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Befinden wir uns am Wendepunkt des kybernetischen Kapitalismus? Hochtechnologie und Arbeitskraft

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Schon im 20. Jahrhundert sahen Forscher in der Entwicklung der Automatisierung eine grosse Bedrohung für Arbeitsplätze. Heute gewinnt das Gespenst der Fabriken ohne menschliche Arbeitskraft wieder an Aktualität. Der Autor Patrick Stary geht der Sache nach.

28. September 2015

28. 09. 2015

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Am 13. August 1949 verfasst der Mathematikprofessor Norbert Wiener in einem Vorort der US-amerikanischen Stadt Boston einen bemerkenswerten Brief.

Der damals 54-jährige Wiener arbeitet zu dieser Zeit am renommierten Massachusetts Institute of Technology und gilt als Begründer der Kybernetik, Empfänger des dreiseitigen Briefes ist Walther Reuther, Gewerkschaftsvorsitzender der United Auto Workers in Detroit, dem damaligen Zentrum der weltweiten Automobilproduktion. Wiener schreibt an Reuther, dass er sich seit längerem für automatische Maschinen und die gesellschaftlichen Folgen ihres Einsatzes interessiere.

Diese Folgen auf den Produktionsprozess seien seiner Ansicht nach absehbar so gravierend, dass er bereits wiederholt versucht habe, Kontakt zu Gewerkschaftsvertretern aufzunehmen. Und dass er nun einen erneuten Versuch unternehmen wolle, da unlängst ein grosser Industriekonzern mit der Bitte auf ihn zugetreten sei, ihn bei der Automatisierung seiner Produktionsprozesse zu beraten. Wieners Einschätzung nach, sei dies in der Sache nicht schwer zu machen.

Die Entwicklung der Automatisierung deute darauf hin, dass es bald Fabriken ohne menschliche Arbeit geben werde. Unter den gegebenen industriellen Bedingungen halte er dies in spätestens zehn oder zwanzig Jahren für umsetzbar und im Resultat für gesellschaftlich desaströs. Da er nicht persönlich für eine solche Entwicklung verantwortlich sein möchte, habe er das Beratungsangebot zwar abgelehnt, er sei sich aber sicher, dass es sich nur um eine Frage der Zeit handele, bis andere das notwendige Wissen zum Umbau der Produktionsprozesse an die Industriekonzerne weitergeben werden.

Die Gewerkschaften sollten daher, so Wiener, seine Einschätzung ernst nehmen und sich schleunigst eine angemessene Strategie überlegen. Er sei selbstverständlich bereit sie hierbei zu unterstützen.

Wie Nick Dyer-Witheford in seinem unlängst erschienenen Buch „Cyber-Proletariat“ herausarbeitet, befürchtet Wiener hier bereits sehr früh eine Entwicklung, die erst sehr viel später deutlich spürbar werden sollte – die Bedrohung des Typus des fordistischen „Massenarbeiters“ durch den Einsatz kybernetischer Technologien und die Herausbildung einer neuen „futuristischen Akkumulation“.

Kybernetische Transformation

Kybernetik wird hier in einem weiten Verständnis verwendet und bezieht weitere Theorierichtungen und Technologien mit ein, die im Anschluss daran entwickelt wurden (insbesondere Managementtheorien und Modelle der Arbeitsorganisation). Die kybernetische Transformation, angestossen durch den zweiten Weltkrieg und weiter vorangetrieben im kalten Krieg, breitete sich im Anschluss zunehmend in der Industrie aus – oft mit dem Resultat Automatisierung und Outsourcing – und bis hinein in die Peripherie der globalen Ökonomie.

Sie verbreitete sich auch, durch immer neuere Generationen von elektrischen Konsumgütern, bis in den Alltag der Menschen hinein. Besonders deutlich ist diese Umgestaltung in den Bereichen der Produktion, der Zirkulation und des Finanzwesens vorangeschritten.

In der Produktion wird diese Entwicklung vor allem in Form einer neuen Intensität der Automatisierung deutlich und beschränkt sich dabei nicht nur auf die klassische Industriearbeit, sondern wirkt sich mittlerweile auch auf Büroarbeit und andere Formen von white-collar work aus und brachte darüber hinaus neue Formen der Kulturproduktion hervor: Webseiten, Videospiele, Chaträume und einiges mehr.

Im Bereich der Zirkulation führten die Verbreitung des Internets, die Zunahme an Online-Shopping-Anbietern und immer ausgefeiltere Wege der Onlinewerbung zu einer immensen Beschleunigung des Warenumschlags. Neue Kommunikationstechniken, Modularität im Design, Strichcodes und RFID-Chips ermöglichten eine Revolution der Logistik und eine umfassendere Globalisierung der Produktionsketten.

Auch im Finanzwesen ist der Einfluss der neuen Technik deutlich sichtbar: Onlinebanking, Kreditkartennetzwerke, digitalisierter Aktienhandel, Derivate-Handel und weitere neue Finanzprodukte.

Werkbänke und Einkaufsmeilen

Der kybernetische Kapitalismus hat eine spezifische globale Arbeitsteilung hervorgebracht, sie verbindet beispielsweise so unterschiedliche Arbeitsverhältnisse wie die Umsonstarbeit der vielzähligen NutzerInnen der Web2.0-Angebote, die äusserst prekären Arbeitsverhältnisse der sogenannten Sharing bzw. Gig Economy.

