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Über Parteikommunismus und Herrschaftssysteme Fetischisierung der Jugend

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Am Stadtrand im Wald stand es auf eine kleine Metallbrücke gesprüht. „Jugend voran!“ stand dort in unsauberen Buchstaben geschrieben.

Moira Law
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Bild: Moira Law (PD)

23. September 2020

23. 09. 2020

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Und daneben das Symbol der staatskapitalistischen „kommunistischen“ Herrschaftssysteme. Daran nahm ich dann auch Anstoss, nicht daran, dass hier jemand öffentliches Eigentum beschrieben hatte. Du kennst sie ja, die Kommi-Kidz, dachte ich mir. Vor allem viel Rumgemackere aber wenig dahinter. Hat schon auch seinen subjektiven Grund, dass ich dort nie gelandet bin. Hat natürlich auch biografische Gründe.Wie auch immer, man begegnet sich eigentlich nur, wenn man sich irgendwo anblafft. Was aber sollte das überhaupt sein „Jugend voran!“?

Instinktiv überlegte ich mir mit einer Dose wieder zu kommen, dann erst mal Hammer und Sichel mit einem roten (A) zu übersprühen und altklug davor zu ergänzen: „Alte und Mittelalte“. Nach oben hin wäre dafür noch gut Platz gewesen. Denn warum appellierte der Autor denn vor allem an die Jugend, voran zu gehen? War er selbst mehr oder weniger jugendlich – ich denke gleich an einen Typen, aber es könnte ja auch eine „sie“ sein… -, dachte er möglicherweise auf seine Homies mit denen er auf der Couch soff und kiffte und manchmal was zog. Die fanden ihre Meister scheisse, hatten Liebeskummer oder irgendwie nicht so richtig eine Vorstellung von der Zukunft.

Dahingehend könnte ein saftiges „Jugend voran!“ vielleicht motivieren, den Arsch hoch zu kriegen – zumindest die*den Autor*in des Graffitis selbst. Dahingehend aber mein Appell als mittelalte-mitteljunge Person: Kriegt doch mal alle den Arsch hoch! (Das sich das auf eine emanzipatorische Gesellschaftsveränderung und politische Organisierung bezieht, setze ich hier stillschweigend voraus). Da denke ich an meine mittelalten-mitteljungen Kumpel*innen, wie sie auf der Couch sitzen, saufen, kiffen und mal was ziehen. Den Arsch hoch zu kriegen heisst dort: Sich doch aufraffen, am Abend noch zur Party zu gehen - Ich übertreibe bewusst.

Was die Älteren angeht, haben sie halt andere und auch die gleichen Probleme. Wenn sie schon viel vorangegangen sind früher, ist ihnen etwas Ruhe zu gönnen. Aber vergessen werden sollten sie schon mal gar nicht. Sie haben viel zu geben und sind ja genauso Teil der Gesellschaft, sollten sich also auch aktiv in sie einbringen können. Ausserdem: Warum denn immer die Jugend?

Die Jugend hat ihr Leben noch vor sich – klar, deswegen kämpft man ja auch für eine andere Welt, damit man es theoretisch mal besser hat. Aber die Alten, die haben doch eigentlich nicht mehr so viel zu verlieren. Gerade deswegen können sie doch kämpfen, denn das wäre doch sehr sinnstiftend für sie. Wenn ich das schreibe geht es ja nicht um den Aktivitätsgrad schlechthin, sondern um die Art der Aktivität. Klar, Menschen haben in unterschiedlichen Phasen unterschiedlich Kraft und Nerven und nur in diesem Rahmen können sie wo hingehen.

Bei einer komischen Fetischisierung der Jugend möchte ich aber nicht mitspielen. Klar, dass schreibe ich auch als mittelalte-mitteljunge Person, die schon merkt, wie die Kräfte nachlassen und begreift, das manche Dinge vorbei sind und nie wiederkommen werden in ihrem Leben. Das ist manchmal traurig. Es sollte die Mittelalten aber doch nicht am Vorangehen hindern!

Manchmal ist es aber auch nicht traurig, wenn man mal einen Augenblick drüber nachdenkt, was für endlos blöde Dinge man als Jugendlicher angestellt hat. Über manche kann man nachträglich herzlich lachen. Aber es gibt vielleicht auch andere, womit man sich selbst für später echt ein Bein gestellt hat. Eine Fetischisierung der Jugend sollte unbedingt vermieden werden! Dahingehend gibt es zwei Wege. Entweder: Jugend ermächtigt sich selbst, will rebellieren, sich abgrenzen, ihren eigenen Weg gehen, vorangehen gegen eine alte und erstarrte Welt.

