähigkeit auszubeuten. Es ist also kein Zufall, dass wir heute in einem Zeitalter der massenhaften Inhaftierung von Schwarzen in den USA leben. Und das auch andernorts, andere rassifizierte Minderheiten in den Knästen sitzen.

Soziologinnen wie Ruthie Gilmore und Angela Davis zeigen wiederum, dass die Industrien der rassifizierten Inhaftierung essentiell für den Erhalt des globalen Kapitalismus sind – ein Prozess, der sich auch in Europa beobachten lässt, wo Frontex und andere Agenturen massenhaft spekulatives Kapital generieren, indem sie die Bewegungen von Menschen kontrollieren.

Rassifizierte Kontrolle von Körpern

Die Mobilitätsforscherin Angela Mitropoulos wiederum zeigt am Beispiel von privatisierten Gefängnisinseln für Geflüchtete vor Australiens Küsten, wie Überwachungslogistik, finanzielle Akkumulation und rassifizierte Kontrolle von Körpern funktionieren.

Diese Muster, wie der Literaturwissenschaftler Ian Baucom in seiner faszinierenden Geschichte “Specters of the Atlantic: Finance Capital, Slavery, and the Philosophy of History” darstellt, reichen zurück bis zum transatlantischen Sklavenhandel. Hier wurden menschliche Körper nicht nur in Güter umgewandelt, sondern auch zu Spekulationsobjekten gemacht – “Erfindungen” der finanziellen Imagination, die nicht nur physisch bewegt wurden, sondern auch auf einer abstrakten Ebene.

An dieser Stelle ist es wichtig zu verstehen, dass dieses imaginative Kraftfeld der erzwungenen Bewegung nicht nur die Misere der Kolonialisierten ist – wie Aime Cesaire es beschreibt. Nein, die Imagination des Kolonisierers wird davon am meisten beeinflusst. Die Art und Weise, wie der Kolonisierer die Bewegungen des Anderen definiert, begrenzt und beherrscht, prägt massgeblich seine eigene Vorstellungskraft.

Bringt uns diese Erkenntnis dazu, die vielfach gepriesene Geschichte der westlichen Moderne anders zu erzählen? Würden wir andere Vorstellungen von den Fabeln entwickeln, die eben diese Moderne prägen? – sei es die Idee vom souveränen Nationalstaat, von der freien Zirkulation des Kapitals oder der Rechtsstaatlichkeit. Diese Fabeln sind es, die bis heute die entsetzlichen Bewegungen des globalen Systems und die brutalen Systeme der globalen Bewegungen rechtfertigen.

Technologien des Staats und des Kapitals

Wir können auch die Arbeiten von Harsha Walia, Chandra Talpade Mohanty oder Sandro Mezzadra und Brett Neilson zu Rate ziehen. Sie zeigen detailliert, wie Grenzen, die vollkommen imaginierte Konstruktionen mit solch tödlicher Macht sind, funktionieren, um sowohl Bewegungen zu kontrollieren als auch die Imagination jener zu formen, die drinnen und draussen sind (oder, wie viele von uns heute “dazwischen”).

Ich glaube, dass Geld und Grenzen sowie die primären Technologien des Staats und des Kapitals – zumindest in ihren aktuellen hegemonialen Ausprägungen – hochentwickelte Schlachtschiffe der Imagination sind.

Ich denke hierbei an die Dialektik von Bewegung und das Land, auf dem ich lebe. Jahrtausende hiess dieses Land Mi’Kma’Ki, später wurde es von französischen Siedlern in Acadia umbenannt und noch einige Zeit später prägten die Briten die Bezeichnung Nova Scotia. Es gibt mir zu denken, wie wenig ich über die politische Vorstellungskraft der indigenen Mi’Kmaq im Hinblick auf Bewegungen weiss. Einiges darüber habe ich von Historikern wie Daniel Paul gelernt oder auch von Älteren, mit denen ich gesprochen habe. Ich möchte diese Zivilisation nicht romantisieren, doch eine Auseinandersetzung damit kann uns eine Menge lehren und uns auch zeigen, wie seltsam und schrecklich brutal unsere eigene Zivilisation geworden ist.

