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Sexuelle Nötigung, psychische Manipulation und andere Vorwürfe Brauchen wir Public Shaming?

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Gegen den Netzaktivisten und Journalisten Jacob Appelbaum werden schwere Vorwürfe erhoben: Sexuelle Nötigung, psychische Manipulation und Plagiarismus. Zunächst wurden die Anschuldigungen anonym geäussert, inzwischen melden sich Opfer auch mit Klarnamen zu Wort.

Die Frage, die man sich stellen sollte: was kann eine Community besser machen, um Abuse abzufedern oder wünschenswerterweise zu verunmöglichen?
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Bild: Die Frage, die man sich stellen sollte: was kann eine Community besser machen, um Abuse abzufedern oder wünschenswerterweise zu verunmöglichen? / Jon Fingas (CC BY-ND 2.0)

9. Juni 2016

9. Jun. 2016

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Die Informatikerin und Bloggerin Natanji, selbst in der Hacker-Szene aktiv, geht der Frage nach, ob die Öffentlichmachung der Vorwürfe, das public shaming, gerechtfertig ist. Ein Kommentar:

Vor wenigen Tagen wurde Jacob Appelbaum aus dem Tor-Projekt gegangen, nachdem schwere Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden, die wenige Tage später öffentlich gemacht wurden. Es geht um Plagiarismus, Harassment und mehrfachen sexuellen Missbrauch; ein Opfer spricht selbst von Vergewaltigung.

Der Fall hat es in die Schlagzeilen der grossen Nachrichtenportale geschafft und wird innerhalb der Hackerszene kontrovers diskutiert. Besonders innerhalb der deutschsprachigen Szene, denn Appelbaum lebt seit Jahren in Berlin und hat viel Kontakt zur deutschen Technik- und Nerdszene gehabt, unter anderem auch im Chaos Computer Club (CCC). Auf dem 29c3 hielt er sogar die Keynote.

Im Chaos-Umfeld äussern sich eine Menge Leute darüber, dass ihnen die Vorwürfe nicht neu sind; IT-Portale wie Golem.de berichten, ihnen seien sie „seit längerem bekannt“ gewesen.

Als Reaktion auf die Vorwürfe kommen Geschichten weiterer Opfer ans Licht; als prominentes Beispiel veröffentliche der in der deutschsprachigen Hackerszene sehr anerkannte US-Amerikaner Nick Farr seine eigenen Erlebnisse mit Harassment durch Appelbaum auf dem 30. Kongress des Chaos Computer Clubs (30C3). Dies sei der wahre Grund, weswegen er seitdem keine Chaosevents mehr besuche.

Eine Kampagne gegen Appelbaum? Wohl kaum

Es erscheint vor dem Hintergrund dieser breiten, unabhängigen Stimmen vollkommen unrealistisch, dass es sich um eine orchestrierten und gezielten Schmutzkampagne gegen Appelbaum handelt, wie dieser in seinem Statement behauptet. Konkret bestreitet er übrigens interessanterweise lediglich den Vorwurf des „criminal sexual misconduct“, was angesichts der riesigen Lücken im deutschen Sexualstrafrecht nicht gerade viel bedeutet. Die sehr spezifischen Formulierungen seines Statements sind auch anderen aufgefallen.

Pikant ist, dass gerade nach den Ereignissen des 29C3 sich Netzfeminist*innen für eine effektive Anti-Harassment-Policy bzw. einen Code of Conduct stark machten, die aber bis heute auf den Events des Chaos Computer Clubs nicht umgesetzt wurde. Auf dem Kollektivblog Femgeeks wurden dafür konkrete Vorschläge diskutiert. In den letzten Jahren gab es auf dem Congress zumindest ein Awareness-Team, in dem ich letztes Mal auch selbst mitgearbeitet habe.

