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Widerspruch zur Einordnung des Konspirationistischen Manifestes durch Peter Nowak | Untergrund-Blättle

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Ablösung der alten autoritären, disziplinarischen, patriarchalischen Macht Widerspruch zur Einordnung des Konspirationistischen Manifestes durch Peter Nowak

Sachliteratur

Gerade hatte ich meine Besprechung des Konspirationistischen Manifestes abgeschickt, da traf die Einordnung durch Peter Nowak im neuen Untergrund-Blättle ein, der ich hiermit widersprechen möchte.

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Bild: Cover zum Konspirationistischen Manifest.

16. August 2022
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Es ist nicht meine Art, Recht haben zu wollen, jede Leseerfahrung kann ganz unterschiedlich sein und für die Lesenden Sinn machen und fruchtbar sein. Aber man muss etwas, wofür man kein Verständnis hat, auch nicht denunzieren, nur um die eigene Sichtweise, die nichts neues lernen will, als einzig richtige darzustellen.

Darum möchte ich hier auf einige wenige Aspekte, die mir wesentlich erscheinen, antworten und im Anhang meine Lesart des Manifestes anhängen, die aus dem Text etwas ganz anderes zieht, nämlich sehr wohl einen erheblichen Erkenntnisgewinn zur Einschätzung der gegenwärtigen politischen/gesellschaftlichen Lage.

Ja, sowohl die Texte des Unsichtbare Komitees als auch das neue Konspirationistische Manifest sind staatsablehnend. Der Staat als gewalttätige gesellschaftliche Struktur wird abgelehnt. "Linke Organisationsstrukturen" werden kritisiert und abgelehnt, insoweit sie zu Institutionen verfestigt sind und somit Machtstrukturen reproduzieren. Als Quelle einer revolutionären, d.h. tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderung werden die emotionalen Bindungen angesehen: Freundschaften, Bezugsgruppen, solidarische Netzwerke etc., wie sie sich im Alltag, in Aktionen, in "befreiten Zonen" etc. finden. Diese Verbindungslinien fügen sich zu Strukturen des Vertrauens zusammen, sie benutzen die Elemente der Konsenskultur, der egalitären Basisdemokratie, des Spiels, der Rotation etc. Dafür gibt es viele gesellschaftliche Beispiele, die spanische Revolution in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, und die Zapatisten zur Wende in das 21.Jahrhundert, um nur zwei grosse zu nennen und ohne die unzähligen Basisbewegungen in aller Welt damit missachten zu wollen.

Die spanische Revolution, die anarchistisch geprägt war, führt uns auch gleich zum 2. Punkt meiner Einwände: denn die anarchistischen Strukturen waren sehr wohl die eines Klassenkampfes, die CNT war eine anarchistische Gewerkschaft. Es gibt aber auch andere, sich nicht unbedingt als anarchistisch bezeichnende Initiativen, die unabhängig von den grossen Gewerkschaftsstrukturen Klassenkampf betreiben und zwar im Sinne einer Selbstermächtigung der Kämpfenden, nicht im Sinne einer Machtpolitik von Gewerkschaften oder Parteien. Es ist gerade das kampferhaltende Moment, die Tendenzen zur Institutionalisierung im Auge zu haben und immer wieder aufzulösen.

Und als drittes, was soll die Einschätzung, die offenbar als Denunzierung gedacht ist, die Autoren seien wohl aus dem Akademikermilieu, weil sie so viel zitieren und so viel wissen? Worauf soll das hinaus? Dass wir "Nicht-Akademiker*innen" einfach gestrickt sind und es auch bleiben sollen? Und dass ein "widerständiges Leben", das sich mit Erkenntnissen über "die Welt" beschäftigt, "bescheiden" und wirkungslos ist? Dass wir uns einreihen sollen in die bekannten Strukturen und Denkweisen? Die immer wieder beweisen, dass sie in den Gulag oder den Krieg oder die Katastrophe führen, um einen polemischen Schlenker zu machen?

Ich wünsche mir von einem Text, dass er mir Erkenntnisse eröffnet, dass er mich Welten spüren oder sehen lässt, die mich begeistern oder anrühren, dass etwas Neues entsteht. In diesem Sinne folgt hier meine Lesart des Konspirationistischen Manifestes:

Autor anonym, Übersetzer*innen anonym, Verlag in Deutschland anonym. Verlag der französischen Originalausgabe des Manifeste conspirationniste (Februar 2022) Le Seuil, ein durchaus angesehener, grosser Verlag. In Deutschland fand sich kein Verlag für den Text, der zumindest für eine breite Debatte fruchtbar eingesetzt werden kann. Immerhin fand sich ein Übersetzungskollektiv, das sein Ergebnis online und als Broschüre zur Verfügung stellt.

