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Ausbeutung in der Sharing Economy | Untergrund-Blättle

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Die wunderbare neue Welt des Lohndumpings Ausbeutung in der Sharing Economy

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Am Mittwoch, den 8. Juli, fand in der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein Vortrag von Trebor Scholz statt, der sich mit digitaler Arbeit bzw. deren Verhältnis zu bestehenden Produktions- bzw. Wertschöpfungsverhältnissen beschäftigte und versuchte, Alternativen vorzulegen. Scholz hat eine Professur an der New School in New York inne.

25. Juli 2015

25. 07. 2015

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Wir leben in einem Zeitalter von sogenannten Online-Labour-Pools, die besonders für Freelancer eine grosse Rolle spielen. Amazons Mechanical Turk, CrowdFlower, Amazon Homeservices und ähnliche sorgen inzwischen in den Vereinigten Staaten für die Vermittlung von Arbeit. Momentan gäbe es, so Scholz, in den USA etwa 53 Millionen Freelancer, bis zum Ende des Jahrzehnts würden es um die 60 Millionen sein. Diese Plattformen organisieren also Arbeit, allerdings sind – im Gegensatz zu traditionellen Arbeiterorganisationen – die Arbeiter grösstenteils isoliert voneinander. Scholz spricht hier von „Unsichtbarer Arbeitskraft“, da sich die Arbeiter auf einer der entsprechenden Plattformen anmelden, um ihre Arbeit anzubieten, aber keine Möglichkeit dazu haben, untereinander zu kommunizieren. Auch als Aussenstehender verfüge man nur über Informationen, die nicht wirklich aussagekräftig sind, so Scholz.

Diese Plattformen seien sehr intransparent, man könne nicht wirklich erfahren, wie viele Arbeiter wirklich über diese Plattformen ihre Dienste anbieten. Auch gebe es keinen wirksamen Schutz vor Ausbeutung durch gesetzliche Regelungen, eher im Gegenteil. So führte Scholz weiter aus, dass der Supreme Court entschieden habe, dass ein Arbeiter bei Amazon keinen Anspruch auf Bezahlung habe, wenn er nach dem Vollenden seiner Schicht bei der Sicherheitskontrolle in der Schlange stehe, da dies keine aktive Arbeitszeit sei. Des weiteren wird Zeit bzw. die Messung von Arbeitszeit ein immer grösseres Instrument von Unterdrückung, so der Wissenschaftler. So habe es Fälle gegeben, bei denen Angestellte von Amazon wegen des doppelten Antretens einer kurzen Pause, also mehrmaliger Inaktivität, entlassen wurden.

Auch Start-Ups sind mitverantwortlich

Scholz durchleuchtet den Begriff der digitalen Arbeit in verschiedenen Facetten. Beispielsweise sind Start-Ups für ihn ebenfalls ein Problem. So sind in vielen Start-Ups die Mitarbeiter als Subunternehmer angestellt – eine relativ klassische Herangehensweise für einen Arbeitgeber, sich verschiedenen Pflichten wie dem Leisten von Beiträgen für Sozialversicherungssysteme etc. zu entziehen. Digitale Arbeit sei eben die Spitze eines gigantischen neoliberalen Speeres, der aus verstärkter Kontrolle, steigender sozialer Ungleichheit und dem Verrutschen von regulären Angestelltenverhältnissen zu Niedriglohn-Arbeitsverträgen und der daraus resultierenden Schwächung der Gewerkschaften besteht.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Thematik sei zunehmend entpolitisiert worden, der Fokus läge jetzt nur noch auf Optimierung und Effektivitätssteigerung. In einem historischen Kontext sei diese Entwicklung ebenfalls nicht tragbar. Seit den 1970er Jahren wäre die Produktivität der Amerikaner beständig gestiegen, ohne dass sich das in äquivalenten Lohnerhöhungen widergespiegelt hätte. Selbst College-Abschlüsse würden nicht weiterhelfen. Hierbei spiele auch die Praktikumswirtschaft eine Rolle. Praktikanten würden der US-Wirtschaft 2 Milliarden US-Dollar hinzufügen. Interessanter- bzw. traurigerweise seien 75 Prozent der unbezahlt beschäftigten Praktikanten weiblich. Scholz folgert daraus, dass alle Arbeit, die digital ist, selbstverständlich auch ausgebeutet werden kann, was die Gesellschaft vor eine neue Verwundbarkeit von Arbeitskraft stellen würde.

