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Simon Schaupp: Technopolitik von unten Kampf in der digitalen Abwärtsspirale

Sachliteratur

Die Analyse algorithmischer Arbeitssteuerung in Deutschland beleuchtet die Bedrohungspotenziale für Arbeiter*innen durch digitale Technik – und Strategien dagegen.

Tesla Fabrik, Juni 2012.
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Tesla Fabrik, Juni 2012. Foto: Steve Jurvetson (CC BY 2.0 cropped)

17. Juni 2022
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Etwas mehr als zehn Jahre ist der derzeitige Tech-Boom mittlerweile alt. Kurz nach der letzten Finanzkrise formierten sich damals neue Geschäftsmodelle in rasender Geschwindigkeit. Startups wie Uber versprachen autonomes Fahren per App, Airbnb eine „Sharing Economy“ und wie Pilze schossen Lieferdienst-Plattformen aus dem Boden. Während sich grosse Teile Europas im Austeritätsmodus befanden, riefen schwäbische Maschinenfabrikanten eine „vierte industrielle Revolution“ aus. Gerade in Zeiten des Abstiegs hatten solche rosigen Prognosen offenbar Konjunktur.

Zwar halten die Investitionen in Technologie beständig an und haben Tech-Unternehmen mittlerweile zu wichtigen Playern der Weltwirtschaft gemacht. Der Glaube an ihre Versprechen ist aber mittlerweile vielerorts Ernüchterung gewichen. Weder ein Ende der Arbeit noch die Automatisierung der Mobilität sind in Sicht; stattdessen drohen prekäre Jobs und eine Klimakrise. Selbst auf den Streamingdiensten der Tech-Firmen bebildern dramatische Dokumentationen einen „Techlash“, die Umkehr der Zukunftsträume ins Gegenteil. In welche Richtung entwickeln sich also die Dinge, und was hat sich tatsächlich in der Praxis getan?

Eine Antwort mit Blick auf die Arbeitswelt liefert das Buch „Technopolitik von unten“ des Soziologen Simon Schaupp. Sie fällt zunächst düster aus, zeigt aber auch Horizonte auf. In seiner mehrjährigen Studie hat Schaupp vier grosse Unternehmen untersucht, die in Deutschland digitale Arbeitssteuerung einsetzen. Was dabei passiert, hört sich mittlerweile bekannt an: Statt Prozesse zu erleichtern, werden Arbeitskräfte mittels digitaler Technik kontrolliert und diszipliniert. Schaupps Fälle zeigen auch, dass die Steuerungstechniken qualifizierteres Personal überflüssig machen können, wenn deren Wissen getrackt und in Steuerungssysteme überführt wird.

Arbeiten, um sich überflüssig zu machen

Diese Entwicklung geht in der neuen Plattform-Logistik (Amazon, Deliveroo) radikaler von statten als in deutschen Industrieunternehmen. Die Tendenz lautet aber in allen Fällen: das Management ist immer weniger auf Fachwissen und soziale Bindungen von Arbeitskräften angewiesen, sondern kann mit einem Set an vorgegebenen Techniken den Arbeitsprozess orchestrieren, prüfen und in Teilen auch automatisieren.

Schaupps Buch bleibt nicht bei der Beschreibung dieser Vorgänge stehen, sondern systematisiert sie mit Blick auf Klassenverhältnisse. Als „kybernetische Proletarisierung“ konzeptualisiert er die Abwärtsspirale aus Kontrolle, Verdichtung und Automatisierung von Arbeit, die schliesslich in einer Reintegration von Arbeiter*innen zu schlechteren Bedingungen mündet. Kybernetisch ist dieser Prozess, weil Arbeiter*innen in digitale Rückkopplungsschleifen eingebunden sind, die ihrer eigenen Automatisierung dienen. So bestehe also „ein Teil ihrer Arbeit […] darin, sich selbst überflüssig zu machen“ (S. 245). Dadurch können auch neue Gruppen dem Arbeitsmarkt zugeführt werden. Eines der untersuchten Unternehmen akquiriert etwa gezielt Geflüchtete aus Asylzentren, um sie dann zu niedrigen Löhnen unter den neuen Systemen zu beschäftigen.

Mit der Reaktivierung des Begriffs der Proletarisierung will Schaupp nicht nur eine sich zuspitzende Abhängigkeit der lohnabhängigen Bevölkerung verdeutlichen. Er betont auch ihr Konfliktpotential, wenn etwa Essenskuriere die Abwesenheit von Vorgesetzten zur Streikplanung nutzen oder sich Beschäftigte gemeinsam über Industrieroboter lustig machen. In Schaupps Studie wird anschaulich, dass sich algorithmische Arbeitssteuerung nie bruchlos in den Arbeitsprozess übersetzen lässt, sondern auf Widerspruch und Subversion trifft. Solche Auseinandersetzungen prägen nicht nur den Arbeitsprozess selbst, sondern können auch den Weg für soziale Kämpfe pflastern: Die Organisierung von Amazon-Lagerarbeiter*innen und Lieferdienst-Rider*innen in den letzten Jahren sind Antworten auf diese Zumutungen, die sich sogar zu transnationalen Netzwerken entwickelt haben.

