Raum ist traditionell der seit dem Mittelalter verbreitete Begriff der Allmende
bekannt, der die gemeinschaftliche Bewirtschaftung von Wiesen und
Wäldern bezeichnet. Die Erforschung gemeinschaftlich genutzter Naturressourcen
ist heute vor allem mit dem Namen Elinor Ostrom verbunden, die
für ihre Forschungen im Jahr 2009 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt. Ostrom
(1999: 75-132) hat Best-Practice-Beispiele gesammelt: Selbstgewählte Regeln
und eigene Konfliktlösungsmechanismen etwa gehören zu den von ihr formulierten
Designprinzipien langlebiger selbstverwalteter Institutionen.
1. Was ist die Kernidee der Commons-Bewegung?
ImUnterschied zu Ostrom gehen andere Autor*innen davon aus, dass die wesentlichen
Gemeinsamkeiten nicht vornehmlich in den Institutionen und Regeln,
sondern in deren praktischen, sozialen Ausgestaltung, dem Commoning,
zu suchen sind (vgl. Euler 2016; Meretz 2014a).
Entscheidenden Anteil an der gesteigerten Aufmerksamkeit für Commons in
den letzten Jahren hatten die Verbreitung von digitalen wissenszentrierten
Commons (zum Beispiel Wikipedia) und die Entwicklung von freier Software
(zum Beispiel GNU/Linux und LibreOffice).
Gegenwärtig kann Commons – dieser Begriff ist inzwischen auch im Deutschen
gebräuchlich – als ein auf Gleichberechtigung und Selbstorganisation
basierendes Konzept verstanden werden, das im Widerspruch zur kapitalistischen
Warenlogik steht (vgl. Meretz 2014a). Anstelle des Tausches von Waren
wird auf freiwillige Beiträge gesetzt.
Auch die im Kapitalismus verbreitete
Trennung von Reproduktions- (also Sorge- und Pflegetätigkeiten für andere
Menschen und die Natur) und Produktionstätigkeiten sowie von Produktions-
und Nutzungsprozessen finden dabei keine Entsprechung: So geht es
beispielsweise in urbanen Commons-Gärten in der Regel nicht um die Produktion
von Lebensmitteln für den späteren Verkauf, sondern neben der
ökologischen Produktion auch um gemeinsames Kochen, Essen und Feiern.
Das soll nicht heissen, dass in Commons-Projekten weder Tausch noch besagte
Trennungserscheinungen eine Rolle spielen. Allerdings funktionieren
Commons primär nach einer anderen Logik: Beide Aspekte sind nicht funktional
und werden eher aus dem Aussen der kapitalistischen Welt hineingetragen.
Wir möchten betonen, dass es keine allgemeingültigen Patentrezepte gibt,
Commons gemeinsam zu organisieren. Wir gehen davon aus, dass sich die
Weisen und Regeln in den verschiedenen Zeiten und Kontexten an die Bedürfnisse
der involvierten Menschen anpassen und sich daher unterscheiden.
Trotzdem lassen sich Gemeinsamkeiten aufzeigen.
In diesem Zusammenhang
ist wichtig zu klären, dass es sich beim Commoning nicht einfach
um den Umgang mit kollektivem Eigentum handelt, sondern um einen
Bruch mit der Exklusionslogik des Eigentums. Anstatt andere mit den Mitteln
des abstrakten Rechts auszuschliessen (Eigentum), geht es bei Commons
um die tatsächlichen, physischen (und potenziell inkludierenden) Verfügungsmöglichkeiten
(Besitz). Wesentlich ist hier die Ausrichtung auf die Bedürfnisse
der an Commoning-Prozessen Betroffenen beziehungsweise an ihnen
Teilhabenden.1
Die Commons-Perspektive nimmt eine Art des Zusammenlebens in den Fokus,
in der Menschen einen grossen Einfluss auf ihre je eigenen Lebensbedingungen
haben und die Tätigkeiten, denen sie nachgehen, überwiegend danach
auswählen, wie viel Freude sie ihnen bereiten und wie wichtig und
richtig sie diese finden.2 So ist Wikipedia beispielsweise entstanden, weil
Menschen eine für alle frei zugängliche Selbstorganisation von Wissen wichtig
fanden und Spass am Schreiben hatten. Fremdbestimmte, hierarchische
und exkludierende Organisationsformen stehen, obschon sie durchaus vorkommen, solchen Motivationen eher entgegen und werden vielfach abgelehnt.
Selbstentfaltung statt Selbstverwertung ist das Ziel.
Perspektivisch kann die Selbstorganisationsperspektive der Commons die
Grundlage für eine Gesellschaft jenseits von Markt und Staat sein. Zentrale
Prinzipien sind dabei: beitragen statt tauschen; Besitz statt Eigentum; teile,
was du kannst (Habermann 2015); nutze, was du brauchst.
2. Wer ist in der Commons-Bewegung aktiv und was machen
sie?
Die soziale Bewegung als ein Teil der Commons-Welt: Wer stellt was wie,warum und mit welchen Folgen her und (ver)nutzt es?
Einen Commons-Dachverband gibt es nicht, wohl aber sichtbare Netzwerke
wie die Commons Strategies Group und die P2P-Foundation, das Commons-
Institut im deutschsprachigen Raum und die School of Commoning in Barcelona.
Welche Menschen sich tatsächlich dem Vorantreiben einer Commons-
Welt verschreiben und dies öffentlich vertreten, wer also die Commons-
Bewegung ausmacht, ist nicht einfach festzustellen, denn es gibt bisher keine
systematischen Untersuchungen dazu.
Dieser Text dient also nicht zuletzt
einer Selbstbeschäftigung und -verständigung von uns Autor*innen: Möchten
wir überhaupt von einer Commons-Bewegung sprechen? Wir beanspruchen
dabei explizit nicht, einen umfassenden Überblick zu liefern, erst recht
nicht über das, was in anderen Teilen der Welt passiert.
Commoning kann sich in allen denkbaren sozialen Kontexten und verbunden
mit unterschiedlichen Ressourcen – wie etwa mit Luft, Saatgut, Wasser,
aber auch beim Kümmern um Bedürftige, bei digitaler Technologie, Wohnen
und Kochen, Kunst und Musik, modularem Fahrradbau, Produktionsmitteln
– finden. Das liegt darin begründet, dass es nicht in der Natur einer Ressource
liegt, ob sie ein Commons ist, sondern der Umgang der Menschen mit ihr
und miteinander entscheidend sind (vgl. Acksel u. a. 2015; Helfrich 2012; Euler
2016). Betrachten wir aktuell gängige Definitionen sozialer Bewegungen
(zum Beispiel: della Porta/Diani 1999), so eint diese ein mehr oder weniger
stark pointierter Fokus auf ein verbindendes Selbstverständnis (beziehungsweise
eine Identität) und das intentionale Ausrichten ihrer Aktivitäten auf
gesellschaftliche Transformation und/oder ein politisches Ziel. Weiter werden
Bewegungen anhand ihres Protestverhaltens identifiziert. Die Beantwortung
der Frage nach einer Commons-Bewegung hängt also vom politischen
Handlungsrepertoire ab und davon, wer sich subjektiv als Commoner3 versteht
– also von der Frage, wer eigentlich als Träger*innen einer solchen Bewegung
infrage käme.
Commoner sind Menschen, die „was bewegen“. Das einzige was sich aus
unserer Sicht mit Sicherheit über die Commons-Bewegung sagen lässt: Sie
ist eine globale Bewegung, die sowohl international vernetzt als auch lokal
aktiv ist. Aber Commons sind mehr als „nur“ eine soziale Bewegung. Unter
Umständen verfolgen Commoner den Transformationsgedanken nicht explizit
und betreiben keine ausgesprochene Kapitalismuskritik, sind nicht entsprechend
vernetzt, kennen und nutzen den Begriff Commons gar nicht oder
beanspruchen keine Commons-Identität für sich.
Es gibt aber auch Commoner,
die in bewusster Abgrenzung zur kapitalistischen Waren- und Verwertungslogik
agieren. Diese wollen wir Commons-Aktivist*innen nennen und
als die Träger*innen dieser Bewegung bezeichnen. Sie streben eine Transformation
der Welt nach Commons-Massstäben an und organisieren sich in entsprechenden
Gruppen und/oder Netzwerken und engagieren sich politisch.
Vielen Aktivist*innen ist ein präfiguratives, also vorbildliches Handeln im Alltag
wichtiger, als auf der Strasse zu demonstrieren.