Ausgehend von den europäischen und weltweit gedachten Massnahmen gegen das neuartige Coronavirus holt der Text aus, um die Veränderung der Herrschaftstechniken "des Westens" zu untersuchen. Das ist durchaus erhellend für die signifikante Verengung und Entmutigung einer kritischen Diskussion in der Jetztzeit, sei es über den Sinn der Pandemie-Massnahmen oder über den Sinn von schweren Waffenlieferungen im Ukrainekrieg oder die in Schweigen gehüllte Niederlage der NATO-Truppen in Afghanistan.

Es geht bei diesen Herrschaftstechniken, gemäss dem Autor, um den Traum von einer optimalen Steuerung sozialer, physischer und mentaler Prozesse mithilfe der NBIC-Technologien: Nano-, Bio-, Informations- und kognitive Technologien, das "transhumanistische Projekt", ein Krieg, der auf Leib und Seele abzielt.

Wir sollten uns nicht von dem Ton des Autors abschrecken lassen, der ein wenig pathetisch, männlich, kompakt, grossspurig daherkommt. Auch dieser Ton ist Resonanz einer speziellen Geschichte von Erfahrungen, Enttäuschungen, Vereinsamungen, Wut, Klugheit, Weitsicht und Hoffnung. Alles in allem ist er Ausdruck eines tiefgreifenden Veränderungswillens.

Warum konspirationistisch? Natürlich weil den Kritiker*innen der Coronamassnahmen ihre Hörigkeit gegenüber Verschwörungstheorien nachgesagt wurde. Ihre Unwissenschaftlichkeit, ihre Dummheit, ihre rechtsoffene oder rechtsradikale Schwurbelei. Dabei heisst Konspiration ja im Wortsinn "gemeinsam atmen", ein Gleichklang. Wo Menschen dieselbe Luft atmen und denselben Geist teilen, entsteht Konspiration. Wir sollten den Begriff positiv benutzen, ihn uns aneignen, denn die Gegenseite praktiziert ihre eigenen Verschwörungen. Zusammen sitzen, etwas aushecken, etwas vorbereiten, das ist Konspiration. Und genau das sollte mit all den Massnahmen der "sozialen Distanz" denunziert und verhindert werden.

Der Autor zeichnet die "Prepardeness" der Gegenseite auf die Pandemie und die zu ergreifenden Massnahmen nach und wie Anfang 2020, nach einer beunruhigenden Serie des weltweiten Ungehorsams ohne Führer und ohne institutionelle Verwaltung (Hongkong, Libanon, Katalonien, die Gelbwesten in Frankreich, Chile, Kolumbien) endlich der Zeitpunkt gekommen war, die vorherigen Fingerübungen einem Praxistest zu unterziehen. Die Massnahmen, die vordergründig eine Virusepidemie einschränken sollten, waren viel weiter ausgerichtet: sie sollten die Autoritäten (Polizei, Wissenschaft, Medien, Staat) festigen bzw. wiederherstellen. Das Misstrauen gegenüber den Institutionen sollte in das Misstrauen aller gegen alle verwandelt, die Einzelnen isoliert werden, damit kein weiterer Ansturm möglich war.

Das den Konspirateuren, den Verschwörern, unterstellte Verbrechen in der Coronazeit war, sich eigenständig, ausserhalb des staatlichen Narrativs, die Ereignisse erklären zu wollen und mit den eigenen Mitteln, von sich selbst ausgehend, Heilmittel, Aktionen, Vorgehensweisen, Schutz zu praktizieren. Das wurde mithilfe von Denunziationen, Ausgrenzungen und effektiver Propaganda verhindert. Die Stärke dieses Textes liegt in der Nachzeichnung der Entwicklung dieser Propagandamethoden, die im "demokratischen Gehäuse" die Beeinflussungsmethoden perfektioniert hat.

"Die Dinge sind nicht, was sie sind, sondern das, als was man sie erscheinen lässt." Das sind die konstruierten oder propagandistisch kombinierten Fakten, das sind die Entscheidungsgrundlagen, wie sie beispielsweise das verhaltensökonomische Nudge braucht. Das Hinleiten zu Entscheidungen durch ausgewählte Nachrichten, das persönliche Betroffenheitslevel durch bestimmte emotionale Nachrichtenschleifen erhöhen etc. Man denke nur an die Bilder aus Bergamo und an alle die Pandemie begleitenden dramatischen Bilder und zusammenhanglosen Zahlen des Schreckens. Wir sind im Krieg, und das erfordert unsere Mobilmachung.