Digitale Arbeit bzw. deren momentane Form sei ein Symptom der Niedriglohnkrise. Die Entwicklung bewege sich von festen Anstellungen für das gesamte Arbeitsleben hin zu temporären Arbeitsverhältnissen. Grundsätzlich müsse man aber auch unterscheiden zwischen den Strukturen in Deutschland und in den USA. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten gebe es laut Scholz in der Bundesrepublik verhältnismässig mehr glückliche Freelancer, allerdings würden sich diese eben auch freiwillig in diese Arbeitsverhältnisse begeben und nicht wie in den USA durch die Strukturen in diese Form atypischer Arbeit gezwungen. Das habe natürlich Konsequenzen für die junge Generation. Man steige in das Berufsleben mit einem unbezahlten Praktikum ein, um sich dann mit einem unterbezahlten Job in der Kreativbranche über Wasser zu halten, bis man mit wenig bis gar keinem Rentenanspruch in die Altersarmut entlassen wird.

Unsere Definition von digitaler Arbeit muss überdacht werden

Unser Verhältnis zu Arbeit habe sich gewandelt. Wo früher Disziplin unser Verhältnis zu Arbeit bestimmt habe, sei heute Erfolg massgeblich. Dies würde zwar das Gefühl relativer Freiheit vermitteln, führe aber oft genug zu Depression, Beklemmung und Selbstausbeutung, die nicht etwa durch eine etwaig vorherrschende Negativität am Arbeitsplatz hervorgerufen würde, sondern durch ebenjenes vermeintlich positive Gefühl von Freiheit, das alle psychischen Schutzmechanismen umgehe und sich letztendlich als psychischer Druck manifestiere.

Aber was ist digitale Arbeit genau eigentlich? Wie schon festgestellt, sei Zeit ein entscheidendes Instrument zur Kontrolle, ausserdem scheinen Plattformen wie Mechanical Turk und Co. eine grosse Rolle in der Verteilung von Arbeitsaufträgen zu spielen. Nach Scholz muss die Definition von digitaler Arbeit ein integrales Verständnis von allen möglichen Formen von eben dieser reflektieren. Unsere momentane Definition würde hier unzulänglich ausfallen, da man beim Stichwort „Digitale Arbeit“ eher an kreative Tätigkeiten denke und eben nicht an Minenarbeiter im Kongo, die das für den Betrieb elektronischer Geräte unabdingbare Coltan abbauen. Unser Arbeitsbegriff entwickle sich zu dem des freiheitsliebenden Künstlers, dieser werde nun auf eben davon ganz unterschiedliche Arbeitsbereiche angewandt. Scholz findet, dass wir unseren Arbeitsbegriff eben nicht erneuern sollten, da dieser Begriff schon eine Geschichte des Kampfes für bessere Arbeitsbedingungen hat, wie beispielsweise der Kampf für den 8-Stunden-Tag. Es gehe hierbei aber keineswegs um die Romantisierung vergangener Arbeitskämpfe, sondern darum, überhaupt zu erkennen, dass es die Möglichkeit gibt, Arbeitskämpfe zu führen.

Scholz’ Strategie hierzu ist die Gründung von Kooperativen. Man müsse etwas schaffen, was durch die momentane Situation nicht gegeben sei: Dies sei die Vernetzung und Kooperation der Beschäftigten. Anders als Facebook oder Google würden Airbnb oder Uber eben nicht auf Infrastruktur zurückgreifen, die durch sie selbst geschaffen wurde, sondern sie würden unsere Infrastruktur nutzen. Am Beispiel von Airbnb unsere Wohnungen, im Falle von Uber unsere Autos oder generell ausgedrückt unsere Zeit – ganz abgesehen von mit Steuergeldern finanzierten Strassen. In unserer Gesellschaft habe sich das Bild durchgesetzt, dass die Sharing Economy zu einem nachhaltigen und stabilen Kapitalismus führe. Dies sei aber einfach nur ein weiterer ideologischer Überbau für die immer gleichbleibenden Produktions-, Besitz-, und Wertschöpfungsverhältnisse, die sich zudem zunehmend in Richtung der oberen Zehntausend verschieben.

