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Susanne Kaiser: Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobil machen. | Untergrund-Blättle

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Susanne Kaiser: Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobil machen. Gekränkte Männlichkeiten überall

Sachliteratur

Weisse, heterosexuelle Männer versuchen, sich ihre verloren geglaubte Vormachtstellung in der Gesellschaft zurückzuholen.

Der Autor von Männerratgebern Jordan Peterson (hier in  Palm Beach Florida, Dezember 2018) ist eine der Gallionsfiguren der Incels.
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Der Autor von Männerratgebern Jordan Peterson (hier in Palm Beach Florida, Dezember 2018) ist eine der Gallionsfiguren der Incels. Foto: Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0 cropped)

9. Dezember 2021
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„Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“ (S. 14), erklärte Björn Höcke auf dem Bundesparteitag der AfD im Jahr 2015. Über diese und andere gewaltvolle Versuche, zu einem patriarchalen und dominierenden Männlichkeitsentwurf zurückzukehren, hat die Journalistin und Autorin Susanne Kaiser ein erhellendes Buch geschrieben.

Dabei ist die Liste der möglichen Untersuchungsgegenstände im Jahr 2020 lang: von Attentätern wie Anders Breivik oder Elliot Rogers, über Männerrechtler, Pick-Up-Artists, männliche Suprematisten wie Jordan Peterson oder Jack Donovan, über die neue Rechte, die breite transnationale Anti-Gender-Bewegung und nicht zuletzt natürlich auch rechtspopulistische Politiker wie Donald Trump oder Jair Bolsonaro: Sie alle machen mobil für das Patriarchat und werben für eine spezifische Form der Männlichkeit, die verloren gegangen scheint. Diese zeichnet sich vor allem durch die Unterdrückung von Frauen und marginalisierten Menschen aus.

Der Hass der Incel-Community

All diese Figuren, Bewegungen und Räume werden von Susanne Kaiser beschrieben, eingeordnet und zum Teil analysiert. Besonders im ersten Kapitel, in dem sie sich dem Phänomen der Incel widmet, gelingt es ihr, die ideologische Argumentationslogik der Szene aufzuzeigen. Incel ist eine Selbstbeschreibung und steht für „involuntary celibate“ (S. 10), also unfreiwillig zölibatär lebende Männer. Diese glauben, dass Frauen ihnen Sex und Liebe verwehren, weil sie keine normschönen Körper haben.

Frauen seien oberflächlich und würden nur mit attraktiven Männern ins Bett gehen wollen (die in der Szene als Chads bezeichnet werden). Der Feminismus habe dafür gesorgt, dass Frauen sich heutzutage ihre Sexpartner selbstbestimmt aussuchen könnten und daher bekämen nur die Chads noch Frauen ab. Und dieser Umstand macht sie sehr wütend. Ihren Frauenhass und ihre Gewaltfantasien entladen sie in Internetforen, in denen sie sich radikalisieren und zu Gewalttaten gegen Frauen aufrufen.

Doch warum diese Wut? Susanne Kaiser argumentiert an dieser Stelle mit dem Soziologen Michael Kimmel, nach dem die Wut der Männer aus dem Gefühl der Kränkung resultiert: Der aus der Tradition abgeleitete, vermeintliche Anspruch auf eine Frau und eine ihnen angestammte Rolle innerhalb von Familie und Gesellschaft deckt sich für Männer mit misogynem Weltbild nicht mit den vorgefundenen Geschlechterverhältnissen.

Der Aufruf, zu einer echten Männlichkeit zurückzukehren, die durch den Feminismus abhandengekommen sei, zeigt sich auch bei Autoren von Männerratgebern wie Jordan Peterson oder Jack Donovan. Beide argumentieren evolutionsbiologisch und legitimieren die männliche Dominanz gegenüber Frauen mit dem Paarungsverhalten verschiedener Tierarten. Bekannt geworden ist Jordan Peterson für den Rat, sich am Territorialverhalten von Hummern ein Beispiel zu nehmen. Beide Autoren naturalisieren so die Hierarchien einer patriarchalen Gesellschaftsordnung mit biologistischen Begründungen, was im Patriarchat eine lange Tradition hat.

