Solidarische Perspektiven gegen den technologischen Zugriff Leben ist kein Algorithmus
Digital
Die Wellen informations-technologischer Entwicklungen schlagen in immer kürzeren Abständen über unsere Köpfe herein: sie wollen Daten, Daten und nochmals Daten. Google, facebook und deren Verwandte, die Nachrichtendienste aller Länder, saugen unsere Daten ab.

Mehr Artikel
Leben ist kein Algorithmus. Foto: Nicolas Nova (CC BY-NC 2.0 cropped)
0
0
daher: das Bargeld soll abgeschafft werden
zugunsten elektronischer Transfers, die die Ökonomie
von uns komplett transparent macht; Gadgets wie
google glass, Fitnessarmbänder oder Smartphones –
Sensoren der Erfassung und des Zugriffs rücken uns
zunehmend auf die Pelle. Auch das Internet der Dinge
- internet of things - gehört dazu, das aus harmlosen
Haushaltsgeräten Spione und Denunzianten macht.
In der Arbeitswelt werden zig Millionen zusätzlich
arbeitslos sein - im unscheinbaren Kleid der „Industrie
4.0“.
Diese Liste liesse sich noch um einiges erweitern:
Gentechnik, Drohnen, Künstliche Intelligenz... Big Data
ist der Euphemismus dafür, Big Theft wäre ehrlicher.
Überwachung ist ein klassisches Herrschaftsinstrument,
jetzt ist es gelungen daraus auch noch ein erfolgreiches
business-model zu machen, was die Anzahl der
Akteure vervielfacht. Profitstreben wird zum neuen
Motor der Überwachung und Datenerfassung. Sie dienen
nicht nur der Kontrolle, sondern werden benutzt,
um menschliches Verhalten vorherzusagen und gezielt
zu manipulieren – eine Fremdbestimmung ganz neuer
Qualität kündigt sich an.
Im Silicon Valley, dem Zentrum des technologischen
Zugriffs auf unser Leben nennt man die Strategie der
unumkehrbaren Veränderung sämtlicher Lebensgewohnheiten
„disruptive
Innovationen“: „Wir
erzeugen Produkte,
ohne die man nicht mehr
leben kann“. Welche
Auswirkungen haben
diese Innovationen für
das Geschlechterverhältnis,
welche für unser
Denken und Sprechen?
Das gesellschaftliche
Bewusstsein für die Konsequenzen
dieses tiefgreifenden
Wandels inklusive
der Verstärkung
von Abhängigkeiten
und Ungleichheiten hinkt
so weit hinterher, dass
deren technokratische
Macher*innen leichtes
Spiel haben. Sie brauchen
unsere Kritik oder
Gegner*innenschaft
derzeit kaum zu fürchten.
Das wollen wir ändern.
Diese Konferenz
soll dazu beitragen. Die Pionier*innen des
auf gleichberechtigter
Teilhabe ausgerichteten
Internets sagen angesichts
der Praxis der
totalen Erfassung und
immer umfangreicherer Lenkungs- und Manipulationsmethoden
durch die aktuellen HighTech-Konzerne:
„Das Netz ist kaputt“. Wie gehen wir damit um? Weitermachen,
das Netz „ein bisschen sicherer“ machen?
Oder sind wir in der Lage Alternativen zu erdenken,
uns Techniken anzueignen, Techniken zu „hacken“ und
sie gegen die beklemmende Totalität des Zugriffs
auf unser Leben in Stellung zu bringen. Reicht das
oder müssen wir nicht viel mehr die techno-imperiale
Ideologie dieser Form der Vernetzung von allem mit
allen angreifen, um uns ein Minimum an Autonomie
zurück zu erkämpfen? Die Verweigerung, am digitalen
Dauersenden teilzunehmen und unsere Selbstverteidigungsversuche
gegen den digitalen Zugriff sind zwar
absolut notwendig, aber definitiv nicht ausreichend,
um uns langfristig der weitreichenden Fremdbestimmung
zu entziehen. Wir wollen miteinander Möglichkeiten
von Gegenwehr diskutieren.
Wie war es möglich, dass eine Massenbewegung in Indien
Facebooks neokolonial bevormundendes Schmalspurinternet
Free Basics Anfang diesen Jahres zu Fall
bringen konnte? Wie wehren sich diejenigen, die die
Hauptlast unseres Smartphone-Hungers in den (Coltan-)
Minen zur Gewinnung der seltenen Erden tragen
müssen? Gibt es überhaupt
minimale Widerstandsnischen
in den Produktionsstätten des weltgrössten Elektronikzulieferers Foxconn?
Was waren die wirklich
selbstermächtigenden
Momente bei der Nutzung
sozialer Medien
in der Arabellion und
welchen Anteil an der
sich aufheizenden Dynamik
hatte die physische
Zusammenkunft in
den Strassen nach der
Abschaltung sämtlicher
Kommunikationsnetze
durch die wankende
Regierung? Welche
Chancen haben die
Kämpfe gegen Vertreibung
in den „Smart
Cities“ der Welt?