Agitate, Educate, Organize!

Wir sollten uns darum bemühen, Alternativen zu schaffen. Eben das, was Scholz als „Plattform-Kooperativismus“ bezeichnet. Uber, Airbnb und Co. dürfen nicht von unserer Arbeit profitieren, sondern nur die Arbeiter selbst. Ein Problem in der Schaffung solcher alternativen Strukturen sei zum einen, dass sich derartige Kooperativen nur sehr langsam entwickelten, während das Silicon Valley bzw. die dort vertretenen Unternehmen fast täglich neue Lebensrealitäten schaffen würden. Zum anderen würde die momentan vorherrschende Situation die Monopolstellung dieser Firmen begünstigen.

Um daraus ausbrechen zu können, führt Scholz aus, müssten sich die Arbeiter erst einmal (wieder) ihrer Prinzipien bewusst werden. Diese bestünden aus Job-Sicherheit, guter Bezahlung, Transparenz, Rechtsschutz, maximalen und an die Lebensphase angepassten Arbeitszeiten sowie einer gesunden Arbeitsumgebung, die auch die Wertschätzung der geleisteten Arbeit beinhalte. Des weiteren sollten Arbeitsüberwachungsformen, wie das von Amazon durchgeführte Timetracking oder Odesk entschieden abgelehnt werden. Odesk ist ein Programm, das in regelmässigen Abständen Bilder über eine Webcam vom Beschäftigten aufnimmt, um zu kontrollieren, ob dieser tatsächlich arbeitet. Auch sollten die vermeintlich konsumentenfreundlichen Bewertungsfunktionen, beispielsweise wie die von Uber, abgelehnt werden, da sie zu einer permanenten Drucksituation führen würden.

Selbst wenn es gelänge, solche Bedingungen herzustellen, wäre es für Kooperativen immer noch schwer, Fuss zu fassen. Es sei ein enormer Aufwand, diese kooperativen Plattformen zu programmieren und in Stand zu halten. Das sei eben nicht so einfach zu bewerkstelligen wie Crowdfunding-Projekte, da eine beständige Finanzierung nötig sei. Scholz bringt hierzu den Vorschlag, einen Basis-Algorithmus für die Kooperativen bereitzustellen, den diese dann entsprechend ihrer Bedürfnisse bzw. Anforderungen modifizieren können. Um die angebotenen Dienstleistungen für den Konsumenten attraktiver zu gestalten, könne man ja in einer App verschiedene Informationen visualisieren, etwa wie man durch die Nutzung der von dieser Plattform angebotenen Dienstleistung dafür sorgt, dass der Dienstleistende über eine ausreichende soziale Absicherung verfügt.

Silicon Allee statt Silicon Valley

Dies sei eine grosse Möglichkeit für Gewerkschaften, Parteien und ähnlichen, den Zusammenschluss von Arbeitern zu fördern. Und tatsächlich gebe es einen gewissen Trend in diese Richtung, etwa die Freelancers Union aus den USA oder die Partei Lazuz aus Israel. Die junge Generation werde sich ihrer prekären Situation bzw. Zukunft bewusst. Diese Angst führe dann dazu, dass sich die Jungen nach Alternativen umschauen, und genau da müsse man sie abholen.

Dennoch gebe es aber immer noch das Problem, dass eben die Unternehmen, die ein entgegengesetztes Interesse haben, über praktisch unbegrenzte finanzielle Mittel verfügen würden. Um aber dennoch gute und faire „Digitale Arbeit“ Realität werden zu lassen, müsse eine umfassende Vernetzung stattfinden, um für demokratische Rechte zu kämpfen. Scholz schliesst ab, dass die Zukunft nicht auf einer Slideshow im Silicon Valley entschieden werden darf. Sie sollte von einer demokratischen Gesellschaft definiert werden, die Ausbeutung im Generellen nicht toleriert.

Plattform-Kooperativismus stellt also keine generelle Lösung für ein sehr altes Problem dar. Dennoch ist er ein Instrument, um Themen von sozialer Ungleichheit wieder in die Gesellschaft zu tragen und einen gesellschaftlichen Diskurs anzuregen.

Daniel Hawiger
netzpolitik.org

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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