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Worst-Case-Szenarien | Untergrund-Blättle

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2021-02-07 15:30:18

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Die Angst vor dem Corona-Virus Worst-Case-Szenarien

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„Zu bewundern wäre ein Prophet, der etwas Gutes vorausgesagt hat. Denn dieses, und nur dieses ist unwahrscheinlich.“ Elias Canetti

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Bild: Hinweis zur Abstrichstelle Hof. Rechts kann man an der Sperre vorbeifahren. / PantheraLeo1359531 (CC BY 4.0 cropped)

7. Februar 2021
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Glaubt eigentlich noch jemand daran, dass sich irgendwann etwas verändert? In diesen Tagen überbieten sich die Leute an Pessimismus. Nicht erst in diesen Tagen. Vor einem Dreivierteljahr schon bin ich solchen begegnet, die zu wissen meinten, wir hätten mit den Auswirkungen der Pandemie noch bis 2022 oder länger zu tun.

Komisch ist, dass sie dies nicht, wie zu erwarten wäre, mit resignierter Mine feststellen, aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus, nichts dagegen ausrichten, politische Willensentscheidungen nur passiv erdulden zu können, sondern mit einem Anflug von Stolz, als sei dies Beweis ihres unerschütterlichen Realitätssinns, einer hart erkämpften Position gegen sich selbst, einer heroischen Unterordnung unter die ,nackten Tatsachen', ihrer Fähigkeit, wie eine Wissenschaftlerin, wie ein Wissenschaftler vom eigenen Standpunkt, vom eigenen Interesse abzusehen - und als sei jedes Hoffen auf ein halbwegs normales Leben eine inzwischen kindische, unverantwortliche, beinah sträfliche Träumerei.

Mag sein, dass einige sich auf diese Weise vor ihren Emotionen zu schützen versuchen, vor der Wut und Enttäuschung etwa, dass die Politiker nicht einhalten, was sie soeben noch kategorisch ausschlossen (eine Verlängerung des Lockdowns). Aber warum sehen sie nicht, wie sie mit ihrem Pessimismus dem politischen Diskurs zuspielen? Offenbar hat die Regierungsstrategie ihre Spuren im allgemeinen Bewusstsein hinterlassen.

In einem zunächst internen Papier des deutschen Innenministeriums vom April 2020, das mit dem Ziel erarbeitet wurde, „unterschiedliche Szenarien der Ausbreitung des Coronavirus zum Zeitpunkt der Papiererstellung zu analysieren – unabhängig von der Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts“, hiess es:

„Der Worst Case ist mit allen Folgen für die Bevölkerung in Deutschland unmissverständlich (…) zu verdeutlichen. (…) Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden.“

Wenn nichts getan werde, gehe man aus von einem „Worst-Case-Szenario von über einer Millionen Toten im Jahr 2020 – für Deutschland allein.“[1]

Gemäss dieser Logik des schlimmsten anzunehmenden Falls hatte die Weltgesundheitsorganisation bereits 2005 davor gewarnt, dass die drohende Vogelgrippe-Epidemie zwischen zwei und 150 Millionen Leben fordern könnte, und dabei eine politische Strategie nahegelegt, die die Mitgliedsstaaten damals nicht anzunehmen bereit waren. In seinem Essay Tempêtes microbiennes, der 2013 bei Gallimard erschienen ist, zeigt Patrick Zylberman,

„dass das von der WHO vorgeschlagene Dispositiv auf drei Punkten beruhte:

1) Ausarbeitung eines fiktiven Szenarios auf Basis eines anzunehmenden Risikos, wobei die Daten gezielt präsentiert werden, um ein Verhalten herbeizuführen, das die Verwaltung einer extremen Lage ermöglichen würde;

2) Anwendung einer Logik des schlimmsten anzunehmenden Falls als Leitprinzip der politischen Rationalität;

3) lückenlose Reglementierung der Bevölkerung, um die grösstmögliche Zustimmung zu den Regierungsmassnahmen zu erzielen und eine Art überspitzten Bürgersinn zu erschaffen, bei dem die auferlegten Pflichten als Beweis der Selbstlosigkeit präsentiert werden und bei dem die Bürgerinnen und Bürger keine Recht auf Gesundheit (health safety) haben, sondern zur Gesundheit verpflichtet werden (biosecurity).“[2]

Dieses Leitprinzip der politischen Rationalität korrespondiert mit den Überlegungen des Wissenschaftstheoretikers Jean-Pierre Dupuy zu einem „catastrophisme éclairé“[3]. Der aufgeklärte Katastrophismus unterscheidet sich vom herkömmlichen Vorsorgeprinzip, dem Leitprinzip für die Bewältigung von Risiken in Erwartung einer Möglichkeit, insofern, als er eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit in eine Gewissheit verwandelt.

Katastrophismus ist extremer Pessimismus: Das Schlimmste passiert ganz gewiss! Dupuy rät so zu handeln, als stünde uns ein Verhängnis unmittelbar bevor, das heisst, so zu tun, als müsse die Menschheit den unaufhaltsamen Lauf der Dinge abwenden. In diesem Sinne empfiehlt er, vom schlimmsten Szenario auszugehen, um den maximalen Schaden auf ein Minimum zu reduzieren, damit das Unaufhaltsame nicht eintrifft. Es gilt also, das Tun zu koordinieren in Bezug auf einen negativen Gesellschaftsentwurf, der die Form eines fixen Zukunftsbilds annimmt, das man nicht will.