Das heisst, dass es den
Träger*innen der Commons-Bewegung ein Anliegen ist, durch gegenwärtige
Handlungen in Entscheidungsprozessen und zwischenmenschlichen Beziehungen
Räume zu schaffen, in denen Aspekte utopischer Ziele gelebt werden
können: „In meinem eigenen Leben praktiziere ich, was ich im Grossen
sehen will.“ Das Wichtige ist, dass die sozialen Praktiken des Commoning,
deren Logik die kapitalistische unterläuft, als solche gesellschaftsverändernd
wirken sollen.
Gegenwärtig lassen sich zwar viele Bewegungen zum Schutz von Commons
und Widerstände gegen Einhegungen weltweit ausmachen. Daneben ist aber
eine gewisse Bezugnahme auf die Gemeinsamkeit der Kämpfe um Commons
wie auch auf andere alternativ-ökonomische Bewegungen nötig. Wenn sich
zwar viel in Richtung Commons bewegt, dabei aber das Gemeinsame dieser
Aktivitäten nicht wahrgenommen, gedacht, praktiziert und kommuniziert
wird, so wird sich das grosse Ganze nur schwerlich verändern.
3. Wie ist das Verhältnis zwischen der Commons-Bewegung
und Degrowth?
Die Commons- und die Degrowth-Bewegung enthalten sich gegenseitig undunterscheiden sich in Fokus und Strategie
Als wir Autor*innen gefragt wurden, ob wir einen Text schreiben wollen, der
die Bewegung und den Ansatz von Degrowth mit Commons in Beziehung
setzt, da stellte sich für uns auch die Frage nach der strategischen Bedeutung:
Dieses Projekt heisst „Degrowth in Bewegung(en)“. Würde ein Commons-
Beitrag darin nicht den Eindruck erwecken, dass Commons ein Teil
der Bewegungen rund um Degrowth seien? Oder ist es auch andersherum:
dass Degrowth ein Teil der Bewegungen rund um Commons ist? Es ist eine
Frage der Deutungshoheit, eine Frage der Rahmensetzung, der Ebenen: Welches
ist Ober- und welches Querschnittthema und wozu brauchen wir diese
Deutung? Wir gehen davon aus, dass eine Commons-Welt eine Welt jenseits
von Wachstumszwängen wäre – doch denkt die Degrowth-Bewegung ebenso
automatisch Commons mit? Im Beitrag „Degrowth: In Bewegung, um Alternativen zu stärken und
Wachstum, Wettbewerb und Profit zu überwinden“ (Burkhart et al. 2016)
dieser Veröffentlichung wird die Degrowth-Bewegung unter anderem anhand
der Teilnehmer*innen der Leipziger Degrowth-Konferenz 2014 charakterisiert.
Darin beteiligten sich zahlreiche Menschen, die eher der „Commons-
Ecke“ zuzurechnen sind. So sind im Konferenzprogramm etliche Beiträge
zu Commons zu finden, und auch mehrere Plenarvorträge wurden von
Commonern gehalten. Die damit einhergehende Vereinnahmung kann
durchaus kritisiert werden. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass
es im umgekehrten Fall ähnlich abliefe. Denn letztlich ist es aus unserer
Sicht so, dass Commons und Degrowth sich in gewisser Weise gegenseitig
enthalten.
Wenn Degrowth heisst, dass wir Menschen uns von den Fesseln des Wachstumszwangs
befreien müssen, und wenn Commons-Aktivist*innen sich für
mehr Commoning in der Welt einsetzen, dann müssen wir uns wohl folgende
Fragen stellen: Von welchem Wachstum gilt es sich zu lösen? Wovon
brauchen wir mehr? Wie könnte das gehen? Wer setzt sich dafür ein? Auf
der Akteur*innenebene scheint es ein hohes Mass an gegenseitiger Wahrnehmung
und Sympathie zu geben.
Insbesondere der auf der Leipziger Konferenz
stark vertretene kritische und progressive Teil der Degrowth-Bewegung
scheint dabei mit dem kapitalismuskritischen Teil der Commons-Bewegung
zu harmonieren. Beiden geht es darum, mit alten Mustern zu brechen, die in
der Logik des heutigen Gesellschaftssystems begründet sind und bis in die
(und durch die) individuellen Handlungs- und Denkgrundlagen wirken. In
Degrowth-Kreisen werden Wachstumszwänge angeprangert.
