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Demonetarisierung: Geld ist das Problem | Untergrund-Blättle

Gesellschaft

Geld ist das Problem Demonetarisierung

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Die Zielperspektive der Demonetarisierung besteht darin, uns von Geldverhältnissen zu befreien: Für eine bessere Gesellschaft sind der Markt und das Kaufen und Verkaufen erheblich einzuschränken und schliesslich abzuschaffen. Dies ist nur möglich durch bewusste und partizipative Formen der Kooperation.

In einer monetarisierten Welt ist das Bedürfnis, Geld zu verdienen, „Geld zu machen“, Geld auszugeben und Einnahmen und Ausgaben in der Waage zu halten, entscheidend für unser Gefühl von Selbstwert und für unseren individuellen Status.
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Bild: In einer monetarisierten Welt ist das Bedürfnis, Geld zu verdienen, „Geld zu machen“, Geld auszugeben und Einnahmen und Ausgaben in der Waage zu halten, entscheidend für unser Gefühl von Selbstwert und für unseren individuellen Status. / Nicolas Nova (CC BY-NC 2.0 cropped)

22. Juli 2016

22. 07. 2016

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Die theoretische Perspektive der Demonetarisierung gründet letztlich auf den Analysen von Karl Marx, ergänzt und verändert jedoch durch feministische und ökologische Blickwinkel. Eine grundlegende Einsicht des Ansatzes lautet, dass Geld, Tausch und Wert historische soziale Formen darstellen: Es handelt sich dabei um Produkte einer Gesellschaft und nicht um unabänderliche Tatsachen. Sie erscheinen bloss als solche, weil sie sich durch unsere individuelle Sozialisation und in unser Alltagsleben tief eingeschrieben haben.

Was ist die Kernidee der Demonetarisierung?

Verabschieden wir uns von Geldverhältnissen, so gibt es fraglos eine Reihe von Ansätzen, aus denen wir wählen können, um Ressourcen zu teilen, Arbeiten zu planen, Produkte zu verteilen und Entscheidungen zu treffen. Die Visionen einer geldfreien Gesellschaft sind vielfältig. Sie enthalten Konzepte wie die Commons, die Peer-Produktion, die Arbeiter_innen-Selbstverwaltung, die Stigmergie („Selbst-Auswahl“)1 und die freiwillige Kooperation ebenso wie die Geschenkökonomie und die solidarische Ökonomie.

Während Demonetarisierung als solche eng definiert ist, schätzen deren Vertreter_innen die Folgen recht unterschiedlich ein. Auch in normativen Fragen, die das Verständnis von Freiheit und Glück betreffen, die Vorstellung einer ethisch gerechten Gesellschaft und die Frage, welche Methoden des Übergangs legitim, effektiv oder machbar sind, besteht keine Einigkeit.

Demonetarisierung zielt auf eine Alternative zum Tausch sogenannter Äquivalente (von Wertgleichem) im Allgemeinen und zur Idee eines gemeinsamen Wertstandards ab. Die Argumente für eine Demonetarisierung teilen als gemeinsame Annahme, dass Geld und der Tausch von Äquivalenten (Märkte) das Potenzial einer Gesellschaft, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, limitieren – im Gegensatz zu vielen Bewegungen, die Geld als neutrales Medium eines freien Austauschs sehen.

Märkte, Geld und Wachstum sind nicht voneinander zu trennen

Gesellschaftliche Bedürfnisse streben danach, das Produktionspotenzial auszuschöpfen, während es von anderen Faktoren – wie der begrenzten Verfügbarkeit von Rohstoffen, Technologien und Wissen sowie sozialen oder politischen Regulierungen – eingeschränkt wird. Wieviel produziert wird, unter welchen Arbeitsbedingungen sowie die Art der Produkte werden in einer Marktwirtschaft von der Kaufkraft der Konsumierenden bestimmt und von den Profiterwartungen der Unternehmenseigner_innen. Konkrete menschliche Bedürfnisse zu erfüllen, ist dann nicht das Hauptziel oder -kriterium des Erfolgs.

