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Wolfgang Kraushaar: Die RAF und der linke Terrorismus | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Wolfgang Kraushaar: Die RAF und der linke Terrorismus Fratze statt Mythos: Reemtsma und Kraushaar entsorgen 1968

Sachliteratur

RAF, das ist deutsche Geschichte. Die Auflösungserklärung vom April 1998 ist durchaus ernst zu nehmen. Wenig ist freilich so in Erinnerung geblieben wie die Anschläge der sogenannten Baader-Meinhof-Bande. Terror, das war immer auch ein Quotenhit.

Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier der USLuftstreitkräfte in Europa am 31.
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Bild: Bombenanschlag der RAF auf das Hauptquartier der US-Luftstreitkräfte in Europa am 31. August 1981, 14 Verletzte. (Kommando Sigurd Debus). / usaf / (PD)

3. September 2017

3. Sep. 2017

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Was die praktische Seite betrifft, ist das Kapitel wohl endgültig abgeschlossen. Doch was die theoretische Sichtung angeht, geht es heiss her. Vor uns liegen zwei umfangreiche Bände, und sie bieten reichlich Stoff zur Debatte. Da finden sich Beiträge zu Begriff und Topologie des Terrorismus, Biographien von Andreas Baader, Gudrun Ensslin oder Ulrike Meinhof, Fallstudien über die Tupamaros in Uruguay oder West-Berlin, Aufsätze über Querverbindungen der RAF zu PLO und PFLP oder zu offiziellen Stellen in der DDR. Diskutiert wird auch der islamistische Terrorismus, wenngleich sich hier jeder Vergleich zum Selbstmordattentat verbietet. Ebenso Berücksichtigung finden die Guerilla-Konzeptionen von Mao und Guevara. Besonders lesenswert ist die Wiederveröffentlichung von Sebastian Haffners Vorwort zu Mao Tse tungs Buch „Theorie des Guerillakrieges“: „Mit der Anwendbarkeit des Maoschen Kriegsrezepts auf Deutschland oder Europa ist es also nichts“ (S. 179), wusste Haffner schon 1966.

Ereignis

Wer Terrorist ist oder Freiheitskämpfer, ist nicht immer leicht zu sagen. Entschieden wird das erst nachher. Klar sollte sein, dass die RAF nie auch nur einen Funken Chance hatte, in die zweite Kategorie aufzusteigen. Für sie gab es einiges anzurichten, aber schlicht nichts zu gewinnen. Haffners Warnung wurde jedenfalls ausgeschlagen, man glaubte ernsthaft, den bewaffneten Kampf in die Metropolen tragen zu können. Diese unrealistische, aber ultimative Sichtweise der Stadtguerilla korrespondierte mit einer programmatischen Leere, die über plakative Phrasen nie hinauskam. Ratlosigkeit trieb in Aktionen, Entschlossenheit bewies sich in Anschlägen.

Es war eine „verzweifelte Entschlossenheit“ (S. 1318), wie Christoph Türcke schreibt. Die „knallhärtesten Taten“ (Bommi Baumann) schüchterten zwar ein und erregten grosse Aufmerksamkeit, aber anders als die IRA oder die ETA konnte die RAF mit ihren Aktionen nie punkten. Im Gegenteil, das umworbene Volk hegte offene Aversion. Gleich einem Fisch in der Wüste bewegte sich die RAF in Deutschland. Ja, sie isolierte sich sogar in der radikalen Linken. Die koketten Sympathien verflüchtigten sich zusehends. Der Deutsche Herbst 1977 stellte den Wendepunkt dar.

Eigentlich ist die Rote Armee Fraktion nicht mehr als eine historische Fussnote. Ideengeschichtlich uninteressant, ereignisgeschichtlich etwas bedeutender, aber mentalitätsgeschichtlich zweifellos von erheblicher Brisanz, und das noch heute. Das zeigen auch diverse Aufgeregtheiten, wenn eins auf das Thema zu sprechen kommt. Etwa wenn eine Strasse nach Rudi Dutschke benannt werden soll oder wenn es um die Freilassung der letzten RAF-Häftlinge geht. Was 68 und auch die RAF vermittelte, war auch: Es darf nicht so sein, wie es ist. Hier wurde tatsächlich das erste Mal nach 1918ff. an einen Bruch gedacht. Und das ergriff nicht nur den linken Rand des Spektrums.

