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Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland Die Kämpfe um ein besseres Leben – Ein Blick zurück

Sachliteratur

Der Kampf gegen die Prekarisierung der Lebensverhältnisse und die Fragen danach, wie sich soziale Unzufriedenheit und Opposition organisieren lassen und inwieweit ein „gutes Leben“ hier und heute möglich ist, sind nicht erst heute zu beobachten. Es gibt eine Geschichte der Kämpfe und Organisierungsversuche, auf die sich die heutige Linke (als Bewegung) beziehen kann und sollte.

Die südliche Bildfläche symbolisiert die Entwicklung bis zur Gründung der ersten politischen Partei der Arbeiterbewegung in Deutschland.
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Bild: Die südliche Bildfläche symbolisiert die Entwicklung bis zur Gründung der ersten politischen Partei der Arbeiterbewegung in Deutschland. Hierfür steht das Jahr 1869. / Tilman2007 (CC BY-SA 4.0 cropped)

19. Januar 2020

19. Jan. 2020

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Allerdings scheint die frühe Geschichte der Arbeiterbewegung zunehmend nur noch für HistorikerInnen relevant zu sein. Gegenwärtige linke und klassenkämpferische AkteurInnen beziehen sich (wenn überhaupt) eher symbolisch auf die damaligen Kämpfe und Auseinandersetzungen. Mit dem Anspruch, hier Abhilfe zu schaffen, damit nicht „Erfahrungen der Vergangenheit in den politischen Auseinandersetzungen vergessen“ (S. 202) werden, erschien das Buch „Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland“. Es soll keine blosse Einführungslektüre für GeschichtsstudentInnen sein, sondern bereits gemachte Erfahrungen für die gegenwärtigen sozialen Kämpfe nutzbar machen.

Der positive Bezug auf die Erfahrungen der frühen Arbeiterbewegung wird in Deutschland allerdings erschwert. Zum einen entstand durch die Zerschlagung der Organisationen und Strukturen der Arbeiterbewegung 1933 eine Lücke und erst nach 1945 wurden diese mühsam wiederaufgebaut. Zum anderen ist aber eine mehrfache politische Niederlage der Arbeiterbewegung und der sozialistischen Parteien festzustellen – nicht zuletzt bei der Kriegsfrage 1914, bei der Zerschlagung der Arbeiteraufstände und Räteregierungen 1919 und auch beim letztlich erfolglosen Kampf gegen den Nationalsozialismus. Dies macht aber eine Aufarbeitung nicht überflüssig. Ganz im Gegenteil: Bei einer künftigen Phase von zunehmenden sozialen Konflikten wäre es fatal, wenn ähnliche Fehler wiederholt würden.

Ralf Hoffrogge analysiert die historische Phase bis 1914, sodass die als „globale Niederlage“ (S. 196) des Sozialismus verstandene Zustimmung der sozialistischen Parteien zum Krieg den Schlusspunkt bildet. Die Darstellung beginnt mit der Entstehung des Kapitalismus und dem damit verbundenen Auftauchen der ArbeiterInnen als eine neue soziale Klasse. Dabei werden die Kämpfe der frühen ArbeiterInnen als Kämpfe gegen die Arbeit gewürdigt und in die Geschichte der Klassenkämpfe integriert. So wird etwa die Bewegung der Maschinenstürmer, die in der traditionell-marxistischen Geschichtsschreibung als unorganisiert, irrational und reaktionär dargestellt wurde, neu bewertet. Es wird darauf verwiesen, dass die Maschinenstürmer sehr gut organisiert waren und die Zerstörung der Maschinen für die damalige Zeit eine viel sinnvollere Arbeitskampfmethode war als etwa Streiks.

Eine weitere Revision betrifft die Rolle von Karl Marx und Friedrich Engels in den frühen Jahren der sozialistischen Bewegung. Entgegen einer weit verbreiteten Wahrnehmung, dass die beiden Figuren sehr früh eine zentrale Rolle gespielt hätten, weist der Autor daraufhin, dass zuerst andere politisch wichtiger waren (so etwa in Deutschland Ferdinand Lasalle) und erst in den 1860er Jahren Marx und Engels eine gewisse Bedeutung erhalten haben.

