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Gesellschaft

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der westlichen Kultur „Für die Erhaltung und den Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur“

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Ohne Anleitung durch intellektuelle Wortführer wären die Tausende von Pegida-Demonstranten wohl kaum auf die Schnapsidee gekommen, ihre gewohnten gewöhnlichen Lebensverhältnisse für eine „christlich-jüdisch geprägte Abendlandkultur“ auszugeben.

Integration in Norwegen.
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Bild: Integration in Norwegen. / Karin Beate Nøsterud - norden.org (CC BY 2.5 cropped)

4. März 2015

04. 03. 2015

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Dass aber diese Lebensverhältnisse angegriffen sind und verteidigt werden müssen, darin sind sie untereinander und mit ihren Anführern einig. Den Angriff sehen sie darin, dass zu viele Fremde im Land fremdländische Sitten und Gebräuche pflegen. Diese „Parallelgesellschaften in unserer Mitte“ wollen sie nicht dulden.

Wieso eigentlich nicht? Schliesslich werden innerhalb der „Abendlandkultur“ nebeneinander jede Menge unterschiedlicher Lebensgewohnheiten betätigt (die einen gehen in die Oper, die anderen zum VFB; die einen essen Bratwurst, die anderen nur Gemüse und wieder andere Michelin-Sterne; ganz wenige gehen sonntags in die Kirche, die meisten allenfalls zu Weihnachten oder gar nicht …), ohne dass das jemanden kümmert. Trotz der sachlichen Verschiedenheit gehört das für die Verteidiger des Abendlandes eben alles zu „unserer“ Kultur und geht deshalb in Ordnung.

Das „uns“ ist ein Schwindel und das deshalb eine Dummheit.

Die von Deutschen gepflegten Verkehrsformen und Lebensstile werden, ungeachtet all ihrer Unterschiede, nicht einfach als Lebensstile genommen, sondern als das, was deutsche Identität ausmacht. Kulturelle Gemeinsamkeiten (tatsächliche oder erfundene) sollen das sein, was das deutsche Volk kennzeichnet; ganz ohne staatliches Zutun, soll sich daraus eine völkische Gemeinschaft ergeben. In Wahrheit ist es umgekehrt: Dass lauter Dinge, die die meisten Deutschen, wenn überhaupt, nur theoretisch kennen und mit denen sie selber nichts zu tun haben (plattdeutsch, Alphorn blasen, Lessings Dramen …) als kulturelle Gemeinsamkeit bestimmt werden, folgt daraus, dass sie von Menschen, die auf deutschem Staatsgebiet leb(t)en, betrieben werden oder geschaffen wurden. Es setzt also die Existenz eines deutschen Staatsvolks voraus und begründet sie nicht.

Und: Die patriotischen Europäer halten „deutsche“ Kulturgüter und Gewohnheiten nicht etwa deswegen hoch, weil sie sie schön finden und sich nach reiflicher Prüfung bewusst dafür entschieden haben, weil ihnen also Bratwurst tatsächlich besser schmeckt als Döner. Sie halten sie hoch, weil man „es“ hierzulande eben so macht. Die national herrschenden Verhältnisse, in denen sie ungefragt drinstecken und an die sie sich gewöhnt und angepasst haben, bejahen sie nur wegen dieser gewohnheitsmässigen Anpassung.

Für das Befürworten dieser Verhältnisse ist das „national“ oft ein gewichtigeres Argument als tatsächliches gewohnt sein. Mit einiger Mühe, aber mehrheitlich dann doch, akzeptieren gute Deutsche Dinge, die ihnen bislang zuwider waren, wenn es ihnen von der Obrigkeit oder der herrschenden Meinung als dem eigenen Kulturkreis zugehörig serviert wird. Da gelangt „sexuelle Selbstbestimmung“ auf die Liste der Pegida-Forderungen, obwohl die meisten der alten Marschierer in ihrer Jugend in Sachen Homophobie, §175 und der Reinhaltung der Kultur von Abartigkeiten noch voll und ganz mit ihrem Staat einig waren. Wenn der Staat sein Recht ändert, ändert das zwar nichts an ihrer Verachtung von Homosexuellen, aber dennoch kriegen es die gleichen Figuren dann hin, schwule Politiker als Beweis für eine tolerante und deswegen überlegenere „Kultur des Abendlandes“ anzuführen.

Das Ja-Sagen zu Umständen, die man nicht gewählt hat und die man auch nicht der Prüfung aussetzt, ob sie gut oder schlecht sind, die einfach zu einem „passen“ sollen, weil man darin und damit lebt, das ist Heimat. Und die Bejahung der heimatlichen Ordnung ist heimatliebenden Patrioten so sehr ins Gefühl eingewandert, dass sie sich tatsächlich „unwohl“ fühlen, wenn neben ihnen fremdländisch aussehende oder sprechende Menschen in der Strassenbahn sitzen. Für die machen sie die eigene ungeprüfte Unterordnung zum Richtmass und verlangen, dass sie deutsche Sitten zu befolgen haben. Da werden sie theoretisch und manche auch praktisch durchaus brutal.

Dass, wer in Deutschland lebt, in der Kantine Schweinefleisch essen muss, am Arbeitsplatz kein Kopftuch und nirgendwo eine Burka tragen darf, das sind noch die harmloseren Forderungen. Bei aller Anpassung und Integration, bleibt Ausländer nämlich immer Ausländer. Der hat in diesem Weltbild woanders seine Heimat, die zu ihm und in die er gehört, und kann Deutschland gar nicht grund- und bedingungslos lieben. Und da gilt dann: „Wer Deutschland nicht liebt, soll es verlassen“. Dann wäre das Volk wieder bei sich zu Hause und für Empörung gäbe es im fremdlingsfreien Heimatstall gar keinen Grund mehr. Schön blöd!

Berthold Beimler

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