Die meisten RAF-Kader stammten aus dem Bildungsbürgertum, viele wuchsen in religiösen, vor allem protestantischen Familien auf, sie kamen aus der Mitte der Gesellschaft, sozial wie politisch. „Unsere Söhne und Töchter“ heisst bezeichnenderweise der Beitrag von Jörg Herrmann. (S. 644ff. ) Frauen waren überproportional vertreten, gerade auch in führenden Positionen. „Was waren das denn für Leute“, fragt Jan Philipp Reemtsma und Hans-Magnus Enzensberger antwortet: „Ganz biedere Leute.“ (S. 1393)

1968, das war ein Aufbruch von Antiautoritarismus und Autoritarismus, von Antifaschismus und (ja auch! ) Antisemitismus, von Radikalität und Rabiatheit, von grosser Phantasie und grober Illusion. Es war eine wilde, oft produktive, aber oft auch problematische Mixtur, die sich da breit machte. Das Gros der 68er wurde sehr bald sozialdemokratisch und realsozialistisch aufgesaugt bzw. verlief sich in diversen, hauptsächlich maoistisch orientierten K-Gruppen. Der propagierte Marsch durch die Institutionen endete zwar mit einer Eroberung, aber mit der Eroberung der Menschen durch die Institutionen. Nur ein Bruchteil eines Bruchteils ging den Weg in den Untergrund. Diese Relationen sind zu achten.

Ist die RAF nun die Konsequenz aus 1968 oder dessen Irrläufer? Folgen wir dem Herausgeber Wolfgang Kraushaar, aus dessen Feder immerhin neun Beiträge stammen, ist die erste Antwort naheliegend. Geradezu verbissen vertritt er diese Hypothese und exorziert sie akribisch an Rudi Dutschke. Dieser wird vorgeführt als Ziehvater des Terrors: „In der Propagierung illegaler Aktionen gab es zu jener Zeit vermutlich niemanden, der sich mit der von Dutschke an den Tag gelegten Entschlossenheit hätte messen lassen können.“ (S. 236) Vor lauter Text verschwindet der Kontext. Kraushaar wühlt in Dutschkes Nachlass wie in einem Papierkorb, d. h. er fördert aus unbearbeiteten und unveröffentlichten Skizzen wirres und grobschlächtiges Zeug zutage.

Diskutiert wird nicht die theoretische Dürftigkeit der Dutschkeschen Aussagen, dafür wird die theatralische Inszenierung eines politischen Spektakels für bare Münze genommen. Indes müsste diese Doppelgleisigkeit von Wort und Tat doch aus Politik und Werbung sattsam bekannt sein. Die Dramatik der revolutionären Phrase war mehr der Provokation und der Distinktion geschuldet, als dass sie wirklich je Bekenntnis und Absicht wiedergegeben hätte. Ist nicht eher anzunehmen, dass Dutschkes Reden und gelegentliches Schreiben aus dieser aufgeputschten Stimmung gesellschaftlicher Konfrontationen rührt, primär also der Agitation diente? Soviel Differenzierung darf man doch erwarten. Kompromittierende Papiere ersetzen keine Analyse, sie illustrieren sie höchstens. Bei Kraushaar hat sich das Verhältnis jedoch umgekehrt. Er agiert als Staatsanwalt, als einer, der viel weiss, schliesslich gehörte er doch früher selbst der Szene an. Die unbarmherzigsten Inquisitoren waren einst Ketzer.

Was Jahre später nicht nur schräg, sondern regelrecht durchgeknallt klingt, ist eben auch als roher Urknall der versuchten Befreiung vom postfaschistischen Mief der Restauration zu begreifen. Das mag gescheitert sein, aber es ist nicht ohne positive wie negative Wirkungen geblieben. Was die 68er allesamt nicht erkannten, war, wie sehr sie selbst in den Konventionen einer Ära verstrickt geblieben sind. Auch wenn man den Antisemitismus nicht als zentrales Bestimmungsstück dieser Bewegung auffassen darf, ist doch frappant, wie unsensibel und vorurteilsbeladen mit dem Thema hantiert wurde, mit welcher Selbstverständlichkeit gerade der palästinensische Nationalismus forciert und der Staat Israel inbrünstig abgelehnt wurde.

