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Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht Unterdrückung und Solidarität

Sachliteratur

«Ich habe lange gezögert ein Buch über die Frau zu schreiben.» Mit diesem überraschenden Satz beginnt de Beauvoirs Buch Le deuxième sexe. Relativ bekannt ist der Satz, mit welchem der zweite Band beginnt: «On ne naît pas une femme, on le devient.»

Simone de Beauvoir in Peking, Oktober 1955.
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Bild: Simone de Beauvoir in Peking, Oktober 1955. / Liu Dong'ao (PD)

22. Oktober 2019

22. Okt. 2019

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Die Lektüre offenbart einerseits wie angenehm unaufgeregt und sachlich sich de Beauvoir dem Thema widmet und andererseits wieviele ihrer Erkenntnisse ins feministische Allgemeinwissen übergegangen sind.

De Beauvoir beginnt damit, dass sie zunächst die biologischen Unterschiede der Geschlechter, freilich besonders die Biologie der Frau untersucht, ohne daraus übereilte Schlüsse einer mutmasslichen Über- oder Unterlegenheit des einen oder anderen Geschlechtes zu ziehen. (Die ganze biologische Thematik scheint seltsamerweise im gegenwärtigen Diskurs, zumindest im akademischen, keine Rolle mehr zu spielen. Während die angeblich natürliche Bestimmung der Frau zum Mutterdasein im rechten Diskurs eine um so grössere Rolle spielt.)

Kritik an der Psychoanalyse und dem Marxschen Materialismus

Im Anschluss daran unterzieht sie sowohl die Psychoanalyse als auch den marxistischen Materialismus einer treffenden Kritik: An der Psychoanalyse kritisiert sie, dass sie auf ihre Begriffe und Schemata nicht reflektiere. Die Psychoanalyse habe ihre Theorie zu einem dermassen komplizierten Gebilde ausgebildet, dass sie auf jeden Fall anwendbar sei, ohne dass sie auf ihre Gütligkeit befragt werden müsste. Zudem sei die Psychoanalyse von einer männlichen Sicht geprägt, welche keine Notwendigkeit sieht für eine Psychoanalyse der Frau oder eine Geschichte der weiblichen Sexualität und diese stattdessen lediglich von der männlichen ableite. Die Psychoanalyse transportiere also die auf die Antike zurückgehende Konzeption, dass die Frau nichts weiter sei als ein mangelhafter Mann.

Für ihre Kritik am Marxismus geht de Beauvoir aus von Friedrich Engels' Aufsatz Der Ursprung der Familie. Die Unterdrückung der Frau, so ihre Kritik, könne nicht auf das Privateigentum zurückgeführt werden: Engels sehe eine kausale Beziehung zwischen der Entstehung des Privateigentums und der damit einsetzenden Unterdrückung der Frau. Engels, so de Beauvoir eskamotiere jedoch die wichtigsten Probleme und weist daraufhin, dass Engels selbst zugebe, über diese historische Phase nichts Genaues zu wissen. Auch der Marxismus postuliere zu viele Hypothesen als Fakten – wie menschliches Interesse am Eigentum -, die es erst noch zu beweisen gälte.

Mittlerweile existiert eine feministische Richtung der Psychoanalyse und auch im linken Spektrum, bspw. in marxistischen und anarchistischen Milieus hat sich eine Tradition feministischer Theoriebildung entwickelt - wenn auch deren Notwendigkeit oft nicht erkannt wird.

Sitzt man in einer solchen Runde und wird die - aufrichtig naiv gemeinte? - Frage gestellt, ob denn feministische Theorie notwendig sei, wenn Anarchismus bzw. Marxismus die Befreiung aller Menschen zum Ziel hätte, möchte mensch am liebsten die Hände überm Kopf zusammenschlagen. Vielleicht gibt das eine Antwort darauf, ob de Beauvoirs Wälzer heute noch relevant sei.