Restaurative Gewaltakte

Selbige Anspruchshaltung ist auch bei Männern zu finden, die gegenüber ihren Partnerinnen gewalttätig werden. Diese denken, sie hätten Anspruch darauf, Frauen zu dominieren und Macht über sie auszuüben – widerspricht die Frau, entsteht das Gefühl von Kontrollverlust und der Bedrohung der eigenen Männlichkeit. Die Gewalttaten, die darauf folgen, sind als Versuch zu verstehen, die Männlichkeit wiederherzustellen und können in diesem Sinne als restaurativ bezeichnet werden.

Kaiser argumentiert, dass auch die sogenannten Amokläufe der letzten Jahre als restaurative Gewalttaten zu verstehen sind. Und sie sind noch viel mehr als das: Sie sind eine Form der politischen Gewalt und als Terroranschläge zu bezeichnen, da hinter ihnen eine spezifische Ideologie und der Wunsch nach dem Umsturz der bestehenden Verhältnisse steht.

Der Attentäter von Halle, Stephan Balliet, erläutert in seinem Live-Stream zur Tat und im späteren Gerichtsverfahren seine Weltanschauung: Der Feminismus sei schuld daran, dass im Westen die Geburtenraten sinken würden, was die Ursache für die Massenimmigration sei. Männer wie Balliet, der mit 27 Jahren noch bei seinen Eltern wohnte und noch nie eine Freundin hatte, bekämen daher aufgrund der steigenden Konkurrenz keine Frauen mehr ab. Der Attentäter scheint allerdings zu glauben, dass ihm aufgrund seines Geschlechts und seiner Herkunft eine Frau zustünde.

Frauenhass, antisemitische Verschwörungserzählungen und antimuslimischer Rassismus

An der Ausbreitung des Feminismus und den Bürgerrechtsbewegungen sei laut Incel-Ideologie aber eigentlich der Kulturmarxismus schuld, der durch die Migration jüdischer Intellektueller der Frankfurter Schule in die USA Einzug fand und sich später über die ganze westliche Welt verbreitete. So erklärt sich die Verknüpfung von Antifeminismus und antisemitischer Verschwörungserzählung und die antisemitische Motivation von Balliets Tat, der vor Gericht erklärte, dass er vor allem Juden töten wollte.

Auch Anders Breivik glaubte an antisemitische Verschwörungserzählungen und sah sich als Retter, der sich und sein Land gegen den Kulturmarxismus und den Islam verteidige. Hier schliesst sich der Kreis zu dem Aufruf von Björn Höcke, der eine „echte“ Männlichkeit vor allem mit Wehrhaftigkeit assoziiert. Und es zeigt sich, dass Anschläge wie die von Breivik und Balliet als Terroranschläge bewertet werden müssen.

Es handelt sich eben nicht um psychisch kranke Einzeltäter, die Amok gelaufen sind, sondern um ideologisch gefestigte Menschen, die durch ihre Taten einen Umsturz der bestehenden sozialen und politischen Verhältnisse initiieren wollten. Aufzuzeigen, wie diese Verschwörungserzählungen und der daraus resultierende Menschenhass mit einem spezifischen Männlichkeitsbild zusammenhängen, ist die Leistung des Buches. All die von Susanne Kaiser genannten Personen vereint letztlich der Wunsch nach einer dominierenden Männlichkeit und der Irrglaube, darüber geordnete und stabile gesellschaftliche Verhältnisse etablieren zu können, die es so nie gab und nie geben wird.

Nina Timmermann<br>kritisch-lesen.de

Susanne Kaiser: Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobil machen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 268 Seiten, ca. 23.00 SFr. ISBN 978-3-518-12765-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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