Hunger, Wohnungslosigkeit, sozialer Ausschluss, psychische Frustration und anderes menschliches Leiden stehen nicht im Widerspruch zu einer monetarisierten Produktion. In vielen Fällen sind die materiellen und technologischen Ressourcen vorhanden, die notwendig wären, um solches Leiden – wie Hunger und vermeidbare Krankheiten – zu verhindern. Doch ist der Markt nicht in der Lage, diese Ressourcen bereitzustellen, weil die Menschen, denen diese Ressourcen nützen würden, nicht über das nötige Geld verfügen. Diese Art von Leiden ist ein unausweichliches Ergebnis einer monetarisierten Produktion, in der jene, die investieren, darüber bestimmen, was, wie und für wen produziert wird. Produktion findet nur statt durch jene, die Geld haben, und nur für jene, die Geld haben und den Wunsch, etwas zu kaufen – nicht auf der Basis realer Bedürfnisse.

In einer monetarisierten Welt ist darüber hinaus das Bedürfnis, Geld zu verdienen, „Geld zu machen“, Geld auszugeben und Einnahmen und Ausgaben in der Waage zu halten, entscheidend für unser Gefühl von Selbstwert und für unseren individuellen Status. Die Konkurrenz ist eine notwendige Eigenschaft eines freien Marktes; die darin Agierenden erzeugen Produkte nicht zur Befriedigung sozialer Bedürfnisse, sondern sie sind Angestellte in privaten Firmen, die für den Verkauf und mit dem Ziel, Profit zu machen, produzieren.

Ökonomische Krisen, Währungs- und Finanzkrisen sind eng mit dem Mangel an Koordination zwischen Produktion und Verteilung in einer monetarisierten Ökonomie verbunden: Dass ein Produkt hergestellt wurde, heisst nicht, dass es sich verkaufen wird. Die systematische Überproduktion führt in Marktwirtschaften zur Vergeudung von Ressourcen ebenso wie zu Bedürfnissen, die nicht befriedigt werden. Zugleich bedingt sie Zusammenbrüche, sei es von einzelnen Unternehmen, ganzen Wirtschaftssektoren oder Volkswirtschaften. Diese und damit verbundene sogenannte „Umbrüche“ und „Innovationen“ schlagen unsichtbare Wunden in das soziale Gewebe, die nur selten heilen. Auch zerstören sie die allgemeine Planungssicherheit sowie kulturelle Traditionen.

Aufgrund der monetären Bewertung und Bilanzierung des gesamten Prozesses der Produktion ist das Management in erster Linie damit beschäftigt, das eigene Einkommen zu optimieren – ungeachtet der damit verbundenen ökologischen und sozialen Folgen. Daher ist in einer monetarisierten Ökonomie Postwachstum als bewusste und sozial legitime Reduktion von Material- und Energiedurchsatz sowie ökonomischer Aktivität schwer vorstellbar, denn dies würde massive finanzielle Verluste nach sich ziehen. Gleichwohl ist Postwachstum in den fortgeschrittenen Ökonomien dringend notwendig, um eine nachhaltige Nutzung der limitierten Ressourcen des Planeten zu gewährleisten.

Die genannten Kritiken und Probleme treffen auf jede (mögliche/zukünftige) Gesellschaft zu, die auf einem System monetären Tausches (also einer Marktwirtschaft) beruht. In einer Marktwirtschaft hängt alle Produktion ab vom Kapital. Es macht keinen Unterschied, ob dieses Kapital durch Kredit bereitgestellt wird, mit oder ohne Zinsen, ob es vom Staat verwaltet wird, von privaten Unternehmen oder durch Kooperativen, oder ob es in einer Lokalwährung, einer nationalen Währung oder durch eine Weltwährung ausgedrückt wird. Gesellschaftliche Bedürfnisse werden hier wie dort ignoriert, Konkurrenz führt zu Überproduktion und Krise. Postwachstum würde zu einem finanziellen Verlust führen, der die Produktion selbst bedrohen würde. Nur eine demonetarisierte Gesellschaft ist zu Postwachstum fähig.