Es liegt ein systemisches Problem vor

Dennoch bleibt das flaue Gefühl: hätte eine deutlichere Policy zumindest im Falle von Nick Farr geholfen? Ob ein Rausschmiss einer mächtigen Szenegrösse wie Appelbaum wegen Harassment dann tatsächlich realistisch stattgefunden hätte, darf aber bezweifelt werden. Das systematische Problem, dass missbräuchliches Verhalten akzeptiert wird und nicht genug Konsequenzen hat, bleibt – gerade bei Szenegrössen. Interessant ist, dass das Tor Project seit vielen Monaten an einem Code of Conduct arbeitet, der aber bislang nicht veröffentlicht wurde.

Die Reaktionen der Community auf die öffentlichen Vorwürfe, dieses public shaming, sind deutlich gespalten. Während viele sie ernst nehmen, kritisieren auch viele, dass die Seite jacobappelbaum.net ein öffentlicher Pranger sei und dass man besser zur Polizei habe gehen solle – ungeachtet der detaillierten Ausführungen auf der Seite, warum diese und andere Möglichkeiten nicht sinnvoll erschienen.

Das hätt natürlich gar nicht betroffene Nerd-Macker wie Fefe nicht davon ab, ihr typisches victim blaming zu betreiben und den Opfern gar eine Mitschuld für zukünftige Übergriffe zu unterstellen, wenn sie keine Anzeige erstatten. Das gerade vor dem Hintergrund des aktuellen Falls von Gina-Lisa Lohfink wirklich perfide, wo die Betroffene selbst in einem komplett eindeutigen Fall mit Beweisvideo, in dem sie eindeutig „aufhören“ sagt, noch zur Täterin gemacht wird.

Opfer tragen keine Verantwortung

Ich verstehe nicht, warum man das dauernd wiederholen muss, obwohl es so eine so einfache Wahrheit ist, aber: diese Verantwortung bei den Opfern zu sehen ist IMMER falsch. Egal ob es um Vergewaltigung oder irgendeine andere Straftat geht. Betroffene entscheiden selbst, wie viel Energie es in etwas reinstecken wollen, wie viel Risiko sie bereit sind zu tragen. Sie haben ein Recht darauf, sich um ihr eigenes Wohlsein zu kümmern.

Traurigerweise funktioniert Abuse bei den meisten Menschen einfach, und das nicht wegen einer eigenen Willensschwäche, sondern weil Manipulierbarkeit verdammt menschlich ist. Die grundlegende Beeinflussbarkeit der menschlichen Psyche kann als gegeben hingenommen werden.

Die Frage, die man sich also stattdessen stellen sollte: was kann eine Community besser machen, um Abuse abzufedern oder wünschenswerterweise zu verunmöglichen? Nun, da haben wir wie gesagt hier auf Femgeeks bereits drüber gesprochen. Und Netzfeminist*innen haben die internen Probleme der Chaos-Community schon vielfach analysiert. Man müsste ein paar Leuten vielleicht mal glauben und zuhören…

Mit einer besseren, sich gegenseitig stärker kontrollierenden Community und deutlicheren Regeln würden sicherlich viele Fälle von Missbrauch aufgedeckt und verhindert werden können. Daran sollte definitiv gearbeitet werden! Aber klar ist auch, dass sie kein Allheilmittel darstellen, gerade gegen in einer Community etablierte Abuser, die auch ein Awareness-Team noch manipulieren und womöglich sich selbst noch als Opfer stilisieren können.

Was mir daher nicht gefällt ist der Gedanke, diese Frühwarn-Möglichkeiten bloss aus dem Grund zu schaffen, um public shaming zu verhindern und zu delegitimieren, oder wie es Fefe formuliert:

“Wie können wir in Zukunft dafür sorgen, dass niemand glaubt, er müsse einen anonymen Internet-Pranger aufmachen, weil die anderen Optionen alle nicht wirken?”

Warum man Vorwürfe öffentlich machen sollte

Ich möchte an dieser Stelle lieber eine Lanze brechen für die Veröffentlichung von Vorwürfen, gerade im Bereich sexualisierter Gewalt. Es wird auch in der besten Community noch eine Menge Gründe geben, diesen Weg zu wählen. Hier sind ein paar davon:

1. Öffentlichkeit schafft Awareness für ein Problem. Ohne die Öffentlichmachung im aktuellen Fall würde wieder keiner glauben, dass sich was ändern muss. Die Hackerszene hat offenbar so ernste Probleme, dass Gerüchte um vielfachen Abuse zwar im Raum standen und anscheinend sehr bekannt waren, ihnen aber dennoch nicht ausreichend nachgegangen wurde.

