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Winterolympiade in Sotschi: Ein Hauch von 1914 | Untergrund-Blättle

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Winterolympiade in Sotschi Ein Hauch von 1914

Gesellschaft

Nun haben sie also begonnen, die Olympischen Spiele in Sotschi. Auch mässig Sportinteressierte kommen an Events dieser Grössenordnung nicht vorbei.

Vladimir Putin in Sotschi, Januar 2013.
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Bild: Vladimir Putin in Sotschi, Januar 2013. / Kremlin.ru (CC BY 3.0)

7. Februar 2014
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Normalerweise mutieren in solchen Zeiten Sportbanausen dank medialem Sperrfeuer einfach nur zu glühenden Fans und regelsicheren Experten. Diesmal hingegen wimmelt es plötzlich so von frischgebackenen Russland-ExpertInnen und eifrigen VerfechterInnen von Homosexuellen-Rechten.

Um es gleich mal in aller Deutlichkeit zu formulieren: die schwulenfeindliche Gesetzgebung in Russland ist absurd, reaktionär und muss bekämpft werden. Die Hetzjagden auf LGBT-Menschen und -AktivistInnen sind schrecklich, und natürlich fühlen sich die homophoben Schläger durch die offizielle Politik bestätigt. Das ist alles eine Riesenscheisse und alle Initiativen russischer Organisationen, die dagegen kämpfen, sollten unterstützt werden.

Und auch der gesamte Putinsche Oligarchen-Kapitalismus mit orthodoxem Segen ist alles andere als eine schöne Sache. Ganz zu schweigen von den Repressionen, denen jene ausgesetzt sind, die sich dagegen wehren. Eine Gruppe Frauen, die den oligarchisch-orthodoxen Komplex kritisiert, ins Lager zu stecken, ist einfach nur irrsinnig.

Aber angesichts der politischen Ereignisse der vergangenen Monate und Jahre zu glauben, dass Washington, Berlin, Paris und London nur deshalb ihre obersten Repräsentanten nicht zur Eröffnung der Winterspiele schicken, weil sie um die Rechte von Homosexuellen besorgt sind, ist bestenfalls naiv. Nur zwei Punkte: mit Edward Snowden geniesst derzeit einer der grössten Staatsfeinde der USA in Russland Asyl. Gleichzeitig tobt zwischen der EU und Russland ein Kampf um wirtschaftlichen und politischen Einfluss in Osteuropa, ausgetragen dieser Tage auf dem Rücken der ukrainischen Bevölkerung. Nachdem die Sowjetunion erfolgreich niedergerungen war, mussten die Sieger des Kalten Krieges bald feststellen, dass der russische Bär trotz Kapitalismus-Crashkurs und penibler Zerstörung sozialer Errungenschaften immer noch nicht nach der Pfeife westlicher Dompteure tanzen wollte.

Die alt-neuen Eliten waren zu stark und eigenständig und verfolgen Strategien, die in erster Linie die eigenen Taschen, und nicht jene US-amerikanischer oder EUropäischer Konzerne im Blick haben. Das ist ärgerlich. Und so wird das widerspenstige Moskau allmählich von frischgebackenen NATO-Staaten eingekreist, die EU schiebt sich in Gestalt der neuen Mitgliedsstaaten an das Riesenreich heran. Der nächste Schritt am Weg nach Osten ist die Ukraine.

Das Russland-Bild, das westliche Medien in Begleitung dieser politischen Prozesse zeichnen, erinnert mehr und mehr an jenes von vor etwa hundert Jahren. Immer noch ist Russland in diesen Darstellungen der Hort der Barbarei und Rückständigkeit. Was 1914 das despotische Moskowitertum war und 1941 die bolschewistisch-slawischen Horden, gegen die es in den Krieg zu ziehen galt, das sind heute die „Menschenrechtsverletzungen“ Moskaus. Der Westen ist unschuldiges Lamm und Schoss von Wohlstand und Aufklärung gleichermassen.

Und wenn ihnen sonst nichts mehr einfällt, dann twittern westliche JournalistInnen über ihre Erlebnisse im rückständigen Russland, das nicht mal ordentliche Olympische Spiele ohne organisatorische Probleme auf die Beine stellen kann – als ob Derartiges bei vergleichbaren Events nicht überall auf der Welt passieren würde. Andere, die Jahr für Jahr ökologisch wie volkswirtschaftlich schwachsinnige sportliche Grossveranstaltungen abfeiern, empören sich plötzlich über die Ressourcenverschwendung und Umweltzerstörung in Sotschi.

Besonders verstörend ist bei alledem, dass KommentatorInnen immer öfter in aller Selbstverständlichkeit von einem „wir“ sprechen, etwa wenn über die weitere Taktik der EU bei der Einmischung in den Konflikt in der Ukraine die Rede ist. „Wir“, das ist nicht die jüngste imperiale Grossmacht namens EU, „wir“, das sind die, die Frieden und Wohlstand exportieren – nach Mali, Zentralafrika, Libyen, Afghanistan – und jetzt eben auch in die Ukraine. Auf dass „unsere“ Wohltaten dereinst auch bis zum Ural und darüber hinaus vordringen mögen. Aber das wird noch etwas dauern, denn jedes funktionierende „wir“ braucht ein Gegenüber, von dem es sich abgrenzen kann – gerade wenn die Krise am westlichen Wohlstandsmärchen nagt. Und dieses Gegenüber ist derzeit bevorzugt und bewährterweise der Russe. „Wir“, das sind die, die den Russen die Zivilisation beibringen müssen – so wie „wir“ es 1914 und 1941 schon versucht haben.

Karl Schmal
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