Visionen einer geldfreien Wirtschaft

Die Idee, das Geld abzuschaffen, ist nicht neu. Innerhalb der sozialistischen Bewegungen haben sowohl Marxist_innen als auch Anarchist_innen eine Wirtschaft ohne Geld und Tausch propagiert, ebenso wie die Zeitgeist-Bewegung heute. Sie verwendeten jedoch nicht den Begriff Demonetarisierung. Heute begünstigen beispielsweise freie und Open-Source-Software-Projekte das freie Teilen – anstelle von Tausch und monetärem Gewinn –, ohne sich als demonetaristisch zu bezeichnen. Jene, die das Label Demonetarisierung verwenden, zielen darauf ab, Geld und Tausch wieder in den Brennpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken – beispielsweise indem ein Sozialismus ohne Markt gegenüber einem Marktsozialismus vertreten wird oder indem gelebte Alternativen der Demonetarisierung hervorgehoben werden.

Es gibt keine einheitliche Vision einer geldfreien Wirtschaft – wie sie aussehen und funktionieren könnte –, da Demonetarisierung vor allem eine diskursive Intervention darstellt und kein Wirtschaftssystem. So plädieren beispielsweise Anarcho-Kommunist_innen, die ihre Theorie auf Arbeiten von Peter Kropotkin, Errico Malatesta und Mikhail Bakunin gründen, dafür, Geld durch eine agro-industrielle Föderation zu ersetzen, die auf freiwilliger Kooperation zwischen den Produzierenden basiert, um gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen. Ideen der Arbeiter_innen-Selbstverwaltung und rechenschaftspflichtige Systeme der Delegierung sind für diesen Ansatz entscheidend. Die Open-Source-Bewegung hingegen verfügt über keine revolutionäre Vision – wir können aber durchaus visionäre Tendenzen ableiten.

So könnte eine Commons-basierte Peer-Produktion verallgemeinert werden, indem das Konzept der Stigmergie genutzt würde, um Arbeit zu verteilen. Auch die Geschenkökonomie als Wirtschaftsform, die von Gesellschaften und Gruppen damals wie heute umgesetzt wird, kann die Grundlage eines geldfreien wirtschaftlichen Systems oder eine Ergänzung dazu liefern. Die meisten Visionen von Demonetarisierung weisen Zwangsmethoden zurück und schlagen Lösungen jenseits des Staates vor. Was die richtige Balance zwischen kollektiven und individuellen Freiheiten in einer demonetarisierten Gesellschaft anbelangt, bestehen gleichwohl Meinungsverschiedenheiten.

Das unbestrittene Kennzeichen und Grundprinzip einer demonetarisierten Wirtschaft jedenfalls ist eine Produktion für den Gebrauch anstelle des Profits. Das bedeutet, dass bei Produktionsentscheidungen ökologische Faktoren beachtet werden können. Ebenso bedeutet es, dass Überproduktion vermieden wird, da die Produzierenden miteinander kooperieren, um die Nachfrage auf Grundlage menschlicher Bedürfnisse zu decken. Eine demonetarisierte Wirtschaft erlaubt ausserdem, die Gesamtarbeitszeit der Menschen zu verkürzen. Denn sie werden nicht mehr das Bedürfnis haben, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um sich sicher oder besser als andere zu fühlen. Kurz gesagt: Eine demonetarisierte Gesellschaft wird sich vom Wachstumsimperativ verabschiedet haben.

Demonetarisierung – ein Querschnittsthema

Die Notwendigkeit oder der Nutzen einer Demonetarisierung wird verschiedenartig begründet. Häufig werden Gender-Verhältnisse und das strukturelle Patriarchat hervorgehoben, das zwei Sphären der Gesellschaft voneinander trennt: ein mit dem Konstrukt „Frau“ und „Weiblichkeit“ verbundener nicht monetärer Sektor, ein mit „Mann“ und „Männlichkeit“ verbundener monetärer Sektor. Es wird also argumentiert, dass die Geldwirtschaft eng mit der Geschlechter-Zweiteilung verbunden ist. Die Geldwirtschaft benötigt demnach den Haushalt und die Sorgeökonomien, die weiblich konnotiert und Frauen – biologistisch als solche definiert – aufgezwungen werden. Dabei werden Haushalt und Sorgeökonomien beherrscht, ausgebeutet und entwertet.