Um seinen Standpunkt zu veranschaulichen, greift Dupuy auf Günther Andersʼ Noah-Parabel „Die beweinte Zukunft“ zurück, die erstmalig 1964 in dem von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin herausgegebenen Band Gegen den Tod: Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe erschien. Diese biblische Figur ist der typische Unglücksprophet, dem es nicht gelungen ist, sich Gehör zu verschaffen, ganz einfach, weil seine Botschaft ausserhalb des Erfahrungshorizontes seiner Zeitgenossen lag. Und so lässt Günther Anders seinen Noah voll des Zorns, dass er mit dem Wissen um die kommende Flutkatastrophe allein gelassen wurde, zu Gott sprechen:

„Aber du hast dein Angesicht fort gewendet. Auch du hast den Blinden gespielt, auch du den Tauben, wenn ich dich anrief in meiner Ratlosigkeit und dich anflehte um eine Weisung, wie ich (…) doch eindringen könnte in ihre Verstocktheit. Nun aber ist es genug. Denn für die Klagen ist die Frist zu kurz, die du mir gelassen hast, und ich werde es mir ersparen, ihren Mängeln weiter nachzujammern, sondern ich werde ihre Schwächen verwenden, so wie du sie geschaffen hast, und ich will sie zu meiner Stärke machen. Die im Trug leben, die werde ich betrügen. Die verführt sind, noch einmal verführen. Die neugierig sind, noch neugieriger machen. Die sich nicht ansprechen lassen, die sollen mir nachstellen mit ihren Fragen. Und die ängstlich sind, noch ängstlicher gemacht werden, bis sie teilhaftig werden der Wahrheit. Durch Gaukelei werde ich sie erschrecken. Und durch Schrecken zur Einsicht bringen. Und durch Einsicht zum Handeln.”

Um seinen Mitmenschen begreiflich zu machen, dass das Ende nur eine Frage der Zeit ist, zieht er im Totengewand als trauernder Mann durch die Strassen. Auf die Nachfragen der Schaulustigen, wer ihm denn gestorben sei, antwortet er:

„Weisst du denn das nicht? Viele sind mir gestorben.“ (...)
„Wer sind denn diese Vielen?“ (...)
„Wer diese Vielen sind? (…) Weisst du denn das nicht? Wir alle sind diese Vielen. (…)
Übermorgen wird die Flut etwas sein, was gewesen ist. (…) Wenn nämlich die Flut übermorgen etwas sein wird, was gewesen ist, dann heisst das: dies hier, nämlich alles, was vor der Flut gewesen, wird etwas sein, was niemals gewesen ist.“

Wenn dieser aufgeklärte Katastrophismus, diese Übertreibungslogik tatsächlich für die Regierungsstrategie handlungsleitend ist, muss man ihr – gemessen an den für Deutschland prophezeiten Toten „von über einer Millionen (.) im Jahr 2020“ – zweifellos Erfolg bescheinigen. Die „gewünschte Schockwirkung“ ist offenbar eingetroffen: Die Angst[4] vor dem Corona-Virus und folglich auch die Akzeptanz der ergriffenen Massnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens ist in der Bevölkerung nach wie vor hoch. Die Todesdrohung ist so sehr mit Macht und Autorität assoziiert, dass sie jede Reflexion unmittelbar in ihren Bann schlägt. Das Denken, eingeengt, perseverierend, kehrt immer wieder zum selben Punkt zurück – man kann sich nichts anderes mehr vorstellen, ist, wie Adorno sagt, vereidigt auf die Welt, wie sie ist.

M. A. Sieber

Fussnoten:

[1] „Corona: Sicherheit kontra Freiheit. Deutsche, Franzosen und Schweden in der Krise“, NDR-Dokumentation, The European Collection 2020, Minute 07:30-08:38.

[2] Giorgio Agamben, „Biosicherheit und Politiker (11. Mai 2020)“, in: Ders.: An welchem Punkt stehen wir? Die Epidemie als Politik. Turia + Kant: Wien 2021, S. 87–91, hier: 88f.

[3] Die folgende Darstellung der Position von Jean-Pierre Dupuy entnehme ich dem Kapitel „Aufgeklärter Katastrophismus“ aus Walter Francois: Katastrophen: eine Kulturgeschichte vom 16. bis ins 21. Jahrhundert. Reclam Verlag: Stuttgart 2010, S. 272-275. Die beiden Werke von Jean-Pierre Dupuy, die sich diesem Thema widmen - Pour un catastrophisme éclairé. Quand l'impossible est certain, Seuil: Paris 2004 und Petite métaphysique des tsunamis, Seuil: Paris 2005 - wurden noch nicht ins Deutsche übersetzt.

(4) Nicht nur Angststörungen und Depressionen, auch Suchterkrankungen nehmen in diesen Zeiten zu - ganz nach dem Motto: "The risks that kill you are not necessarely the risks that anger and frighten you. (Peter Sandmann)


Links:

Corona: Sicherheit kontra Freiheit - Deutsche, Franzosen und Schweden in der Krise - Die ganze Doku

Günther Anders - DIE BEWEINTE ZUKUNFT auf Vimeo

Theodor W. Adorno - Über

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