UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Niederlande: Versteckte Kameras mit Analyse-Software in Werbetafeln gefunden | Untergrund-Blättle

4295

Über die Gesichtstracking-Software „VidiReports“ Niederlande: Versteckte Kameras mit Analyse-Software in Werbetafeln gefunden

Digital

In Aussenwerbetafeln in den Niederlanden wurden Kameras mit Video-Scannern eingesetzt, um Passanten zu analysieren.

In den Niederlanden wurden Reisende durch Werbeanzeigen beobachtet. (Symbolbild) Giuseppe Milo
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: In den Niederlanden wurden Reisende durch Werbeanzeigen beobachtet. (Symbolbild) /Giuseppe Milo (CC BY 2.0 cropped)

14. September 2017
0
0
3 min.
Drucken
Korrektur
Die Betreiberfirma hat die Praxis nach Protesten eingestellt. Doch auch in Deutschland werden Überwachungssysteme getestet, die Menschen automatisiert erkennen und lesen sollen. Die britische Werbefirma „Exterion Media“ hat in den Niederlanden 50 Kameras deaktiviert, die sich in digitalen Aussenwerbetafeln des Konzerns befinden. Das berichtet die niederländische Zeitung „NRC Handelsblad“ unter Berufung auf eine Pressemitteilung des Unternehmens.

Exterion, das nach eigenen Angaben auch in Frankreich, Spanien und Grossbritannien aktiv ist, reagierte damit auf öffentlichen Protest gegen die ungefragte Analyse. Ausgelöst wurde der Widerstand durch einen Twitterpost: Ein Reisender hatte auf dem Bahnhof der Stadt Amersfoort eine Apparatur in einer Anzeigetafel entdeckt und ein Bild davon geteilt. Während die staatliche Bahngesellschaft als Betreiberin des Bahnhofs zunächst von einem „Sensor“ sprach, der keine Bilder erzeugen könne, bestätigte Exterion später, dass es sich um eine Kamera handele.

Laut Bericht der Zeitung wurden die Kameras mit der Gesichtstracking-Software „VidiReports“ ausgestattet, um die Werbeanzeigen zu optimieren. Der Website des Herstellers „Quividi“ zufolge kann die Software sowohl erkennen, ob und wie lange eine Person die Werbeanzeige betrachtet, als auch biometrische Merkmale wie Geschlecht und Alter abschätzen. Diese Daten sollen in einer Datenbank gespeichert worden sein. Die Software kann zudem laut Hersteller auch die Gemütslage der Betrachter erfassen. In diesem Fall sei die Funktion allerdings nicht aktiviert gewesen, so Exterion.

Das Unternehmen betonte in seiner Pressemitteilung „dass die Kameras keine Videoaufnahmen in irgendeiner Weise machen.“ Das System erfasse und speichere lediglich die genannten Informationen über die Betrachter, aber keine Bilder. Ein Rückschluss auf einzelne Personen sei nicht möglich.

Ähnliche Systeme auch in Deutschland getestet

Auch in Deutschland wurden ähnliche Systeme bereits eingesetzt. So erregten etwa die Supermarktkette Real sowie die Deutsche Post Aufmerksamkeit durch den Einsatz von Werbebildschirmen mit visueller Tracking-Software in einigen Filialen. Ob solche Systeme überhaupt legal eingesetzt werden dürfen, istumstritten. Fraglich ist insbesondere, ob eine Kennzeichnung durch einen allgemeinen Hinweis auf Videoüberwachung ausreicht, wie esbei Real der Fall war. Das Unternehmen hat die Tests inzwischen ebenfalls eingestellt.

Die Kapazitäten von Gesichtserkennungssoftware nehmen stetig zu. Wie derGuardian berichtet, kam zuletzt eine Studie der Stanford University zu dem Schluss, dass die Technik genutzt werden kann, um die sexuelle Orientierung eines Menschen mit hoher Trefferquote vorherzusagen. Auch für staatliche Akteure sind die Systeme interessant. Während ein Test des BKA mit automatischer Gesichtserkennung am Bahnhof Südkreuz noch läuft, träumt die CDU in ihrem Wahlprogramm bereits von einem flächendeckenden Einsatz der vernetzen Videoscanner an „öffentlichen Gefahrenorten“.

Johannes Steiling
netzpolitik.org

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Danah Boyd an der «Writers on Writing about Technology» Konferenz, Yale University.
Danah Boyd über algorithmische Entscheidungssysteme„Wenn sie ethisch umgesetzt werden, kosten sie mehr“

18.01.2018

- Software, die registriert, auf welche weiterführende Schule jemand am Liebsten gehen würde und mithilfe eines Algorithmus darüber entscheidet, wer schliesslich welchen Schulplatz bekommt, kann für klamme Städte und Regierungen verlockend klingen.

mehr...
In den USA entscheidet eine Software vielerorts darüber, ob eine Haftstrafe auf Bewährung ausgesetzt wird oder nicht.
Software entscheidet über Bewährung oder HaftAlgorithmen entscheiden über Leben. Zeit, sie zu regulieren.

07.12.2017

- Algorithmische Systeme strukturieren zunehmend diverse gesellschaftliche Bereiche und informieren oder ersetzen dabei vormals menschliche Entscheidungen.

mehr...
Amazon-Campus im Finanzdistrikt von Hyderabad, Indien.
Wie Amazon der amerikanischen Polizei dabei hilft, ein Videoüberwachungsnetz aufzubauenRing: Die smarten Polizeitürklingeln von Amazon

15.10.2021

- Die smarten Türklingeln der zu Amazon gehörenden Marke Ring sind äusserst erfolgreich.

mehr...
Intelligente Kameras - Debatte zum Einsatz in Freiburg

28.03.2017 - Bodycams und intelligente kameras – Freiburgs Polizei soll, so die derzeitige Debatte in der Stadt – mit futuristischen anmutenden Mitteln gegen ...

Das trojanische Pferd der Staatstrojaner: Umstrittene Überwachungssoftware auch in der Schweiz in Einsatz

15.10.2011 - Nicht nur in Deutschland, auch in der Schweiz werden die umstrittenen Staatstrojaner eingesetzt. Das hat das Justiz- und Polizeidepartement EJPD ...

Dossier: Klassismus
Helgi Halldórsson
Propaganda
Get Encrypted

Aktueller Termin in Berlin

VoKü auf der Strasse/im Hof

Every Friday starting around 19:00 we offer VoKü either on the street in front of the house or in our cozy yard

Freitag, 1. Juli 2022 - 19:00 Uhr

Rote Insel, Mansteinstr. 10, 10783 Berlin

Event in Würzburg

Vintage Rock Festival Jail Job Eve Paralyzed Zeremony

Freitag, 1. Juli 2022
- 21:00 -

BHof JUZ

Hofstraße 16

97070 Würzburg

Mehr auf UB online...

Propaganda in einem Supermarkt bei Kashgar (Xinjiang), August 2018.
Vorheriger Artikel

“Völkermord” in Xinjiang!

Neuer Höhepunkt der China-Verteufelung

Der US-Schauspieler Dustin Hoffman am Filmfestival von Venedig, 1984.
Nächster Artikel

Der Marathon Mann

Laufen und überleben

Untergrund-Blättle