Eindeutige Zuordnungen sollten sich allerdings verbieten, sie werden dem Gegenstand nicht gerecht. Manche 68er sind noch immer links, aber wenige sind aktiv. Schon mehr sind nach rechts gewandert, die meisten davon in der Mitte hängen geblieben, einige sind Politiker geworden, aufgestiegen in höchste Staats- oder Parteiämter, denken wir nur an die Frankfurter Strassenkämpfer von einst, an Josef Fischer oder Daniel Cohn-Bendit. Wenige wie Horst Mahler oder Bernd Rabehl sind tatsächlich bei der NPD oder der „Jungen Freiheit“ gelandet. Was aus Dutschke geworden wäre, weiss niemand. In den letzten Monaten seines Lebens stand er bei der Gründung der Ökopartei Pate, gehörte aber ausdrücklich nicht dem linken Flügel an, sondern war Weggefährte der konservativen Bremer Grünen.

Methode

Natürlich gibt es interessante Parallelen zwischen Dutschke oder Baader mit rechten Denkern wie Jünger, Heidegger oder Schmitt. Kraushaar und andere konstruieren jedoch schlüssige Linien, z. B. anhand des Dezisionismus. Mit gar nicht so grossem Geschick könnte man auch nachweisen, dass Max Horkheimer, Herbert Marcuse oder auch Günther Anders Adepten Heideggers gewesen sind. Einschlägige Textsequenzen sind leicht zu finden. Es ist freilich eine bequeme Rezeption, in der eine philologische Montage die kritische Aufarbeitung abgelöst hat. Die Methode besteht darin, aus dekontextualisierten Zitaten in kriminologischer Manier Indizien zu basteln, um bestimmte Punzierungen zu ermöglichen und entsprechende Tickets auszustellen. Den dezisionistischen Hang zum Voluntarismus könnte man doch auch dechiffrieren als Zuspitzung des bürgerlichen Glaubens an den freien Willen. Was in jeder Hinsicht naheliegender wäre. Aber das dürfte Kraushaar überfordern.

Man kann auch über das Faszinosum der Form reden, doch jede krude Analogie greift zu kurz. Der haben sich einige Autoren aber verschrieben. Wie mache ich ein Puzzle aus Benjamin und Baader, auf dass sich ein logisches Bild ergibt? Nun, man nehme einen Text des ersteren und ein Exzerpt des zweiteren, garniere es mit einem Schuss Carl Schmitt, und fertig ist das Gemälde. Wenn Schmitt erklärt, souverän sei, wer über den Ausnahmezustand verfügt, Benjamin Ähnliches behauptet hat und Baader dem zustimmt, was sagt das aus? Dass rechts und links gleich sind? Wir würden doch annehmen, dass jene These nur richtig oder falsch sein kann. Erkenntnis und Bekenntnis sollten doch auseinander gehalten werden. Was jemand sagt, wo jemand steht und was jemand tut, wird auf eine Weise verrührt, dass es das vorgefasste Urteil nur noch bestätigen kann. Da finden sich skurrile Sätze wie: „Von allen Thesen Benjamins lässt die achte am ehesten eine terroristische Lektüre zu.“ (Irving Wohlfahrt, S. 288) Wie liest man terroristisch? Lesen Terroristen terroristische Lektüren terroristisch? Oder kann mir das auch passieren? Muss ich meine Kalaschnikow einsperren, wenn ich zu Benjamin greife?