Dabei wird es ganz automatisch
konkret. Über
die staatlich repressive
Datenspeicherung und
-überwachung hinaus –
die selbstverständlich
auch Thema ist - müssen
wir nicht künstlich nach
„Anknüpfungspunkten“
suchen, denn der technologische Zugriff reicht tiefer
in unser Leben und unsere politischen Auseinandersetzungen
hinein, als uns lieb ist.
Ein Beispiel: Die Bundesnetzagentur markiert seit
Oktober 2015 SIM-Karten von Geflüchteten mit einer
elektronischen Signatur. Facebook und Twitter behindern
in Kooperation mit Europol aktiv die Kontaktaufnahme
von Flüchtenden mit Fluchthelfer*innen über
soziale Medien. In Oberbayern führt die Kreisstadt
Altöttingen die Refugee-Card ein, die Geflüchteten
nur bestimmte Einkäufe räumlich begrenzt erlaubt –
die „smarte“ Form des Lebensmittelgutscheins, deren
Guthaben zum Monatsende verfällt. Und noch ein Beispiel: Die EU-Kommission will langfristig
das Bargeld für alle abschaffen und durch elektronische
Bezahlsysteme ersetzen (Karten und Smartphone-
Apps). Alle Transaktionen und alle Einkäufe
wären dann nachvollziehbar.
(Kranken-)Versicherungen wollen Zugriff auf diese
Daten haben. Die ersten BigData-Apologeten haben
Anfang diesen Jahres die Einführung einer universellen
Versichertenkarte zur Speicherung dieser Alltagsdaten
vorgeschlagen. Aus unserem Einkaufs- und Fitnessverhalten
plus weiterer Informationen über unser Leben
soll das Gesundheitsbewusstsein oder vielmehr das
Bereitschaft zur Selbstoptimierung permanent bemessen
werden. Der Versicherungstarif wird dann für
jeden kontinuierlich neu kalkuliert.
Das ist nicht weniger
als die endgültige Abkehr vom Solidargedanken
einer Krankenversicherung – ersetzt durch das Prinzip
des Individualversagens. So wie wir es von Hartz IV in
Ablösung für die Arbeitslosenversicherung kennen.
Ray Kurzweil,
Gott-Azubi und Chef-Ingenieur von Google prognostiziert:
«Ende der 2020er werden wir das menschliche Gehirn
komplett erforscht haben, was uns ermöglichen wird,
nichtbiologische Systeme zu schaffen, welche dem Menschen
an Komplexität und Raffinesse in nichts nachstehen
– dies schliesst auch die emotionale Intelligenz mit ein.»
Dann ist es jetzt Zeit, diese Gott gleichen patriarchalen
Männerfantasien anzugreifen, wie es die feministische
Bewegung gegen Gen- und Reprotechnologien
mit einigem Erfolg in den 80er Jahren getan hat.
Um nicht missverstanden zu werden: Unsere (unterschiedlichen)
Vorstellungen von Verweigerung und
Widerständigkeit sollten nicht mit puristischer Enthaltsamkeit,
totaler digitaler Abstinenz oder Ausstieg aus
jeglicher sozialer Vernetzung verwechselt werden. Es
geht uns also nicht um den Erhalt einer nostalgischen
Sozialität. Die Auswirkungen von Technologien auf
Fremdbestimmung und Beherrschbarkeit hingegen
interessieren uns sehr wohl! Wir suchen in einer Art
praktischer Technologiekritik nach Wegen der Selbstbehauptung.
Wir wollen mit dieser Konferenz Selbstvertrauen
gewinnen, uns gegen eben diese Fremdbestimmung
kollektiv zur Wehr zu setzen:
«(…) Es reicht also nicht, ihre Aktivitäten zu entlarven,
wir müssen diese Geheim- und Nachrichtendienste eigenhändig
niederreissen, wir müssen die Strassenlaternen
zertrümmern wie in der Französischen Revolution. Dazu
braucht man kein grosser Hacker oder hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter
mit Zugang zu sensiblen Informationen
zu sein, der dann zum Whistleblower wird. Wir
müssen uns nur bewusst machen, welche Rolle wir bei der
Aufrechterhaltung des Status quo spielen, uns über unsere
Fähigkeiten und Möglichkeiten klar werden, herausfinden, was die jeweilige Entsprechung von Snowdens
Aktion in unserem eigenen Leben sein könnte, und dann
das System zerlegen.»“ (Jeremy Hammond#)
Anmerkung:
Dieser Text ist ein Auszug aus der Konferenzankündigung zum Technologiekongress 2016 in Köln.
Fussnoten:
# Jeremy Hammond ist politischer Aktivist und Hacker – er sitzt nach einem der bedeutendsten Hacks der letzten Jahre gegen das regierungsnahe Sicherheitsunternehmen Stratfor in den USA aktuell eine zehnjährige Haftstrafe ab. Wir fordern seine Freilassung und die Straflosigkeit aller Whistleblower!
Dieser Text ist ein Auszug aus der Konferenzankündigung zum Technologiekongress 2016 in Köln.
Fussnoten:
# Jeremy Hammond ist politischer Aktivist und Hacker – er sitzt nach einem der bedeutendsten Hacks der letzten Jahre gegen das regierungsnahe Sicherheitsunternehmen Stratfor in den USA aktuell eine zehnjährige Haftstrafe ab. Wir fordern seine Freilassung und die Straflosigkeit aller Whistleblower!