Aufnahme und Schutz von Fremden

Die Zivilisation der Mi’Kmaq achtete sowohl die Solidarität der Gemeinschaft als auch die Autonomie des Einzelnen. Die Mi’Kmaq errichteten ihre Siedlungen an Wasserscheiden, es gab keine politischen Grenzen. Daher gab es eine grosse Fluidität der Einflussbereiche. Die Menschen zogen oft weiter, um die Vorteile der saisonalen Jagd, des Fischens und des Anbaus zu nutzen. Es gab Protokolle für den Fall, dass ein Reisender seine Gemeinschaft aus politischen oder persönlichen Gründen verliess – und archäologische Funde sowie mündliche Überlieferungen belegen, dass sich die indigene Bevölkerung Amerikas sehr viel bewegte und dabei grosse Distanzen überwand.

Ausserdem verfügten und verfügen die Mi’Kmaq, wie viele andere indigene Gruppen auch, über hochentwickelte politische Prozesse, die die Aufnahme und den Schutz von Fremden regeln. Hierbei geht es nicht darum, die Bewegungen dieser Personen innerhalb des Territoriums zu kontrollieren, sondern darum, Verantwortung zu teilen. Die Verantwortung darüber, wie man sich um das Land kümmern muss, das man bewohnt. Wie der Politikwissenschaftler Glen Coulthard zeigt, geht dieses Konzept der Verantwortung viel weiter, als die brutal vereinfachten Vorstellungen von Besitz und Staatsbürgerschaft, die wir heute akzeptieren.

Diese Weltanschauung der Mi’Kmaq und anderer indigener Gruppen ist die Grundlage dafür, dass sie heute dafür eintreten, in Kanada und weltweit die Bewegungen des Kapitals anzuhalten. Dieser Versuch ist eine Form des Widerstands gegen die Zerstörung des “Lands” im Namen des Profits und richtet sich auch gegen die fortlaufende Kolonialisierung des indigenen Territoriums.

Highway-Blockaden und das Stilllegen von Pipelines

Tatsächlich sind diese beiden Ziele identisch. Highway-Blockaden, das Stilllegen von Pipelines, die Unterbrechung von Bahngleisen sowie Proteste in Stadtzentren und Shopping Malls sind kennzeichnend für diese Formen des Widerstands der Indigenen und Siedlern, die sich als ihre Verbündeten sehen. Man kann das als Versuch einer Intervention in die Bewegungen des Kapitals sehen und auch als einen Weg, sich der Matrix aus kolonialer Bewegungspolitik und artifiziellen Grenzkonstruktionen entgegenzustellen.

Entgegen meinen Versuchen, das Gegenteil zu erreichen, wird hier vermutlich dennoch zu einer Romantisierung von Vorstellungskraft beigetragen. In meiner Arbeit versuche ich herauszuarbeiten, dass Vorstellungskraft ein materielles Phänomen, tatsächlich eine Kraft ist. Sie ist etwas, das aus sozialer Kooperation und aus produktiven sowie reproduktiven Beziehungen heraus entsteht und auf diese Bereiche – also auf das politische und ökonomische System – zurückwirkt.

Was uns fehlt, ist ein Sinn für die Vorstellungskraft und ihre Krisen, die nicht nur aus spezifischen zeitlichen und örtlichen Kontexten gespeist wird, sondern sich aus den verschiedenen Formen von Bewegung ergibt.