Und die weltweit konkurrierenden CrowdworkerInnen mit milliardenschweren Technologiekonzernen und IT-ExpertInnen in Kalifornien und mit dem „blutigen Taylorismus“ der Fliessbandarbeit in Sonderwirtschaftszonen wie Ciudad Juárez in Mexiko und Shenzen in China, den High-Tech-Inseln der Softwareentwicklung zu Dumpinglöhnen wie Hyderabad in Indien und der hochautomatisierten Chipproduktion an Orten wie dem Hsinchu Science Park in Taiwan. Bis hin zum, für Menschen und Umwelt extrem giftigen Schürfen und Abtrennen von seltenen Erden in den Tagebauen von Baotou in China oder in der Region Kivu in der Demokratischen Republik Kongo.

Ohne die logistische Revolution und die Digitalisierung der Kommunikation wäre eine derart komplex-integrierte Verbindung von Hochtechnologie und billiger Arbeitskraft kaum denkbar. Die Produktion immer billigerer technischer Geräte befeuert diese Produktionsabläufe weiter.

Das Mobiltelefon steht wie kein anderes Konsumprodukt derart archetypisch für die sich herausbildende Always on-Gesellschaft im Westen und die informellen, prekären und multiplen Arbeitsverhältnisse in den Ländern des globalen Südens, die sich oft überhaupt nur noch mit seiner Hilfe jonglieren lassen.

Zwar sieht Dyer-Witheford in diesen Entwicklungen bisher eine unglaubliche Ausdehnung von globalen Markt- und Lohnarbeitsverhältnissen. Doch er prognostiziert, dass wir uns gegenwärtig an einem Wendepunkt befinden: Die widersprüchliche Tendenz der kapitalistischen Produktionsweise – sich einerseits immer neue nicht kapitalistisch organisierte Bereiche einzuverleiben, andererseits aber beständig nicht ausreichend profitable Bereiche und Menschen wieder auszuschliessen – droht derzeit in Richtung Ausschluss zu kippen.

„Cybernetics had at once enlarged the pool of workers on which capital could draw, and enabled capital to disassociate itself from these workers.“ (Dyer-Witheford)

Glaubten viele im Zuge des Dotcom-Booms noch daran, dass die Automatisierung menschliche Arbeit nicht in Gänze bedrohen würde, sondern lediglich bestimmte Arten von Arbeit, so scheint die Entwicklung einer neuen Robotergeneration, besserer Möglichkeiten der algorithmischen Sammlung und Verarbeitung von grossen Datenmengen, globalen Crowdsourcings und Plattform-Arbeitgebern diese Problematik heute wieder aufzuwerfen.

Als Konsequenz dieser Entwicklungen sieht Dyer-Witheford die Möglichkeit eines neuen „futuristischen“ Akkumulationsregimes: „In futuristic accumulation, capital would learn to function, not while drawing populations into production, as in primitive accumulation, but while ejecting them from it.“ Im Zentrum dieses Modells steht die Reproduktion kybernetischer Systeme (Dyer-Witheford).

Er sieht dieses Modell als mögliche Reaktion auf zunehmenden Lohndruck am unteren Ende der Lohnhierarchie, er führt diese – sicherlich kontroversen – Überlegungen allerdings nur oberflächlich und bruchstückhaft aus und unternimmt nur ansatzweise politisch strategische Überlegungen.

In, against and beyond

Was bedeuten die skizzierten Entwicklungen für strategische Überlegungen, wenn man für die Verwerfungen des kybernetischen Kapitalismus nicht nur nicht persönlich verantwortlich sein möchte? Was, wenn man stattdessen Ansatzpunkte sucht, um die von Norbert Wiener befürchteten desaströsen sozialen Folgen zu verhindern? Oder, sofern sie bereits eingetreten sind, wenn man sie dort bekämpfen möchte, wo sie sich bereits abzeichnen?

Die digitale Spaltung ist zunehmend keine mehr zwischen digital Inkludierten einerseits und digitalen Habenichtsen andererseits, sondern eine zwischen digital Inkludierten und digital weniger Inkludierten. Somit ist eine ausserhalbstehende Nichtnutzung dieser Technik nur schwierig zu bewerkstelligen. Die Alltags- und Gebrauchsgüter der digitalen Kommunikation sind nicht nur Instrumente der Kontrolle und Unterdrückung. Sie sind auch mit Selbstermächtigung und Freiheitsversprechen verbunden.

Auf Basis der Ko-Konstitution von Technik und Gesellschaft besteht eine grundlegende Ambivalenz von Technik: „Die Technik selbst kann Autoritarismus ebenso fördern wie Freiheit, den Mangel so gut wie den Überfluss, die Ausweitung von Schwerstarbeit wie deren Abschaffung.“ (Herbert Marcuse)

Wir sollten einem maschinenstürmerischen Impuls nicht nachgeben und die Kybernetik sowie ihre Auswirkungen auf Arbeitsprozesse nicht per se auf der Herrschaftsseite verorten.

Adäquater scheint es mir nach den konkreten Widersprüchen in der Implementierung und dem Einsatz von Technik zu fragen. Aber auch: In welchen Fällen ist eine Wiederaneignung möglich und sinnvoll? Und wie kann auf zukünftigen technischen Wandel Einfluss genommen werden?

Patrick Stary
berlinergazette.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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