UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Sabine Nuss / Florian Butollo (Hg.): Marx und die Roboter | Untergrund-Blättle

5762

Sabine Nuss / Florian Butollo (Hg.): Marx und die Roboter Der (Alb-)Traum von der menschenleeren Fabrik

Sachliteratur

Für die aufgeregten Debatten um Automatisierung, Künstliche Intelligenz und Roboter lohnt ein Blick in die Schriften eines Mannes aus dem 19. Jahrhundert: Karl Marx.

Industrieroboter von Kuka.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Industrieroboter von Kuka. Foto: Movicontrol (CC BY-SA 4.0 cropped)

13. November 2019
1
0
4 min.
Drucken
Korrektur
Es klingt eigentlich nach dem Paradies auf Erden: Der Mensch liegt gemütlich in der Hängematte, während um ihn herum Roboter den Rasen mähen, ein paar Kilometer entfernt in einer Fertigungshalle das Leben erleichternde Produkte herstellen oder in Elektro-Bussen Menschen durch die Gegend kutschieren. Das Leben für uns, die Drecksarbeit für die Roboter.

Doch leider ist die Vorstellung vom tüchtigen Roboter, der uns die Arbeit weg- beziehungsweise abnimmt, unter den gegenwärtigen Bedingungen alles andere als ein Wunschtraum. Denn leider leben wir immer noch im Kapitalismus, wo die allermeisten Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft als Ware zu verkaufen, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Roboter – billiger, schneller, zuverlässiger

Regelmässig machen Prognosen die Runde, nach denen wegen zunehmender Automatisierung massenhaft Arbeitsplätze in den kommenden Jahren verschwinden würden. So haben etwa US-amerikanische Wissenschaftler*innen vorgerechnet, dass in den kommenden Jahrzehnten etwa die Hälfte aller derzeitigen Jobs in den USA wegfallen würden. Roboter sollen die besseren Arbeitskräfte sein: billiger, schneller und zuverlässiger, schliesslich brauchen sie keine Mittagspausen, keinen Schlaf, können 168 Stunden pro Woche arbeiten – und nicht nur lächerliche 40.

Sind in der Fabrik der Zukunft also nur noch Robotergeräusche und keine Menschenstimmen mehr zu hören? Um diese Frage zu beantworten, haben sich Sozialwissenschaftler*innen, Politolog*innen und Historiker*innen Rat bei einem Klassiker gesucht: Karl Marx. Herausgekommen ist der Sammelband „Marx und die Roboter“.

Eine alte Debatte

Mit Karl Marx wollen die Autor*innen die aufgeregte Debatte um Automatisierung erden; eine Debatte, die immerhin so alt wie die Dampfmaschine selbst ist. Darauf verweist Karsten Uhl von der Technischen Universität Darmstadt in seinem Beitrag:

„Die Erwartung einer umfassenden industriellen Automatisierung, die in nächster Zukunft zu menschenleeren Fabriken führe, ist keinesfalls eine neue Erscheinung des frühen 21. Jahrhunderts. Sie durchzieht vielmehr sämtliche Phasen der Industrialisierung seit der Industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert.“ (S. 88)

Uhl belegt dies mit Quellen aus dem frühen 19. Jahrhundert, in denen bereits das Ende der Arbeit in der Fabrik vorausgesagt wurde. Ein Naturwissenschaftler namens Andrew Ure schrieb im Jahr 1835 über die damaligen Textilfabriken und prognostizierte, dass dort schon bald kein Mensch mehr zu sehen sei. Eingetreten sind solche Voraussagen bisher nicht. Im Gegenteil: Weltweit haben nach Industrialisierungsschüben im Globalen Süden noch nie so viele Menschen in Fabriken gearbeitet wie heute.

Doch warum irren die Prognosen seit beinahe 200 Jahren? Die Diagnose des Sammelbandes: Auch zeitgenössische Analysen betrachteten die technologische Entwicklung isoliert. Mit Marx an der Seite gelänge es stattdessen, Ökonomie mit Politik und Gesellschaft zusammenzudenken.

Der Begriff der Produktivkraft

Ein Schlüsselbegriff in Bezug auf Automatisierung ist Marx' Begriff der Produktivkraft. Darin geht es um die gesamte produktive Kraft, die eine Gesellschaft in sich vereint. Die Produktivkraft umfasst die Naturverhältnisse, den durchschnittlichen Qualifikationsgrad aller Beschäftigten in einer Gesellschaft, die Organisation von Arbeit insgesamt. Technologische Entwicklung ist also nur ein Element unter vielen.