Demokratische Bewegungskontrolle

Hier kommen wir also zu der Frage, wie eine Demokratisierung von Bewegung, beziehungsweise eine demokratische Bewegungskontrolle aussehen könnte. Für mich hat Demokratisierung wenig mit dem landäufigen Verständnis von Politik und genauso wenig mit Wahlen zu tun. Die Griechenlandkrise hat gezeigt, wer das Sagen hat: der globale Finanzkapitalismus. Insofern sehe ich es wie Rancière: Demokratie entsteht im Moment des Ergreifens. Konkret bedeutet das etwa: Jene, die Bewegungen demokratisieren, fordern durch ihre Handlungen implizit oder explizit eine Abschaffung der Grenzen.

Migranten demokratisieren Bewegung, wenn sie mit ihren Handlungen die Grenzen, wie sie allseits imaginiert werden, ablehnen. Hacker demokratisieren Bewegung, in dem sie aktiv jene Grenzen auflösen, die erschaffen wurden, um Wissen, Daten und Informationen zu monetarisieren. Jene, die versuchen Commons zu schaffen – ob innerhalb, jenseits von oder gegen den Kapitalismus – demokratisieren Bewegung, denn sie experimentieren mit neuen Möglichkeiten, wie wir uns zusammen bewegen können.

Die Demokratisierung von Bewegung entwickelt neue Formen der kollektiven Macht, die die alten Vorstellungen stören oder zerstören. Eine Gegenmacht, die darauf besteht, dass Zukunft mehr ist, als eine Aneinanderreihung von Risiken, die organisiert werden müssen. Dass Zukunft allerdings auch etwas gänzlich anderes ist, als gesellschaftliches Potenzial, das von Grenzen eingehegt werden kann, während die Welt im Chaos versinkt. Es ist die Bewegung der Vorstellungskraft, die ihre eigenen verkalkten Strukturen überwindet. Diese Kraft bezeichnet der Philosoph Cornelius Castoriadis als radikale Imagination. Für ihn ist die radikale Imagination eng verknüpft mit der Demokratiefrage – wobei Demokratie hier nicht als als politisches System verstanden wird, sondern als ein Set von Handlungen, ja, als ein Kampfgebiet.

Der Pass macht einen riesigen Unterschied

Doch wofür kämpfen? Sicherlich sollte der Kampf um die Abschaffung von Grenzen nicht unter dem Banner eines falsch verstandenen Universalismus geführt werden – wie auch Chandra Talpade Mohanty argumentiert. Wir können uns nicht einfach Weltbürger nennen und glauben, dass dann alles gut wird. Wir müssen uns selbst als situierte Wesen verstehen.

Mein kanadischer Pass macht einen riesigen Unterschied hinsichtlich meines materiellen Lebens, selbst wenn ich zum “Verräter” jener Nation werden sollte, die mich für sich als Bürger beansprucht und die mich zum Patrioten des Lebens und des Friedens, des Wissens, der Liebe und der Gerechtigkeit werden lässt (tatsächlich sollten wir uns alle diesen Werten verschreiben). Selbst dann gibt es für mich kein Aussen des Finanz- und Grenzkapitalismus. Die Art und Weise, wie es uns erlaubt wird, uns in diesem System zu bewegen, hat einen Einfluss auf unsere Vorstellungskraft. Als heterosexueller, weisser Angehöriger der Mittelklasse, sprich, als cis-gender-Mann mit kanadischer Staatsbürgerschaft, ist meine Vorstellungskraft davon, was möglich und wichtig ist, extrem eingeschränkt, sogar wenn ich mich auf dieser Welt relativ frei bewegen darf.

Wenn wir uns also eine Demokratisierung der Bewegung vorstellen, was vielleicht, wie die eingangs erwähnte Angela Davis sagt, die grösste Herausforderung unseres Jahrhunderts ist, müssen wir mit jenen beginnen und enden, die die Grenzen und das Finanzwesen am grausamsten erfahren. Jene, die sich durch ihre Handlungen und ihr blosses Dasein weigern, wertlos gemacht zu werden, indem sie ihre Bewegung in die eigene Hand nehmen.

Max Haiven
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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