Walter Benjamins Überlegungen zur Gewalt wurden verfasst in einer Periode des aufkeimenden Faschismus, in einer Welt paramilitärischer Vereinigungen und handgreiflicher Zusammenstösse, in einer Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Massenelends. Bedacht werden sollte, dass alle elementaren Ereignisse des 20. Jahrhunderts unmittelbar mit Gewalt verbunden gewesen sind. Sowohl bei der Errichtung des Nationalsozialismus als auch bei seiner Niederschlagung hat Gewalt eine eminente Rolle eingenommen. Die Frage nach der Gewalt ist ja nicht mit einem Bekenntnis zu Gewaltmonopol und Rechtsstaat erledigt. Die Frage, was Gewalt ist, wer die Gewalt hat, welche Gewalt sinnvoll, zielführend oder kontraproduktiv ist, die wird heute leider nicht geführt. Walter Benjamin hat sich mit solchen Problemen intensiv beschäftigt. Das spricht für ihn. Natürlich kann man, wenn man will, einiges auch als Apologie der Gewalt lesen. Aber können kann man vieles, was man nicht soll. Man kann Zwischentitel posten wie jenen auf Seite 288: „Zwischen Flaschenpost und Molotow-cocktail: Benjamin, Marcuse, Negt“. Man kann auch hinsichtlich der Frankfurter Schule von der „, Bombe‘, die vielleicht in ihrem Text steckte“ (S. 288) faseln. Man kann.

Darf man also Rechte und die Linke nicht zusammendenken? Oh doch, allerdings sollte man dabei die goldene Mitte nicht vergessen. Die ist kein unschuldiger Zentralkörper, dem alle Extremismen fremd sind. In dieser Publikation wird allzu oft die gesellschaftliche Totalität durch eine vorschnelle Phänomenologie erschlagen. Mit solcher Vorgangsweise kann man vielen vieles anhängen. Man mag dann in zahlreichen Details Recht haben und trotzdem grossen Unsinn erzählen. Hier soll ein Mythos durch eine Fratze ersetzt werden.

Absicht

Die vorliegende Bilanz ist leider im wahrsten Sinne des Wortes eine Abrechnung. Da werden alte Rechnungen beglichen, von denen aber die meisten Leser nichts wissen können. Woraus rührt ihre Aggressivität? Fühlten sie sich jahrelang eingemeindet in eine Geiselhaft falscher Solidarität? Das mag sein und einiges erklären. Aber rechtfertigen tut es nichts.

Ziel ist nicht bloss die Delegitimierung der RAF, sondern die Delegitimierung von 68 und damit jeglichen emanzipatorischen Versuchs. Diese wirkt umso stärker, je mehr sie von Ehemaligen vorgetragen wird. Es handelt sich dabei um das Bedürfnis der in der Berliner Republik angekommenen Ex-68er, um die Rückkehr der biederen Leute. Das Hamburger Institut für Sozialforschung ist ihr lautstarker Verbrennungsmotor. Und das geht nicht klammheimlich, sondern lautstark über die Bühne. Wolfgang Kraushaar ist durchaus ein Joschka Fischer der Wissenschaft. Apropos Frankfurter Spontis: Warum sind Cohn-Bendit und Fischer eigentlich verloren gegangen, warum kommen sie kaum vor und wenn, dann gut weg? Gibt es keine Elaborate, Reden und Auftritte wie jene von Dutschke, oder hängt das damit zusammen, dass die beiden inzwischen den gleichen Positionswechsel wie Kraushaar vollzogen haben? Oder ist das eine böse Frage?

Was beabsichtigt wird, führt Jan Philipp Reemtsma in seinem Beitrag, insbesondere auf der allerletzten Seite, aus. Das scharfe Credo des endgültig Geläuterten liest sich so: „Man versteht nichts von der Geschichte der RAF, wenn man nicht insbesondere die Gewaltlockung erkennt, die in der Idee eines nicht entfremdeten, authentischen Lebens liegt. Nur unter dieser Perspektive versteht man, wie es zu einem ,Mythos RAF‘ kommen konnte, wie dieser Gruppe Desparados, die sich in Brutalität und Vulgarität gefielen, die Aura des Rätsels zuwachsen konnte.“ (S. 1368, alle folgenden Zitate von dieser Seite. )

