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Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen. Eine Zukunft ohne Gefängnis

Sachliteratur

Ein ehemaliger Gefängnisdirektor plädiert dafür, Gefängnisse aufzulösen und entwirft Alternativen zum Strafvollzug.

Justizvollzugsanstalt Hünfeld.
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Bild: Justizvollzugsanstalt Hünfeld. /Aylor (CC BY 2.0 cropped)

16. März 2021

16. 03. 2021

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Auf die Frage einer Journalistin, was der Jurist und damalige Gefängnisdirektor Thomas Galli mit den Gefangenen in seiner Justizvollzugsanstalt machen würde, wenn es nach ihm ginge, antwortet er: „Ich würde alle freilassen“ (S. 9). Aber wie genau stellt Galli sich das vor, eine Gesellschaft ohne Gefängnisse? Wäre das überhaupt zu verantworten? Welche Auswirkungen hätte das auf die Sicherheit der Allgemeinheit? Und müssen Straftäter*innen nicht für ihre Taten büssen?

Diesen Fragen widmet sich Galli auf den 312 Seiten seines Buches. Darin berichtet er von seinen persönlichen Erfahrungen als Gefängnisdirektor und davon, wie er ins Zweifeln kam und begann, das Strafvollzugssystem zu hinterfragen. Untermauert wird seine Expertise von Zahlen, Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen über den Strafvollzug. Beim aufmerksamen Lesen springt die Klassenjustiz des Staates besonders ins Auge: circa 90 Prozent der knapp 51.000 Gefangenen in Deutschland (Stand März 2018) verbüssen eine Haftstrafe von weniger als fünf Jahren. Die Liste der Straftaten, die einer Freiheitsstrafe zugrunde liegen, wird dabei angeführt von Eigentums- und Vermögensdelikten, also Diebstahl, Unterschlagung, Untreue und Betrug (40 bis 50 Prozent).

Dabei können schon kleine Delikte wie Ladendiebstahl oder Fahren ohne Fahrschein zu einer Inhaftierung führen, wenn die verurteilte Person die auferlegte Geldstrafe nicht bezahlen kann. So werden jährlich ungefähr 50.000 Menschen zu einer sogenannten Ersatzfreiheitsstrafe verurteilt – fast jede*r dritte zu einer Geldstrafe Verurteilte bezieht Hartz IV. Durch die Ersatzfreiheitsstrafe werden die Betroffenen zum einen noch weiter ins soziale Abseits getrieben, zum anderen verursacht diese Massnahme ein Vielfaches des ursprünglichen „Schadens“: Galli rechnet vor, dass sich die Haftkosten von Ersatzfreiheitsstrafen auf circa 611.000 Euro pro Tag (!) belaufen.

Das Bedürfnis nach Strafe

Gleichzeitig werden in den Parlamenten Waffendeals ausgehandelt, Topmanager*innen entlassen tausende Angestellte, um ihre Profite zu erhöhen und Banker*innen bereichern sich auf Kosten der Steuerzahler*innen, ohne dass ihnen dafür Strafen drohen. Galli formuliert: „Solche Menschen können, ganz legal, viel grösseren Schaden anrichten als viele derjenigen, die im Gefängnis sitzen. Antisoziale Haltungen und Handlungen äussern sich in ‚höheren‘ Schichten nur weniger auffällig.“ (S. 117) Bei der Lektüre des Buches sollte man diese Zusammenhänge im Hinterkopf behalten, schliesslich geht es dabei immer auch darum, wer bestraft wird, welche Verstösse überhaupt geahndet und welche Interessen letztlich mit dem hiesigen Justizsystem verfolgt werden.

Das Bedürfnis nach Strafe ist so alt wie die Menschheit selbst: Im Laufe der Jahrhunderte hat es sich allerdings von einer archaischen Rache nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ hin zu einer weniger blutigen Umsetzung entwickelt. Das Grundmotiv bleibt jedoch dasselbe: Wer anderen Leid zufügt, muss bestraft werden. Die Härte der Strafe soll sich am Ausmass des angerichteten Schadens bemessen, um durch Vergeltung wieder Gerechtigkeit herzustellen.

In unserer Gesellschaft haben wir die Bestrafung an den Staat abgegeben; im Kern geht es jedoch immer noch darum, Täter*innen ein Übel zuzufügen. Damit kann der Staat Menschen mit Freiheitsentzug bestrafen, auch wenn das gerne verschleiert wird: „Resozialisierung ist das neue und schönere Kleid, das man dem Strafvollzug anstelle des in die Jahre gekommenen grauen Umhangs der Vergeltung verpasst hat.“ (S. 34) Heute spricht man auch lieber von Justizvollzugsanstalten und Insass*innen, als von Gefängnissen und Gefangenen, oder von Hafträumen anstatt von Zellen, aber die Praxis bleibt dieselbe. Resozialisierung durch Wegsperren?

