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Roxane Gay: Bad Feminist | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Roxane Gay: Bad Feminist Wie normativ muss sisterhood sein?

Sachliteratur

Ein Sammelband, der über Frauen*freundschaften in der Popkultur und im Alltag nachdenkt.

Roxane Gay in Montreal, Oktober 2015.
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Bild: Roxane Gay in Montreal, Oktober 2015. / Eva Blue (CC BY 2.0 cropped)

18. September 2020

18. 09. 2020

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Auch wenn die derzeitigen Protestbewegungen Hoffnung machen, alltägliche Solidarität unter Frauen* scheint nicht immer einfach zu sein. Geprägt von vorherrschenden antifemininen Haltungen und heterosexistischen Ideen von Freundschaft und Kollegialität, hält sich recht hartnäckig ein Bild von Frauen* als zickige, hinterhältige Gegnerinnen. Roxane Gay rät: „Abandon the cultural myth that all female friendship must be bitchy, toxic, or competitive.” (Lege den kulturellen Mythos ab, dass jede Frauen*freundschaft bitchy, toxisch oder rivalisierend sein muss; S. 47, Übers. FK) Das ist Lektion 1 des Leitfadens „How to be friends with another woman” (Wie man mit einer anderen Frau* befreundet sein kann, Übers. FK), Teil ihres Essaybands „Bad Feminist”.

Aber Roxane Gay würde ihrem unverkennbarem Credo, Widersprüche auszuhalten, nicht gerecht werden, wenn auf Lektion 1 nicht Lektion 1A. folgen würde: „This is not to say women aren’t bitches or toxic or competitive sometimes but rather to say that these are not defining characteristics of female friendship, especially as you get older.” (Damit soll nicht gesagt werden, dass Frauen* nicht manchmal bitchy, toxisch oder rivalisierend sind, sondern vielmehr dass dies keine definierenden Merkmale von Frauen*freundschaften sind, insbesondere wenn man älter wird; ebd., Übers. FK) Die Realität des Erwachsenwerdens ist immer noch komplizierter als die Lektionen.

Feminismus ohne Sockelfigur

Gays Schreiben ist politik mit kleinem p, die Politik im Privatem, in ihrem Leben als Schwarze Frau, als grosse Frau, als queere Frau, als Schriftstellerin und als Professorin mit einem Büro für sich selbst. Ihre Positionierung in den Widersprüchen ist eine Position im Dazwischen und weil sie weiss, dass das nicht alle gut finden, nennt sie sich „bad feminist“. Auch eine überhöhte und zwanghafte sisterhood, quasi eine Art Gegenentwurf zur rivalisierenden Frauen*freundschaft, empfindet sie als einengend und moralisierend.

Sie spielt mit der Vorstellung einer misstrauischen, urteilenden Feminist*innenunion, die einem immer über die Schulter schaut und die Nase rümpft. Über den misogynen Rap, den man in guilty pleasure-Momenten hört. Darüber, dass man den Orgasmus vortäuscht und sich die Beine rasiert oder darüber, dass man sich freut, dass man nicht den Rasen mähen können soll. Wer entscheidet, ob man ein*e gute*r Feminist*in ist?

Roxane Gay sagt, sie möchte auf keinen Sockel gestellt werden und möglicherweise macht sie zu lesen auch deshalb dann am meisten Spass, wenn sie sich nicht in Programmatik versucht, sondern persönliche Kritiken schreibt. Wenn sie heutige Popkultur kommentiert und Filme, Serien und Musik auseinandernimmt und ihren Feminismus anwendet, statt ihn zu theoretisieren. Sie schafft es mit immer treffender Sprache, eingeschriebene Stereotype, Sexismen und Rassismen herauszuarbeiten und hält ihnen den Spiegel vor.

In ihrer Sammlung finden sich Beiträge über „Django Unchained“, über Literatur zum Abnehmen, Witze, die besser sind als Vergewaltigungswitze und Scrabble-Turniere. Ihr Stil ist ehrlich und schlagfertig, jedes Essay wärmt sich kurz auf, um dann in einem Sprint zu enden. Die Beschreibungen sind auch deshalb immer persönlich, weil sie körperlich sind: Es sind die Körper der Autorin und diejenigen der Lesenden, die diese kulturellen Artefakte betreffen. Dies ist kein Buch, das sich in Einem lesen lässt, sondern eher eine Sammlung scharfsinniger Gesprächsaufhänger.