2. Interne Strukture können gut vernetzten Abusern helfen und sie schützen. Bei den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche haben irgendwie alle verstanden, warum eine interne Abhandlung von Missbrauch keine gute Idee ist. Warum nicht auch hier?

3. Öffentlichmachung kann zu einer grösseren Beobachtung von Abusern führen und damit zukünftigen Abuse verhindern. Natürlich können Menschen weiterhin sagen: die Behauptungen sind unbelegt, ich werde diesen Menschen nicht vorverurteilen. Das für sich so zu entscheiden, ist völlig okay. Aber gleichzeitig werden Menschen sensibler und können auch auf nur leichte Grenzverletzungen reagieren. Sie werdne wachsamer sein und befähigt, die Abuse-Strategien als solche zu erkennen und zu handeln.

4. Anonyme Veröffentlichung erlaubt es Opfern, nicht mehr als nötig zu riskieren und unerkannt zu bleiben. Das ist das Whistleblower-Prinzip. Warum legt die Nerd-Community bei diesem Whistleblowing-Vorgehen einen anderen Massstab an? Geht es bei Appelbaum doch zweifellos um einen relativ mächtigen Menschen mit viel Einfluss. Vermutlich weil er als „einer von uns“ gehandelt wird.

Public shaming und die Probleme

Das Problem ist natürlich: public shaming kann wie jede Methode missbräuchlich eingesetzt werden und als öffentlicher Pranger missverstanden werden. Appelbaum hat kein Harrassment oder Drohnachrichten verdient, egal wie viel an den Vorwürfen dran ist. Aber das Werkzeug des public shaming ist nicht per se böse und falsch und es ist gefährlich, es so darzustellen – denn was sonst bleibt Opfern denn um andere zu schützen, gerade wenn „zur Polizei gehen“ nix gebracht hat oder bringen würde?

Das ist alles eine Sache der Abwägung und der umfangreiche FAQ auf jacobappelbaum.net legt nahe, dass sich die Betroffenen in diesem Fall intensive Gedanken darüber gemacht haben und es wirklich keine andere Möglichkeit gab. Es hilft am Ende den Abusern, wenn sie wissen, dass eine bestimmte Art sich gegen sie zu wehren tabu ist.

Die Methode muss also mit viel Bedacht eingesetzt und von uns allen bewertet werden. Sie ist nicht automatisch okay, sondern basierend auf den Umständen. GamerGate hat das public shaming vielfach genutzt und stets für Schmierkampagnen missbraucht: schon der Beginn der Hassbewegung war ein solcher Fall, in dem ein rachsüchtiger Mann den privaten Zerfall seiner Beziehung zu einer bis zu GamerGate völlig unbekannten Indie-Spielentwicklerin öffentlich machte und eine Verschwörungstheorie darum sponn.

Appelbaum ist dagegen eine öffentlich beachtete Person mit viel Macht, die sich, wenn man den Vorwürfen glaubt, schon seit vielen Jahren und gegenüber vielen Menschen missbräuchlich verhält, unter anderem denen, die mit ihm im TOR-Projekt gearbeitet haben. Und selbst ganz unabhängige, renommierte Personen wie Nick Farr äussern sich bestätigend. Ein himmelweiter Unterschied also.

Die Veröffentlichung von Abuse erscheint besonders dann wie der einzig realistische Weg, wenn es um Handlungen geht, die moralisch unter aller Kanone, aber nicht per se strafbar sind und von den Strukturen in denen sie passieren lange Zeit ignoriert werden. Darum ist es auch widersinnig, für die Bewertung von Missbrauchsfällen andauernd auf die Polizei und das Gesetz zu verweisen.

