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Stuttgarter Geheimnisse | Untergrund-Blättle

Buchrezensionen

Ein Standardwerk zur Erkundung der Schwaben-Metropole? Stuttgarter Geheimnisse

Sachliteratur

Gleich zwei Bücher zum Thema Heimatkunde rund um Stuttgart sind in Kooperation mit der Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten im Bast Medien Verlag erschienen: Stuttgarter Geheimnisse sowie das Pendant zum Stadtteil: Cannstatter Geheimnisse.

Bismarckturm in Stuttgart aus Richtung Ost.
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Bild: Bismarckturm in Stuttgart aus Richtung Ost. / Aerial video capture (CC BY-SA 4.0 cropped)

25. Januar 2017

25. 01. 2017

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Dabei müssen sich die beiden Werke mit dem Standardwerk zur Erkundung Stuttgarts und seiner Geschichte messen lassen: Stuttgart zu Fuss, das inzwischen im Silberburg-Verlag erscheint. Um das Ergebnis gleich zu nennen: Es gibt keinen Grund, die neuen Heftchen dem Klassiker vorzuziehen.

Abgesehen von dem verkrampft wirkenden Geheimnissen, die wohl kaum zu einer Erkenntnis über Stuttgart beitragen, wie der „geheimnisvollen“ Zahl 786, die an der Fassade des Hauses in der Alfdorfer Strasse 4 stehen (Seite 10/Stuttgart); und abgesehen davon, dass wohl nicht nur der „Monte Scherbelino“ (Seite 179/Stuttgart) nicht nur für Stuttgarter kein Geheimnis sein dürfte; abgesehen auch davon, dass die Travertinsäulen und ihre Geschichte wohl zu einer der bekannteren Teile der Geschichte Bad Cannstatts zählen (Seite 52/Bad Cannstatt) – abgesehen von all dem ist es vor allem die politische Einschätzung in den verschiedenen Abschnitten, welche die beiden neuen Werke deutlich hinter Stuttgart zu Fuss zurückfallen lässt.

Da wäre zum Beispiel Strölin, der Bürgermeister Stuttgarts während des Nationalsozialismus, der richtigerweise als „hohes Mitglied der NSDAP-Reichsleitung“ (20/Stuttgart) vorgestellt wird. Einen Autor und nur wenige Seiten weiter ist dann vom „national-patriotischen Oberbürgermeister Karl Strölin“ (33/Stuttgart) die Rede – eine eher seltsame Charakterisierung für einen strammen Nationalsozialisten.

Seltsam ist auch so manch andere Einschätzung der Vergangenheit: Eva-Maria Bast lässt in ihrem Artikel zum Bismarckturm auch einen grossen Freund Bismarcks unkommentiert zu Wort kommen, der so darüber schwadroniert, „was er alles bewegt hat“ (91/Stuttgart): „Er hat zum Beispiel die Kranken- und Rentenversicherung ins Leben gerufen‘. Das grösste Verdienst des ersten deutschen Reichskanzlers war aber freilich [!] die Gründung des Deutschen Reichs 1871. ‚Das bestand ja aus so vielen Fürstentümern und Königreichen […]‘ bringt der Stuttgarter Otto von Bismarck höchsten Respekt entgegen.

Die Feuer ihm zu Ehren hat Bismarck sich seiner Ansicht nach verdient“ (91/Stuttgart). Zu Schade aber auch, dass die Artikel so kurz sind, dass leider kein Platz mehr ist zu erwähnen, warum er die Kranken- und Rentenversicherung ins Leben gerufen hat: Um der Sozialdemokratie das Wasser doppelt abzugraben ging er so auf einige ihrer Forderungen ein, um sie auf der anderen Seite zu verbieten und hunderte von organisierten Arbeitern ins Gefängnis zu stecken. Aber auch dafür hat der Stuttgarter vermutlich „den höchsten Respekt“.

Zumindest ungenau sind andere Stellen: Über die Gleise am Nordbahnhof ist zu lesen: „Von diesem Ort aus wurden durch die Stuttgarter Gestapo-Dienststelle zwischen 1941 und 1944 mehr als 2600 Jüdinnen und Juden sowie Sinti deportiert“ (Stuttgarter/127). Tatsächlich stimmen die Jahreszahlen nicht, so wurden noch am 12. Februar 1945 Juden nach Theresienstadt deportiert – tatsächlich aber nicht mehr vom dann bereits zerbombten Nordbahnhof direkt.

Andere Einschätzungen sind schlicht falsch: „Hanns Martin Schleyer war von RAF-Angehörigen gekidnappt worden, die Terroristen entführten ausserdem das Flugzeug ‚Landshut‘ und ermordeten den Piloten – die anderen Geiseln konnten jedoch befreit werden“ (105/Cannstatt). Die Entführung der Landshut war eine Aktion der Popular Front for the Liberation of Palestine (PLFP), an der zwei Deutsche beteiligt waren, Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, beide Gründungsmitglieder der Revolutionären Zellen – und keine Mitglieder der RAF.

Keine Falschaussage über die Geschichte, sondern eine über das hier und heute, findet sich in dem Buch über Cannstatt, wenn hier zu lesen ist, wie sehr sich eine Stuttgarterin über das Kriegsende gefreut hat: „Ein Frieden, der bis heute gehalten hat“ (84/Bad Cannstatt). Es mag ja sein, dass die Bomben, die rund um den Bodensee produziert werden, heute nicht mehr direkt dort fallen – aber Frieden würde dann doch nur herrschen, wenn Deutschland keine militärischen Operationen von Mali bis Syrien durchführen würde.

Das allerdings zu behandeln würde wohl aber zu einer Heimatgeschichte nicht so gut passen.

Berthold Beimler

Stuttgarter Geheimnisse: 50 Spannende Geschichten aus der Schwaben-Metropole. Bast Medien Verlag, Stuttgart 2016, 192 Seiten, ca. SFr 17.00 ISBN: 978-3946581017

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