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Ni Una Menos: Amistad política + inteligencia colectiva | Untergrund-Blättle

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Ni Una Menos: Amistad política + inteligencia colectiva Von anderen Kämpfen lernen

Sachliteratur

Argentinische Feminist*innen gehen auf die Strasse, um strukturelle Gewalt gegen Frauen* und Femizide anzuprangern. Ihre kollektive Wut, Solidarität und Entschlossenheit machen Hoffnung auf Veränderungen.

Ni Una Menos-Demonstration in Buenos Aires, Juni 2019.
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Bild: Ni Una Menos-Demonstration in Buenos Aires, Juni 2019. / Sombra Inquieta (CC BY-SA 4.0 cropped)

17. Dezember 2021
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Was ist die treibende Kraft hinter feministischer Selbstorganisierung? Den Aufrufen des argentinischen Ni una menos-Kollektivs nach sind es politische Freundinnenschaften, Solidarität und eine kollektive Erfahrung von Unterdrückung durch kapitalistisch-patriarchale Strukturen. In Argentinien gab es 2019 fast 300 Femizide. Das bedeutet: ein Mord an Frauen* aufgrund ihres wahrgenommenen Geschlechts alle 1,2 Tage. In der Bundesrepublik waren es im gleichen Zeitraum über 100.

Es überrascht also nicht, dass sich Ni una menos (zu deutsch: „nicht eine weniger“) als feministische Parole gegen Femizide von Argentinien aus über den Globus verbreitet und eine bewegungsinterne wie mediale Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Femizide‘ angestossen hat.

Mit den ausgewählten 43 Statements und Aufrufen aus den Jahren 2015 bis 2018, die häufig als Reaktion auf einen erneuten Femizid entstanden sind, zeigen die argentinischen Aktivist*innen, wie Erfahrungen kollektiviert werden und eine feministische Mobilisierung funktionieren kann. Dem Vorwurf ihrer Gegner*innen, sie liessen sich politisieren und instrumentalisieren, widersprechen die Feminist*innen vehement. Ihr Aktivismus war von Anfang an politisch.

Feministische Traditionen

Das Kollektiv zieht eine Traditionslinie von den US-amerikanischen Arbeiter*innen, die für den 8-Stunden-Tag kämpften, über die Frauen* in der russischen Revolution bis hin zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre. Vorbilder sind auch die Mütter und Grossmütter der Plaza de Mayo in Buenos Aires, die mit Fotos ihrer verschwundenen Angehörigen die argentinische Diktatur herausforderten.

So mobilisiert das Kollektiv vergangene Kämpfe und schreibt sie in die eigene kollektive Identität Erinnerung ein, um daraus Kraft für die Zukunft zu schöpfen. „Wir sind die Enkelinnen der Hexen, die ihr nicht ermordet habt.“ (S. 145) Mit diesem Spruch, der seit ein paar Jahren vielerorts bei feministischen Mobilisierungen auf T-Shirts, Schildern oder Bannern zu sehen ist, stellt sich das Kollektiv nicht nur in die Tradition widerständiger Frauen*, sondern prangert zudem die inhärente Gewalt des kapitalistischen Systems an, die sich gegen alle richtet, die sich den klassisch zugeschriebenen Rollen von „Mann" und „Frau" nicht unterwerfen.

Mit ihren Analysen und Interventionen im öffentlichen Raum verbinden sie Kämpfe gegen patriarchale Gewalt und Femizide sowie Kämpfe für legale und sichere Schwangerschaftsabbrüche und Selbstbestimmung über den eigenen Körper und das eigene Leben.

Gegen Staat, Kapital und Kirche

Auch wenn einzelne Männer Frauen* ermorden, zielen die Stellungnahmen des Kollektivs darauf ab, die gesellschaftlich strukturelle Komponente in den Vordergrund zu rücken und Täter nicht zu pathologisieren. Es sind keine Einzelfälle, sondern patriarchale Strukturen, die dieses Verhalten begünstigen. Wenn Polizisten und Richter Opfern eine Mitschuld geben, Täter ohne ganzheitliche Resozialisierungsprogramme vorzeitig entlassen werden oder Männer sich gegenseitig decken, zeigt dies die gesellschaftliche Dimension von Femiziden und anderer Formen von (sexualisierter) Gewalt. Wenn Kirchenvertreter ihre gesellschaftliche Position nutzen, um gegen Schwangerschaftsabbrüche, die nicht einmal nach Vergewaltigungen regelhaft zugänglich sind, zu wettern, verdeutlicht dies um so mehr die Wichtigkeit der Trennung von Staat und Kirche und ein gesetzlich verankertes Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Diese Zustände prangert das Ni una menos-Kollektiv an.

Anleitung zu feministischer Selbstorganisation

In einer patriarchal strukturierten Gesellschaft, in der Dominanz und Übergriffigkeiten gegen Frauen* selten bis gar nicht sanktioniert werden, in denen Frauen* wirtschaftlich benachteiligt und daher abhängig von ihren Partnern sind, sind Feminizide in der Lesart des Kollektivs lediglich die letzte Eskalationsstufe misogyner Gewalt. Es muss also etwas getan werden gegen diesen „Pakt unter Machos“ (S. 69), den Männer zur Aufrechterhaltung ihrer Privilegien unausgesprochen geschlossen haben. Dabei verlassen die argentinischen Aktivist*innen sich lieber solidarisch auf sich selbst und rufen zur feministischen Selbstorganisierung in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz auf.

Freundinnenschaften als Gegenentwurf zur Erziehung der Konkurrenz untereinander erhält so eine politische Dimension. Dass sie damit die Grundpfeiler patriarchal-kapitalistischer Gesellschaften ins Wanken bringen können, macht sie zur Zielscheibe von Repression. Auch das prangern sie an.

Auf öffentlichen Versammlungen, Demonstrationen, Vorträgen und Streiks, mit eigenen Radiostationen oder Interventionen im öffentlichen Raum sind sie sichtbar. Freundinnenschaft und Solidarität unter Frauen* ist für ihre politische Organisierung grundlegend. In Argentinien hat die feministische Bewegung dadurch eine Eigendynamik entwickelt, die es regelmässig vermag, viele zehntausende Frauen* auf die Strassen zu bringen. Dabei fordern sie ein Ende der Gewalt an Frauen*, was eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung brauchen würde, da diese Gewalt tief in den Strukturen steckt.

Sie fordern ausserdem ein Recht auf sexuelle und körperliche Selbstbestimmung. Die Forderung nach einem legalen Zugang zu sicheren und kostenfreien Schwangerschaftsabbrüchen, der sie mit grünen Tüchern bildgewaltig Nachdruck verleihen, ist nur eine der prominenteren. Es geht ihnen auch um geschlechtergerechte und -sensible Bildung. Das verbindende Element bleibt jedoch die Gewalt, die jede* von ihnen im Alltag erlebt.

Der rote Faden dieses Buches ist eindeutig: Seid solidarisch, steht füreinander ein! Ihre Manifeste sind eine Anklageschrift nicht nur gegen den argentinischen Staat und seine Gesellschaft, sondern gegen frauen*feindliche Gesetze und Gewalt überall. Sie sind eine Anleitung zur feministischen Selbstorganisierung. Folgen wir ihr. ¡Ni una menos! ¡Vivas y libres nos queremos!

Katja Reuter
kritisch-lesen.de

Ni Una Menos: Amistad política + inteligencia colectiva. Documentos y Manifestos 2015/2018. Ni Una Menos. 170 Seiten.

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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