Die seit dem 2. Weltkrieg entwickelten Beeinflussungstechniken wurden 2020 in kriegsmässiger Konzentration eingesetzt. Manipulationen, Angsterzeugung, individuelle Regression, Entmächtigung, Spaltung bzw. Abspaltung und Verunglimpfung von Kritikern. Vorwurf des Verrats, Feindbestimmung der Verräter. Zu den Manipulations- und übrigens auch Foltertechniken gehören: methodische Isolation des Subjekts, organisierte Zerstörung seiner Verbindungen, Entzug von Gewohnheiten, apokalyptische Beschreibung der Aussenwelt, Einschluss des Subjekts in einer konstruierten Realität. Eine Realität, die es erlaubt, eine heroische, kampfbereite Erzählung aufzubauen.

Die Techniken der mentalen Manipulation haben sich in allen Bereichen der gesellschaftlichen Aktivität verbreitet: in Politik, Marketing, Management, Design, Kommunikationswissenschaften, Medien, Architektur, Stadtplanung etc. Allerdings hat der Sättigungsgrad dieser Mystifikationen auch eine Ungläubigkeit hervorgebracht, eine Immunisierung gegenüber der Beeinflussung. Und diese Immunisierung wird als Verschwörungstheorie gebrandet.

Die Ablösung der alten autoritären, disziplinarischen, patriarchalischen Macht durch eine "weiche", indirekte, um so tiefer dringende Herrschaft brauchte die Konditionierung für das Massen-Engineering menschlichen Verhaltens. Die uns umgebende Welt wurde designt, und an der Perfektionierung der virtuellen Umgebung wird ständig gearbeitet: Cybergemeinschaft, Cyberfreundschaft, Cyberjob und Cyberwelt. All das, um die Isolation und damit die Handlungsunfähigkeit von uns Menschen als autonome Wesen zu zementieren.

Diese Alternative zur autoritären Propaganda war als Neudefinition des "demokratischen Westens" gedacht und ist Grundlage ihres "freiheitlich-demokratischen" Narrativs: der sog. Westlichen Wertegemeinschaft. Die in diesem Text versammelten Aspekte und Erkenntnisse über das Projekt, alles zu regieren und das Menschliche zurückzulassen, tragen zum Verständnis für die staatlichen Narrative in Zeiten der aktuellen Kriege und Krisen bei.

Die Frage der Gesundheit auf der Basis einer planetaren Verwüstung erscheint als reine Vermarktungsstrategie. Die Medikalisierung schreitet voran, die Pflege nimmt ab. Der menschliche Körper und zunehmend sein Geist werden als Kapital betrachtet, als Leihgabe, die pfleglich behandelt werden muss, um "der Gesellschaft" zu dienen. Der Körper ist eine biopolitische Realität, gemäss Foucault. Und anlässlich der Corona-Epidemie triumphiert die Biopolitik als grundlegende Logik und Struktur der Gesellschaft. In der Biopolitik geht es nicht um "das Leben" und nicht einmal um das Überleben, sondern um die Durchsetzung einer bestimmten Lebensform und bestimmter "Masse" des Körpers, um seine Skalierbarkeit, um seine Nutzbarmachung, um seine Kontrolle. Biopolitik ist "eine als Tatsache getarnte Politik".

Dabei ist Gesundheit die Fähigkeit, Krisen überstehen und verarbeiten zu können, und sie ist "ein Zustand des körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Gebrechen oder Krankheit" (Georges Canguilhem).

Wie können wir dagegen vorgehen, gegen unsere Isolierung und das Abschneiden von der Beziehung mit "der Welt"? Ein Zitat von Fanny und Gilles Deleuze: "Individuell ist die Beziehung, nicht das Ich. Aufhören, als ein Ich zu denken, um wie ein Fluss zu leben, eine Gesamtheit von Flüssen, in Verbindung mit anderen Flüssen, ausserhalb seiner selbst und in sich selbst."

Wie können wir der Verkümmerung unserer Welt und der digitalen Kolonisierung all unserer Verbindungen entkommen? Am Ende des Buches findet sich ein Zitat von Georg Lukács: "Die Macht der Strukturen scheint immer massloser zu werden, und für die meisten Menschen stellen sie eine stärkere Realität dar als das, was wirklich existiert. Aber - und das ist für mich die ultimative Lehre aus dem Krieg - wir dürfen das nicht zulassen. Wir müssen weiter daran festhalten, dass wir und unsere Seelen letztendlich das einzig Wesentliche sind."

Von der Schwerkraft dieser Strukturen müssen wir uns befreien. Unser zufälliges, prozessuales, vielschichtiges und plurales Leben leben, das politisch ist, insofern es am öffentlichen Raum teilnimmt. Gesellschaftliche Veränderung geschieht durch gemeinsames Losreissen und das Leben einer gemeinsamen Gegenwart. Mit all diesen hier nur kurz angedeuteten Gedanken war das Buch für mich sehr lesenswert.

Hanna Mittelstädt

Konspirationistisches Manifest
aus dem Französischen übersetzt von Et al., Juli 2022
Bestellungen: konspiration@protonmail.com
online-Version:  http://magazinredaktion.tk/konspiration/inhalt.php

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