Alternativ wird der Schwerpunkt auf das Potential menschlicher Ausdrucksfähigkeit gelegt, die durch die Geldwirtschaft begrenzt wird: beispielsweise durch den Zwang, Erfindungen zu kommerzialisieren, anstatt unsere Kreativität frei zu teilen und unsere Wünsche nach Kooperation, Sinnlichkeit und Freude am Leben (nicht an bezahlter Arbeit) zu erfüllen. Wieder andere fokussieren Umweltfragen, die mit der Postwachstumsdebatte verbunden sind. Und zeitgenössische „Nicht-Markt-Sozialist_innen“ verbinden die sozialen und ökologischen Grenzen und Ineffizienzen des Marktes, um für eine Gesellschaft jenseits von Geld zu argumentieren.

Wer ist bei Demonetarisierung aktiv und was machen sie?

Eine Gemeinschaft oder Gesellschaft, die ihre Ressourcen und Fähigkeiten nach Massgabe von Bedürfnissen teilt, ist die ursprüngliche Vision des Kommunismus. Diese Vision hat eine lange Geschichte und reicht mindestens bis zum Mittelalter zurück. Im 20. Jahrhundert entstanden demonetarisierte Praktiken in der frühen Kibbutz-Bewegung, die 1910 in Israel begann. Während der Spanischen Revolution 1936–1939 wurde Geld in vielen Regionen abgeschafft und durch die freie Verteilung von Gütern oder mittels verschiedener Arten von Bezugsscheinen und Rationierungssystemen ersetzt.

Unter dem Einfluss von Otto Neurath, der gegen einen allgemeinen Wertstandard und für einen Sozialismus auf Grundlage einer „natürlichen Wirtschaft“ argumentierte, diskutierten die Sowjet-Revolutionär_innen (1918–1921) ernsthaft die Möglichkeit, eine geldfreie Wirtschaft einzurichten. Manche davon traten für eine Bilanzierungseinheit auf Basis von Arbeitszeit oder -energie (Anstrengung) ein. Dennoch fuhr die sowjetische Buchhaltung fort, den an Wert verlierenden Rubel als Einheit zu verwenden, und Lenins „Neue Ökonomische Politik“ beendete jedwede Rede von einem Sozialismus ohne Geld. Geld wurde zu einem Werkzeug staatlicher Politik und strukturierte die ungleiche Machtverteilung zwischen den Arbeitenden einerseits und den Partei-Eliten andererseits.

Während der grossen ökonomischen Debatte 1963–1965 in Kuba, argumentierte Che Guevara (unterstützt durch Ernest Mandel) gegen Geld, Märkte und materielle Anreize – und für ein neues Bewusstsein, freiwillige Arbeit und moralische Anreize. Guevara kritisierte das sowjetische Lohnsystem und vertrat die Ansicht, dass weder Geld noch Preise notwendig seien, wenn der staatliche Sektor Ressourcen, Arbeit und deren Produkt selbst verwaltet. Für den Übergang schlug er ein zeitweiliges System der Budgetierung vor, in dem Geld im Wesentlichen als Einheit der Buchhaltung fungierte. Nachdem er in der Debatte um das Thema Geld unterlegen war, verliess er Kuba. Fidel Castro nahm in der Folge allerdings eine ganz ähnliche Position ein, als er sagte: „Wir wollen das Geld entzaubern, nicht es rehabilitieren. Wir zielen sogar darauf ab, es gänzlich abzuschaffen“ (siehe dazu: Nelson 2011a: 32-44).

Praktisch und akademisch

Für gegenwärtiges Handeln wichtiger scheinen uns demonetarisierte Praktiken jüngerer historischer Perioden, die häufig mit Protestbewegungen – etwa in den bewegten Jahren nach 1968 – verbunden waren. So praktizierte die legendäre anonyme Gruppe Diggers – namentlich inspiriert von der Diggers-Bewegung während des englischen Bürgerkriegs 1642–1649 – als Teil der Hippie- und Gegenkultur der 1960er Jahre in San Francisco freie Küchen und freie medizinische Versorgung auf der Basis von Spenden und freiwilliger Arbeit. Im Zuge der Arbeitskämpfe in Italien in den 1970er Jahren eigneten sich viele Akteur_innen Güter und Dienstleistungen wie Wohnung und Elektrizität ohne Kauf an, womit sie das Tauschprinzip negierten.