Die Commons-
Bewegung kritisiert die Verwertungszwänge der heutigen Gesellschaft. Dass
beides zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, liegt auf der Hand.
Da sich Degrowth als wachstumskritische Gegenbewegung formierte, stand
eine eigene Alternativvorstellung zunächst nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit.
Mit Commoning hingegen kann eine Welt gedacht werden, in der
unsere Lebensbedingungen auf eine nicht kapitalistische Art (re)produziert
werden, jenseits von Wachstumszwängen.
In diesem Sinne wird Commoning
bei der Formulierung einer Postwachstumsgesellschaft vielfach als integraler
Bestandteil betrachtet. Vor allem die im Degrowth-Kontext häufig herangezogenen
Überlegungen zu Buen Vivir (vgl. Acosta 2016; Muraca 2014) –
dem guten Leben – weisen bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit CommonsAnsätzen und -Prinzipien auf.
Es lassen sich jedoch auch Differenzen feststellen.
Degrowth-Kreise legen
den Fokus auf Resilienz und Suffizienz. Bei Commons sind diese eher implizit
enthalten, als offensiv im Sinne der ökologischen Grenzen der Erde diskutiert
zu werden. Aus Commons-Perspektive kann wiederum argumentiert
werden, dass Teile der Degrowth-Bewegung der kapitalistischen Verwertungslogik
nicht kritisch genug gegenüberstehen sowie zu sehr auf staatliche
Steuerungsmechanismen setzen. In gewisser Weise handelt es sich hier
sowohl um eine (auch in der Theorie angelegte) unterschiedliche Problemfokussierung
als auch um eine andere Herangehensweise, was die Frage der
Transformationsstrategie anbelangt.
4. Welche gegenseitigen Anregungen gibt es?
Voneinander lernen: ökologische Kreisläufe, Staats- und Herrschaftskritik,nachhaltige Technologien und Selbstentfaltung
Welche Leerstellen weist die Commons-Perspektive auf und welche Anregungen
bietet die Degrowth-Bewegung – und umgekehrt? Ein Feld, in dem
die Commons-Bewegung von der Degrowth-Bewegung lernen kann, sind die
ökologischen Kreisläufe im globalen Zusammenhang.
Die Beschreibung und
Analyse von lokalem und praktischem Wissen ist bei Commonern stark und
tiefgehend ausgeprägt. Die Erforschung der planetaren Grenzen und globaler
ökologischer Kreisläufe ist hingegen etwas, das die Degrowth-Wissenschaft
vergleichsweise stärker betreibt. Gerade unter dem Gesichtspunkt, dass Aktivist*
innen der Commons-Bewegung eine Commons-Welt für möglich halten,
ist Austausch an dieser Stelle fruchtbar und könnte vor unangebrachtem Optimismus
wie auch unrealistischen Szenarien bewahren.
Umgekehrt könnte die Degrowth-Bewegung sich von der Commons-Perspektive
inspirieren lassen. Bei Degrowth geht es vielfach um relativ abstrakte
Kennziffern zu CO2-Emissionen, Wirtschaftswachstum oder Rohstoffverbrauch,
aus denen Konsumkritik und Verzichtsforderungen für den globalen
Norden abgeleitet werden. Aus Commons-Perspektive treten qualitative Unterschiede
und strukturell-systemische Veränderungsnotwendigkeiten stärker
in den Vordergrund.
Kritisiert wird Konsum, der nicht auf Bedürfnisbefriedigung
abzielt, sondern auf Status oder Mehrwertproduktion, und es
wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass ein volles, genussreiches Leben
für alle erreichbar ist. Das heisst, es geht nicht primär um individuellen Verzicht,
sondern unter der Prämisse der kollektiven Selbstentfaltung aller darum,
wer was, wie und warum herstellt und (ver)nutzt.
Vor dem Hintergrund des Prinzips „Beitragen statt tauschen“ wird die Geldund
Tauschlogik in Commons-Kreisen grundsätzlich kritisiert. Mit Blick auf
die Frage einer Reformierung der Geldsysteme wird diskutiert, ob diese dabei hilft, jene Logik zu überwinden, oder ob sie sie eher verfestigt. Als langfristige
Commons-Vision kann wohl eine Gesellschaftsform gelten, die sich
vom Tausch als gesellschaftlichem Vermittlungsmodus freimacht. Auch ist
in der Commons-Bewegung eine grundsätzlich kritische Haltung staatlichen
Institutionen gegenüber vorhanden – nicht nur weil Markt und Staat massgeblich
für diverse Einhegungen verantwortlich gemacht werden, sondern
auch weil Commons nicht zentralisiert funktionieren.