Dass sich das Buch mit Gewinn liest, liegt auch an der Vielfalt der Zugänge. Sowohl die sehr deutsche, korporatistische Welt der Industrie 4.0, aber auch die global verbreitete Plattformökonomie werden untersucht. Obwohl sich die konkreten Strategien in den Branchen unterscheiden, ist die Spirale der kybernetischen Proletarisierung in beiden Fällen sichtbar.

Eine zweite Besonderheit ist der methodische Zugang: Schaupp hat für die Forschung ethnographisch in einem Maschinenbaubetrieb und als Lieferdienst-Fahrer gearbeitet. Die so wichtigen Bruchstellen und Subversionsmomente, auf die immer wieder verwiesen wird, speisen sich auch aus diesen ethnografisch gewonnen Beobachtungen.

Angleichung oder Vervielfältigung?

Gleichwohl lässt das Buch auch Fragen offen. Sowohl die kybernetische Proletarisierung als auch die aus ihr entstehenden Kämpfe führt Schaupp auf eine „Angleichung der Arbeitsprozesse“ (S. 236, S. 283) durch algorithmische Arbeitssteuerung zurück. Solche Prozesse lassen sich ohne Zweifel beobachten. Sichtbar ist aber mindestens in der Plattformökonomie auch das Gegenteil, eine Vervielfältigung der Arbeit mit zahlreichen Facetten.

So macht gerade der leichte Einstieg in algorithmisch gesteuerte Arbeitsprozesse eine grosse Bandbreite an Nutzungsformen möglich. Wer als Rentnerin die Uber-App nutzt, um sich gelegentlich das Einkommen aufzubessern, ist dabei anders in die algorithmische Kontrolle von Uber eingebunden als Familienväter ohne Aufenthaltspapiere, die abhängig von Bonusprogrammen rund um die Uhr durch die Stadt fahren. Der Zugang zu Arbeit kann von Plattformen nicht nur unterschiedlich integriert, sondern dazu auch in verschiedenste Vertragsformen (Minijobs, Werkstudierende und so weiter) gegossen werden. Im Vergleich zu etablierten Beschäftigungsformen scheint sich daher eher eine „Multiplikation der Arbeit“ (Mezzadra/Neilson 2013) zu entwickeln als eine Angleichung.

Offen bleibt auch, wie Schaupp selbst andeutet, inwieweit sich seine Analyse auf Bereiche ausweiten lässt, in denen die Standardisierung von Prozessen komplexer ist als in Industrie und Logistik. In vielen Geschäftsmodellen der Digitalbranche werden Arbeitsprozesse unsichtbar gemacht oder outgesourct, selten aber wirklich ersetzt. Auch algorithmische Prozesskontrolle spielt etwa bei Reinigungs- oder Pflegeplattformen wie Helpling oder Care.com kaum eine Rolle – weder geben die Apps hier genaue Anweisungen, noch sind komplexe Rückkopplungsschleifen im Einsatz. Und selbst die Konflikte der Beschäftigten bei Gorillas, von denen Schaupp eingangs schreibt, drehen sich kaum um algorithmische Arbeitssteuerung. Die Kontrolle der Arbeit findet dort analog durch Vorgesetzte im Warenlager statt, und statt um Technologie drehen sich die Streiks um die üblichen Themen im Niedriglohnsektor: Lohnraub, Kündigungen und Ausrüstung.

Wesensmerkmale der Digitalisierungsdebatte

Mit seinem Buch rückt Schaupp nicht nur eine Reihe von Mythen zu Automatisierung und algorithmischer Kontrolle zurecht. Er zeigt auch überzeugend, wie sich digitale Kontrolle und Klassendynamiken heute wechselseitig formen. Offen bleibt nach der Lektüre, worüber eigentlich im Kern gesprochen wird, wenn von Digitalisierung der Arbeit und den Konflikten um sie die Rede ist. Geht es um algorithmische Arbeitssteuerung? Um Automatisierung? Um Daten und Plattformen? Oder um eine Melange an Geschäftsmodellen und Management-Strategien, die unter dem Stichwort der Technologie Risikokapital und Staatsgelder einsammeln? Das Buch von Simon Schaupp liefert ein gut informiertes Analyseangebot, um diese Fragen zu diskutieren. Dass es dabei den Blick auf die Perspektive der Arbeiter*innen und deren Kämpfe richtet, macht es umso wertvoller.

Valentin Niebler
kritisch-lesen.de

Simon Schaupp: Technopolitik von unten. Algorithmische Arbeitssteuerung und kybernetische Proletarisierung. Matthes & Seitz, Berlin 2021. 352 Seiten, SFr ca. 18.00 ISBN: 978-3-7518-0332-8

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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