UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Digitales Bewusstsein: Wovon träumt das Internet? | Untergrund-Blättle

2472

Digitales Bewusstsein Wovon träumt das Internet?

Digital

Träumt das Internet? Wenn ja: Was ist der Traum des Internet? Und welche Rollen spielen dabei die sich widersprechenden Figuren Autonomie und Kooperation?

2. September 2012
0
0
5 min.
Drucken
Korrektur
Medientheoretiker und Berliner Gazette-Autor Felix Stalder hat sich auf die Suche nach der Utopie begeben, die dem Internet innewohnt.

Es wird sich dann zeigen, dass die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen. (Karl Marx, Brief an Max Ruge, September 1843)

Träumt auch das Internet von einer Sache, von der es nur Bewusstsein erlangen muss, um sie wirklich zu besitzen? Ich denke, man kann zumindest den ersten Teil diese Frage sinnvollerweise mit Ja beantworten, ohne gleich in die Sackgasse des Anthropomorphismus oder Determinismus einzubiegen. Dieser Traum wurde und wird in Internet-typischer Art von vielen, gleichzeitig und zeitlich verschoben, höchst unterschiedlich geträumt.

Doch über alle Differenzen hinweg verdichten sich darin immer wieder zwei durchaus widersprüchliche Figuren: Autonomie und Kooperation. Wie für Träume üblich, sind ihre Konturen unscharf und instabil. In ihnen verschränken sich gemachte Erfahrungen in oftmals unvorhersehbarer Weise und artikulieren sich neu. Gleichzeitig stossen sie neue Erfahrungen an, denn spätestens seit Freud wissen wir, dass Träumen, Erleben und Handeln ein Kontinuum darstellen.

In der Geschichte der digitalen Kultur lassen sich drei Versionen dieses Traums unterscheiden, die die jeweilige Einbettung des Internets in das sich verändernde gesellschaftliche Umfeld widerspiegeln. Die erste Version dieses Traums wurde von den Ingenieuren hervorgebracht, die seit den 1960er Jahren an den Grundlagen der Netzwerktechnologie arbeiteten. Sie waren dabei zwar vom militärisch-universitären Forschungskomplex finanziert. Aber gleichzeitig, wenngleich in unterschiedlicher Intensität, von den autonomistischen sozialen Bewegungen ihrer Zeit beeinflusst.

In diesen Kreisen wurde Technologie schon früh als Gegenstand politischer Utopien gesehen: als Mittel, um alte hierarchische Strukturen aufzubrechen und neue Formen der Zusammenarbeit zu ermöglichen. Auch universitäre Traditionen desWissenskommunismus (Robert K. Merton) und der Selbstorganisation der Forschergemeinde mit ihren meritokratischen Idealen lassen sich hier wiederfinden.

Grober Konsens und keine Hierarchie

Die prägnanteste Formulierung dieser Vision lieferte David D. Clarke. Er fungierte in den 1980er Jahren als Chief Protocol Architect des Internet Architecture Board (IAB), welches u.a. die Entwicklung technischer Standards für das Internet koordinierte. In einem Vortrag zu Zukunftsvisionen des Internets fasste er den Ethos der ersten Generation folgendermassen zusammen: „We reject: kings, presidents and voting. We believe in: rough consensus and running code“ (Clark, 1992).

Alle Formen klassischer, formaler Hierarchien wurden abgelehnt. Insbesondere auch die Unterscheidung zwischen einer Mehrheit, die ihre Ansichten durchsetzen kann, und einer Minderheit, die ihre Niederlage akzeptieren muss. Stattdessen wurde auf eine Pragmatik der offenen Kooperation gesetzt, die sich an zwei Leitplanken orientierte. Zum einen an der Notwendigkeit eines „groben Konsenses“ („rough consensus“), was zum Ausdiskutieren von unterschiedlichen Auffassungen zwingt, aber keine Blockade ganzer Gruppen durch einzelne zulässt.

Ausführbare Software („running code“), zum anderen, verweist auf den Fokus der Kooperation, der – in klassischer Ingenieurstradition – auf konkreten Lösungen lag, die aufgrund klarer Kriterien gegeneinander abgewogen werden. Diese Form der Konsensfindung war nicht zuletzt deshalb möglich, weil die Gruppe, die zu einem Übereinkommen gelangen sollte, intern relativ homogen war: führende Computerwissenschaftler angesehener amerikanischer Universitäten, weshalb viele mögliche grundsätzliche Konflikte gar nicht erst auftauchten. Diese Frage der internen Homogenität der kooperierenden Gruppen gibt diesem an sich sonnigen Traum seine dunklen Untertöne. Man denke nur an den niedrigen Frauenanteil bei der Piratenpartei.

Die Autonomie, wie sie die Ingenieure verstehen, ist wiederum diejenige des hochgebildeten Wissensarbeiters. Er entscheidet selber, was eine gute Lösung darstellt. Und zwar ohne Verweis auf eine externe Autorität (sei sie hierarchischer oder dogmatischer Natur). Dafür aber in Absprache mit seinen Peers. Damit das funktioniert, müssen erstens alle Informationen, die man benötigt, um eine Situation beurteilen und in ihr handeln zu können, frei zugänglich sein.

