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Zita Grigowski: Trans*Fiction | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Zita Grigowski: Trans*Fiction. Geschlechtliche Selbstverständnisse und Transfeindlichkeit. Trans*Fiction oder Widersprüche muss man aushalten

Sachliteratur

In dem neuen Buch aus der Reihe Geschlechterdschungel des Unrast-Verlages von Zita Grigowski geht es um geschlechtliche Selbstverständnisse und Transfeindlichkeit – das legt zumindest der Titel nahe.

Fuck the CisTem.
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Bild: Fuck the Cis-Tem. Pride in London 2016. / Jwslubbock (CC BY-SA 4.0 cropped)

19. September 2016

19. Sep. 2016

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4 min.

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Das methodische Vorwort kündigt an, was Programm ist: “Vor allem muss man nicht alles in Worten verstehen, um ein bestimmtes Gefühl [!] für etwas zu entwickeln. Worum geht es mir im Wesentlichen? Um offene Perspektiven, alternative Blickwinkel. Sichtweisen, mit denen man lieber weniger [!] versteht, als etwas scheinbar abgeschlossen verstanden zu haben” (5). Ganz zu verstehen ist dann auch gar nicht, was im Folgenden als Gegenstand des Buches vorgestellt wird: Trans*. Was das ist, neben der Begriffslawine von “[...] transgender, genderqueer, Drag Queens und Drag Kings, Bois und trans*grrrls, Transvestiten und Crossdresserinnen, Corssdresser_innen [...]” (6) und noch einem Dutzend anderer Bezeichnungen, wird dabei gar nicht versucht zu klären: “Zu wissen, was die einzelnen Begriffe bedeuten, ist das notwendig? Darüber hinaus: Ist das möglich?” (6).

Nein, natürlich nicht, das wäre ja nicht offen sondern abgeschlossen, und damit eigentlich auch schon Gewalt gegen Menschen: “Wenn ich je nach Kontext von transsexuellen und/oder trans* Menschen schreibe, spiegelt sich darin also das unvermeidliche Problem wider, Lebensrealitäten sprachlich benennbar machen zu müssen und damit Gefahr zu laufen, Menschen fremdzudefinieren” (12). Zum ersten stimmt das nicht: Wer zum Beispiel weiss, was ein Schwuler ist, muss deshalb nicht anfangen, wild Menschen unter diesen Begriff zu subsumieren. Zum zweiten muss gefragt werden: Wo ist das Problem? Warum einen Menschen nicht “fremddefinieren”? Hier folgt das Buch der Logik, darin sofort einen Akt der Gewalt zu erkennen, den viele Menschen tatsächlich auch erleben:

Allerdings liegt die Gewalt hier nicht auf der Seite der begrifflichen Bestimmung, von “Oberbegriffen”, die angeblich dazu tendieren würden, “Differenzen unsichtbar zu machen” (8) Wer ein Interesse daran hat, Choco Plops zum Frühstück zu essen, wird auch nicht dadurch verwirrt, dass es für diese den Oberbegriff “Müsli” im Deutschen gibt, welches Wiederum unter den Oberbegriff “Essen” subsumiert werden kann: Die Differenzen von Toppas Traube, Choco Plops und Honey Loops wird eben nicht dadurch getilgt, dass sie als “Müsli” auch eine Identität haben, und nicht einmal der 5 Jährige Zuckerjunkie findet ihre Differenz unsichtbar gemacht dadurch, dass sie alle in der gleichen Abteilung im Kaufland stehen.

Die Brutalität gegen Transsexuelle entspringt allemal nicht solchen gedanklichen Leistungen, wie dem Versuch, sich einen Begriff von Transsexualität zu machen und ihn dann auch in der Welt und an Menschen wieder zu entdecken, übrigens tatsächlich Notwendig ganz “Fremdbestimmt”, weil es ja mein Gedanke ist, und nicht der jener Person, über welche ich das Urteil fälle. Wenn diese sich dann in dieser Kategorie nicht aufgehoben fühlt, wäre eben zu klären, was der eine und was die andere jeweils für einen Begriff von der Sache hat – und so einigt man sich oder geht eben getrennter Wege.

Hier wird schlicht vergessen, dass es Subjekte in der Welt gibt, die nicht nur Nachdenken und Urteile fällen, sondern deren Urteile in der Welt auch ganz praktisch Exekutiert werden an den Individuen. Von den staatlichen Zwecken an seinem Volk wird in dem Buch allerdings kein Wort verloren. Auch nicht für die Gründe die brave Staatsbürger haben um über Transvestiten und Co das Urteil zu fällen, dass diese “unnormal” seien und hier nicht her gehören. Dabei ist hier die Quelle der Gewalt zu suchen und nicht im schlichten Nachdenken über die Welt.

Statt also über die tatsächlich gültigen und praktizierten Interessen und Verhältnisse in dieser besten aller Welten zu schreiben, und gegebenenfalls denjenigen Institutionen die Gefolgschaft aufzukündigen, die bei dieser Analyse als Schädlich fürs eigene Interesse erkannt werden, wird tatsächlich gefordert, “aktiv gegen eine objektivierende Wissenschaft zu arbeiten” (76). Das ausgerechnet in Zeiten, in welchen in jedem Uniseminar betont wird, dass Wahrheit Dogma ist, und dieses Dogma allemal Wahr sei. Anstatt sich Rechenschaft darüber abzulegen, welche Widersprüche diese Gesellschaft ins Werk setzt und wie die bürgerlichen Individuen sich in diesen Widersprüchen bewegen und sich brutal gegen alle Verhalten, die ihrer Vorstellung von Anstand sich verweigern, wird ausgerechnet gefordert: “Widersprüche auszuhalten” (76).

Berthold Beimler

Zita Grigowski: Trans*Fiction. Geschlechtliche Selbstverständnisse und Transfeindlichkeit. Unrast Verlag, Münster 2016. 82 Seiten. ISBN: 978-3897711358

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