Vor einigen Jahren erschienen Manifeste – beispielsweise das des Unsichtbaren Komitees (Invisible Committee 2008) oder von Research and Destroy (2008) –, die Visionen von Demonetarisierung erwähnten und dabei auf bereits existierende Praktiken aufmerksam machten. Zumindest in den Jahren der Chavez-Regierung spielte die Praxis beziehungsweise Perspektive der Demonetarisierung im Kontext des Bolivarianischen Sozialismus in Venezuela eine gewisse Rolle.

Manche der für Demonetarisierung eintretenden Strömungen verweigern sich einer Einordnung als „links“ oder „rechts“, beispielsweise die Zeitgeist-Bewegung. Diese propagiert die Vision einer sogenannten „ressourcenbasierten“ Ökonomie jenseits der Knappheit (post scarcity), in der niemand mehr arbeiten muss und es genug für alle gibt. Trotz der Attraktivität dieser Vision sind die speziellen Vorstellung der Zeitgeist-Vertreter_innen nicht unproblematisch. Offensichtlich gehen sie davon aus, dass der „richtige“ Einsatz von Computern und Technik zu einer harmonischen Gesellschaft der Fülle führen kann, doch auf zweifelnde Nachfragen nach dem Risiko solcher technischer Lösungen, selbst neue Probleme und Ausschlüsse hervorzurufen, hört man von ihnen wenig.

Die ökologischen Effekte ihrer Vision scheinen sie wenig zu kümmern, auch wenn sie versichern, dass sie schon nachhaltig sein würde. Der Zeitgeist-Bewegung wurde gelegentlich struktureller Antisemitismus vorgeworfen, doch scheinen die Vorwürfe mehr auf Vorurteilen als auf Tatsachen zu basieren. Dabei sollte beachtet werden, dass die Bewegung nichts mit dem ersten „Zeitgeist“-Film des umstrittenen Filmemachers Peter Joseph zu tun hat — die Fortsetzungen der Filmreihe haben ihr hingegen als Inspiration gedient.2

Als eine Form radikalen Denkens wird Demonetarisierung unserer Einschätzung und Erfahrung zufolge vor allem von weissen Akademiker_innen vertreten sowie von Mitgliedern der Mittelklasse, die nicht an der Universität beschäftigt sind. Insbesondere vermuten wir dabei eine starke Beteiligung jener, die von Abwärtsmobilität betroffen oder bedroht sind, die also die Ränge prekärer Arbeitender füllen. Als ein Konglomerat sozialer Initiativen betrachtet, involviert Demonetarisierung eine weitaus grössere Bandbreite sozialer Akteur_innen: von den ärmsten und am stärksten von Diskriminierung betroffenen Gesellschaftsmitgliedern – vor allem im globalen Süden – bis hin zu den technologieaffinen und ökonomisch privilegierten Milieus der „kreativen Klasse“, die sich im globalen Norden zentriert.

Hinsichtlich ethnischer Zugehörigkeit muss in weltweiter Betrachtung ein Ungleichgewicht im Bereich der Theorie festgestellt werden, während die zahlenmässige Beteiligung gemäss Gender in Theorie wie Praxis – aber nicht notwendigerweise das damit verbundene Machtverhältnis – eher ausgewogen scheint (hier ausgehend von einer Gender-Zweiteilung). In Österreich und Deutschland gibt es schwache Verbindungen zu einigen queer-feministischen Strömungen, die unserem Eindruck nach in der Mittelklasse verortet sind. Punktuelle Ereignisse wie beispielsweise der Kongress Solidarische Ökonomie in Wien 2013 deuten darauf hin, dass jüngere Generationen ein besonderes Interesse an Demonetarisierung zeigen.