Girls and Girlfriends

Als Hoffnungsträgerin in der Darstellung von Frauen*freundschaften und Erwachsenwerden wurde die Serie „Girls“ von Lena Dunham auch in feministischen Kreisen gelobt. Als eine Wiederauflage von „Sex and the City“ mit weniger perfekt gestylten, dünnen, wohlhabenden Charakteren gefeiert, zeigt „Girls“ das Leben vierer Freundinnen Mitte zwanzig in New York City. Roxane Gay bezieht sich auf die Serie und reiht sich ein in Kritiken, die nicht-weisse Darsteller*innen vermissen; das New York von „Girls“ erscheine viel weniger divers als das echte New York. Gay merkt allerdings an, dass ziemlich viel von dieser einzelnen Serie erwartet wird:

„It is unreasonable to expect Dunham to somehow solve the race and representation problem on television while crafting her twenty-something witticism and appalling us with sex scenes so uncomfortable they defy imagination.” (Es ist unvernünftig von Duhnham zu erwarten, das race- und Repräsentationsproblem im Fernsehen irgendwie zu lösen, während sie ihren Mittzwanziger-Witz ausgestaltet und uns mit Sexszenen entsetzt, die so unkomfortabel sind, dass sie sich der Vorstellungskraft entziehen. (S. 58, Übers. FK)

Die Autorin der Serie hat laut Gay beschrieben, was sie kennt, aber das Problem liege vor allem darin begründet, wer heutzutage Serien über ihr Coming-of-Age unter Freundinnen schreiben und produzieren kann und welche Protagonistinnen es sich leisten können, unbezahlte Praktika anzunehmen.

Roxane Gay umschreibt popkulturelle Darstellungen, setzt diese miteinander in Verbindung und macht ihre gesellschaftliche Verankerung deutlich. Sie zeigt, wie ungeheuerlich selbstbestimmte Frauen* in Literatur und Fernsehen immer noch sind. Es ist daher kein Wunder, dass eine, die weibliche Unverschämtheit in der Unterhaltungskultur zelebriert, auch mit dem schlechten Feminismus spielt.

Phoebe Waller-Bridges Charakter der Fleabag flüstert ihrer Schwester zu, „We are bad feminists“, als die beiden als einziges Duo im Raum die Hand heben bei der Aufforderung: „Please raise your hands if you would trade five years of your life for the so-called perfect body.“ (Bitte heb deine Hand, wenn du fünf Jahre deines Lebens für den so genannten perfekten Körper eintauschen würdest; Übers. FK) Eingezwängt zwischen dem Verlangen, begehrt zu werden und dem dumpfen Gefühl, dass man damit seine feministische Haltung verrät, sind die Charaktere vielleicht jenseits von gut und schlecht zunächst ehrlich.

Gays Feminismus will Widersprüche und Komplexität aushalten und sichtbar machen. Im Gegensatz zu „Girls“ und auch zu „Fleabag“ ist die Sichtweise der Autorin immer auch von den Intersektionen von Gender, race und Klasse geprägt: „Ich werde über die Schnittpunkte dieser Probleme weiterhin nachdenken und schreiben [...]. Ich will nicht länger glauben, diese Probleme seien zu komplex für uns.“ (Gay 2019, S. 30) Stimmen wie ihre sind wichtig, wenn auch nicht mehr besonders ungewöhnlich auf der Suche nach Haltung und Zusammenhalt ohne Dogmatik. Auch diese Rezension enthält Spuren von Gesprächen mit Freundinnen.

Freia Kuper
kritisch-lesen.de

Roxane Gay: Bad Feminist. Übersetzt von: Anne Spielmann. btb Verlagsgruppe Random House, München 2019. 416 S., ca. 14.00 SFr, ISBN 9978-3-442-71781-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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