Sicht mehr als fragwürdiges Vorgehen,
doch aus Sicht der Betroffenen
stellt sich die Frage, was sich in diesem
Forschungssetting wirklich vom Alltagszustand
der gesteuerten Konsumation
abhebt.
Der Grund zur Aufregung
Zur Erinnerung: Vor einigen Monaten kamzu Tage, dass die Newsfeeds von über einer
halben Million Facebook-Kundinnen
manipuliert wurden, um emotionale Reaktionen
zu „erforschen“. Das Resultat
besagt, dass wenn einer Person mehrheitlich
„negative“ Nachrichten zugestellt
werden, bzw. die „positiven“ vorenthalten
werden, deren Stimmung davon parallel
beeinflusst wird. Je schlechter also
der News-Kanon, desto negativer kommen
die eigenen Posts daher und umgekehrt.
Das Ergebnis steht vor allem im Bezug
auf die Stimmungsbeeinflussung ohne
persönliche Interaktion, d.h. ohne die
Wahrnehmung von Stimmungen anderer Personen:
"Wir können den experimentellen Nachweis
erbringen, dass emotionale Ansteckungseffekte
auftreten, ohne dass es zu
einer direkten Interaktion zwischen Menschen
[...] kommt, unter vollständigem
Ausschluss von nonverbalen Hinweisen."
(aus dem Forschungsbericht, zitiert in der
Washington Post)[1].
Dabei ist das Resultat
nicht besonders überraschend, aber mit
ca. 690'000 Proband_innen doch eher
aussagekräftig – viele Verhaltensstudien
müssen mit deutlich weniger „Testobjekte“
auskommen. Das liegt vielleicht daran, dass die Konzipierung
einer solchen Studie nicht ganz
einfach ist. Wenn die Proband_innen wissen, was mit der Studie untersucht
wird, dann ist ihr emotionaler Zustand
bereits kompromitiert. Bei Facebook hat
niemand gewusst, dass er manipuliert
wird. Oder doch? Facebook verweist auf
die Allgemeinen Geschäftsbedingungen,
in denen steht, dass die Daten zu
Forschungszwecken verwendet werden
können. Die Interpretation, dass damit
auch die aktive Manipulation gemeint
sein kann, ist aber doch etwas weit über
das Selbstverständliche hinaus geschossen.
Ein Sprecher von Facebook (im selben
Artikel der Washington Post zitiert)
meint aber:
"Wir betreiben Forschung um unsere
Dienstleistungen zu verbessern und um den Inhalt, den die Menschen auf Facebook
sehen, so relevant und einnehmend
[engaging] wie möglich zu machen...
Welche Forschung wir betreiben wird
vorsichtig überprüft und wir haben einen
strengen internen Kontrollprozess."[2]
Dieser Überwachungsprozess wurde
dann trotzdem angepasst, da es zwar
wirklich eine externe Ethik-Komission
gab, diese schien aber nicht über die
Manipulation informiert worden zu sein,
sondern von der Auswertung bereits vorhandener
Daten auszugehen.
Was aber wirklich aus diesem Zitat hervorgeht,
ist das Facebook durchaus das
Ziel hat, ihre Kund_innen zu „bezaubern
und einzunehmen“, soviel bedeutet engaging
als Adjektiv. Die anderen Bedueutungen
von engaging stammen aber
alle aus dem technischen Umfeld und
beschreiben einen Einschaltprozess oder
gar spezifische Maschinenteile. Kund_
innen auf diese Art und Weise einzunehmen
hat also nicht nur mit dem emotionalen
Empfinden zu tun, sondern impliziert
auch ein Verständnis von Gesellschaft als
Maschine. Die Gesellschaftsmaschine
wiederum besteht für Facebook vor allem
aus Informationsflüssen und -Interpretationen.
Facebook verdient also Geld
im Herzen der Maschine mit der Organisation
und Steuerung von Informationen.
Die Problematik der Forschungsethik
Forschungen, die den Menschen, beziehungsweisedessen emotionale Selbstwahrnehmung
beeinflussen, sind sehr
heikel. Wir lassen uns zwar in der Interaktion
mit anderen Menschen gerne beeinflussen
und finden es auch nicht immer
schlimm, wenn wir von „schlechter
Stimmung“ angesteckt werden, wir lassen
uns aber nicht gerne manipulieren. So
ist es ganz OK, wenn Facebook-Gruppen
emotionsmanipulative Ziele haben, wenn
aber die Firma ihre Datenmassenverwaltung
untersucht, und dabei die Kund_innen
kurzerhand zur transparenten Laborratte
macht, sieht die Sache anders aus.
Wie das Verhältnis zwischen Schüler_in
und Lehrer_in, besteht zwischen den einzelnen
Facebook-Nutzer_innen und dem
Konzern ein Wissens- und Machtgefälle,
das zu einer Abhängigkeit der Einzelperson
vom „guten Willen“ der Institution
führt. Im Unterschied zur Schule hat
Facebook aber keine übergeordnete Instanz,
die sich für moralische und ethische
Fragen zuständig sieht, oder habt Ihr das
Gefühl diese Themen stehen bei Aktionär_
innen und Aufsichtsrät_innen auf
der Agenda?