Verschiedene Unterdrückung und Solidarität

Im zweiten Teil des ersten Bandes entwirft de Beauvoir eine Geschichte der Frau, von Urzeiten bis zu ihrer Gegenwart. Dabei hält sie einige wichtige Erkenntnisse fest, jenseits von binärem Denken. Wenn auch diese Welt, wie sie anfangs festhält, immer den Männern gehört habe, war die Frau nie nur unterdrückt. Am härtesten traf die Unterdrückung jedoch immer die Frauen aus den untersten Schichten. Die Frauen aus den herrschenden Schichten ab der Antike jedoch hatten immer wieder ein kleines Mass an Freiheit und Einfluss. Und ab dem Mittelalter hatten solche Frauen eine wesentliche Bedeutung für die Kultur und die Künste. Doch all dies war möglich nicht, weil diese Frauen sich hätten emanzipieren können, sondern weil sie sich an die männliche Welt angepasst hätten. Darum könne einer Jeanne d'Arc oder einer Katharina die Grosse keine Vorbildfunktion zu kommen, da sie in einer Männerwelt nach deren Regeln agierten.

De Beauvoir legt den Finger auch in eine äusserst schmerzhafte Wunde. Frauen sind nicht mit Frauen solidarisch. Weisse Frauen sind mit weissen Männern solidarisch gegen nicht-weisse Menschen, Proletarierinnen sind solidarisch mit proletarischen Männern, schwarze Frauen mit schwarzen Männern etc. Gerade in den herrschenden Schichten Europas hatte und hat die Frau einen parasitären Status inne. Auch dieser ist freilich von Unterdrückung gekennzeichnet, von einer priviliegierten jedoch. Man muss sich diesen Umstand vergegenwärtigen, um zu begreifen, warum Frauen erst vor relativ kurzer Zeit sich zu emanzipieren begannen.

Mythen

Der dritte Teil untersucht die Mythen. Im engeren Sinne einerseits, wie sie sich bspw. in der Antike, im Juden-und Christentum und bei indigenen Völkern finden. De Beauvoir streicht dabei die universelle männliche Furcht und gleichzeitige Faszination heraus, welcher Frauen ausgesetzt waren und sind. Häufiges Element ist das Tabu um die menstruierende Frau. Bei vielen Ethnien und Religion gilt diese während der Menstruation als unrein. Auch in diesem Kapitel glänzt de Beauvoirs differenzierendes Denken; so zitiert sie ein Beispiel aus der Literatur, in dem ein Mann mit der Menstruation einer Frau konfrontiert ist und sich vor dem Menstruationsblut ekelt. Diesen konkreten Ekel - Blut ist nun einmal ein Körpersaft und diese sind nicht gerade appetitlich - unterscheidet sie von der mythischen Projektion.

Um Mythen im weiteren Sinne geht es, wenn sie ausgewählte, ausschliesslich männliche Autoren auf die Darstellung von Frauen in deren Texten untersucht. Dieses Kapitel ist etwas harzig zu lesen, denn zu Beginn des jeweiligen Abschnittes nimmt de Beauvoir ihre Thesen vorweg, so dass nach Lektüre der ersten paar Beispiele der Rest des Abschnittes überflüssig erscheinen mag. Der inhaltlichen Relevanz tut dies jedoch keinen Abbruch.

Insgesamt zeigt de Beauvoir in diesem Kapitel, dass sich die Frage nicht darum dreht: negatives oder positives Frauenbild. Denn letzteres kann ebenso einem Mythos entspringen. Sondern - und es ist erschreckend, wenn es ausformuliert wird - es muss darum gehen, die Frau als menschliches Wesen wahrzunehmen.

Stendhal ist der einzige Autor, den sie als positives Beispiel analysiert und ihm eine ebensolche Sicht attestiert.

Der einzige Schwachpunkt des Buches ist ein methodischer: viele Zitate sind nachgewiesen, jedoch nicht alle. Jene, die es nicht sind, vermutlich deshalb nicht, weil sie als bildungsbürgerliches Allgemeingut gelten. Doch gerade im zweiten Kapitel über Geschichte wären die Leser_innen dankbar über die eine oder Quellenangabe, gerade da de Beauvoir einen anderen Blick auf die Geschichte wirft.

Nichtsdestotrotz: wer glaubt, das Buch habe nach 1968 und den Folgen an Aktualität eingebüsst, täuscht sich. Ja, Fortschritte haben stattgefunden. Doch so viel weiter sind wir nicht. Gerade auch angesichts des konservativen Backlashs ist dieses Buch weiterhin aktuell.

BB
di schwarzi chatz 57

Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht. Rowohlt Taschenbuch, 2000. 944 Seiten. ca. 22.00 SFr., ISBN: 978-3499227851

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