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Der etwas andere Aufschrei „Male Bashing“ und die Folgen

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„Male bashing“ – das Beschimpfen von allem, was männlich ist - hat Hochkonjunktur. Aktueller Auslöser ist Donald Trump; Bernie Sanders hat ihn als „Mr. Macho“ etikettiert.

30. Januar 2020

30. 01. 2020

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Trump gilt als Symbol der „angry white men“, die derzeit für alles Schlechte in der Welt verantwortlich gemacht werden: Klimakatastrophe, Terrorismus oder Wirtschaftskrise. Nachdem er diese und noch ein paar andere Übel aufgezählt hat, jammert Daniel-Dylan Böhmer in der „Welt“: „Eine Männerkrise bedroht den Planeten“. Und weil Männer gar nichts können, jedenfalls nichts Gutes, fleht der Autor: „Frauen der Welt, rettet uns vor diesen Männern!“

Der amerikanische Präsident Barack Obama hat im Spätsommer 2016 im Magazin Glamour den Essai publiziert „So sieht ein Feminist aus“. Der Vater zweier Töchter notiert: „Michelle und ich haben unsere Töchter dazu erzogen, das Wort zu ergreifen, wenn sie Doppelmoral sehen oder denken, dass sie wegen ihres Geschlechts oder ihrer Rasse unfair behandelt werden (...) Und ja, es ist wichtig, dass ihr Papa ein Feminist ist, denn jetzt erwarten sie das von allen Männern." Männer nimmt Obama dabei nur als Unterstützer des Feminismus wahr. Und da schliesst sich der Kreis zwischen den Präsidenten.

Während „Clinton und Obama die Frauenkarte gespielt haben“, so der Rechtsgelehrte Glenn Reynolds, seien Jungen und Männer sozial immer weiter zurückgefallen. Er ist nicht der einzige Kritiker. Die Politologin Katherine J. Cramer hat in ihrem Buch „The Politcs of Resentment“ eindrücklich beschrieben, wie viel Wut und Groll es in der Arbeiterklasse in Wisconsin gibt– einem Bundesstaat, der die Wahl Trumps mitentschieden hatte. Rechtsprofessorin Joan C. Williams erklärt in der Harvard Business Review den Erfolg Trumps mit den lange ignorierten Bedürfnissen arbeitender Männer.

Die Emanzipationsverlierer sind heute Jungen und Männer. Die Entwicklung der Wirtschaft tendiert seit geraumer Zeit in Richtung des „weiblichen“ Dienstleistungsgewerbes und zur sukzessiven Schrumpfung der „männlichen“ Industriearbeit. Dementsprechend steigt die weibliche Erwerbstätigkeit, während die männliche ebenso kontinuierlich abnimmt. Seit einigen Jahren ist die männliche Arbeitslosenquote höher als die weibliche. Das alimentiert nicht gerade die Zukunftsperspektive der nachwachsenden männlichen Generation, ebenso wenig wie der immer wieder kolportierte Slogan „Die Zukunft ist weiblich“. In den USA ist die Botschaft bereits angekommen. Dort spricht man mittlerweile nicht mehr von Rezession, sondern von „Hecession“.

Der Wirtschaftswissenschaftler Nicholas Eberstadt belegt in seiner Untersuchung „Men without Work: America´s Invisible Crisis“, wie sehr den amerikanischen Männern die Arbeit ausgeht und sie damit immer mehr zum sozialen Problem werden. In ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“, das auch bei uns ein Bestseller war, analysiert Hannah Rosin den epochalen Niedergang amerikanischer Männlichkeit. Während der grossen Rezession ab 2007 waren drei Viertel der 7,5 Millionen Entlassenen Männer, 2009 zum ersten Mal mehr Frauen erwerbstätig als Männer. Bereits mehr als ein Drittel der amerikanischen Mütter sind die Haupternährer ihrer Familien – Tendenz steigend. Die Konsequenz: ein drastischer Rollenwechsel. „Überall, wo ich hinkam, passten sich Paare an die neue häusliche Realität an: Die Frau zahlt die Hypothek ab. Die Frau fährt jeden Tag zur Arbeit und gibt dem Mann vorher noch schnell Anweisungen, wie er die Wäsche machen muss“.

Auch in Deutschland gibt es viele junge "Abgehängte". Die Jugendstudie "Generation What" weist soeben auf eine grosse Gruppe junger Männer hin, „die sich extrem benachteiligt und orientierungslos fühlt“ und so zunehmend „anfällig für Populismus“ ist. Davor haben weitsichtige Soziologen wie Ralf Dahrendorf schon vor rund dreissig Jahren gewarnt, ohne gehört worden zu sein. Hatte Dahrendorf noch überschaubare Gruppierungen von „angry young men“ in Grossbritannien beschrieben, gibt es inzwischen ganze Stadtviertel, die von diesen „Aussteigern“ geprägt werden, wie z.B. das „Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung“ in seiner Studie „Not am Mann“ festgestellt hat.

Männer sind aber nicht nur die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt, sondern bereits dort, wo in Schulen und Ausbildung für die späteren Berufsqualifikationen vorbereitet wird. Ihre Bedürfnisse werden zunehmend ignoriert, ihre Leistungen bei gleicher Qualität wie die der Mädchen schlechter benotet, ihre Versetzungen in höhere Schulstufen oder Klassen erschwert. Schulversager, Schulabbrecher, Schulschwänzer sind heute fast ausschliesslich männlich.