Wie ist das Verhältnis zwischen Demonetarisierung und Degrowth

In der Debatte um Postwachstum betont Demonetarisierung die Rolle von Geld, Tausch und Wert dafür, ökonomisches Wachstum zu ermöglichen, anzutreiben und zu erzwingen – eine Dynamik, die mit steigendem Ressourcenverbrauch und vielen (anderen) sozialen und ökologischen Problemen verbunden ist. Auch im Rahmen sozialer Praktiken, die sich auf Postwachstum beziehen, wird diese Rolle zum Thema gemacht. Hier deutet sich also die Möglichkeit wechselseitiger Anregungen und gegenseitiger Stärkung in Hinblick auf die Zielperspektiven beider Ansätze an.

Demonetarisierung unterscheidet sich fundamental von dem nur auf den ersten Blick ähnlichen Ansatz, der sich um das Problem Zins dreht. Die Zinskritik, die zuerst und am prominentesten von Pierre Joseph Proudhon und Silvio Gesell formuliert worden ist, verortet das Kernproblem der monetarisierten Ökonomie nicht in Geld, Tausch und Wert als solchen, sondern vielmehr im Zins, der auf private Kredite oder öffentlich geschaffenes Geld zu bezahlen ist. In dieser Sichtweise gilt nicht die Konkurrenz als solche als Problem, sondern Krisen, die dadurch verursacht werden, dass Zinsen nicht bezahlt werden können; damit weist diese Perspektive Überschneidungen mit liberalen und neoliberalen Vorstellungen von Ökonomie und Gesellschaft auf. Ziel ist dann eine Marktwirtschaft ohne Zins. Hier besteht also ein grundlegender Unterschied zu den Visionen der Demonetarisierung.

Gemeinsame Kritikpunkte und Praktiken – solidarische Ökonomien, Commons und Subsistenzökonomien

In Debatten um Postwachstum wird von einigen der Zins auf Kredite als Grundproblem identifiziert und für eine Abschaffung des Zinses plädiert (wobei diese Position auch in der Degrowth-Bewegung sehr umstritten ist). Demonetarisierung argumentiert, dies greife zu kurz und garantiere keine Postwachstumsökonomie.

Drei Bewegungen mit Anbindung an Postwachstum sind für die Perspektive der Demonetarisierung besonders relevant: solidarische Ökonomien, Commons und Subsistenzökonomien. Diese Begriffe bezeichnen nicht notwendigerweise verschiedene soziale Praktiken, sondern beziehen sich vielmehr auf bestimmte theoretische Diskurse, politische Rahmungen und organisationale Ansätze.

Die Vielfalt an analytischen, strategischen und visionären Herangehensweisen erleichtert Bündnisse mit anderen sozialen Bewegungen und theoretischen Strömungen, zieht aber auch die Gefahr nach sich, dass das Hauptziel der Demonetarisierung in den Hintergrund rückt. Die enge und klare Zieldefinition verleiht der Demonetarisierung andererseits durchaus klare Umrisse und dürfte die Kooptierung durch Akteur_innen erschweren, die einem emanzipatorischen sozialen Wandel entgegenstehen. Während die Bündnisbildung eine Stärke von Postwachstum darzustellen scheint, kann Demonetarisierung an die Notwendigkeit eines tiefgreifenden sozialen Wandels erinnern und daran, dass es möglich ist, damit hier und jetzt zu beginnen.

Postwachstum durch Demonetarisierung schärfen

Wir schlagen vor, den Diskurs zu Postwachstum durch die Demonetarisierungs-Brille zu schärfen und seine Hauptbotschaft und die Art der Fragestellungen zu vertiefen. Im Unterschied zu Debatten um Lebensstile, ethischen Konsum und Investment und zu Forderungen, die auf politische Regulierungen oder die Macht individueller oder kleinteiliger Verhaltensänderungen (im Sinn von Verzicht oder Suffizienz) vertrauen, würde Demonetarisierung woanders ansetzen: nämlich bei den Bedingungen und Triebkräften schädlichen ökonomischen Wachstums, insoweit sie mit Geld, Tausch und Wert einhergehen. Darüber hinaus könnte sie Postwachstumsdebatten durch ihren Reichtum an utopischen Modellen inspirieren.

