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Matthew Fuller / Eyal Weizman: Investigative Aesthetics | Untergrund-Blättle

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Matthew Fuller / Eyal Weizman: Investigative Aesthetics Die Ästhetik der Krise

Sachliteratur

Die Arbeit kritischer Recherchekollektive macht Aktivismus durch öffentliche Konzeptarbeit sichtbar.

Der israelische Architekt und Schriftsteller Eyal Weizman, Juni 2012.
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Der israelische Architekt und Schriftsteller Eyal Weizman, Juni 2012. Foto: Ekaterina Izmestieva (CC BY 2.0 cropped)

14. November 2022
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Als Mitwisser ist sich der Sensor seines Erlebens nicht immer bewusst. Soziale und ökonomische Prozesse schreiben sich als Veränderungen in ihre Umgebung ein und können dann ausgelesen und interpretiert werden. Alles kann Sensor werden: technische Geräte wie auch menschliche Sinnesorgane und im Grunde jedes Material, das in irgendeiner Form Veränderungen in seiner Umgebung registriert, vorhersagen und aufzeichnen kann. Das Thermometer mit ablesbarem Display, aber auch ein Ziegelstein hat die Funktion eines Sensors, wenn sich in ihn eine Temperaturschwankung durch die Explosion einer Bombe einschreibt. Oder Algorithmen, die Muster auf Satellitenbildern interpretieren. Der Sensor steht sinnbildlich für eine von Verbindungen markierte Welt, in der jede Veränderung eine Spur hinterlässt, die mit den richtigen Mitteln ausgelesen und interpretiert werden kann.

Auf der Grundlage dieser Erfahrung entwirft sich die theoretische und praktische Arbeit von Forensic Architecture, dessen Gründer Eyal Weizman zusammen mit dem Kulturwissenschaftler Matthew Fuller 2021 das Buch „Investigative Aesthetics“ veröffentlichte. Was die Arbeit von kritischen Recherchezusammenschlüssen wie Forensic Architecture heute so interessant für Viele macht, ist, dass sie einen technikbewussten Aktivismus (medien-)wirksam praktizieren und ihr Vorgehen durch öffentliche Konzeptarbeit wie in diesem Buch transparent machen. Es entsteht zunehmend ein Bewusstsein dafür, dass sich andere Möglichkeiten auftun, mit Hilfe neuer Medien und computerbasierter Technik Verbrechen auf die Schliche zu kommen, die von offizieller Seite nicht ausreichend verfolgt oder gar verschleiert werden. Als berge die Offenheit des Web endlich die Möglichkeit für kleinere, ausgegrenzte Communities, sich die Mittel der Faktenproduktion anzueignen. Dabei gibt es etliche Beispiele, die gegen diese These sprechen. Aussagekräftige Videobeweise, von Passant*innen aufgenommen und ins Netz gestellt, führen regelmässig an einer gerichtlichen Ahndung rassistischer Polizeigewalt vorbei. Auch die forensischen Rekonstruktionen des Kollektivs versagen trotz klarer Beweislast vor parlamentarischen Ausschüssen und in Rechtsprozessen häufig gerade dann, wenn die Verstrickung staatlicher Behörden im Fokus steht. So wurde im Fall des NSU-Mordes an Halit Yozgat das Ermittlungsverfahren gegen den am Tatort anwesenden Verfassungsschutzmitarbeiter eingestellt, obwohl die Berechnungen durch Forensic Architecture eindeutig dessen Falschaussagen auf der Grundlage geleakter Polizeidaten belegen konnte.

Und trotz alledem ist es schwer, sich der Bedeutung zu verschliessen, die ein zivilgesellschaftliches Unterlaufen des staatlichen Monopols auf Untersuchungen dieser Art hat. Kollektive aus Betroffenen, Architekt*innen, Open-Source-Forschenden, Programmierer*innen, Menschenrechtsaktivist*innen, Journalist*innen und Kunstschaffenden bringen die notwendigen Skills, Kontakte und das Wissen mit, um eine Gegenerzählung über den Ausstellungskontext hinaus bis in den juristischen Raum hinein wirksam zu machen. Auf ihrer Website zeigen Forensic Architecture in Videos die Ergebnisse von Interventions-Untersuchungen. Die Wahl des Mediums verdeutlicht, in welcher Traditionslinie man sich bewegt. Harun Farockis Video-Essays bleiben für kritische Unternehmungen zwischen Technik und Politik bedeutend und zeigen noch immer eindrucksvoll, was passiert, wenn das Material in den Mittelpunkt einer Befragung gestellt wird. Heute werden darüber hinaus jedoch auch die politischen Bedingungen der eigenen Arbeitszusammenhänge thematisiert. Die ungleichen Möglichkeiten unter den Akteur*innen, sich Zugang zum Material zu beschaffen, dieses zu untersuchen und die Ergebnisse anschliessend mit einer absehbaren Sicherheit wirkungsvoll präsentieren zu können, zeigen deutlich die asymmetrische Verteilung von Privilegien. Ein Kapitel in „Investigative Aesthetics“ widmet sich deshalb der Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten dieser Arbeit und es wird hergeleitet, weshalb das Kollektiv und die eigene Situierung in diesem Zusammenschluss unerlässlich ist für ein Ergebnis, das eine polyperspektivische Realität abbilden soll. Die Bedingungen der Prominenz einzelner Personen in diesem Gefüge bleiben jedoch wie noch zu Farockis Zeiten unkommentiert.

