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Rutger Bregman: Im Grunde gut | Untergrund-Blättle

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Rutger Bregman: Im Grunde gut Sozialismus für Mensch und Tier

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Weil der Mensch dem Menschen kein Wolf ist, ist eine solidarische Welt trotz allem möglich. Ein Plädoyer für das Gute im Menschen.

Rutger Bregman, Mai 2014.
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Bild: Rutger Bregman, Mai 2014. / Bond van Nederlandse Architecten (CC BY 2.0 cropped)

25. Dezember 2020

25. 12. 2020

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Nach seinem Bestseller „Utopien für Realisten“ (2017) erschien jüngst ein weiteres populärwissenschaftliches Werk von Rutger Bregman, der als hipper europäischer Nachwuchsintellektueller gehandelt wird. Bestimmte Inhalte popularisieren und damit auch etwas Geld verdienen zu wollen – dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die staatlich-kapitalistisch-patriarchale Gesellschaftsformation ist beharrlich und die Entwicklung konkreter Utopien aus ihr heraus eine ungeheure Herausforderung.

Dahingehend widmet sich Bregman in „Im Grunde gut“ durchaus einem bedeutenden Themenfeld: der politischen Anthropologie, also dem Menschenbild, welches wir unseren Annahmen über Gesellschaft, ihre Integration und potenziellen Transformation zu Grunde legen.

Vordenker einer positiven politischen Anthropologie

Dieses Thema war ebenfalls ein wichtiger Gegenstand für Peter Kropotkin. Mit den Gedanken, welche er in seinem Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902/2011) entfaltete, erarbeitete Kropotkin eine wichtige Grundlage für die anarchistische Theorie. In einer detaillierten Beschäftigung mit Charles Darwins Evolutionstheorie, deren wissenschaftlichen Gehalt er durchweg bejaht, zeigt der anarchistische Gelehrte anhand zahlreicher Beispiele, dass Konkurrenz innerhalb und zwischen verschiedenen Tierarten zwar gegeben ist, letztendlich in vielen Fällen Kooperation das entscheidende Kriterium für den Erhalt und die Anpassungsfähigkeit von Tierarten ist.

Diese Darstellung überträgt Kropotkin auf menschliche Tiere, denen er eine besonders ausgeprägte Kooperationsfähigkeit zuschreibt. Wohlgemerkt trotz Unterdrückung, Ausbeutung und Kriegen – beziehungsweise gegen diese schrecklichen Grundlagen und Effekte des (modernen) staatlichen Kapitalismus.

Jene stellten jedoch keineswegs eine Notwendigkeit dar und könnten überwunden werden, wenn das Herrschaftssystem angegriffen und an seine Stelle solidarische, freiheitliche und egalitäre Institutionen und Beziehungen etabliert werden würden. Horizontale und dezentrale Selbstorganisation sei in allen Bereichen möglich, stellten sie sich auf die „wissenschaftliche“ Grundlage der Gegenseitigen Hilfe.

Damit ist Kropotkins politische Anthropologie eine deutliche Stellungnahme, die keineswegs schlechter begründet ist als die der utilitaristischen Verfechter*innen eines unregulierten – vermeintlich „freien“ – Marktes oder jene der konservativen Vertreter*innen eines omnipotenten Staates. Ob dem angeblich natürlichen rücksichtslosen Egoismus freien Lauf gelassen oder die vermeintlich essentiell bösartigen Verhaltensweisen der Menschen unterdrückt werden sollen – in beiden Fällen handelt es sich um ein negatives Menschenbild, welches enorm wirksam ist. Und gegen welches Kropotkins vehement argumentiert, wobei sein einziger Fehler war, seinen grundlegenden ethischen Ausgangspunkt unbedingt wissenschaftlich belegen zu wollen. Kropotkins progressiv-liberales Erbe

Dies alles findet sich bei Bregman wieder. So schreibt er, dass „Menschen von Natur aus egoistisch, panisch und aggressiv sind, ist ein hartnäckiger Mythos“ (S. 21). Derartige Deutungen werden leicht zu selbsterfüllenden Prophezeiung. Denn wenn

„wir glauben, dass die meisten Menschen im Grunde nicht gut sind, werden wir uns gegenseitig auch dementsprechend behandeln […]. Letztlich gibt es nur wenige Vorstellungen, die die Welt so sehr beeinflussen wie unser Menschenbild. Was wir voneinander annehmen, ist das, was wir hervorrufen. Wenn wir über die grössten Herausforderungen unserer Zeit sprechen [...] glaube ich, dass deren erfolgreiche Bewältigung mit der Entwicklung eines anderen Menschenbildes beginnt“ (S. 27).