Dies ist auch eine wesentliche
Abgrenzung der Commons-Bewegung zum marxistisch-staatszentrierten
Kommunismus. Die Verortung von Commons jenseits von Markt
und Staat lässt erahnen, dass die Commons-Aktivist*innen sowohl mit
marktwirtschaftlichen als auch mit nationalstaatlichen Prinzipien brechen
wollen. Normative Grundlage, so lässt sich sagen, ist dabei die grundsätzliche
Ablehnung jeglicher Formen der Herrschaft. Eine stärkere Beachtung
solcher Diskurse, die Staat und Markt als gesellschaftsbestimmende Institutionen
kritisch diskutieren, könnte die Degrowth-Bewegung bereichern und
dazu beitragen, strukturelle Hindernisse für eine Postwachstumsgesellschaft
sichtbar zu machen.
Grundsätzliche Technologiekritik, die sich zum Beispiel an Ivan Illich (1998)
orientiert und sich in Degrowth-Kontexten findet, wird in zeitgenössischen
Commons-Kreisen konstruktiv gewendet, indem gefragt wird: Welche Ausgestaltung
von Technologien entspricht menschlichen Bedürfnissen und wem
nützt Technik wozu? Unter anderem durch die starke Verwurzelung in der
digitalen Welt und aufgrund der Beteiligung eher technikaffiner Menschen
in Hacker- und Maker-Spaces und in der Open-Hardware-Szene ist ein gewisser
Technologieoptimismus vorhanden (vgl. Siefkes 2013).
Technologiekritik
und Technikoptimismus gehen dabei Hand in Hand: Während die einen sich
mit der Kritik an heutigen, als problematisch wahrgenommenen Technologien
beschäftigen, entwickeln die anderen neue, die nach anderen Prinzipien,
wie Modularität, Reparierbarkeit oder Ressourcenschonung, funktionieren –
Prinzipien, die auch mit Degrowth-Ansprüchen vereinbar sind. Das Projekt
Open Source Ecology zum Beispiel hat es sich zur Aufgabe gemacht, fünfzig
industrielle Maschinen zu bauen, die ein kleines Dorf braucht, damit die Bewohner*
innen nachhaltig sowie relativ autark ein gutes Leben führen können.
Wie eingangs erwähnt, scheint viel Degrowth in Commons zu stecken und
viel Commons in Degrowth. Ähnlich verhält es sich auch mit anderen in diesem
Projekt versammelten Strömungen. Viele der Anregungen werden in
Commons-Zusammenhängen diskutiert und praktisch umgesetzt. Auf
Gleichberechtigung abzielende Perspektiven zu Mensch-Natur-Verhältnissen,
wie beispielsweise in Umwelt- und Tierschutzkreisen und in verschiedenen
Gerechtigkeitsdiskursen, spielen ebenso eine Rolle wie das Ziel eines gleichberechtigten
Miteinanders der Menschen, wie es zum Beispiel No-Border-
Gruppen fordern, die sich eine Welt ohne Staatsgrenzen wünschen. Insbesondere viele Souveränitätsbewegungen (etwa für Lebensmittelsouveränität)
haben viel mit Commons gemein, geht es ihnen doch um die Möglichkeit,
über die je eigenen Lebensbedingungen zu verfügen.4
Auf andere Transformationsbemühungen
beziehen sich Commons-Aktivist*innen hingegen mitunter
kritisch, etwa wenn die vorgeschlagenen Mittel der Umsetzung im Widerspruch
zu den jeweiligen Zielen stehen (zum Beispiel wenn sich hierarchisch
organisierte politische Parteien für Commons einsetzen). Ebenso werden
Ansätze und Umgangsweisen kritisiert, die die zu überwindenden Logiken
– Tausch-, Verwertungs- und Geldlogik – ebenso wie Hierarchien und
Zwangsverhältnisse unreflektiert reproduzieren beziehungsweise manifestieren
(zum Beispiel die Reformierung des Geldsystems durch alternative
Tauschwährungen wie Bitcoin).