Abgesehen davon, dass Brutalität und Vulgarität Mythos und Aura weder bedingen noch ausschliessen, läuft da wirklich einer mit einer überdimensionalen rechtsstaatlichen Brechstange durch die Gegend und zieht jedem eins über, der anderes denkt. Das Nichtentfremdete und das Authentische mögen schon ihre Tücken haben, aber sie rechtfertigen doch nicht das Gegenteil. Das sieht Reemtsma aber ganz anders: „Solidarität respektive Kameradschaft (sic! , F. S. ) … sind für solche, die das bürgerliche Leben nicht aushalten, weil es sie überfordert.“

In aller Offenheit wird hier gesagt, was Sache es: Das bürgerliche Leben ist auszuhalten. Wer mit Markt und Staat, Arbeit und Geld nicht klarkommt, ist selber schuld, „überfordert“, letztlich ein pathologischer Fall. Unbehagen, Aufbegehren, Widerstand werden somit zum persönlichen Manko. Jeder ist doch seines Glückes Schmied, sagt der gemeine Menschenverstand und Reemtsma als wendiger wie gewendeter Ideologe übersetzt die marktliberalen Plattheiten ins Akademische. Dass die Leute der RAF es nicht ausgehalten haben, spricht nicht gegen sie, gegen sie spricht, dass sie falsche Konsequenzen gezogen haben. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Anpassung und Geldmachen, mehr ist es nicht, was hier geboten wird. Was die Gesellschaft verlangt, wird idealisiert. Es ist das Duett des Besitzbürgers mit dem Staatsbürger, das hier gegeben wird. Das manichäische Weltbild, das Reemtsma und Kraushaar anderen so salopp unterstellen, ist ihr eigenes. Nur spiegelverkehrt. Es sind die Fanatiker von Markt und Demokratie, die sich hier breit machen und alles niederwalzen wollen, was nach Kritik riecht, indem sie diese a priori unter Verdacht stellen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der gemeingefährliche, totalitaristische Reflex wieder nach einem Radikalenerlass schreit. Da ist nichts anderes unterwegs als ein ideologisches Räumkommando des germanischen Ausgrenzungswahn, der am anderen Ende auch ein Heimholungswahn ist. „Kapituliert!“, schreit dieser neudeutsche Imperativ.

Das Andere zu wollen ist nicht nur falsch, sondern auch blöde: „Keine terroristische Gruppe könnte sonderlich erfolgreich sein ohne solche verständnisvollen Dritten, die die Sehnsüchte nach Authentizität, unentfremdetem Leben sive Undifferenziertheit und Dummheit teilen, die sich aber nicht trauen, selber zuzuschlagen, und darum von der terroristischen Gruppe verachtet werden. Die Feigheit der verständnisvollen Dritten ist das Moment der Realitätstüchtigkeit in ihm.“ Einmal mehr wird der Sympathisant strapaziert: „Die Geschichte der RAF kann man nicht verstehen ohne die theorieförmigen Affekte verständnisvoller Dritter zu analysieren.“ Nein, die Geschichte von Reemtsma, Kraushaar und Co kann man nicht verstehen ohne die theorieförmigen Defekte der Ehemaligen zu untersuchen. Reemtsma entsorgt nicht nur ein Verständnis, er entsorgt jedes Verstehen gleich mit. Die strikte Personalisierung der Tat fungiert als Freispruch für das gesellschaftliche System. Renegaten stehen hoch im Kurs. Mehr als die Figur des Sympathisanten sollte die des Denunzianten interessieren.

Der RAF braucht niemand nachweinen, auch 1968 muss nicht rehabilitiert werden, was jedoch verlangt werden kann, ist Realisierung des Kontexts und Respekt vor den Motiven. Die Fragen, die damals aufgeworfen wurden, sind ja mitnichten erledigt. Da mögen sich die ersten Antworten noch so blamiert, ja desavouiert haben. Wenn Kronzeugen unterwegs sind und die eigene Läuterung nicht an sich selbst, sondern an ehemaligen Genossen exekutieren, ist generell Vorsicht geboten. Da verminen welche das Forschungsgelände. Und drüber weht ein frischer Wind. Es ist der kalte alte. Willkommen in der FdGO!

Franz Schandl
streifzuege.org

Wolfgang Kraushaar: Die RAF und der linke Terrorismus. Hamburger Edition, Hamburg 2006. 1415 Seiten, ca. 84.00 SFr. ISBN 978-3936096651

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