Dieser Ansatz, die Debatten und Konflikte der sozialistischen Arbeiterbewegung einer Neueinschätzung zu unterziehen, wird im Buch weiterverfolgt, wenn es etwa darum geht, das Verhältnis zwischen den Parteien und Gewerkschaften einerseits und den einzelnen ArbeiterInnen andererseits neu zu bestimmen. Gegen die traditionelle Geschichtsschreibung, die sich vielfach auf grosse Organisationen konzentriert und so die ArbeiterInnen als Subjekte wenig beachtet, hatte sich seit den 1970er Jahren eine neue Lesart der Arbeiterkämpfe etabliert, die eine selbstorganisierte „andere Arbeiterbewegung“ jenseits der „professionalistischen Arbeiterbewegung“ der Parteien und Gewerkschaften sieht. Hoffrogges These ist, dass es sich hier weniger um zwei gegensätzliche Bewegungen handelt, sondern dass vielmehr die „andere Arbeiterbewegung“ lediglich die unzufriedene Basis der organisierten Arbeiterbewegung ist und gibt Beispiele, in der spontane und oft illegale Arbeitskämpfe und die offizielle Partei- und Gewerkschaftspolitik zusammengewirkt haben.

Die zahlreichen lesenswerten Kapitel, die sich auch mit Themen wie etwa „Alkohol und Sozialismus“ beschäftigen, sollen an dieser Stelle nicht nacherzählt werden. Stattdessen folgen jetzt zwei Kritikpunkte und eine Gesamteinschätzung.

Der erste Punkt betrifft den Standpunkt und die Perspektive des Autors, der sowohl die „andere Arbeiterbewegung“ als auch die anarchistischen und syndikalistischen Akteure aus der organisierten Arbeiterbewegung ableitet und so deren Eigenständigkeit relativiert. Von den Gegensätzen zwischen AnarchistInnen und MarxistInnen abgesehen, gerät so aus den Augen, dass in den Kämpfen ArbeiterInnen und „ihre“ Gewerkschaften unterschiedliche Interessen und Ziele hatten. Die Gewerkschaften haben organisationseigene Interessen, die nicht immer deckungsgleich mit den Interessen der ArbeiterInnen sind. Allerdings betrifft dieser Kritikpunkt den grundsätzlichen und kontroversen Streit darüber, ob für eine klassenkämpferische Linke Parteien und Gewerkschaften als Organisationsformen tauglich sind oder nicht. Ebenso sollte darauf verwiesen werden, dass der Autor sich intensiver als in vergleichbarer Einführungsliteratur mit Ansätzen jenseits der organisierten Arbeiterbewegung beschäftigt.

Ein zweiter Aspekt betrifft eher formale und didaktische Aspekte. Der Autor verzichtet weitgehend, bis auf eine Zeittafel am Ende, auf andere Möglichkeiten der Darstellung jenseits von Fliesstext, wie etwa Tabellen, Grafiken und Bilder. Dabei gibt es einige Stellen, an denen Wahlergebnisse, Streikbeteiligung u.ä. sehr gut anders darstellbar gewesen wären. Eventuell sollte in einer Neuauflage und im angekündigten zweiten Band (1914-1933) mehr auf solche Mittel zurückgegriffen werden.

Trotz des inhaltlichen Dissens: Das Buch ist für alle, die sich für die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland interessieren, sehr empfehlenswert. Die verwendete Sprache ist angemessen und verständlich, ohne banal zu werden. Die Analyseschritte sind nachvollziehbar und gut belegt. Wer sich für einzelne Aspekte interessiert (wie etwa „Homosexualität und Sozialismus“) findet genug Hinweise, um sich tiefer einzulesen.

Ismail Küpeli
kritisch-lesen.de

Ralf Hoffrogge: Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland. Von den Anfängen bis 1914. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2011. 216 Seiten. ca. 14.00 SFr., ISBN 3-89657-655-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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