Umgekehrt kann Postwachstum die Debatten und Initiativen um Demonetarisierung dazu anregen, sich verstärkt der ökologischen Frage zu widmen.

Ausblick: Raum für Visionen, Anregungen und Wünsche

Eine praktisch orientierte Bewegung für soziale Transformation könnte die Schaffung von neuen demonetarisierten Räumen innerhalb der kapitalistischen Ökonomie unterstützen. Als Beispiel wird häufig die Freie beziehungsweise Open-Source-Software genannt, zusammen mit verschiedenen anderen Peer-to-Peer-Technologien, die Wissen und kreatives Arbeiten ins Aussen der Marktwirtschaft verlagern. Freie Content-Lizenzen schützen diese (jedenfalls in der Theorie) vor Kommodifizierung, also davor, schliesslich doch als Waren auf den Markt zu gelangen.

Verschiedene Projekte der solidarischen Ökonomie lassen sich ebenso anführen: zum Beispiel gemeinschaftsbasierte Landwirtschaft, die Verteilung von Nahrungsmittelüberschüssen, Wohngenossenschaften. Allerdings existieren all diese Initiativen bislang isoliert voneinander. So bezieht sich etwa die Open-Source-Bewegung nicht auf antikapitalistische Positionen – ganz zu schweigen von der Demonetarisierung –, obgleich sie als ein Beispiel dafür gilt, wie geldfreies Wirtschaften funktionieren kann.

Eine vereinte antikapitalistische Bewegung?

Für einen grundlegenden sozialen Wandel wäre es vonnöten, diese Projekte miteinander zu verbinden. Um eine ernsthafte antikapitalistische Strömung zu entwickeln, würde die Kooperation eine schrittweise Demonetarisierung der Aktivitäten erfordern, um sie dem Markt vollständig zu entziehen. Beispielsweise können freie Software und Content-Lizenzen dazu verwendet werden, die Kommerzialisierung von Software und digitalen Medien zu verhindern, wodurch digitale Commons erzeugt würden. Es bleibt bislang noch eher unklar, wie ein ähnlicher Prozess in der physischen Welt vorangetrieben werden kann, um etwa Commons hinsichtlich Land und Wohnraum zu schaffen.

Mit ihrer Kritik an Geld und Tausch ist Demonetarisierung notwendigerweise antikapitalistisch – und in der Tat sind deren theoretischer Hintergrund und deren Befürworter_innen zu grossen Teilen im Marxismus und im Anarchismus verwurzelt. Im 21. Jahrhundert, der globalen ökonomischen Krise zum Trotz, ist die traditionelle Arbeiter_innenbewegung erstaunlich schwach, zumindest in den westlichen Gesellschaften. Damit sind wir denkbar weit entfernt von den Visionen einer internationalen und inklusiven Arbeitendenbewegung, die dazu fähig wäre, sich global und koordiniert gegen die kapitalistische Ordnung in ihrer globalisierten Form der Marktwirtschaft zu erheben. Angesichts der Vielfalt an Ansätzen und Perspektiven bleibt offen, ob eine vereinte antikapitalistische Bewegung wiederkehren wird.

Andreas Exner, Justin Morgan, Franz Nahrada, Anitra Nelson und Christian Siefkes
streifzuege.org

Fussnoten:

1 Wikipedia zu „Stigmergie“: Ist ein Konzept zur Beschreibung einer besonderen Form der Koordination von Kommunikation in einem dezentral organisierten System, das eine grosse Anzahl von Individuen umfasst. Dabei kommunizieren die Individuen des Systems nicht unmittelbar, sondern nur indirekt miteinander, indem sie ihre lokale Umgebung modifizieren. Das gemeinsam Erstellte wird gleichsam zum Auslöser (vergl. Emergenz ) von Anschlussaktivitäten und zur allgemeinen Anleitung dafür, wie mit dessen Erstellung fortzufahren ist.“

2 Die Herausgebenden von Degrowth in Bewegung(en) halten die Zeitgeist-Bewegung aus unterschiedlichen Gründen für problematisch, haben aber im Sinne von Transparenz und offener Debattenkultur nicht darauf bestanden, den Bezug zu streichen.

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