Die Gesetzeslage ist dafür, wie wir unser Miteinander bewerten, vollkommen egal: legality is not morality, Leute! Bei den Panama Papers haben das noch alle verstanden und die (legale!) Steuerhinterziehung scharf kritisiert – das geht auch mit vollkommen nicht-strafbarem Missbrauchsverhalten.

Eine funktionierende Community benötigt immer eigene Regeln, und diese müssen deutlich spezifischer sein als „Be excellent to each other“. Ich kann Leute nicht wegen einem subjektiv zu wenig empfundenen Mangel an „excellency“ von einer CCC-Veranstaltung ausschliessen, aber sehr wohl für klar definiertes Harassment wie „da lässt mich jemand nicht in Ruhe, schüchtert mich ein und hinterlässt in meinem Hotelzimmer Drohnachrichten“, wie es laut Nick Farr bei ihm geschehen ist.

Zuhören statt Weghören

Dankenswerterweise geht die öffentliche Diskussion weniger darum, ob Appelbaum nun ein Arschloch ist oder nicht, sondern wie sich Abuse gerade innerhalb der Community und auf Chaos-Events besser verhindern lässt. Ja, lasst uns eine bessere Community bauen! Und zwar eine, in der wir uns auch trauen öffentlich zu machen, wer sich scheisse verhält und welche Leute diese Menschen unterstützen.

Auch im Falle von Jacob Appelbaum gibt es ein grosses Netzwerk von Menschen, das an ihm dranhängt – und es ist wichtig, bei diesen Menschen in Zukunft besonders vorsichtig zu sein, aufeinander acht zu geben. Wir brauchen eine Kultur des Zuhörens statt Weghörens, anstatt Harassment auf einem Event oder innerhalb einer Community zum Privatproblem der beteiligten Menschen zu erklären oder ihnen gar „Drama machen“ vorzuwerfen. Seid wachsam! Natürlich ist es schön, wenn Probleme anders geklärt werden – aber Betroffene haben in meinen Augen immer die Berechtigung, über das von ihnen Erlebte zu sprechen. Es darf niemals Ziel sein, das zu verhindern.

Ob die deutsche Hacker-Community Community es schafft, die Prioritäten richtig zu setzen, sehen wir in knapp sieben Monaten: wenn Jacob Appelbaum trotz der Vorwürfe und dem in der Community breit bekannten Wissen um sein dauerndes Fehlverhalten den 33C3 trotzdem betreten dürfte, wäre das in meinen Augen ein Armutszeugnis für den CCC.

Während ich diesen Text schreibe, haben sich eine Reihe weiterer Personen den Vorwürfen angeschlossen:

Die Entwicklerin Leigh Honeywell bloggt über das missbräuchliche Verhalten Appelbaums in einer sexuellen Beziehung mit ihm vor 10 Jahren. Er habe immer wieder Grenzen überschritten und sie öffentlich gedemütigt.

Gegenüber Dailydot bestätigen gleich drei aktuell bei Tor angestellte Menschen (zwei werden namentlich genannt), dass sie manche der auf jacobappelbaum.net genannten Opfer persönlich kennen und ihre Geschichten wahr sind.

Der Entwickler Emmerson Tan beschreibt einen von ihm beobachteten Übergriff Appelbaums, der sich nach Recherchen von Dailydot (gleicher Artikel wie oben) auf dem 32C3 abgespielt hat und übereinstimmend von vier bekannten, namentlich genannten Personen der Tech- und Security-Community bestätigt wird. Laut Tan sei es auch deshalb so schwer, den sexuellen Missbrauch gegenüber der Polizei anzuzeigen, weil die Security-Community ein Opfer dann prompt als Verräter oder Handlanger des Staates darstellen würde. Unrealistisch erscheint das nicht: bei Julian Assange haben wir genau dieses Verhalten beobachten können.

Auf Twitter wird derweil auch das Thema der Komplizenschaft mit Appelbaum diskutiert – unter anderem werden Vergleiche mit dem Missbrauch von Jian Ghomeshi gezogen.

Natanji
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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