Die amerikanische Philosophien Christina Hoff-Sommers, selber Feministin, spricht in ihrem gleichnamigen Buch vom „Krieg gegen die Jungen“. Das mag übertrieben sein, aber Tatbestand ist, dass Jungen in Kindergärten, Horten, Ganztagseinrichtungen, Schulen und Beratungsinstanzen ständig an weibliche Verhaltensmuster und Grenzsetzungen stossen. In ihrer Motorik und Renitenz drücken sie dann häufig ihren Widerstand gegen die Erziehungseinrichtungen als weibliche Bastionen aus. Sarkastisch notiert Hoff-Sommers, dass Tom Sawyer und Huckleberry Finn heute in der Frauenschule Ritalin verordnet bekämen, um ruhiggestellt zu werden.

Jungen sind zum Problemgeschlecht geworden. Gewalt und Ausschreitungen haben signifikant zugenommen. Psychische und psychosomatische Störungen treten bei Jungen sehr viel häufiger auf als bei Mädchen. Der Anteil von Jungen in Förderschulen beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen. Alkohol- und Drogenprobleme von Jungen nehmen zu; die zweithäufigste Todesursache von Jungen ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens sechsmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter. William Pollack, Psychologieprofessor an der Harvard Medical School merkt dazu an, dass die Gesellschaft schon längst Massnahmen ergriffen hätte, wenn die Suizidrate bei Mädchen vergleichbar gross wäre.

Die dramatisch verschlechterten Bedingungen haben ihre Folgen für Beziehung und Familie. In ihrem Buch „Men on Strike“ bemerkt Helen Smith, dass die Heiratsrate in den USA auf den niedrigsten Stand aller Zeiten gefallen ist. Kay Hymowitz interpretiert diese Entwicklung in ihrer Untersuchung „Manning Up: How the Rise of Women Has Turned Men into Boys“ als permanente Adoleszenz-Krise unreifer Männer. Das kann man auch anders sehen. „Warum sollte ein Mann eine Familie gründen wollen?' fragte ein junger Mann vor einer Weile im Berliner Stadtmagazin Zitty.

Männer können ohne Familie „wunderbar leben“. Nachdem Männern über Jahrzehnte erzählt worden ist, „sie seien überflüssig, gewalttätig, dumpf und sowieso ein Irrtum der Natur“, sei es doch „kein Wunder, dass sie keine Stützen der Gesellschaft werden wollen. Warum sollten sie denn?“ Das ist nun kein abwegiges Statement aus der Hauptstadt; es ist ein Trend. Das Statistische Bundesamt konstatiert in seinen Report 'Alleinlebende in Deutschland', dass 27 Prozent der 18- bis 34-Jährigen Männer ohne Bindung leben. 60 Prozent der alleinlebenden Männer im Alter von 35 bis 64 Jahren waren noch nie verheiratet. Das sind – in absoluten Zahlen - cirka 7 Millionen Männer.

Es hat in Deutschland die feministische Aufschrei-Debatte gegeben. Der Aufschrei der Männer ist wohl anders: Verweigerung. Das attestiert auch eine Sinus-Studie über „Lebensentwürfe, Rollenbilder und Haltungen zur Gleichstellung 2o-jähriger Frauen und Männer. Tatsächlich fehlen seit langem Männerbilder, an denen sich Heranwachsende konstruktiv abarbeiten könnten. Das fällt schwer. Im Internet kursiert zum Beispiel ein Video, in dem eine Kriminologin die Forderung erhebt, die männliche Bevölkerung auf einen Anteil von 10 Prozent zu reduzieren. Männer störten nur das Gleichgewicht der Welt. Dagegen haben amerikanische Mütter das Manifest formuliert: „How Male Bashing is Killing Our Sons“. Sie beschreiben eindringlich, wie die „ständige Herabsetzung von Männlichkeit“ die Entwicklung ihrer Söhne lähme.

Kulturhistorisch waren Männer früher der Speicher für Avantgarden; heute sind Männer – wie alle empirischen Untersuchungen ausweisen - überwiegend retrograd. Sie orientieren sich am Gestern, weil ihnen die Zukunft abhandengekommen ist. So sind sie inzwischen auch das Arsenal rechter Politik – ob „Front National“, FPÖ, AfD oder SVP. Es gäbe also genug der Gründe, sich an ein Umdenken über die reale Wertigkeit des Männlichen zu wagen.

Ganz simpel betrachtet ist die tägliche Funktionsfähigkeit unserer Gesellschaft von Arbeiten abhängig, die Männer machen und Frauen gar nicht machen wollen: Müllabfuhr, Entsorgung, Tiefbau, Gummiverarbeiter, Strassenfeger oder Abwasserreiniger. Männer gehen auch den gefährlichsten Tätigkeiten nach, im Hochbau zum Beispiel, bei der Gefahrengüter-Beseitigung, als Dachdecker oder Gleisbauer, im Sicherheitswesen, bei der Feuerwehr, im Katastrophenschutz. Das Verhältnis von männlichen zu weiblichen Opfern bei den Einsätzen von Polizei, Feuerwehr, Notärzten, Sanität, Katastrophendiensten oder technischem Hilfswerk beträgt 98:2. Bei den Rettungsaktionen in Tschernobyl und am 11. September in New York sind ausschliesslich männliche Helfer gestorben.

Es sei höchste Zeit, notiert Elisabeth Badinter, Philosophin und Feministin, männliche Tugenden wieder zu loben. Ihre Namen lauten Selbstbeherrschung, der Wille, über sich selbst hinauszuwachsen, die Bereitschaft, Risiken einzugehen, sich Herausforderungen zu stellen und der Unterdrückung Widerstand zu leisten. Sie sind die Voraussetzungen von Kreativität, aber auch von Würde». Das hat nichts mit Androzentrismus zu tun.

Walter Hollstein

Auszug aus dem Buch "Das Gären im Volksbauch. Warum die Rechte immer stärker wird". NZZ Libro, Basel 2019. 208 S. ca. 25.00 SFr. ISBN: 978-3-03810-477-3

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