Galli macht deutlich, dass er es für weitgehend unmöglich hält, in einer totalitären Institution wie dem Gefängnis wirkliche Resozialisierung zu erreichen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Isolation, Lebensferne, Entmündigung der Insassen, Subkulturen, Gewalt und Drogenkonsum sind nur einige Schlagworte, die den Alltag im Gefängnis prägen. Gleichzeitig wird das gängige Strafsystem kaum hinterfragt:

„Keine Schule könnte auf Dauer bestehen, wenn sie nicht überprüft, wie viel ihre Schüler tatsächlich gelernt haben. Jedes Krankenhaus, das nicht in der Lage ist, Menschen erfolgreich zu behandeln, würde geschlossen werden […]. Ganz anders im Strafvollzug: Hier scheint die Erfolgskontrolle vor allem darin zu bestehen, möglichst wenig belastbares Zahlenmaterial zu erheben und nach aussen zu kommunizieren, um der vergeltungsorientierten Strafe weiter den Anschein einer vernünftigen und aufgeklärten Resozialisierung verleihen zu können.“ (S. 46f.)

Die Rückfallquoten sprechen für sich: Der überwiegende Teil entlassener Inhaftierter wird erneut straffällig.

Eine Gesellschaft ohne Gefängnisse

Galli fordert, Präventionsangebote auszubauen und wegzukommen von der „rückwärtsorientierten Vergeltung von Schuld“ (S. 213), hin zu einer aktiven Wiedergutmachung und Verantwortungsübernahme der Täter*innen. Es soll um die Bedürfnisse der Opfer gehen und um eine wirkliche Resozialisierung der Täter*innen. Dazu bedarf es neuer Strukturen: Sozialarbeiter*innen, Psycholog*innen, Jurist*innen, Kriminolog*innen und so weiter sollen stärker einbezogen und neue, dezentrale und offenere Formen des Freiheitsentzuges etabliert werden. Galli spricht hier zum Beispiel von elektronisch überwachtem Hausarrest oder einem Vollzug in freien Formen, beispielsweise in Wohngruppen.

Durch eine Reform des Strafrechts sollen ausserdem Drogen- und Bagatelldelikte entkriminalisiert werden. Lediglich den gefährlichsten Straftäter*innen – darunter fasst Galli Menschen, „die sich mit ihren Taten ungeheuer weit von einem menschlichen Verhalten entfernt haben“ (S. 263) – soll zum Schutz der Allgemeinheit die Freiheit unter Wahrung der Menschenwürde lebenslang entzogen werden. Galli schlägt hier gesicherte Wohnsiedlungen vor, innerhalb derer sich die Straftäter*innen frei und selbstbestimmt bewegen und einer Arbeit nachgehen können. Alles, was in diesen Arbeitsbetrieben erwirtschaftet wird, soll den Opfern von Verbrechen zugutekommen. Insgesamt würde dieses Modell die Steuerzahler*innen sehr viel weniger kosten als der derzeitige Strafvollzug und gleichzeitig negative Auswirkungen vermeiden, die Gefängnisse auf ihre Insassen haben.

Insgesamt sind Gallis Überlegungen sehr einleuchtend; insbesonders im Hauptteil des Buches, in dem er eindrücklich belegt, weshalb unser derzeitiges Justizsystem mehr Schaden als Nutzen bringt. Trotzdem bleiben einige Aspekte unklar: Wie kann es zum Beispiel im Kapitalismus möglich sein, die soziale Dimension von Straftaten in den Mittelpunkt zu stellen, um beispielsweise korrupte Manager*innen stärker in den Blick zu nehmen als Kleinkriminelle aus Armutsverhältnissen? Wie kann hier ein Umdenken stattfinden, wenn der Autor selbst konstatiert, unser Strafrecht diene dazu, „unser kapitalistisches Wirtschaftssystem möglichst reibungslos am Laufen zu halten“ (S. 206)? Hier lässt Galli offen, woher die Triebkraft für die reformistische Veränderung kommen soll.

Offen bleibt beispielsweise auch, nach welchen Kriterien schwerste Straftäter*innen dieser Kategorie zugeordnet werden, legt er doch an anderer Stelle dar, dass die Treffsicherheit prognostischer Gutachten sehr gering ist. Ungeachtet dieser offenen Fragen ist Gallis Buch sehr zu empfehlen, spannend geschrieben und inhaltlich fundiert. Sein Entwurf einer Zukunft ohne Gefängnisse wirkt daher weniger wie eine ferne Utopie, sondern vielmehr wie eine ganz konkrete Alternative.

Lena Hezel
kritisch-lesen.de

Thomas Galli: Weggesperrt. Warum Gefängnisse niemandem nützen. Edition Körber, Hamburg 2020. 312 Seiten, ca. 22.00 SFr, ISBN 978-3-89684-279-4

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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