Was wirklich für Aufregung sorgen sollte
Emotionen sind den meisten Menschenheilig. Natürlich, denn auch wenn wir
sie nicht wirklich unter Kontrolle haben,
sehen wir in ihnen unsere Persönlichkeit
definiert. In einer Mischung aus Genetik
(wovon wir alle nur eine relativ haltlose
Vorstellung haben), unserer Erziehung
(wovon wir doch immerhin noch ein paar
persönliche Erinnerung haben) und eben
unserer (gegenwärtigen) Emotionen definiert
sich die „Persönlichkeit“.
Vor lauter Heiligkeit kann die Diskussion
natürlich nicht sachlich erfolgen.
Aus einer wissenschaftlichen Sicht ist es
durchaus eine Frage Wert, unter welchen
Bedingungen der Mensch als Teil der Gesellschaft
untersucht werden kann. Der
maschinelle Ansatz, wie oben impliziert,
kann aber auf individueller Ebene nicht
akzeptiert werden. Während dem eine
Ethik-Kommission zwar notwendige Begleiterin
einer Forschung am Menschen
sein kann, bedeutet ihre Exisztenz noch
lange nicht, das die Proband_innen ihr
Selbstbestimmungsrecht an diese delegiert
haben.
Der Umgang mit Forschungen am Unbewussten
ist aber nicht direkt Gegenstand
dieses Artikels, auch will ich hier
kein „Modell“ für eine Forschungsethik
entwickeln. Viel mehr stellt sich die Frage,
mit welchem Selbstverständnis die
Menschen an Facebook und ähnlichem
teilnehmen.
Interaktion oder Kapitalakkumulation
In den Diskussionen und Artikeln zu denManipulationsvorwürfen an Facebook,
aber auch in Gesprächen über andere Firmen,
stösst man oft auf ein Unbehagen
diesen gegenüber. Gleichzeitig wird aber
wieder abgewiegelt, damit dieses Unbehagen
nicht dem alltäglichen Gebrauch
der „Angebote“ in die Quere kommt.
Ein Hauptgrund zur praktischen Akzeptanz
von Facebook ist immer wieder
die Masse der Beteiligten, oder wie
eben ohne die Teilnahme das Gefühl des
Aussenseitertums entsteht. Dabei wird
gerade das Hauptproblem zur Legitimation
benutzt. Als Ausgangspunkt einer
Diskussion der neuen Medien sollte mal
die Rolle der grossen datensammelnden
Institutionen in unserer Gesellschaft aufgezeichnet
werden. Und ich spreche hier
wirklich nicht von der NSA oder anderen
Herrschaftsapparaten. Viel mehr geht es
um die Entwicklungs- und Kontrollmechanismen,
die hinter den technologischen
Lifestyleangeboten (wie Google,
Gameplattformen oder ähnlichem) stehen.
Auf intransparente Weise werden
Technologien entwickelt, die einerseits
die Menschen auf dem Planeten einander
näher bringen – unter kapitalistischkonsumistischem
Vorzeichen – und andererseits
den Menschen zum gläsernen
Objekt machen. Da die Haupteinnahmen
über die Werbeetats anderer Firmen zustande
kommt, hat Facebook ein grosses
Interesse herauszufinden, wie die Menschen
Ticken, um eben immer effizienter
auf Lifestyleverhalten Einfluss nehmen
zu können. Dafür müssen Kund_innen
möglichst aus allen Lebenslagen Informationen
preisgeben.
Die Kräfte des „freien“ Marktes
Was mit grossangelegten Datensammlungenaus der alltäglichen und überregionalen
Interaktion der Menschen alles angefangen
werden kann ist wohl noch offen
und soll hier auch nicht einfach verteufelt
werden. Zur Zeit erleben wir erst den
Anfang – den Aufbau der notwendigen
Infrastruktur. Problematisch daran finde
ich nicht in erster Linie die Infrastruktur
der Interaktion, sondern die Interessenlage
der Ausführenden und deren Kontrolle über das Ganze. Die Firmen sind nur
den staatlichen Gesetzen und der Aktionärskontrolle
unterstellt. Dabei unterliegen
die Interessen der Aktionär_innen
dem Renditenprimat und der Staat hat
beim Thema des Gesellschaftsmanagements
schon immer zur Überwachung
und Kontrolle tendiert.
Der Handlungsraum von Facebook und
Co. sprengt die nationalen Grenzen. Die
kritisierten Firmen bauen im transnationalen
Raum Strukturen auf, die die
Menschen zu ihren Bedingungen und
unter ihrer Kontrolle vernetzen. Zusammen
mit der geheimniskrämerischen Geschäftspraxis
können die Nutzer_innen
also nicht davon ausgehen, dass ihre Interessen
zuoberst auf der Agenda stehen.
So reicht es auch nicht eine Expert_innenkommission
damit zu betrauen, die
dann doch nur einen kleinen Ausschnitt
der Strategien und Vorgehensweisen zu
sehen bekommt.
Um eine Diskussion dieser Zustände, beziehungsweise
dieser Entwicklungen zu
führen, können die Menschen zur Zeit
fast nur auf die kritisierten Struktruren
selbst zurückgreifen. Alternativen gibt
es durch ähnliche Programme, die von
nichtprofitorientierten Gruppen mit einem
kritischen Selbstverständnis zur Datenanhäufung
und Privatsspähre zur Verfügung
gestellt werden. Gerade aus dem
Blickwinkel von basisdemoktratischen
Strukturen bieten interaktive Plattformen
viel Potential. Um dieses zu entwickeln,
sind die alternativen Projekte auf eine
breite Unterstützung angewiesen.



