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Gesellschaft

Zur Wissenschaft von Menschen Erich Fromm – eine Würdigung seines Wirkens

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Erich Fromm (1900-1980) ist als bedeutender Humanist des 20. Jahrhunderts bekannt. Als Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Gesellschaftskritiker schrieb er mit grosser Leidenschaft beeindruckende Werke, welche bis heute absolut nichts an Aktualität eingebüsst haben – ganz im Gegenteil!

Erich Fromm, 1970.
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Bild: Erich Fromm, 1970. / cYnDeR-lOvEr4196 (CC BY-ND 3.0)

15. April 2012

15. Apr. 2012

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Er war ein weiser Vordenker und Visionär mit geradezu verbüffenden Fähigkeiten, die Entwicklung der Gesellschaft so genau vorhersagen zu können, dass man sich heute – Jahrzehnte nach den Veröffentlichungen – geradezu ertappt fühlt und in einen vorgehaltenen Spiegel blickt.

Seine Beschreibung eines »neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft« ist eine durchdringende Vision eines humanistischen Sozialismus, der sich an die Antwort auf die einfachste aber auch paradoxeste aller menschlichen Fragen hält – die Bedeutung des Seins.

Fromms Theorie ist eine einzigartige Verbindung von Freud und Marx. Freud betonte die Steuerung des Menschen durch das Unbewusste, biologische Triebe, Repression etc., während Marx die Abhängigkeit von der Gesellschaft und speziell vom jeweiligen Wirtschaftssystem in den Vordergrund stellte. Fromm als Humanist baute zwischen diesen beiden Extremen eine Brücke – den Gedanken der Freiheit. Durch die Willensfreiheit des Menschen wird es möglich, die Determinismen von Freud und Marx zu transzendieren.

Erich Fromm erhebt die Freiheit zum zentralen Kriterium der menschlichen Natur. Er greift die grundlegenden Thesen von Marx und Engels auf und erklärt auch den Dogmatismus und den naiven Optimismus der beiden zum Irrtum. Fromm zieht korrekte Schlüsse aus den kommunistischen Thesen und verweist auch auf ihre Fehler. Drauf aufbauend, erschafft er ein Modell für die zukünftige Gesellschaft, was sich nur wenige trauen.

Einige bedeutsame psychoanalytische Theorien, die Fromm geschaffen, massgeblich mitgeprägt oder erweitert hat, sind z. B.:

- die symbiotischen menschliche Beziehungen (siehe in diesem Zusammenhang auch Wolfgang Schmidbauer, der diese Thematik aufgegriffen hat) - die Marketingorientierung, mit der Fromm bereits in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts die Ökonomisierung aller Gesellschaftsbereiche erkannte und kritisierte - das Böse, mit dem er sich in den Gegenpolen Nekrophilie und Biophilie auseinandersetzte - den Narzissmus, der zwar von Freud wesentlich geprägt wurde, den Fromm jedoch in seinen persönlichen Ausprägungsformen inhaltlich sehr differenzierte und von dieser persönlichen auch auf die Gruppen-, Gesellschafts- und nationale Ebene übertragen konnte

Auch ist es faszinierend wie Fromm zeitüberschreitend grundlegende menschliche Anliegen sowie Visionäre und Theoretiker verbindet wie z. B. Buddha, Jesus, Meister Eckardt, Marx, Spinoza und Albert Schweitzer und deren Gemeinsamkeiten hinsichtlich des Wesen des Menschen, des Lebensinns und des Gottesbegriffes klar herausstellt. Was seine Beziehung zu Religion und Gott angeht, so könnte man Fromm als einen nichttheistischen Mystiker bezeichnen.

Wir haben es also bei Fromm sowohl um einen genialen Vordenker als auch um einen Mittler und Integrator zu tun, der uns für unseren individuellen Lebensweg Anregungen und Hilfestellung geben kann.

Fromms Werke sind geprägt von

- tiefsinnigsten und treffendsten Gesellschaftsanalysen

- bestechenden wie kritischen Psychogramme der Menschen

- tiefen Einblicke in die Seele des Menschen

- scharfer Kritik an der Oberflächlichkeit des modernen Menschen und dem Wertesystem des Kapitalismus, in dem er eine eklatante Gefahr für die Freiheit des Individuums und den wesentlichen Werten des Lebens sieht

- analytischer Stringenz und Substanz inhaltlicher Argumentation

- dem schriftstellerischen Geschick, seine Einsichten in das Alltagsleben des Menschen in praktische Weisungen umzusetzen

- thematischer Breite, welche die Vielseitigkeit des Frommschen Denkens spiegelt

Dieser erfahrene Analytiker und gedankenreiche Beobachter der Menschenwelt lässt seine fünfzig jährige Erfahrung der analytischen Soziologie und Charaktertheorie einfliessen und ist dabei leidenschaftlich engagiert. Er wendet sich an Leser, die sich engagieren lassen. Seine Schriften sind für denkende Leser eine Quelle immens aktueller Inspiration und Horizonterweiterung.

Fromm versteht es, hoch differenzierte Theorien, komplizierte Sachverhalte und fundamentale Erkenntnisse in verständliche Sprache zu kleiden und sehr anschaulich zu beschreiben. Er verzichtet auf komplizierte wissenschaftliche Ausdrucksweisen und auf Freud'sche Diktion, was das Verständnis ungemein erleichtert. Er ist kein reiner Theoretiker und als Menschfreund emotional und emphatisch am Wohlergehen des Menschen interessiert. Es gelingt ihm immer wieder, dass man sich durch seine Ausführungen selbst erkennt und sein innerstes – bisher unerkanntes – Wesen endeckt. Deshalb stellen seine Bücher für den Veränderungswilligen auch ein echtes Medium zur Selbsthilfe dar und heben sich eindeutig von der kommerziellen Lebenshilfe-Literatur ab.

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