In vergangenen Untersuchungen ging es beispielsweise um eine Beteiligung europäischer Waffen bei Bombenangriffen im Jemen oder um Hintergründe von Folterungen und Inhaftierungen in Myanmar, um die rassistische Terrorattacke in Hanau oder die Pushbacks an der türkisch-griechischen Grenze. Eine Tabelle unter jedem Video beinhaltet Informationen zum Datum des Vorfalles, der Region, den Auftraggeber*innen der Untersuchung, den Foren, in denen sie zirkuliert sind. Die forensische Analyse soll sowohl gerichtsfest sein und als Beweis funktionieren wie auch als Archiv und Ausstellungsstück. Kritik an dem Verstoss gegen eine eindeutige Einordnung als Beweismittel oder Kunst mag einer der Anlässe dafür gewesen sein, die konzeptuelle Zusammenführung von Ästhetik und Investigation in einem Buch auszuarbeiten.

Die Autoren formulieren die These über einen Wahrnehmungszustand, aus dem heraus eine Verbindung zwischen Kunst und Beweis nachvollziehbar wird. Die Fähigkeit, etwas zu registrieren und sich davon betreffen zu lassen, bildet einen Teil von Ästhetik. Aus dieser erhöhten Sensibilität Sinn zu erzeugen, sei der zweite, intellektuelle Teil dessen, was die Autoren das Ästhetisieren und Politisieren der Welt nennen. Es ginge darum, sich in schwache Signale einzuhören und unintendierte Beweise wahrzunehmen, die in Form von visuellen und auditiven Datensätzen auftreten oder aus den Abdrücken gezogen werden müssen, die sich in Pflanzen, Luft, Erde und Wasser ansammeln. Aus medientheoretischer Sicht lässt sich so dafür argumentieren, dass organische und computerbasierte Materie gleichermassen eine mediale Funktion erfüllen, weil sie Informationen über ihre Umwelt beinhalten und ausdrücken. Abständigkeit, die seit Aristoteles zu einem Wesensmerkmal des Medialen gehört, entfällt in so einer Kette interagierender Beziehungen. Durch das Aufnehmen und Übersetzen in die Bedingungen der eigenen Form verändert sich das, was in der Weitergabe von einem Sensor an den anderen im Weiteren vernommen wird.

Kein Medium allein könnte die Gesamtheit so einer Dynamik erfassen, aber ein 3D-Modell kann helfen, die multiplen Formen von Beweisen zu synthetisieren, die von Satellitenbildern stammen oder durch Audioaufnahmen, Videos und Fotos von Opfern und Tätern von Gewalt verbreitet werden. Das 3D-Modell im Video dient dazu, den immer stärker synästhetisch verschalteten Raum medial abzubilden. Dass sich Architekturdiskurse mit Überlegungen zu Medien treffen, ist vor allem prominent geworden durch Marshall McLuhans Ausführungen zum „neuen Raum der Gleichzeitigkeit“, der das Nacheinander der Gutenberg-Galaxis „unter den Bedingungen neuer elektronischer Medien“ (Kamleithner et al. 2015: S. 10) abgelöst hat. Diese Vermessung der Welt und ihrer Systeme ermöglicht Kontrolle – der Sensor ist damit auch genuin politisch. Auf der Basis der Forensik – „Every contact leaves a trace“ (S. 50) – wird sowohl eine umfassende staatliche Überwachung möglich wie auch das Entbergen von Geheimnissen durch kritische Akteur*innen. Gleichzeitig wird die Überlastung und der Überfluss an Material zunehmend zur bestimmenden Bedingung des Archivs. Der sinnliche Overload kann als Strategie genutzt werden – zum eigenen Vor- oder Nachteil. Ein Datenleak ermöglicht Einsicht, kann aber auch der Verdunkelung dienen, wie Weizman und Fuller an einer Stelle ausführen.

„Unpredictability, chaos and disorder can be useful or necessary. An unpredictable release of information such as a leak of petabytes of information derived illicitly from classified state archives can end up flooding the system. […] Rather than making sense, this information generates panic in the forces of domination based on the inability to process information.“ („Unvorhersehbarkeit, Chaos und Unordnung können nützlich oder notwendig sein. Ein unvorhersehbares Leak wie das Durchsickern von Petabytes an Informationen, die illegal aus geheimen staatlichen Archiven stammen, kann darin münden, das gesamte System zu überfluten. [...] Anstatt einen Sinn zu ergeben, erzeugen diese Informationsmassen in den Reihen der Mächtigen eine Panik, die in der eigenen Unfähigkeit der Verarbeitung von Informationen begründet liegt.” [Übersetzung der Verfasserin]) (S. 89)

Im Falle von sensorischer Technik stellt sich also die Frage nach ihrem Design: Was soll sie erfassen, welche Informationen lieber ausblenden? Die Reflexion des Mediums, seiner Geschichte, seiner Funktionsweise, seiner Ästhetik und politischen Kontexte gibt Einsichten in die Macht der Wissensproduktion. Ungerechtigkeit könne eben ästhetisiert oder anästhesiert werden.

Yayla Höpfl
kritisch-lesen.de

Matthew Fuller / Eyal Weizman: Investigative Aesthetics. Conflicts and Commons in the Politics of Truth. Verso, London 2021. 272 Seiten, ca. SFr 27.00. ISBN 9781788739085

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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