UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Wer’s nicht glaubt, ist krank | Untergrund-Blättle

157

gesellschaft

ub_article

Gesellschaft

Chancengleichheit Wer’s nicht glaubt, ist krank

Gesellschaft

Wer unter der Angst leidet, jederzeit seinen Job verlieren zu können oder einfach in die Welt sieht und feststellt, dass er – zum Beispiel in Südeuropa geboren oder gar in Afrika – mit der gleichen “Leistung” keine Möglichkeit hätte, leben zu können, der macht “für die eigenen guten Leistungen nicht die eigenen Fähigkeiten verantwortlich”, sondern “Glück, nette Prüfer oder einfach Zufall”.

Erfolg oder Versagen.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Erfolg oder Versagen. Ist wirklich jeder seines Glückes eigenen Schmied? / Ari Canonica (CC BY-SA 3.0)

7. August 2014

07. 08. 2014

0
0

2 min.

Korrektur
Drucken
Ein Blick ins Schulzimmer mag dieses Urteil auch nahelegen. Wer in einer Klasse mit überdurchschnittlichen Mathekönnern landet, bekommt – es sind eben Vergleichsnoten – schlechtere Klausuren als in einer Klasse mit Nieten in der Mathematik. Konkurrenz entscheidet sich eben nicht nur an der eigenen Leistung, sondern auch an der Leistung der anderen Konkurrenten – und nicht zu letzt an der Nachfrage nach der eigenen Leistung. Selbst wer also – im Vergleich – leistungsfähig ist, hat noch lange keinen Job in der Tasche, wenn er Leistung bringt in Berufen, die gerade – zeitlich oder räumlich – nicht nachgefragt sind bei den Unternehmen.

Wer aber realisiert, dass “nicht das eigene Können” verantworlich ist für die Stellung in der Gesellschaft hat damit – will man der SZ folgen – nicht einen Schritt hingemacht dazu, die Ideologie der Leistungsgesellschaft zu durchschauen, sondern “leidet unter dem Hochstapler-Syndrom [...], macht Glück oder Zufall für seine Erfolge verantwortlich”. Die Ideologie, jeder sei seines Glückes Schmied wird also verpflichtend: Wer’s nicht glaubt, ist krank.

Aber wie immer bei Krankheiten ist eine Heilung möglich. Die besteht natürlich nicht in der Wegschaffung von Konkurrenz und des “grosser Leidensdrucks”, der auf den Betroffenen lastet, sondern in der Einstellung zur Konkurrenz: Da werden die Eltern von möglichen Krankheitsfällen gemahnt, “Erfolge der Person selbst zuzuschreiben, also die eigenen Fähigkeiten zu loben oder die Anstrengung”. Umgekehrt ist das natürlich längst klar. Wer es hier zu nichts bringt, Hungerleider ist und bleibt, der hat auch das der eigenen Person zuzuschreiben.

Egal ob Manager oder totes Humankapital: Wer seine gesellschaftliche Rolle nicht als ureigensten Ausdruck seiner Leistungsfähigkeit und -bereitschaft verstehen will, leidet unter einem psychischen Defekt. Zum Glück kann jeder von uns diesen armen Gestalten helfen, sei es auch nur im Kleinen: “Wünschen Sie vor einer Aufgabe “Viel Erfolg” und nie “Viel Glück”!”

Berthold Beimler

Alle Zitate aus dem Artikel der SZ:

http://www.sueddeutsche.de/karriere/hochstapler-syndrom-quaelende-angst-vor-dem-auffliegen-1.2030960

Mehr zum Thema...

New York City.
The American NightmareImbolo Mbue: Das geträumte Land

15.06.2017

- Imbolo Mbue, eine US-Autorin mit Wurzeln im westafrikanischen Kamerun, landete mit ihrem ersten Roman „Das geträumte Land“ einen Bestseller.

mehr...
SPÖ Bundesparteitag, 2018.
Früher war alles besserLeistung – die letzte Karte der Sozialdemokratie

29.07.2019

- Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Über diese Gesellschaftsdiagnose sind sich die meisten ebenso einig wie über die Berechtigung der allseits erklingenden Forderung nach der gerechten Anerkennung erbrachter Leistungen sowie der damit einhergehenden Notwendigkeit gerechter Quantifizierung und Entlohnung.

mehr...
La Défense in Paris bei Nacht.
Über Gleichheit und IndividualitätMöglichkeiten statt Chancen

08.04.2014

- Der Kapitalismus produziert systematisch soziale Ungleichheit. So lag und liegt es nahe, die soziale Gleichheit zum Programm der Linken zu erheben. Historisch geschah dies in Ost wie West gleichermassen.

mehr...
Kinder und Karriere: Ich muss das irgendwie allein hinkriegen

02.02.2017 - Kinder, Küche und Kirche – mit diesen drei K wurde früher das Leben von Frauen abgesteckt. Mittlerweile ist neben dem Kind die Karriere das andere K. ...

Sendung: Chancengleichheit und -gerechtigkeit in der Stadt München

28.12.2016 - Wie gross ist die Schere zwischen Arm und Reich in München und wie kann gegengesteuert werden? Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit, wie gut sind die ...

Aktueller Termin in Berlin

Syndikat Räumung

Tag X ist da - Syndikat hat Termin für die Räumung: 17. April | 9 Uhr   Kommt zahlreich zeigt euch kreativ & solidarisch!  Wir sind viele und wir bleiben alle! 

Freitag, 17. April 2020 - 09:00

Syndikat, Weisestr. 56, Berlin

Event in Graz

Open Music: Gabriele Mitelli European 4et

Freitag, 17. April 2020
- 20:00 -

WIST


Graz

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle