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Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne | Untergrund-Blättle

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Buchrezensionen

Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne Der feministische Geist der Utopie

Sachliteratur

19 Frauen erzählen über Politik, Sex, Männer und ihr Leben in der DDR.

Grabstein der Schrifteller Maxie Wander und Fred Wander auf dem Waldfriedhof Kleinmachnow in Kleinmachnow bei Berlin.
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Bild: Grabstein der Schrifteller Maxie Wander und Fred Wander auf dem Waldfriedhof Kleinmachnow in Kleinmachnow bei Berlin. / Mutter Erde (CC BY-SA 4.0 cropped)

24. Oktober 2019
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Hat Maxie Wander ein feministisches Statement ihrer Zeit verfasst? Mit „ja“ zu antworten wäre zwar verlockend, aber doch nicht ganz richtig: Denn Frauen zu DDR-Zeit zu porträtieren und dies deshalb als emanzipatorisches Werk zu verkaufen, wäre zu einfach. Maxie Wander selbst schrieb in einem Brief anlässlich der Veröffentlichung ihres Buches in der Bundesrepublik 1978, sie wolle sich vom übrigen „Feministinnen-Rummel absetzen“, schliesslich sei die Emanzipation in der DDR weit vorangeschritten. Sie musste auch darum kämpfen, dass die Westausgabe des Buches letztlich so erschien, wie sie es konzipiert hatte.

Schliesslich erschien das Buch, aus ideologischen Gründen um zwei Protokolle gekürzt, auch im Westen und erreichte dort eine erstaunlich hohe Auflage. In Ostdeutschland kam es schon bei seiner Veröffentlichung 1977 in kürzester Zeit auf die Bestsellerlisten. Es ist eines dieser Bücher, die man verschlingt und bei jeder zweiten Seite „Oh ja“ oder „Genau!“ rufen möchte. Es berührt im Inneren, und es fühlt sich an, als sässe man den Frauen, die über ihr Leben erzählen, direkt gegenüber. Obwohl die Welt, die sie schildern, so weit weg scheint, ist „Guten Morgen, du Schöne“ auch heute noch unglaublich aktuell.

Die Zuhörerin

Der Untertitel des Buchs lautet „Protokolle nach Tonband“. Die versammelten Texte erscheinen allerdings nicht in einer gewohnten Protokollform, die Interviewsituation wird nicht abgebildet und minutiös und wortgetreu dokumentiert. Vielmehr sind in 19 Kapiteln 19 monologhafte Erzählungen von 19 Frauen versammelt. Sie erzählen aus ihrem Leben, von ihrem Beruf, dem persönlichen Werdegang, Politik, der deutschen Vergangenheit, Liebe und Sex. Das Inhaltsverzeichnis bietet lediglich einige wenige Informationen über die Frauen, die in Alter, Beruf, Familienstand und Anzahl der Kinder nicht unterschiedlicher sein könnten. Weitere Einführungen gibt es nicht. Dies erscheint jedoch auch nicht nötig, denn die jeweiligen Kapitel sprechen für sich. Durch den persönlichen Erzählstil jeder einzelnen Frau werden sowohl die Autorin als auch die Leserin in die Lebenswelt der jeweils erzählenden Protagonistin eingebunden.

Die Themen sind nicht immer die gleichen, sondern relativ offen, und so geht es sowohl um die (politischen) Einstellungen der Frauen als auch um ihre Wünsche und Ängste. Maxie Wander schafft es nicht nur, die Frauen auf eine sehr offene Art erzählen zu lassen. Es gelingt ihr darüber hinaus, die individuelle Art der Erzählung in eine Form zu bringen. So entsteht ein verdichtetes Gespräch, in dem die Autorin selbst zwar nicht mehr persönlich als Interviewerin anwesend ist, aber dennoch im Text immer spürbar bleibt.

Maxie Wander versteht es geradezu virtuos, die Texte zusammen zu stellen, sie „hat ausgewählt, gekürzt, zusammengefasst, umgestellt, hinzugeschrieben, Akzente gesetzt, komponiert, geordnet – niemals aber verfälscht“ (S. 14), wie Christa Wolf in ihrem Vorwort zum Werk schreibt. Und streng genommen fungiert Wander nicht als Autorin, denn obwohl sie die Texte selbst niedergeschrieben und zusammengestellt hat, ist sie doch vielmehr Protokollantin und Kompilatorin. Manchmal spricht eine der Frauen die Autorin persönlich an, wodurch die Leserin an ihre Anwesenheit im Hintergrund erinnert wird. In der wörtlichen Rede ist sie hingegen nicht präsent. So entsteht gewissermassen eine ambivalente Autorinnenschaft, die sich zwischen den beiden Interviewparteien und der Verdopplung der Stimmen durch das mündliche Tonband-Statement der Frauen auf der einen Seite und der schriftlichen, literarischen Fixierung durch Wander auf der anderen Seite ergibt.

Maxie Wander war eine feinsinnige, unaufdringliche und geduldige Zuhörerin, die Berichte der Frauen in den Aufzeichnungen sind schonungslos offen. „Ihr Talent war es, rückhaltlos freundschaftliche Beziehungen zwischen Menschen herzustellen; ihre Begabung, andere erleben zu lassen, dass sie nicht verurteilt sind, lebenslänglich stumm zu bleiben.“ (Wolf, S. 12) Es scheint daran zu liegen, dass Maxie Wander keinen Auftrag und keinen Leitfaden hatte, sondern einfach dem zuhörte, was die ihr gegenüber sitzenden Frauen zu erzählen hatten. Die Autorin selbst sagt in einer dem Werk vorangestellten Vorbemerkung: „Vielleicht ist dieses Buch nur zustande gekommen, weil ich zuhören wollte.“ (S. 10)

Es wäre töricht, zu behaupten, dass jedes Buch, welches eine Frau über Frauen schreibt, automatisch auch autobiografisch zu lesen und zu verstehen ist. Trotzdem ist die Biografie Maxie Wanders, die 1933 in einem Wiener Vorort als Elfriede „Fritzi“ Brunner geboren wurde, eng mit dem Buch verknüpft. Ihre Eltern waren überzeugte Kommunist_innen aus dem Arbeiter_innenmilieu, und die Hoffnung, dass ihre Tochter einmal eine bessere Ausbildung haben würde, wurde enttäuscht. Mit 17 verliess sie ohne Matura die Schule – in Mathematik war sie ohnehin nie gut, aber schreiben, das konnte sie. Sie heiratete 1956 und siedelte 1958 in die DDR über. Der Grund war ein Jobangebot, welches Fred Wander, ebenfalls Schriftsteller, dort erhielt – und die Überzeugung, dass es sich bei der DDR um den besseren Gesellschaftsentwurf handele. Mit der Übersiedlung und dem eigenen Leben in der DDR kommt Maxie Wander in Berührung mit dem Alltagsleben der Frauen in der DDR. Sie ist somit keine Frau von aussen. Sie lebt in derselben Gesellschaft, freiwillig, im Unterschied zu einigen der von ihr befragten Frauen.

Liebe, Sex und Antibabypille

Diese sprechen über ihre eigenen Ansichten, die Liebe, es geht um die Ehe, um Sexualität, es geht darum, ob und mit wie vielen Männern die Frauen schlafen (und ob sie es mit Absicht geheim oder mit Absicht nicht geheim machen). So erzählt Rosi in ihrem Kapitel „Das Haus in dem ich wohne“, dass sie zu den Frauen gehört, die mit einem Mann alleine nicht glücklich werden können. Doris hingegen mag den „Beischlaf“ gar nicht haben, wie sie im Kapitel „Ich bin wer“ ausführt.

Erst als sie und ihr Mann ein Baby wollen, „wurde das so intensiv, dass es sogar ihm zu viel wurde“ (S. 42). Geschichten über andere Männer ausserhalb dieser Ehen werden so beiläufig erzählt wie das Einnehmen der sogenannten „Wunschkindpille“ oder der Schwangerschaftsabbruch. Überhaupt wird bei „Guten Morgen, du Schöne“ mit einer unglaublichen Offenheit über vermeintliche Tabu-Themen gesprochen. Die Frauen erzählen von den eigenen Affären, aber auch von denjenigen ihrer Männer, und fast scheint es so, als würde die vielfach beschriebene sexuelle Revolution der 68er im Westen im Osten praktisch gelebt.

Die Vergangenheit spielt eine Rolle, wenn die Frauen von ihren Vätern erzählen, die als überzeugte Kommunisten in den Lagern der Nationalsozialisten eingesperrt waren, oder wenn sie voll Überzeugung die antifaschistische Staatsräson verteidigen: „Wir haben ja keine Vergangenheit zu bewältigen, wir haben ja mit der Gründung unseres Staates den Faschismus ausgerottet.“ (S. 31) Auch politische Fragen werden angeschnitten: „Ich frage mich manchmal: Welche Gesellschaft bauen wir eigentlich auf?“ (S. 78) Die politische Dimension des Buches ist Maxie Wander durchaus bewusst, wie sie in ihrer Vorbemerkung schreibt: „Konflikte werden uns erst bewusst, wenn wir uns leisten können, sie zu bewältigen, deswegen muss man sich nicht wundern, wenn diese Konflikte in einer sozialistischen Gesellschaft ans Licht kommen.“ (S. 9)

Ein feministisches Statement

Durch das Vorwort der engen Freundin Christa Wolf können wir Maxie Wander und ihre Intention wesentlich besser verstehen. Christa Wolf stellt dem Buch die Aussage voran: „Wie können wir Frauen befreit sein, wenn nicht alle Menschen es sind?“ (S. 22) Ihre einleitenden Worte und Interpretationsansätze machen deutlich, dass das Buch sich durchaus in den Kanon der feministischen Literatur einordnen lässt. Die ambivalente und doppelte Autorinnenschaft ist ein zentraler Aspekt des Buches, auch im Blick auf weibliche Stimmen beziehungsweise weibliche Autor_innen in der DDR.

„Guten Morgen, du Schöne“ ist ein grossartiges Buch, grossartig geschrieben und komponiert. Es lässt verschiedene Lebenswelten von Frauen greifbar werden. Es ist ein Buch, das auch mit dem Fortschreiten feministischer Diskurse nichts an Aktualität eingebüsst hat. Denn der entscheidende Punkt, und das macht auch das Zeitlose an diesem Buch aus, ist, wie es Christa Wolf genannt hat, die Selbstbefragung, die beim Lesen des Buches augenblicklich beginnt. „Das ist ein Buch, dem jeder sich selbst hinzufügt.“ (S. 11) Diese Selbstbefragung, das Reflektieren über das eigene Leben, der Hunger nach Wissen, nach Selbstverwirklichung, nach Ausbruch aus vorgefertigten Strukturen und Rollen – all das sind Themen, die in dem Buch verhandelt werden. Maxie Wanders Protokolle nach Tonband beinhalten den feministischen „Geist der real existierenden Utopie.“ (ebd.)

Friederike Jahn
kritisch-lesen.de

Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne. Mit einem Vorwort von Christa Wolf. 7. Auflage. Suhrkamp, Berlin 2007. 282 Seiten, ca. 16.00 SFr. ISBN 978-3-518-45962-1

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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