Das End-to-end-Prinzip

Zweitens muss auch der Raum, in dem eine Lösung entwickelt werden kann, für alle gleichermassen zugänglich sein. Anderenfalls kann sich eine gute Lösung aufgrund ungleicher Zugangsbedingungen eventuell nicht durchsetzen. Verwirklicht wurde diese Form der Zugänglichkeit durch das sogenannte end-to-end-Prinzip. Dies besagt, dass das Kommunikationsnetzwerk alle Inhalte gleich behandeln und erst am Ende der Kommunikationskette interpretieren soll, worum es sich bei den Daten eigentlich handelt.

Die „Intelligenz“ und „Kompetenz“ sollen auf den Endgeräten, die jeder Nutzer selbst kontrolliert, angesiedelt sein, während das Netz, das die Endgeräte verbindet, einzig und allein mit der Effizienz des Datenaustausches beschäftigt ist. Dies garantiert, dass die Autonomie an den Rändern maximal und die Kontrolle in den Schaltstellen des Netzes minimal ist. Dieses Prinzip der Dezentralität und Autonomie wird heute unter dem Begriff der„Netzneutralität“ politisch kontrovers diskutiert.

Damit dieser Traum auch handlungsfähig werden konnte – und das ist ja das entscheidende an dieser Art von Träumen – mussten konkrete organisatorische Grundlagen geschaffen werden, um autonom kooperieren zu können. Im Falle der ITEF waren das vor allem zwei Dinge. Einerseits die sogenannten Requests for Comments (RFC), Dokumente, mit denen Ideen der internen Öffentlichkeit vorgestellt wurden und gleichzeitig Feedback gesammelt werden konnte, um diese Ideen in Richtung des rough consensus zu entwickeln. Wo das nicht möglich war, weil eine Idee auf keinen Widerhall stiess oder zu kontrovers war, wurde sie fallen gelassen.

Andererseits Email-Listen, Newsgroups und online chat-Systeme, in denen eine many-to-many-Kommunikation so effizient organisiert werden konnte, dass offene Netzwerkkommunikation über Kleingruppen hinauswachsen konnte, ohne chaotisch zu werden. Damit konnte man dem traditionellen Zwang entgehen, ab einer gewissen Grösse der sozialen Einheit hierarchische Ordnungen als eine Form der Komplexitätsreduktionen einzuführen zu müssen. Mit anderen Worten: Es wurden die kommunikationstechnischen Grundlagen geschaffen, um in grossen Gruppen offene Konsensbildung zu ermöglichen – etwas, was bis dahin nur in Kleingruppen möglich war. Für Manuel Castells ist dies die entscheidende Innovation, die den Aufstieg der Netzwerkgesellschaft ermöglichte.

Felix Stalder
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Mario Sixtus
Das Internet in Zeiten von Anonymous, ACTA und WikiLeaksUmkämpfter Traum

14.09.2012

- Was ist der Traum des Internets? Und welche Rollen spielen dabei die sich widersprechenden Figuren Autonomie und Kooperation?

mehr...
Tobias M.
Können wir die Prinzipien der digitalen Commons in die Welt der materiellen Produktion übersetzen?Ethisches Engagement und Leistungsdenken

27.10.2015

- Open Source Software und Wikipedia, Crowdsourcing und Creative Commons – die Gemeingutökonomie des Internet hat viele Gesichter. Ihre Funktionslogik und Prinzipien werden selten tiefergehend untersucht.

mehr...
Bitcoin-Utensilien mit Logo.
Eine Revolution wie einst das InternetBitcoin revolutioniert das Banken- und Rechtswesen

21.03.2015

- Bitcoin revolutioniert das Banken- und Rechtswesen – wie einst das Internet die Medien und Werbung. Sollte man diese ‘Revolution’ regulieren? Oder nicht?

mehr...
#SaveYourInternet - Upload-Filter verhindern

23.08.2018 - Patrick Breyer, Spitzenkandidat der Piratenpartei zur Europawahl, über die weitere Gefährdung des freien Internets durch sogenannte Upload-Filter. Um ...

Donald Trump und Datenschutz im Internet

30.03.2017 - Trump ist der Medien-Magier. Er schafft es irgendwie durch wenig Politik und viel Blödsinn dauernd in den Medien zu bleiben. Wobei wenig Politik auch ...

Dossier: Bitcoin
BTC Keychain
Propaganda
Träumt weiter

Aktueller Termin in Hannover

Pommes Fatigue Vol.1 // punkbands und pommes

ujz korn

Freitag, 20. Mai 2022 - 19:30 Uhr

UJZ Korn, Kornstr. 28-32, 30167 Hannover

Event in Dresden

Over The Edge Fest I VOLE HC Punk

Freitag, 20. Mai 2022
- 21:00 -

Chemiefabrik

Petrikirchstrasse 5

01097 Dresden

Mehr auf UB online...

Zürich, Kantonsschule Enge und Freudenberg.
Vorheriger Artikel

Konkurrenz und Bildungssystem

Kurze Kritik der Forderung nach Chancengleichheit

Anstehen vor dem Kaufland in Frankfurt während der Corona-Krise, März 2020.
Nächster Artikel

Autoritätsanspruch der Wissenschaft

Anarchistische Kritik an Wissenschaft(en) und staatlichen Narrativen in der Corona-Pandemie

Untergrund-Blättle