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Die Community von OpenStreetMap Landnahme

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Auch mich hat das Mapping-Fieber gepackt. Mapping, so nennt man das Erfassen von Geodaten in der Community von OpenStreetMap (OSM).

Ausgewählte Orte auf der Karte in der Gegend des Quartierhaus Kreis 5, Zürich.
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Ausgewählte Orte auf der Karte in der Gegend des Quartierhaus Kreis 5, Zürich. Foto: Micha L. Rieser (CC BY-SA 2.0)

23. April 2014
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Am Anfang reizten vor allem die weissen Flecken. Unbekanntes Terrain für die Community, das erschlossen werden will. Also hinaus in die Welt und Daten sammeln, Wissen befreien und damit bislang so vernachlässigten Aktivitäten wie Radfahren und Spazierengehen eine übergeordnete Bedeutung geben. Sinnstiftung für das, was ohnehin schon Spass macht, dem Alltag aber bislang immer nur abgerungen werden konnte als so genannte „Freizeit“. Ausserdem ist Mappen eine wunderbare Beschäftigung für mehrere Personen – ob zu zweit oder in der Gruppe, es macht gemeinsam einfach noch mehr Freude. Einer setzt die Wegpunkte, der oder die andere hält per Audio, Foto oder mit Stift und Zettel fest, was in die Karte für diese Stelle eingetragen werden soll. Das alles wird später beim Eintragen noch einmal durchgesprochen, das HowTo wird zu Rate gezogen – sah unser Weg wirklich auch so aus? Und wie nennt man Gestrüpp zwischen den Feldern? Was wie lästige Arbeit klingt, ist aufregende Vertiefung des Gesehenen, Rekapitulation des gemeinsam Erlebten.

Das Fieber, der Suchtfaktor kommt dann von ganz alleine. Das Mappen beginnt mit einem Weg, der noch nicht in der Karte verzeichnet ist. Doch diesen Weg kreuzen andere – auch sie wollen in jeder Hinsicht erfahren werden. So kommt jedes Mal ein Puzzlestück hinzu, und die Neugier auf die angrenzenden Wege und Gebiete wächst. Die Entdeckungsreisen werden gezielt geplant, um Lücken zu schliessen. Und jedes Mal sehen wir etwas Neues – einen Teich, ein Wasserhäuschen, eine Brücke. War das schon immer hier? Ich bemerke es erst jetzt, wo es gilt, die Karte zu vervollständigen. Nichts ist unwichtig und erstaunlicherweise gibt es für das alles ein Wertepaar, mit dem es eingetragen werden kann.

Durch das Einzeichnen verändert sich auch meine Sicht auf die Umgebung. Denn mit dem Aufzeichnen und Protokollieren der zurückgelegten Wege ist es ja nicht getan. Meine Punktwolke soll Spuren hinterlassen in der Karte. Ich zeichne also eine Linie entlang der aufgezeichneten Punkte und erinnere mich: Dies war der Feldweg, der so breit und matschig war. Und dieser Punkt bedeutet: Jägersteig. Im OSM-Wiki finde ich Erklärungen und Beispiele, die mir helfen, meine Wahrnehmungen zu ordnen. Mit diesen Kategorien im Kopf sehe ich beim nächsten Ausflug genauer hin, weiss, worauf ich achten muss, um meine Erfahrungen in der Karte korrekt dargestellt zu sehen. Eine Bank ist eine Bank, doch sie kann auch mit oder ohne Lehne sein, aus Holz oder Plastik. Wofür ist das wichtig? Ich weiss es nicht, aber es könnte doch sein, dass irgendwann einmal jemand genau das wissen möchte.

Das HowTo des OSM-Wiki wird zur Quelle des Staunens, was es alles gibt und was für Diskussionen vermeintlich einfache Tatsachen auslösen können. Stromleitungen mappen – ja klar, denn es gibt sie ja schliesslich. Aber wie? Was ist wichtig? Voltzahl? Anzahl der Adern in einer Leitung? Was zunächst übertrieben klingt, hat doch seine Berechtigung, und ich lerne einiges über die überirdische Stromversorgung in unserem Lande. Noch mehr darüber erfahre ich bei einem kleinen Mappertreffen im Norden, wo ich jemanden kennenlerne, der sich auf Verteilerkästen spezialisiert hat. Auch eine Sicht der Welt. Ausserdem zeigt er uns, wie Google Maps vergiftete Informationen in seine Karten einbaut, um Lizenzverstösse ahnden zu können. Wie verrückt ist das denn? Da werden bewusst Fehler in eine Karte eingebaut, um das Geschäftsmodell zu schützen – wehe dem, der gerade in diesem Abschnitt eine Adresse sucht.

All die kleinen Strassen und Dörfer, die Feldwege, das grosse Waldstück haben wir durch das Mappen entdeckt, erfasst und begriffen – und dadurch für uns in Besitz genommen. Natürlich glaubte ich vorher, meine nähere Umgebung zu kennen, aber sie dann in der freien Weltkarte abgebildet zu sehen, macht mich doch so stolz und froh, als hätte ich sie selber erschaffen. In Besitz nehmen durch Teilen – das ist meine wichtigste OSM-Erfahrung.

Heute weiss ich wohl: Nicht fürs Rendering – also die Darstellung in der Karte – mappen wir, sondern um zukünftige Karten zu ermöglichen, die ganz andere als geographische Fragen beantworten können sollen. Es gibt so viele Details am Wegesrand, die Auskunft geben über die Beschaffenheit meiner Umwelt, die ich für OSM und über OSM wieder für mich erschliesse. Zum Beispiel Schilder, die bisher immer unbeachtet blieben wie etwa die für das in hessischen Wäldern vorherrschende Privateigentum! Aber auch die kleinen grünen Schilder, die dem Rettungsdienst als Anfahrtspunkte dienen. Wer weiss schon, dass es diese sinnreiche Einrichtung gibt?

Es gibt so viele unterschiedliche Weltanschauungen, und OSM hat Platz für jede. Was wichtig ist, entscheidet der Nutzer mit seinen je eigenen Fragestellungen an die Umwelt. Wo ist der nächste Briefkasten? Welche Stadt hat wo ihre historischen Stolpersteine? Ist dieser Weg geeignet für Rollstuhlfahrer? Wie gut ist die Strassenausleuchtung in diesem Viertel? Je detaillierter die bei OSM hinterlegten Informationen sind, desto mehr Möglichkeiten eröffnen sich für deren Nutzung. Denn es ist unsere Umgebung, unsere Infrastruktur, unsere Welt. Der erste Schritt, sie uns wieder anzueignen, besteht darin, freie Karten zu ermöglichen.

Barbara Grün
streifzuege.org

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