5. Ausblick: Raum für Visionen, Anregungen und Wünsche
Gemeinsam auf dem Weg in eine postkapitalistische Welt: emanzipatorisch,bedürfnisorientiert, ressourcenschonend und ohne Wachstumszwang
Eine Transformationsperspektive, die den Weg in eine Commons-Gesellschaft
vordenkt, wird als Keimform-Ansatz beschrieben (vgl. Meretz 2014b).
Diese Perspektive bildet insbesondere im deutschsprachigen Raum einen
wichtigen Bezugspunkt. Vereinfacht gesprochen, geht es um die These, dass
eine konsequente Praxis von Commons sich im Hier und Jetzt verbreiten
und unter anderem aufgrund der Krisenhaftigkeit des heutigen Gesellschaftssystems
dazu in der Lage sein könnte, zur gesellschaftsbestimmenden
Logik zu werden.
Demnach sind im heutigen Commoning die Potenziale
einer Commons-Gesellschaft schon angelegt, wenn auch noch nicht voll
entfaltet. Dabei finden sich Commons-Projekte immer der Gefahr ausgesetzt,
vereinnahmt zu werden. Verteidigungs-, Aneignungs- und Aushandlungskämpfe
von gemeinsam verwalteten Ressourcen sind notwendig, solange
der hierarchische Nationalstaat und der kapitalistische Markt mit ihren
jeweiligen Logiken dominant sind. Diese Kämpfe werden erfolgreicher
sein, wenn sie im Kontext einer starken, gemeinsamen und vor allem emanzipatorischen
Bewegung stattfinden.
Eine konkrete postkapitalistische Vision ist eine Welt, die nicht hierarchisch
ist, sondern netzwerkartig über funktional differenzierte Verbindungspunkte
selbstorganisiert ist und in der die individuellen Bedürfnisse aller Personen
durch Commons befriedigt werden können.
Diese Welt würde sich zudem
durch selbstbestimmte und verantwortungsvolle Tätigkeitsverhältnisse auszeichnen,
die Freude und Sinn bringen, ohne Ressourcen zu übernutzen oder Ökosysteme zu zerstören. Die Commons-Bewegung vertraut in die menschlichen
Potenziale und übersetzt den Nachhaltigkeitsgedanken in die Sprache
menschlicher Bedürfnisse: Es gibt ein Bedürfnis, den Planeten zu erhalten,
das nur befriedigt werden kann, wenn wir unsere individuelle wie kollektive
Bedürfnisbefriedigung im Einklang mit den Grenzen der Erde organisieren.
Commoning ist eine konkrete Art und Weise, mit Menschen und nicht
menschlicher Natur umzugehen, die nicht auf einem abstrakten Wachstumszwang
aufbaut, sondern anerkennt, dass wir Menschen ein (re)produktiver
Teil der Erde sind.
Commons mögen langfristig nicht alle Probleme der Welt lösen. Doch wir
leben in einer endkapitalistischen Welt, in der sich Gegensätze tendenziell
eher verschärfen und Konflikte immer brutaler ausgetragen werden. Da ist
die Schaffung positiver Perspektiven, das Formulieren und – mehr als alles
andere – das Praktizieren einer solidarischen Vision von besonderer Bedeutung.
Für die Zukunft erscheint es aus Bewegungsperspektive wünschenswert,
dass eine aufeinander abgestimmte Laufrichtung gefunden wird.
Unter
dem Stichwort Konvergenz finden derartige Allianzbildungsprozesse (an
denen auch zahlreiche andere in diesem Band vertretene Strömungen beteiligt
sind) statt. Gleichwohl sollten auch die inhaltlichen Auseinandersetzungen
intensiviert werden, um auch strategische Fragen offen und kontrovers
zu diskutieren. Nur so kann vermieden werden, dass die unterschiedlichen
Strömungen unverbunden nebeneinanderstehen, und wird dafür gesorgt,
eine Verbundenheit in Vielfalt entstehen zu lassen.
Als gemeinsames Dach
könnte sich ein emanzipatorisch verstandener, den Kapitalismus überschreitender
Begriff der „sozial-ökologischen Transformation“ anbieten. Obwohl er
bereits ansatzweise „vernutzt“ ist, vermag er wohl den gemeinsamen Zielhorizont
der unterschiedlichen Strömungen zu fassen.



