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Mathias Wörsching: Faschismustheorien | Untergrund-Blättle

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Mathias Wörsching: Faschismustheorien Eine Richtschnur für die antifaschistische Praxis

Sachliteratur

Ein grossartiges Einführungswerk in die historischen und aktuellen Tendenzen des Faschismus.

Jair Bolsonaro während einer Fernsehansprache, März 2021.
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Jair Bolsonaro während einer Fernsehansprache, März 2021. Foto: Isac Nóbrega - Palácio do Planalto (CC BY 2.0 cropped)

25. Juni 2021
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Von der AfD bis nach Halle, von Bolsonaro bis Erdogan: Autoritäre und reaktionäre Welterklärungen haben Hochkonjunktur. Die Antworten, die fraglos als Reaktionen auf die Krisenhaftigkeit des globalen Kapitalismus zu verstehen sind, müssen als Ausdruck der gesellschaftlichen Zurichtungen von Konkurrenz, Vernutzung und Entfremdung betrachtet werden. Einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus zu sehen, ist keine Neuigkeit. Wie genau dieser Zusammenhang aussieht, was Faschismus ist und was nicht, darüber gibt dieses Überblickswerk Auskunft.

Mathias Wörschings „Faschismustheorien – Überblick und Einführung“ ist ein grossartiges Einführungswerk und hilft, das Feld zu sortieren. Die Aufgabe von Einführungswerken ist gerade in der Vermittlung theoretischer Arbeit unerlässlich: Sie sollen ein Schlüssel für Primärtexte sein, eine Orientierungshilfe. Dieser Versuch ist den meisten Autor*innen der „theorie.org“-Reihe gelungen, der vorliegende Band ist ein exzellentes Beispiel dafür. Nach einer Skizze der historischen Entwicklung marxistisch beeinflusster Faschismustheorien wartet der Autor mit einer beeindruckend breiten Rezeption relevanter Theoretiker (es handelt sich ausschliesslich um Männer) auf, um schliesslich aktuelle Begriffe der Diskussion um das Erstarken autoritärer Politikstile und -formen zu bewerten.

Der ununterbrochene Faschismus

Wörsching wählt als Format eine Art gesammelte Quellenbesprechung mit kurzen Kommentaren. Interessanterweise leidet die inhaltliche Auseinandersetzung darunter nicht im Geringsten: Anhand der Analyse marxistischer Theoretiker und Positionen, die in inhaltlich grob zugehörigen Blöcken verhandelt werden, schlägt der Autor eine Matrix an Bewertungskriterien verschiedener faschismustheoretischer Ansätze vor. Auch wenn das Werk sicher manchmal mit ein paar Unterpunkten weniger ausgekommen wäre, beendet man das Buch mit einem Eindruck der einschlägigen Theorienlandschaft. Die Begriffe zur Analyse verschiedener Ansätze entwickelt der Autor eben nicht im Sinne einer Trockenübung, sondern am Objekt selbst, was es dem*der Leser*in ermöglicht, im Verlaufe der Ausführungen selbst analytisch tätig zu werden.

Ein inhaltlicher Verdienst des Buches ist, dass es den Faschismusbegriff aus seiner Historisierung befreit, Faschismus also nicht als eine abgeschlossene Epoche im 20. Jahrhundert verortet, sondern als virulentes politisches Phänomen charakterisiert, dass die bürgerlich-kapitalistische Moderne auf Schritt und Tritt begleitet. Auch wenn die Positionierung des Autors in den verschiedenen Theorielandschaften nicht immer ganz klar ist, steht am Ende die Erkenntnis, dass der Faschismus weder ein ahistorischer Begriff, noch ein abgeschlossenes Kapitel ist. Wörsching nähert sich dem Thema also nicht durch konkrete Zuordnung, sondern bestimmt durch Abgrenzung die Parameter einer geeigneten Faschismustheorie.

Grade in der Rezeption psychoanalytisch arbeitender Theoretiker*innen wird immer wieder das Verhältnis von kapitalistischer Moderne und gewalttätiger bürgerlicher Subjektivierung zum Faschismus herausgestellt. Auch die Überlegungen Alfred Sohn-Rethels über den krisenhaften Übergang zum Fordismus sind an dieser Stelle sehr aufschlussreich. Sohn-Rethels Analyse, die psychoanalytische Aspekte mit klassentheoretischen Erwägungen kombiniert, scheint zu den geeigneten Instrumenten einer modernen Faschismustheorie zu gehören. In Anlehnung daran stellt Wörsching immer wieder heraus, dass ein einfacher ökonomischer Zusammenhang nicht ausreicht, um vom Kapitalismus auf den Faschismus zu schliessen, sondern Elemente der Psychoanalyse hinzugezogen werden müssen.

Der wandlungsfähige Faschismus

Am Ende des Werkes kommt Wörsching nicht mit einer allgemeingültigen Faschismusdefinition um die Ecke und konstatiert, dass Faschismusanalysen auch dann fruchtbar sind, wenn sie nicht definitorisch ein- und ausschliessen. Die meisten Werke zu diesem Thema kranken gerade daran, das Substrat des Faschismus erfassen und essentialisieren zu wollen. Ein solcher Versuch lenkt von einer gefährlichen Eigenschaft des Faschismus ab: seiner Wandlungsfähigkeit.

Sicher macht es Sinn, darüber zu debattieren, welche Erscheinungsformen dem Faschismus eigen sind, welche ideologischen Eckpfeiler ihn bestimmen und welche notwendigen historischen Bedingungen sein Fundament bilden. Solche analytischen Schritte dürfen aber nicht den Blick für neue Erscheinungsformen faschistischer Politik verstellen oder gar zu ihrer Verharmlosung beitragen. Eine materialistische Analyse gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse ist die Vorbedingung jeder brauchbaren Faschismustheorie, die klügeren der im Buch beschrieben Ansätze reflektieren diese marxistische Basalerkenntnis.

Die Auseinandersetzung mit Faschismustheorie hat nicht den alleinigen Zweck, Bibliotheken zu füllen, sondern eine Orientierungshilfe für die antifaschistische Praxis zu sein. Diese Praxis muss den Faschismus als ständigen Begleiter der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft erkennen. Wenn sich der Antifaschismus also praktisch wie theoretisch dem Ziel verschreibt, an seiner eigenen gesellschaftlichen Überflüssigkeit zu arbeiten, muss er den Bruch mit der bestehenden Gesellschaftsordnung formulieren. Antifaschismus ist also auch Kampf für ein anderes Ganzes.

Christoph Zeevaert
kritisch-lesen.de

Mathias Wörsching: Faschismustheorien. Überblick und Einführung. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2020. 240 Seiten. ca. 16.00 SFr. ISBN 3-89657-673-9

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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