Dabei macht man Fehler und Sachen, die man später vielleicht bereut, muss sich mal die Hörner und die Hybris abstossen und etwas Respekt lernen (vor Menschen, nicht vor Herrschaftsinstitutionen) - Gegen solchen Tatendrang ist prinzipiell nichts einzuwenden. Oder: Jugendliche werden von Kadern als Subjekt konstruiert und in deren Pläne eingespannt, ihre Energie also instrumentell ausgebeutet und ihre Gefühle und Gedanken ideologisch geformt.

Ja. Sowas kennt man halt aus dem Parteikommunismus. So eine ekelhafte Herangehensweise, die der volksgemeinschaftlichen Vereinnahmung ja wenig nachsteht. Der entscheidende Unterschied läge allerdings in der Bezugnahme zur Klasse. Demnach ist es äusserst merkwürdig, dass „Jugend“ überhaupt als homogenes Subjekt gedacht wird. Als wenn es innerhalb einer Alterskohorte nicht vielfältigste Spaltungen gäbe. Als wenn Jugendliche nicht genauso oft rechts bis faschistisch eingestellt wären. Die Klassenspaltung habe ich genannt. Über das Patriarchat sollten sich Jugendliche aber nicht weniger Gedanken machen, wenn sich ihre Ansichten in eine emanzipatorische Richtung entwickeln sollen. Nicht nur aus prinzipiellen Gründen, sondern weil sie sich dann auch stärker mit sich selbst auseinander setzen müssten...

Wie auch immer – sozial-revolutionäre Veränderungen können nur generationenübergreifend vorangebracht werden. Aber voran wohin eigentlich? Mir ist klar, dass auch auf der Metallbrücke der Platz begrenzt war. An einer Formulierung Zielorientierung „Bis zum Kommunismus“ etwa hätte ich ebenso Anstoss genommen und genauso rumgenörgelt und gefragt, was das denn bitte sein soll.

Die Symbole der „sowjetischen“ Herrschaftssysteme und Kaderparteien weisen ja auch leider schon die Richtung, was sehr schade ist, denn es liegt mir fern, „Kommunismus“ als Begriff zu diffamieren. Das, was DIE sich drunter vorstellen, war er eben nicht und wird er nicht sein. Also streiche ich gedanklich „Kommunismus“ durch und schreibe „Anarchie“ hin. Da müsste ich mir von anderer Seite die gleichen Fragen gefallen lassen und tue ja nur so, als wäre klar und verständlich, was damit gemeint sei, als wäre es ein Wert für sich. Das Problem ist allerdings noch anders gelagert.

Denn das blosse: „Kriegt mal den Arsch hoch, Leute!“ ist gekoppelt an ein teleologisches Geschichtsverständnis. Dahinter verbirgt sich die falsche Annahme einer historischen Determinismus, mit anderen Worten, dass Ziel und Weg eigentlich objektiv bestimmbar wären. Beides ist nicht der Fall. Ziele und Wege sind zu konstruieren, zu erschaffen und zwar mit allen Menschen, die gewillt sind, sich zu bewegen und nicht durch irgendwelche Avantgarden.

Ziele und Wege verändern sich auch, wenn wir uns aufmachen, mit ihnen ist zu experimentieren, sie sind weiterzuentwickeln. Und: es gibt verschiedene. Denn es gibt verschiedene soziale Gruppen mit unterschiedlichen weltanschaulich-politischen Ausrichtungen. Und das ist gut so. Sie müssen nicht vereinheitlicht werden. Aber sie müssen sich austauschen, ihre Feinde bestimmen und sich verbünden, wenn sie irgendwo miteinander hingehen wollen. Ein simples „Voran!“ scheint für manche Personen attraktiv, weil jemand mal den Arsch hochkriegen möchte – und deswegen andere auffordert, sich zu bewegen. Warum aber – lässt sich berechtigterweise fragen, sollte ich planlos los- und jemandem hinterherrennen, der im Begriff ist, eine Klippe hinunter zu springen?

Statt sich einem militaristisch anmutenden „Jugend voran!“ zu beugen, wäre es doch schön, wenn sich alle etwas miteinander bewegen. Und wenn sie sich dabei aufeinander beziehen und einkalkulieren, dass es ein langer Weg sein wird. Ein Spaziergang ist der Weg zum libertären Sozialismus sicherlich nicht. Im Gegenteil, oft ist er sicherlich eine beschwerliche Wanderung. Das spricht aber nicht dagegen, alle Generationen mit zu nehmen. Und auch die verschiedenen Lager. Nur mit allen gemeinsam kann man ich über Ziele und Wege verständigen und sich gegenseitig beim Tragen helfen.

Jonathan Eibisch

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