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Die Liebe zur Kunst: Europäische Kunstmuseen und ihre Besucher | Untergrund-Blättle

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Rezension zum Buch von Pierre Bourdieu Die Liebe zur Kunst: Europäische Kunstmuseen und ihre Besucher

Sachliteratur

Was suchen die Besucher in den modernen Kunstmuseen? Wie kommt die Präsentation der Werke dem Betrachter entgegen, wo verhindert oder maskiert sie?

16. Dezember 2015

16. 12. 2015

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Was erwarten, beziehungsweise was suchen die Besucher in den Tempeln der modernen Kunst? Wie kommt die Präsentation der Werke dem Betrachter entgegen, wo verhindert oder maskiert sie eher? Fragen, die in Zeiten eines boomenden Kunstmarktes fast schon Rhetorik sind. Pierre Bourdieu und Alain Darbel haben schon vor vierzig Jahren eine grossangelegte kultursoziologische Feldstudie erarbeitet, die nun auch im UVK auf Deutsch veröffentlicht wurde und an der, wie bei Bourdieu üblich, ein ganzes Forscherteam beteiligt war.

Der spätere Theoretiker der „feinen Unterschiede“ macht in Befragungen der Museumsbesucher in mehreren europäischen Länder deutlich, dass sowohl Präsentation der Werke und Führungen, aber auch eine unverkrampfte Stimmung in den Kathedralen der Kunst, sich sofort auf die Besucherzahlen auswirken. Was darüber hinaus sofort ins Auge springt: Polen war an dieser Vergleichsstudie beteiligt, Deutschland nicht. Ob Zufall oder nicht, offensichtlich war der „Eiserne Vorhang“ doch durchlässiger als die Rheingrenze im Kalten Krieg.

Doch zunächst analysieren Bourdieu und Darbel gnadenlos die soziale Zusammensetzung der Museumsbesucher, die zwar vorwiegend sehr jung sind, aber pyramidal vom Ausbildungsabschluss abhängig und damit sozial determiniert ist. Für die Autoren ein eindeutiges Indiz für das Versagen der Schule, in deren Kunstunterricht meist nur praktische Übungen im Vordergrund stehen. Gerade in den Grundschulen einiger deutscher Bundesländer - und diese Situation wird sich mit der sogenannten Föderalismusreform noch verschärfen - kommt das Fach Kunst einer Amtsanmassung gleich, die oft genug von völlig fachfremden Pädagogen verbrochen wird.

Die Entschlüsselung eines Werkes überfordert folglich oft den Betrachter, da zu deren Bewältigung die Kenntnis einer ganzen Reihe von Chiffren, Codes, Schulen, Stile, Epochen notwendig ist - kurz: die Kenntnis eines Klassifikationssystems des Kunstsachverstandes. „Derart wird klar, dass die Ästhetik nur und ausnahmslos eine Dimension der Klassenethik (oder besser, des Klassenethos) sein kann“. So wundert es kaum, wenn Angehörige der unteren Klassen in Befragungen zugeben, an einer erklärenden Führung gerne teilnehmen zu wollen, während sogenannte Gebildete ein solches Unterfangen brüskiert zurückweisen. Pädagogische Hilfestellungen sind in den sakralen Einrichtungen der Museen durchaus sinnvoll. Kein Wunder, dass zum Beispiel das Museum für zeitgenössische und moderne Kunst in Strasbourg solche Führungen sehr erfolgreich praktiziert.

Die Autoren widerlegen das hierzulande sehr beliebte Vorurteil, dass Besucher am häufigsten die berühmtesten und durch die Schule am meisten sanktionierten Gemälde bevorzugen würden und umgekehrt die modernen und zeitgenössischen Maler ablehnten. Dies ist offensichtlich eine Affinität zur Stuttgarter Staatsgalerie etwa oder zur Tübinger Kunsthalle, wo man sehr oft den Eindruck hat, dass hier einfach nur der Kanon abgefeiert wird.

„Diesen Kulturfrommen, die sich dem Kult der geweihten Werke verstorbener Propheten hingeben, wie den Hohepriester der Kultur, die sich der Durchführung dieses Kultes widmen, stehen in allem, wie man sieht, die Kulturpropheten entgegen, die die Gewohnheiten der ritualisierten Inbrunst ins Wanken bringen, bis auch die Zeit für sie gekommen ist, ihrerseits durch neue Priester und neue Gläubige ‚veralltäglicht‘ zu werden“.

Die Autoren plädieren im Übrigen für eine offensive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Museen, eine Botschaft, die dort inzwischen angekommen zu sein scheint. Ausserdem fordern sie eine Demokratisierung der Kultur und niedrigschwellige Angebote. Auch dieser Hinweis wurde etwa vom bereits erwähnten Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Strasbourg umgesetzt mit jährlich stattfindenden Museumsnächten und musikalischem Rahmenprogramm (letztes Jahr mit DJs und Ambient-Musik), die dann leider oft vollkommen überlaufen sind, oder durch freien Eintritt an jedem ersten Sonntag im Monat.

Das Kunstmuseum in Basel und das Museum Tinguely haben dagegen ihre Pressearbeit an ein freies Journalistenbüro ausgelagert, welches sich „Abart“ nennt und auch genau so arbeitet. Eine andere (sehr deutsche) Spezialität sind wild gestikulierende Aufseher, die Besuchern ehrfurchtsvolle Distanz abnötigen und von denen die Gästebücher so mancher Ausstellung im ZKM in Karlsruhe Bände sprechen. Aber immerhin gibt es hier sehr ambitionierte, kleine, unabhängige Galerien, die vorbildliche Arbeit leisten. Was ein wenig in den Hintergrund rückt, allerdings auch nicht Thema des Buches ist, ist der Kunstmarkt, der heute regelrecht explodiert. Gerade hier wird deutlich, wie sehr Bourdieu fehlt. Wenn man „Die Liebe zur Kunst“ zum Anlass nehmen würde, beispielsweise hier im Dreiländereck die Museumslandschaft zu untersuchen, würde schnell klar werden, wie die Arbeit des grossen Soziologen zumindest Frankreichs Ausstellungslandschaft verändert haben. Eine deutsche Übersetzung war überfällig.

Adi Quarti / kritisch-lesen.de

Pierre Bourdieu / Alain Darbel: Die Liebe zur Kunst. Europäische Kunstmuseen und ihre Besucher. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz. 340 Seiten, SFr 31.00, ISBN 978-3-89669-667-0

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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