Mit dem Begriff der Produktivkraft wird klar, dass etwa der Vollautomatisierung in der Autoproduktion Grenzen gesetzt sind. Zwar können heute viel mehr Tätigkeiten durch Maschinen erledigt werden als früher, aber gleichzeitig sind die Arbeitsprozesse viel komplexer geworden. Florian Butollo und Sabine Nuss schreiben in der Einleitung:

„Vollautomatisierung in der Automobilindustrie wäre vermutlich schon erreicht, wenn die Produktentwicklung auf dem Stand von Fords Modell T geblieben wäre, das verhältnismässig einfach aufgebaut und Anfang des 20. Jahrhunderts nur in einer Ausführung hergestellt wurde. Aber die Autoindustrie ist von schnellen Innovations- und Produktzyklen, einer hohen Produktvielfalt und komplexen Produktarchitekturen geprägt.“ (S. 15)

Neue Technik, aber auch umweltverträglichere Autos, gleichzeitig zunehmende Mobilität – das alles sind Faktoren, die bei blossen Berechnungen der technologischen Möglichkeiten ausgeblendet bleiben. Hinzu kommt: Auch die Entwicklung, Wartung und Betreuung der Roboter benötigt menschliche Arbeitskraft. Alte Arbeitsplätze verschwinden, neue entstehen.

Letztlich ein Schreckgespenst

Die Autor*innen der 18 Aufsätze sind in unterschiedlichen Disziplinen zu Hause: etwa in der Soziologie, der Politikwissenschaft oder der Geschichte. Entsprechend gelingt es eindrücklich, die Phänomene Roboter, Künstliche Intelligenz und Automatisierung aus vielen Blickwinkeln zu betrachten. Und die Aufsätze sind trotz der unterschiedlichen Theorie- und Forschungstraditionen verständlich. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Diskussionen um Automatisierung wohl kaum mehr als ein Schreckgespenst sind, menschenleere Fabriken erst einmal nicht flächendeckend entstehen werden. Schade eigentlich.

Sebastian Friedrich
kritisch-lesen.de

Sabine Nuss / Florian Butollo (Hg.): Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit. Karl Dietz Verlag, Berlin 2019. 352 Seiten, ca. 25.00 SFr. ISBN 978-3-320-02362-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Facebook-Zenrale in Menlo Park, Silicon Valley.
Wenn hinter dem Label KI eigentlich digitale Heimarbeit stecktDie “Caring Crowd”

27.10.2020

- Wie praktisch, wenn ich während der Arbeit auch noch Arbeiten kann um Geld zu verdienen.

mehr...
Industrie  definiert die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine neu.
Ein HypeArbeit 4.0

01.02.2018

- Alles wird neu. Sogar der Kapitalismus im [...]

mehr...
TORO, ein Humanoider Roboter der DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt).
Von den Anfängen der RobotikDie Geschichte der Roboter

07.07.2010

- Zur Geschichte: Anders als viele Technologien, die einen starken Einfluss auf Mensch und Gesellschaft haben, entstanden Roboter nicht zuerst als Technologie, mit der man dann umzugehen erst erlernen musste.

mehr...
Militärisches Krisenmanagement

06.11.2019 - Unter dem Titel "Marx und die Roboter" erschien Mitte des Jahres ein Sammelband im Karl Dietz Verlag, der sich in 18 Beiträgen genau damit befasst: Wie lassen sich, unter Rückgriff auf den reichhaltigen Fundus Marx'scher Theorie, diese vielen neuen oder 'neuen' Phänomene begreifen, von denen es immer heisst, dass sie unser Denken, Leben, Wahrnehmen, Arbeiten usw.

Digitalisierte Produktionswelt: Marx und die Roboter

05.09.2019 - Voll automatisierte und völlig autonome Produktion, das verspricht die sogenannte "Industrie 4.0". Aber was bedeutet die technische Entwicklung, die uns ermöglicht mit Robotern und Daten Dinge herzustellen?

Dossier: Digitalisierung
GillyBerlin
Propaganda
Das Recht auf Arbeit

Aktueller Termin in Oberhausen

Jan Off & Die Manfreds

Jan Off „Liebe, Glaube, Hohngelächter“ & Die Manfreds :::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::::: 02.12.2022 Oberhausen – Druckluft 19:30 Uhr Einlass / 20:00 Uhr Beginn Preis: VVK: 8€ / AK: 10€ Tickets: ...

Freitag, 2. Dezember 2022 - 20:00 Uhr

Druckluft, Am Förderturm 27, 46049 Oberhausen

Event in Berlin

STICK TO YOUR GUNS + KNOCKED LOOSE + LANDMVRKS + SOUL BLIND

Freitag, 2. Dezember 2022
- 21:00 -

Huxleys Neue Welt

Hasenheide 107-113

10967 Berlin

Mehr auf UB online...

Soldatendemonstration in Cottbus, Januar 1990.
Vorheriger Artikel

Wehrpflicht

Was ich mit diesen Soldaten da gemein habe

 Liv Tyler ¨in Leicester Square, Dezember 2003.
Nächster Artikel

Eine Nacht bei McCool’s

Bingo !!

Untergrund-Blättle