Die politischen Konsequenzen eines positiven Menschenbildes, welches sich so schwer gegen negative Erfahrungen in Feld führen lässt, sind Bregman dabei durchaus bewusst:

„Wer sich für den Menschen einsetzt, tritt auch gegen die Mächtigen der Erde an. Für sie ist ein hoffnungsvolles Menschenbild rundherum bedrohlich. Staatsgefährdend. Autoritätsuntergrabend. Schliesslich bedeutet es immer, dass wir keine egoistischen Tiere sind, die von oben herab kontrolliert, reguliert und dressiert werden müssen“ (S. 37).

Bregman stellt sich selbst in die Tradition von Jean-Jacques Rousseau und argumentiert gegen Thomas Hobbes. Im Verlauf des Buches bezieht er sich auf eine umfangreiche Auswahl psychologischer, biologischer und anthropologischer Studien, welche die Kooperationsfähigkeit und solidarischen Grundintentionen der menschlichen Spezies unterfüttern. Gleichzeitig dekonstruiert er wissenschaftliche Ergebnisse, die das pessimistische Menschenbild zu belegen scheinen. Dabei weist er überzeugend nach, dass sie teilweise sowohl von falschen Grundannahmen ausgehen, als auch schlichtweg wissenschaftlich äusserst fragwürdig sind.

Der Autor bedient sich wiederholt einer rhetorischen Figur, indem er zu Beginn der jeweiligen Kapitel zunächst alltagsweltliche Gegenargumente für ein positives – respektive, entgegen der verbreiteten mächtigen Vorurteile, ein „realistisches“ – Menschenbild vorbringt, um diese anschliessend zu delegitimieren und zu wenden. Mit seinem Changieren zwischen Wissenschaftskritik und wissenschaftlicher Begründung, entgeht Bregman jedoch nicht dem Dilemma, dass sich seine grundsätzliche Perspektive schlichtweg nicht wissenschaftlich begründen lässt, da sie eine eminent ethische ist.

Relativierung einer im Grunde guten Perspektive

Dies scheint die Ursache für die teilweise übertrieben pathetischen Passagen zu sein, welche er im Schlusswort zu zehn „Lebensregeln“ des Pastorenkinds zuspitzt. Damit mag Bregman einen empfindsamen Zeitgeist von, von Rechten als „Gutmenschen“ diffamierten, progressiven Linksliberalen treffen und ein gutes Gefühl und die Motivation zur Gesellschaftsveränderung im Kleinen vermitteln.

Was er sich mit diesem Schluss doch wieder einhandel, ist der alte Vorwurf, gegen welchen er sich im Verlauf des ganzen Buches wendet: Dass ein positives Menschenbild keineswegs „realistischer“ als die Welterfahrungen der meisten Menschen ist und leicht als naiv, gutgläubig und mithin als privilegiert abgestempelt werden kann. Dies ist bedauerlich, schliesslich beinhaltet seine Argumentation wichtige Aspekte einer aktualisierten sozialistischen Ethik – die er jedoch nicht als solche benennen will.

Dass es diese Schnittpunkte gibt, kommt nicht von ungefähr. Für seinen historischen Rahmen bedient sich Bregman unter anderem bei Yuval Noah Harari (2015), James C. Scott (2019) und dem bedauerlicherweise kürzlich verstorbenen David Graeber (2012). Die beiden Letzteren sind Anarchisten. Auf wen Bregman sich jedoch nicht bezieht, ist jener Denker, welcher die Theorie der Kooperation für die sozialistische Bewegung ausgearbeitet hat: Peter Kropotkin.

Den von ihm massgeblich geprägten Begriff der Kooperation verwendet Bregman übrigens im Buch nur ein einziges Mal, wobei er in einem Interview (Erhard/Bregman 2020) deutlich macht, dass dieses anthropologische Konzept den Kern seiner Überlegungen darstellt. Dass Bregman Kropotkins Werk nicht kannte, ist bei diesem Thema und seiner erwiesenen Fähigkeit zur Recherche äusserst unwahrscheinlich.

Stattdessen scheut er sich, mit einem anarchistischen Denker assoziiert zu werden; sein populärwissenschaftliches Buch richtet sich an ein progressives linksliberales Publikum. Der Preis dafür, sich so stark auf dessen intellektuellen Diskurs einzulassen, besteht nicht allein in der Verkürzung einiger Argumente, die ihm freilich einen lockeren Erzählstil ermöglichen. Vielmehr stiehlt er die Bausteine des Fundaments einer sozial-revolutionären Ethik für einen Umbau des alten Hauses.

Jonathan Eibisch
kritisch-lesen.de

Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Übersetzt von: Ulrich Faure, Gerd Busse. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 480 Seiten, ca. 29.00 SFr. ISBN 978-3498002008

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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